Carl August Tittmann.

Die Homöopathie in stadtspolizeirechtlicher Hinsicht online

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u ; e



omoopathie



1 n



staatspolizeirechtlicher Hiiisicht



D^ Carl August Tittmann

Kunigl. Sachsischem Hof- iind Jaaliz-Ralhe uud gelieimen Referendar,
Hitter des Kouial. Siiciis. Civil -Verdieust-Ordens.



M e i s s e n,

b e I F r 1 e d r i c h W i 1 h e 1 m G o c d s c h c.

18 2 9.



'•ft:*i^5?R.-'



e 1 n e in



vieljahrigen Freunde



u n (1



Schwagei^

Johann Friedrich Wilhelm

von Brandenstein

Departements- Director in der Konigl. SacKsischen
Landes - Regierung



e w i d 111 e t.



f.fr



"'•rA'



1 c;:



a*.



V o r w o r t^



lliine Erorterung der Frage : in wie fern die
homoopathisclie Heilmetliode eigne gesetzliclie
Vorschriften notliig mache, und was von den Re-
gierungen in den Staalen deshalb zu bestlmnien
sey? scheint eben so wiclitig, als notliwendig.
Wiclitig erscheint sie, weil davon, was dariiber
gedacbt und getban wird, das Wobl der leiden-
den Kranken abhangt^ welcbes durcb eine so,
oder anders dariiber ausfallende Beantwortung
und Entscbeidung befordert, oder benacblbeibgt
werden kann. Denn es gilt unter andern der
Frage dabei: ob der Kranke verbindHcb ge-
macbt werden konne, sicb obne Noth einer Heil-
methode hinzugeben, zu der er kein Vertrauen
hat und sich dabei mit bloss fabrikmiissig zu-
bereiteteuj vom Arzte nieht als gut und tiichtig
erkannten und liberdiess theuern Arzneien ge-
niigen lassen, oder ob er berecbtigt seyn solle^
seine Herstellung auf einem Wege zu sucben, wo
ihm der Arzt personlicb fiir die Tiicbtigkeit der



VI



Arzneigaben einstelit. Nothweiidig ist sie^ weil
diese das Interesse der KrankeQ so iialie ange-
lieride Aiigelegenlieit die^ Aufmeiksamkeit der
Regierungen im Staate selbst erfordert uad sicli
nicht nacli den bisher angenonrmenen Bestim-
inungen fur das Medicinalwesen eiitscheiden liisst;
audi, weil sich seit der Zeit, seit welcher jene
Heilmetliode, ihrer gluckliclien Folgen wegen,
mehr Anlianger findet, so verschiedene Meinun-
geii dariiber gebildet haben. Denn Viele halten
die mit den Apotheken getrofFenen Einrichtun-
gen fur solcbe, ohne Avelche eine sichere und
regelmassige Heilart im Staate gar nicht denkbar
sey, ungeachtet die Erfahrung ihre zum Theil
audi durch die grosste Sorgfalt unabwendbaren
und selbst Gefalir bringenden Mangel beurkun-
det, audi keinen Beweis einer geliorigen Con-
trole iiber unbefugte und ungescliickte Aerzte
liefert. Sie glauben dalier, jene Einrichtungen
mlissten auch bei der Ausiibung der homoopa-
thischen Heiikunst notliwendig, oder wenigstens
zuliissig und liinreicliend seyn; da sie doch mit
der Uebung der homoopatliisdien Heiikunst ganz
, unvertraoflich sind. Audi c^iebt es nodi eine
grosse Menge, welclie die Moglicbkeit einer an—
dern Heilart, als der bisher ublichen, liberhaupt
nicht denken konnen, oder, ganz unbekannt mit
der bomoopatliischen Heilmethode und ihrer Be—
schaffenheit , gar nicht alinen, dass eine Be-
schrankung der Anwendung derselben , durch
V^rweisung der Aerzte und Kranken an die



