vorhanden. Nur das essigsaure Calcium (4) hat eine schwache
gifthemmende Wirkung. Nach 6 Tagen waren aber auch in
dieser Reihe alle Fische bis auf einen tot, wahrend in Reihe 1
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Hemmung d.Gif twirkg.von NaJ, NaNOj, NaCNS u. and. Natriumsalzen. 197
Tabelle XV.
Zahl der iiberlebenden Fische nach 4 Tagen in
25ccm»/2-Na2S04+| | 2 | 4 | 8 | 16
ccm "/ao-CaClj in 100 ccm H^O
; I 2 I 6
' i 8 I 16
I I 2
25ccm»/a-NaaS04+ | 2
ccm "/jo-CaBr^
; I
25com»/2-NaaS04+; | 2
16
20 30
6 ,
20 I
0+1,
20 I
30
30
25ccm"/2-Na2S04+t | 2
ccm â– /2o-Ca(N08)2 in 100 ccm HjO
I : I i
4 I 8 I 16 i 20 I 30
4 ccm »/2o-Ca(CH,COO)2 in 100 ccm HjO
I I 1 I I I 2 ! 1
25ccm »/2-Na2S04+| 2 | 4 ' 8 | 16 | 20 | 30 | 40 j 50 j
5 ^ ccm '"/2-MgS04 in 100 ccm HgO
I I I i I I 1 I I ; I
mit CaCl, noch 18 Fische am Leben waren. Auch MgSO^ hat
nur eine sehr schwache hemmende Wirkung auf Na^SO^. Wir
haben also folgende drei Gnippen von Tatsachen: 1. Eine an
sich giftige Losung von Na,S04 wird dureh Zusatz von einer
kleinen Quantitat CaCl^ und mit einer etwas groBeren von
MgCl, entgiftet. 2. Die Giftigkeit derselben Na^SO^-Losung
wird durch eine NaCl-Losung mit demselben oder mit geringerem
oder groBerem Gehalt an CI nicht verringert. 3. Die Giftigkeit
derselben NaQ-Losung wird dureh CaSO^, CaBr^, Ca(N02)2.
Ca(CH,COO), und MgS04 nicht oder fast nicht verringert.
Daraus folgt, daB die antagonistische Wirkung von CaCl^ auf
NagSO^ durch das Salz CaCl^ und nicht durch das Ca-Ion oder
das Cl-Ion bestimmt ist.
Eine ahnliche Versuchsreihe wurde fur die Entgif tung von
4 ccm NaNO, durchgefiihrt. Auch hier zeigte es sich, daB
CaClg eine kraftige entgiftende Wirkung hat, daB aber Ca(N03)j
und essigsaures Calcium fast keine entgiftende Wirkung besitzen.
2 Tage spater waren in Reihe 3 alle Fische tot, wahrend
Bie in Reihe 1 meist beliebig lange, d. h. wochenlang, weiter
leben.
Aber in diesem Falle haben wir die Komplikation, daB
auch NaCl in geringer Konzentration entgiftend wirkt, so daB
Biocbemische Zeitochrift Band 43. 14
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198 J. Loeb:
Tabelle XVL
Zahl der iiberlebenden Fische nach 3 Tagen in
4 ccm »/a-NaNO, + 1 | 1 | 2 | 4 | 8 | 16 | 20 j 30 i
1 ccm "/20-CaCla in 100 ccm HjO
!0|0|2i3|6|5|316.
4 ccm -/a-NaNO, + I | 1 | 2 | 4 | 8 | 16 | 20 I 30 ;
2 ccm »/2o-Ca(CH,COO)2 in 100 ccm HjO
I I I I I I I I I
4ccm»/a-NaN0s + | | 1 | 2 | 4 | 8 | 16 | 20 | 30 ;
3 ccm "'/2-Na(N08), in 100 ccm H^O
I I 1 I I I |1 + 1| I ,
in diesem Falle die entgiftende Wirkung dem CI- Ion zu-
geschrieben werden diirfte.
Weitere Beispiele derselben Art finden sich in Tabelle I
und V. Es gibt also jedenfalls Falle, in denen wir mit Sicher-
heit behaupten konnen, daO die entgiftende Wirkung eines
Calciumsalzes nicht von einem Ion, sondem vom Molekiil aus-
geht. Wir diirfen aber den Fall nicht verallgemeinem, da wir
friiher sahen, daB KCl auch durch Na^SO^ entgiftet werden
kann, und zwar ist das letztere 2mal so wirksam wie eine
aquimolekulare Losung von NaCl. In diesem Falle ging also
die entgiftende Wirkung wohl von dem Na-Ion aus; wenigstens
ist nicht bewiesen oder beweisbar, daB sie vom Salzmolekiil
ausgeht.