VII



Apotheken, einen schadlichen Einfluss aiif das
allfifememe Wohl haben und die Rechte der
Kranken beeintrachtigen konne. Endlich sind
noch Viele, von welchen die Unterdriickung die-
ser Heilmethode aus personlichem Inter esse ge-
wiinscht und daher die griindliche Untersuchung
dieser Angelegenheit , sey es auch nur durch
Veranlassung von Hindernissen gegen Versuche
mit derselben in ofFentlichen Heilanstalten , ver-
sucht wird. Um so mehr dtirfte daher eine Er-
orterung und Entwickelung der wahren Lage
der Sache und der dabei anzuwendenden Grund-^
satze, Bediirfniss seyn.

Bei der nachfolgenden Darstellung der bier-
bei zu nehmenden Rucksichten, ist der Verfas^
ser davon ausgegangen, dass die Entscheidung
daruber einzig nur Sache der Regierungen
und nicht der Aerzte seyn konne. Denn es
gilt dabei nicht einer Beurtheilung des Wer-
thes des homoopathischen HeiJsystemes nach
Grundsatzen der Arzneiwisssenschaft.
Es kommt nur der Werth desseiben in ]5e-
tracht, den ihra die heilsamen Folgen
seiner Anwendung bezeugen, wortlber
auch derNichtarzt einUrtheilzufallen
fahig ist. Wesentlich gilt es hierbei nur der
Frage : was in staatspolizeirechtlicher



Hinsicht deshalb angenommen werden miisse:
woriiber die Entscheidung einzig nur den
R e g i e r u n g e n im Staate zukommen kann. Bie
Regierungen benutzen zwar die Gutachten der



yin



Aerzte in Medicinal^ An gelegenheiten, allein nur
in 30 weit, als diess die Wissenschaft, also
die rein medicinische Seite der Saclie be-
trifFt. Die Aerzte bleiben immer in der Stellung
der Kunstverstiindigen, die man zu Be-
gutachtung gewisser, nur nacb wissenschaft-
lichen Principien zu erkennenden Thatsachen
auffordert. Der Richter z. B. lasst sie die Be-
scbafFenheit , Entstebungsart und die Folgen ei-
ner korperlicben Verletzung begutacbten, man
raumt ibnen aber kein Gutacbten liber die
Strafe ein, welcbe dem Urbeber der Verletzung
zuerkannt werden soil. Regierungen befragen
die Aerzte iiber die Art und BescbafFenbeit ent-
standener Epidemien, Seucben und anderer ge-
meinschadlicber Jlreignisse; ibr Gutacbten und
ibre Vorscblage zur Abstellung der Uebel aber,
werden von den Regierungen selbst erst nacb
polizeirecbtlicben Grundsatzen und Riicksicbten.
gepriift, was dabei gescbeben solle, entscbieden
und den administrirenden Unterbeborden die Aus-r-
fiibrung danacb aufgegeben. So verfiibrt man
audi in andern polizeilicben Angelegenbeiten,
z. B. in denen, welcbe die Oeconomie, den Han^
del und das Fabrikwesen betreffen. Die Ent-
scbeidung und Anordnung der Ausfiibrung bleibt
immer Sacbe der Regierungsbeborde , in deren
Gescbaftskreis der Gegenstand als ein polizei-
licber, die Staatsoconomie u, s. w. betrefFender
gebort, und sie gescbieht, wenn auch nacb An-
horung des Gutacl^tens der Kunstverstandigen,



IX



iinmer unter Berucksichtigung unci Beobachuing
der allgemeinen polizeirechtlichen
Grundsatze.

Die aus der Geschichte des Medicinalwesens
hier angegebenen Thalsachen schlenen um des-
willen mit aufgefulirt werden zu mlissen, well
sich daraus die Veranlassung und der Zweck
der Einrichtung der Apolheken und der des-
halb erlassenen gesetzllchen Vorschriften ergiebt,
deren Auslegung und Anwendung hierbei in
Frage kommt.

': f

Eigenthiimlichkeiten des homoopathi-
schen Systemes und der dabei nothigen ArzQei,
sind hier nur in so weit erAvahnt worden, aJs
sie allgemein erkenntlich sind, auch all-
gemein verstandlich bescbrieben wer-^
den konnen und we^en der Beurthei-
lung der Sache niit berlicksichtigt wer-
den musst en.

Was namentlich iiber den Punct des soge-
nannten Selbst-Dispensirens der Aerzte gesagt
worden ist, wird sich zum Tbeii auch auf den
Fall anwenden lassen, wenn einmal noch eine
andere Heilmetbode entstehen sollte, bei wel-
cher es ebenfalls keiner Apotheker- Arznei be-
darf und wo es den Aerzten eben so, wie bei
der hon^oopathischen, moglich bleibt, ihr Be—
miihen um die Kranken auch auf die eigne Sorge
fiir gute Arzneien auszudehnen, wie es die Aerzte
in den iiltesten Zeiten thaten*



Dass der Verfasser librigens Alloopathie
(alloopathisch) und niclit, wie gewohnlich,
Allopathie (allopathisch) geschrieben hat,
wird man nicht tadeln, da dem, was man aus-
driicken will, nm' das cilXotov oder alXoiog (di-
versus), nicht aber allog (alius) entsprechen
kann^ im Gegensatz gegen ofioLog, oder of^ioLov
Ticc&og r ^yovaus das gewohnliche Homoopathie
gebildet ist. Er Avurde auch den Namen Ho-
moopathik und nicht Homoopathie ge-^
braucht haben, da der letztere nm^ das ahn-
liche Leiden selbst anzeigt (wie Sympathie
das Mitleiden) , ersterer hingegen die Met bode
homoopathisch zu curiren ausdriickt (eben
so wie Klinik und Pharmaceutik). Es ist jedoch
nicht geschehen , weil Homoopathie einmal
als Kunstname angenommen und fiir jedermann
verstiixdlich geworden ist.

Dresden am 24. September 1828.



D. Carl August Tittmann.



11 h a 1 t.



Von dem Rechte des Staats in Riicksicht gesetzliclier Be-
stimmungen iiber die Anwendung einer Heilmethode

iiberhaupt S. i

In wie fern von einer Betrachtung der homoopathischen
Heilmethode in staatspolizeirechtlicher Hinsicht die

Rede seyn kohne? — 5

Von der Collision, welche bei Ausiibung der bomdopatlii-
schen Heilmethode mit den beslehenden Gesetzen
riicksichtlich der Zubereitung der Arzneieij von den

Aerzten entsteht g

Verschiedene Meinungen dariiber r,

Zubereitung der Arzneien ist urspriingfich Sache der Aerzte,

und die Sorge dafiir eine ihrer Hauptpflichten. . — 3
Von der Nothwendigkeit, bei Entscheidung Liber jene Col-
lision die einmal bestehenden Medicinaleinrichtungen

im Staate zu beriicksichtigen , — X 1

Dabei kommen zunachst drei Fragen in Betracht :

1. Was haben die Gesetze, welche das Dispensiren der

Aerzte verbieten , eJgentlich bezweckt und verbo-

len? und sind sie auf die Verfertigung und Aus-

gabe der homoopathischen Arzneien anwendbar? — la

Bemerkangen aus der Geschichte der Heilkunst in

den altesten Zeiten — —

Anfangs bereiteten die Aerzte die Arzneien selbst. — ■ i4
Entstehung besonderer Arznei - Verfertiger und