Ich fand, daB NaJ durch NaCl, aber weder durch NajS04
noch durch NaNO, oder NaCHjCOO entgiftet werden kann.
Ob aber das Cl-Ion und nicht das NaCl die Entgiftung bewirkt,
lafit sich nicht entscheiden. LiCl und NH^Cl sind schon in so
kleinen Dosen giftig, daB dieselben fiir diese Zwecke nicht
verwertbar sind. Es scheint aber, daB NH^Cl eine etwas starker
entgiftende Wirkung auf NaJ hat als das viel ungiftigere
NaCH.COO.
IV.
Auf Grund friiherer Arbeiten war der Autor zu der An-
nahme gelangt, daB die antagonistische Wirkung der Elektro*
lyte zum Teil wenigtens darauf beruht, daB die antagonistischen
Elektrolyte sich gegenseitig am Eindringen in die Zellen oder
die Organismen hindem; und zwar dadurch, daB sie die Ober-
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Hemmung d.Gif twirkg.von NaJ, NaNO,, NaCNS u, and. Natriumsalzen. 199
flachenlamelle fiireinander undurchgangiger machen. Diese
Anderung haben wir als „Gerbung*' bezeichnet, wobei wir je-
doch im Auge behalten miissen, da6 der eigentlichen Gerbung
ein irreversibler ProzeB zugrunde liegt, wahrend es sich bei
der Beeinflussung der Oberflachenlamelle lebender Zellen durch
Saize oft wenigstens um reversible Anderungen handelt.
Diese Ansiehten fiihrten logischerweise zu der Annahme,
daB die Mischung von NaCl -f- KCI -|- CaCl, in dem Verhaltnis,
in dem diese Salze im Seewasser vorhanden sind, deshalb fiir
die Erhaltung des Lebens der Zelle so giinstig ist, weil sie der
Oberflachenlamelle diejenige physikalische Beschaffenheit erteilt,
bei der sie am dauerhaftesten und zugleich fiir Elektrol3rte am
undurchgangigsten ist. Um diese letztere Ansicht zu prufen,
waren die hier geschilderten Versuche untemommen worden.
Wenn wirklich die Mischung von NaCl -j- KCI + ^^^1, die
Zellen am undurchgangigsten fiir Elektrolyte macht, so sollte
sich das auch u. a. darin zeigen, daB Salze mit artfremden
lonen dann am langsamsten in die Tiere oder die Zellen ein-
dringen, wenn die artfremden Elektrol3i)e einer Mischung von
NaCl -f- KCI -f- CaClj zugefiigt werden, als wenn sie irgendeiner
anderen Losung von Salzen zugefiigt werden. Das miiBte sich
darin zeigen, daB die Tiere in einer Mischung von NaCl -f~ KCI
-f- CaClg eine hohere Dosis dieser giftigen Salze ertragen sollten
als in irgendeiner anderen Losung oder Mischung von Salzen.
Das traf nun in unseren Versuchen an Fundulus zu. Ein Ver-
such dieser Art kann nur bei solchen Organismen Beweiskraft
beanspruchen, die von dem osmotischen Druck oder der Zu-
sammensetzung des umgebenden Mediums in weiten Grenzen
unabhangig sind. Denn sonst wiirde ja der Einwand nahe-
liegen, daB auch bei positivem Ausfall die Versuche nichts
beweisen, da die Tiere ohnedies nur in einer Mischung von
NaCl -j- KCI -J- CaClg leben konnen. Die Tiere, die wir zu diesen
Versuchen gewahlt haben, bilden fast ein Unikum in der Bio-
logic, indem sie hinreichend klein sind, um zu Versuchen be-
nutzbar zu sein, in hinreichend groBen Mengen leicht erhalten
werden konnen und in weiten Grenzen sowohl vom osmotischen
Druck wie von der Zusammensetzung des Mediums unabhangig
sind. Wie schon in den friiheren Arbeiten erwahnt wurde,
leben diese Fische behebig lange in einer Losung von 6 ccm
14*
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200 J. Loeb:
"»/g-NaCl in 100 ccm H,0 oder in einer Losung von 1,5 ccm
"/g-CaClj + 2,2 ccm â„¢/j-Ka in 100 ccm H^O oder in reinen
Losungen von MgClg oder CaCl^, wenn dieselben keine zu hohe
Konzentration erreichen, oder in Losungen von Ca(N03)2 ^^®^
CaBr^ von niedriger Konzentration; kurz in all den Losungen,
die in diesen Versuchen zur Entgiftung benutzt wurden. Man
kann also nicht sagen, daB es sich hier um Versuchstiere
handelt, die nur an eine Mischung von NaCl -|- KCl + CaClg
angepaBt seien.