Handler — —



XII



Btincrhungen aus der Gescliichte der Hellkunsl bei

deq Italierjern S. iB

Medicinalgeselze im 12. Jahrhundert. , . . — 17

Friedrich n. Medicinalgeselze im 1 3. Jahr-
hundert, durch welche Arzneihandler privl-
legirt wurden , die unter Anleitung der
Aerzte Arzneien vorbereiten und in besonde-
ren Gebauden (Stalionen) zum Verkaul'

bereit halten mussteii — 18

Bemerkungen aus der Geschichte der Heilkunst und

des Medicinalwesens in Deutschland. . . — 21

Veranlassungen der Behorden und Regierungen,

einen geregelten Arzneihandel herzustellen. — 23

Apotheken nach der unter Friedrich II.

g^wohnlichen Art -^ —

Concessionirte Arzneihandler. . . . . . -^26

AusdehnuDg des Apothekergeschaftes auf die Fer-
tigung der Arzncigaben nach den Vorschrif-
ten der Aerzte. , """29

Von den deutschen Medicinalgesetzen iiberhaupt. •»— 3l

Anwendung des Gesetzes Kaiser Fried richs II,

in Deutschland. . , — Ss

pie alteren deutschen Gesetze beschrankten die
Aerzte rUcksIchtlich der Arzneizubercitung
nicht immer und nJcht unbedingt. , . . — 34

Processe dariiber zwischen den Apothekern und

Aerzten — 36

Verordnungen deutscher Geselze nach mehrerer
Ausbildung der Pharmacie und bestiramteres
Verbot der Arzneizubercitung von Aerzten. — ^ 4o

Nahere Entwickelung des Geistes dieser Gesetze :

1) sic haben zwar den Apothekern das Geschaft

der Arzneizubercitung vorzugsweise , aber
nicht ohne Ausnahnien zugeschrieben ; — - 42

2) sie haben das Rccht der Aerzte, die Wahl

der innerlich zu brauchenden Heilniittel



XIll



zu hcstitnmeii , nJclU anf den Gehraiicli

der Apotlieker- Arzneien besclnankt; S. 44

3) sie habeti bloss die Fertigung gemiscliler

iind xiach den GrundsJitzen der Pharma-
cie zuzubereitender Arzneien, nicbt ein-
fache und ohne pharmaceutische KuDSt
zuzubcreitende Avzneien verboten ; — 45

BesondereEigeDScbaft€n der bomoopatbiscben

Arzneien. — 47

4) sie haben das Verbot zu Fertigung der Arz-

ueieu bloss zu Beseitigung der, bei den
seniiscbten Arzneien mogbcben Missbrau-
die und zur Sicberuug. der Apolbeker
vor Abbruch an ibrem Arzneihandel ge
geben -^5e

tl. Giebt es ein gegriindetes Minderniss, die homo-
opatbiscbeu Arzneien in den bestebenden Apo-
theken ferligen zu lassen?
Altgeineine Griinde dagegen . , . . , . . —.55
Specielle Griinde dagegen ;

i) wegen der notbwendlgen Eigenschaften der

boraoopatbiscben Arzneien* . . . . - ^ 54
2) wegen der Einricbtung und Verfabrungsart in

den bestebenden Apolhcken. . . ^ . -j-. 5^

III. Hat sicb die bomoopatbiscbe Heilmetllode in Hih-
sicht ibrer Wirkungen einer Beriicksicbtigung Sei-
ten der Regierung wiirdig gezeigt? . . . . — 61
Eigenheiteii der bomoopalbiscben Heibnetbode. — 62

Widersprucbe> die gegen die bomoopatbiscbe Heil-

methode gemacht worden sind. .... — t)5
Giinstige Kritiken derselben von praktiscben Aerz-

ten. ,.,. - .^1

Atinabme des bomoopalbiscben Systems von lang-

jabrigen praktiscben Aerzlen. . ^ . . ^ — 75
Berichte iiber den Eafolg der Anwendung dieserHeil-

melbode. . ,. . . , . • , . . . -^ 76



XIV



Grimdsaize, welche m^lirere alloopathisclie Aerzte
aus dem honioopathischen Systeme bel ihrem
Verfahren zu beriicksicLligen anfangen, • . S. 77

Nachrichten iiber das, was voii den Regierungen
verschiedener Staaten in Rucksicht der Homdo-
pathic geschehen sey? — 79

Griinde zu der Entscheidung der Frage: was wegen der

Arzneizubereitiing von den horadopathischen Aerz-

ten zu bestimmen sey ? ..*..... — 80

Das Recht und Wohl der Kranken macbt die Gestat-

tung der Zubereiiung bomdopatbischer Arzneien

durch Aerzte nolbwendig — 81

'.pie Aerzte baben kein persdnlicbes Interesse dabei. — 84

iDer Beslimniung, dass die bomdopathiscben Aerzte die
Arzneien zubereiten sollen , stebt
1) kein recbtlicbes Bedenken enlgegen :

Die Apotbeker baben keine ausdriicklicbe Ver-
slcberung vom Staate erbalten , dass den
Aerzten die Arzneizubereitung nicbt gestat-

tet werden solle — 86

Sie miissen die Nacblbeile , welcbe zufalb'ge Ver-
h'altnisse und neue Erfindungen in ibrem
Gescbafte erzeugen , eben so wie andere

Stande tragen — 87

Selbst Privilegia kdnnten ibnen bei veranderten
Umslanden kein Widersprucbsrecbt geben :
Es ist ibnen nicbt die Fertigung jeder A.rt von

Heilraitlel zugesprocben worden ; . . — 90
Privilegia zu Fertigung kiinslbcber minerali-
scber Wasser waren sonst nicbt indg-

llcb — 91

Es ist ibnen bioss die Zubereitung alldopathi-

scber Arzneien zugesagt. .....-— 93

a) aucb in p o 1 iz ei li cb er Riickslcbt tritt kein



XV

Zwelfel gegen die Arzneiverferligung (lurch
Aerzte ein : derm das Interesse de<;Staa-
tes wird dadurch nicht geslort :
a) es bedarf fiir die Uebung der hoinoopalhi-
schen Heilkunde keines Instituls zu Beieit-
haltung von Arzneivorrathen ; . . » , S. 94
^) ancli die Sorge fiir unschadliche, gate und
gut zubereitete Arzrieien macht bier Apo-
theken nicbt notbig; .,....*-. —

Apotbeken bilden iiberbaupt keine Controle

riicksicbtlich der Aerzte. » . , . . — qG

Homoopatbiscbe Aerzte konnen die Arznei

selbst fertigen — q^

Apotbeken geben keine Sicberheit gegen

scblecbte Arzneien — 102

0) derZweck durcb Apotbeken, Arzneien zu bil-
bgen Preisen zu scbaffen , kann bier nicbt
in Betracbtung kommen :

Homdopatbiscb bebandelle Kranke braucben

keine Arznei zu kaufen — ic5

d) desgleicben der Zweck nicbt, unbefugte

Praktiker abzubalten _^ log

Nacbtbeib'ge Folgen eines Verbotes an die Aerzte we-

gen der Zubereilung der Arzneien. . . . 109

Beurtbeilung der Vorscblage zu Beseitlgung gewisser
Bedenken gegen den Gebrauch von Arzneien,
die nicbt auf gewobnb'che Art in Apotbeken
geferligt worden sind , namentlicb:

1) die Arzneien von den Apotbekern in Gegcn-

wart des Arztes fertigen zu lassen. . . . no

2) die von den Aerzten zubereiteten Verdunnun-
^ gen dem Apotbeker zum Dispensiren zu

iibergeben

3) gevvisse Aerzte zur Fertigung der Arzneiprapa-



11 1



XVI



rate zu beaiiflrageii uiid die Aerzte zu tjein
Gebraiiche derselbcii anzuweiseii. . . . S. l i i

4) eigne Apolhcken fiir homoopaUnsclic Arztieien

zU enielitcn. . . . — 112

5) die honioopalhischen Aerzle wegen der Arznei-

zubtreitiiBg iind uncnlgeldliclien AusgaLe an

die Kranken besondeis zu veipflicbtcu. . — 117

6) den Aerzten die Haltung besonderer Jouruale

od e r Tagcbuober iiber ihr Heilverfahren ziir
Pfliditfzu maeben. ........ — 118



Von der Niitzlicbkeil, Versiicbe mil der hoinoopatbi-
schcn Heihiielbode in ofTcntbcben Helhmgs-
Anstalten macliert zu bisstn • — 119



xiunst und Wlssenscliaft stelien an und fiir
sidli niclit unter dem Gesetz. So laiige namlicli
ihre Lehre und die Anwendnng derselben das
Iiiteresse des Staates in irgend einer Riicksicht
nicht beriilirt, so lange hat audi der Staat kein
]5efugniss, liber die Lehre und Anwendung- einer
Kunst oder Wissenschaft liberhaupt ehie gesetz-
hche Bestimmung zu erlassen* So kann es also
iiber eine Heihnethode nur in so fern gesetz-
liche Yorschriften geben^ in wie fern sich die-
selbe als dem Zwecke der Heilkunst entgegen
wirkend^ also: als gefahrlich fiir dasLe-
ben, oder hindernd flir die Wiederher—
stellung der Kranken darstellt. Denn nur
in diesen Fallen beriihrt sie das Interesse des
Staates und nur in diesen ist das Gestitzgebungs-
recht dariiber begriindet. Im entgegeogesetzten
Falle wlirde ein solches Gesetz die natiirliche Frei-
heit der Biirger beschriinken; was nur bei ein-
tretender Nothwendigkeit einer Beschriinkung um
des allgemeinen Interesses willen, ge-
schehen kann. Es wiirde namentlicli den Staats-
biirgern das angeborne Recht, die zu Erhaltung
ihres Lebens und ihrer Gesundheit wirksamen
Mittel anzuwenden, beschranken, denn es bliebe
.ihnen nicht der Gebrauch eines jeden der
dazu fiihrenden Mittel, sondern nur einiger.
Ein solches Einschreiten des Staates wiirde aber
audi sonst uniibersehbaren Schaden bringen. Ins^

A



besondere w iircle ein Gebot, an einem einmal
herrscbend gewordenen Heikings -Systeme fest-
zubalten, oder ein neues unberucksicbtigt /ai las-
sen, das weitere Fortscbreiten in der Wissen-
scbaft durcbaus verbindern. Denn man Avlirde
dann immer bei dem Alten steben bleiben iind
alle Aveitere Nacbforscbunocn zur Verbesseruno-
des Heilungs-Systemes, selbst in dem ge-
s e t z 1 i c b g e b i 1 1 i g t e n , dabin gestellt seyn las-
sen. Nur eine freie Anwenduno der durcb Nacb-
denken und Uebii ng gewonnenen neueren An-^
sicbten kann eine Wissenscbaft zu mebrerer Voll-
kommenbeit bringen, Avie die Gescbicbte jeder
Wissenscbaft und namentlicb der Heilkunst of-
fenbar beweist *). Jedes neue Sj^stem, selbst
das unwabre, bat durcb die dariiber ange-
stellten Erorterungen zu neaen Erfabrungen und
besseren Ansicbten gefiibrt. Scbwerlicb wiirde
die Heilkunst jetzt auf der Stufe steben, auf die
sie gekommen ist, wenn man nicbt unbedingte
Freibeit, sie zu lebren und anzuwenden nacbge-
lassen biitte.

Den Aerzten muss daber aucb die A n>y en-
dung eines jeden Systemes freigelassen
werden, von welcbem sie sicb nur immer die
Erreicbung des Zweckes ibrer Tbiltigkeit, die
Heilung der Kranken, yersprecben konnen.
Ausserdem Aviirde ibnen die Kraft, es zu tbun,
in einem nicbt zu berecbnenden Grade genom—
men Ayerden. Es ist aber aucb friiber kein Bei—
spiel aufzulinden, dass die Staatspolizei ein Recbt,
iiber die Zulassigkeit oderUnzuliissig—
keit einer Heil met bode selbst zu ent—



*) Kurt Sprengel, Veisiich einer pragma llsclieii Ge-
schichte der Arzueikiuide. 3te Aufl. Halle 2821 — 1828.
5 Theile,



sclielden, behauptet und die Aerzte in BetrefF
ihres Heilungs - Systenies von der Genehmi-
gung der Behorden abhangig gemacbt hat-
te. In keinem Staate ist gegen das Brown-
sche System, so stark angreifende und gefahr-^
licbe Mittel es auch zur Heilung empfahl *;) , ein
gesetzliches Verbot erschienen. Die Staatspoli-
zei hat sich in BetrefF der Ausiibung der Heil-
kunde immer nur die Bestinimung derjenigen
Anordnungen vorbehalten, die in polizeilicher
Hinsicht dabei erforderlich sind. Die Wabl der
Heilmethode selbst aber ist jederzeit der Ueber-
zeugung und dem Gewissen der Aerzte iiberlas-
sen geblieben. Einscbreitungen dieser Art scbei-
n en nur von den Lehrern der Arznei^is-
senschaft auf den Universitaten gesche-
hen zu seyn , Avelcbe aus Anbanglicbkeit» an das
Alte, oder aus Bequemlicbkeit, sich in ein neues
Fach einzustudiren, oder vielleicht aus Stolz, ei-
nem gleichzeitigen oder jiingeren Arzte beizu-
stimmen, eine neue Lehre verwarfen **). In den



*) M. s. Sprengel, a. a. O. Th. V. Ahth, I. S. 462.

=**) Hebenstreit, Lehrsatze der medicinischen Polizeiwis-
senschaft. Leipzig, 1791. S. 226. sagt: „ Ganz "wider-
„sinnig ist es, nach Art der alten Aegyptier (Diod. Sic.
^jBibl. Jiist, L, II, c. 82.) die aDgeheiiden Aerzte auf
5, bestiranate Heilmethoden und ganzliche Vermeidung al- ^
5, ler andern ausser diesen, zu verpflichten, wie dieses in
5, vorigen Jahrhunderten auf Yerschiedenen Universitaten,
„ besonders zu Paris, geschahe." Vergl. Sprengel, a.
a. O. Th. III. S. 378. 544 f.-— Aucb den Lehrern auf
den Universitaten sind wohl in den friiheren Jahr-
hunderten Anweisungen in Riicksicht ihrer Vor-
trage gegeben worden , z. B. auf Veranlassung der
Pabste auf den Universitaten in Italien im i3. Jahrhun-
dert, welchen es zur Hauptpflicht empfohlen wurde,
nicht im geringsten von den Grundsatzen

A 2



jetzigen Zeiten , avo man sich auf den Universi-^
tateit' das : Priifet yd lies unci dds Bcste
behaitet J melir wie sonst gesagt seyn lasst,
■diirften sich Vorfliile dieser Art scliwerlich nocli
ereignen "). Audi werden Avobl Rathsclilage, die
Ausiibung einer Heilmediode gesetzlich zu
Terbieten^ oder den auslibenden Aerzten durch.
die Medicinalbehorden ein bestimnites Ver-
fabren bei Heilung der Kranken vor-

~ ' d e s H i p p o k r a t e s u n d G a I e n a Jd z u \v e i c. Ii e n.

"•^ - 'Diesis traf aber nicht die Aerate in 'BezicliUMg anf ihre

-i'i.lPraxis. M. s. Sprennjel a. a. O.. Th. II. S. 55 J.j

_„;.. I -y^elclier dabei die BemeikiiDg in,acht, ^d^fs^. m^n, , daii^jft

,;,?.war den wolillhaligen Zweck erreicht habe, dass da-

durch die Empiric der Monche aus der Arznelkunde ver-

bannt und riiit dcin Studio der GriecbeA aucK mehr Ge-

schinack in die Bearbeltung der Wissenschaft eingeliihrt

worden sey» Man habe aber daniit zugleicli dem iinauf-

hdrlichen Fortscbreiten in der niediclniscben Cultur und

der unentbebrlichen Deukfreibeit macbtige Hindernisse ent-

gegengestellt, die nur erst nacb Jabrbunderten durcb kalie

Beobacbter und -wiide Scbwiirmer batten weggeraumt

werden konnen.

*) Dass zur Zelt nocb kein Lectionscatalog einer deut-
schen Universltat die Ankiindlgung einer Vorlesung dar-
iiber entbalten bat, scbeint keinen Grund fiir das Ge-
gentbeil abgeben zu konnen. Denn von je ber hat es
voni Zufalle abgebangen, welcben Lebren maa auf den
Universitaten besondere Vorlesungen widraen will-
Das Anl'ubren Caspari's (in seiner Scbrift: Un-
umstosslicher Beweis fiir die in den Geset-
zen der Natur begriindete Wabrheit der bo-
moopatbiscbenHeilartu. s. w. Leipz. 1828. S. 3.),
dass man bei einlgen niediclniscben Facuitaten bescblos-
sen habe, keinen Anbanger der Homoopatbie durcb
das Examen zu lassen, ist wobl nur aus Eni-
pfindlicbkeit iiber die unziemlicben Aeusserungen bervor-
gegangen, die man sich allerdings gegen diess Sjslem er-
laubt bat.



schreiben zu lassen, bei keiner Regierung
Deutschlancls Eingang flnden *).

Wenn daher bier von der Hom6opathie
in St aatsp olizeir echtliclier Hinsicht
die Rede seyn soil, so kann diess natiirllcb die
Frage: ob der Staat gegen die Anwen-
dung der bomoopathischen Heilmetho-
de ii'berhaupt ein Verbot erlassen kon-
ne? auch niclit von weitem betrefFen. Es kann
vielmelir einzig nur der Frage gelten: was in
dem Falle polizeir echtlich sey, wenn
die Anwendung einer Heilmethode mit
den gesetzlicben Vorschriften und Ein-^
Tichtungcn in Collision gertith, die vor
der Erfindung derselhen in Betreff
derAusiibung der Heilkunde iiberhaupt
festgesteljt worden sind?



*) Zu den Vorschlagen, die liomoopathisclie Heil-
methode gesetzlichzii verbielen, welclie in
Pruckschriften geschelien sind, gehort der des Recensen-
ten von Jorgs krilischen Heflen fiir Aerzte und Wund^
arzte, 2tes Heft, in der medicini sch - chirurgi-^
schen Zeitschrift v. J, i8:i5. Nr. 94. S. 284.

In den Allgemeinen medicinisclien Anna-
len V. J. 1827. Hft. Mai. S. 5j^ u. f. sind Beniei-
kungen iiber m c dicin i sclie P fuse her ei und
Vorschlage ilir abzuhelfen, von Dr. C. G. E r d-
niann (nicht der Professor in Doipat) nritgelheilt wor*
den, vv'orin erklart wird : „es sey ucithig, dass eine
allgemeine und specieUe Anweisung von
den hdchsten Medicinalbeliorden verfasst,
a Is ein Plandbuch fiir praktische Aerzte 6f-
fentlich autorisirt und gesetzlich einge-
fiihrt wiirde, urn solches bei dem jetzigen Umhertap-
peu der Anlanger im Finsteru und der beliebigen
U m w a 1 z u n g der M e d i c i n , als Norm dera Unifuge
enlgegen zu slellen." — — •



Man behauptet, dass dieser Fall bei der Aii~
wendung der homoopathischen Lelirmethode ein-
trete, well die bestehenden Gesetze die Vorsclirift


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