Ein solcher Einwand wiirde nun nun auch durch die Ver-
suche des zweiten Abschnittes widerlegt werden, in denen die
Giftwirkung des artfremden Salzes nur durch ein Salz, z. B.
NaCl oder CaCl,, gehemmt wurde. Diese Versuche haben nun
ein sehr bemerkenswertes Resultat ergeben: Natriumsalze mit
einem artfremden Anion, wie Br, J, NO,, CNS, CHjCOO werden
nur durch Chloride entgiftet, resp. an der Giftwirkung ver-
hindert. NaCl, CaCl^ und MgCl^ erwiesen sich als wirkungs-
voU, CaClg gewohnlich wirksamer als NaCl. Aber der Unter-
schied zwischen der Wirksamkeit von NaCl und CaCl, war klein
im Vergleich mit diesem Unterschied bei der Entgiftung von
KCl durch diese Salze. Im letzteren Falle war CaCl^ minde-
stens mehrere hundert Male so wirksam wie NaCl, bei der Ent-
giftung der artfremden Anionen trat der Unterschied der Kat-
ionen viel mehr zuriick. Fiir die Entgiftung von KCl war
Na^SO^ brauchbar, und zwar war es zweimal so wirksam wie
die aquimolekulare Losung von NaCl, was alles darauf hinweist,
daB bei der Entgiftung des giftigen Rations K in erster Linie
die Kationen in Betracht kommen. Fiir die Entgiftung der
artfremden Anionen war Na^SO^ ganzlich unbrauchbar. Alles
weist also darauf hin, daB in diesem Falle die wesentlich ent-
giftende Wirkung dem Anion CI zukommt.
Dagegen macht es nicht den Eindruck, als ob fiir die Ent-
giftung von Na^SO^ lonen in Betracht kamen, sondern einige
Beobachtungen deuten darauf hin, daB hier die Salzmolekiile
die entgiftende oder die „gerbende" Wirkung ausiiben. Sehr
wenig CaClj entgiftet eine groBe Menge Na^SO^; CaSO^, Ca(NO,),
und Ca(CH3C00)2 haben aber so gut wie gar keine entgiftende
Wirkung. MgCl^ entgiftet Na^SO^; MgSO^ hat aber keine ent-
giftende Wirkung.
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Hemmungd.Giftwirkg.vonNaJ,NaN03,NaCNS u.and.Natriumsalzen. 201
Die „gerbende" Wirkung der Salze, insbesondere der Mi-
schung von NaCl -\- KCl -f- CaClj in dem geeignetsten Ver-
haltnis, diirfen wir una vielleicht so vorstellen, als ob diese
drei Salze mit einem oder mehreren Bestandteilen der Ober-
flache der ZeUen oder des Tieres (EiweiBkorper?) (molekulare?)
Verbindungen eingehen. Diese Verbindungen verleihen der
Oberflache eine besondere Struktur, die eine relativ hohe Un-
durchgangigkeit garantiert. Kommen die Fische in eine Losung
von etwa NaNO,, so findet nach dem Massenwirkungsgesetze
ein Austausch von NaCl iind NaNO, in der Oberflachenlamelle
statt, und die NaNOj-Molekiile, die die NaCl-Molekiile aus der
Oberflachenlamelle verdrangt haben, konnen in den Fisch ein-
dringen und die Gehimsymptome hervorrufen. Fiigt man aber
der auBeren Losung NaCl oder CaCl^ in geniigender Konzen-
tration zu, so werden diese mit den NaNOj-Molekiilen um die
EiweiBmolekiile, oder sonstige in Betracht kommende Molekiile,
konkurrieren und damit die Zahl der NaNOg-Molekiile ver-
ringem, die sonst mit der Oberflachenlamelle in Verbindung
treten und damit in das Tier eindringen. Es ist moglich, daB
das die Methode ist, dureh die Salze in die Zelle eindringen.
Es fehlt nun nicht an direkten Beobachtungen, die darauf
hinweisen, daB diese Ansicht begriindet ist. P. Hanzlik hat
kiirzlich die Absorption von Arzneimitteln aus dem Darm unter-
sucht und dabei durch quantitative Analyse des Inhaltes lebender
Darmschlingen festgestellt, daB NaJ langsamer aus dem Darm
verschwindet, wenn man NaCl zusetzt*). Das ist genau dieselbe
Erscheinung, die wir bei Fischen beobachteten, nur mit dem
Unterschied, daB wir es im letzteren Falle mit der Diffusion
des NaJ in den Fisch zu tun haben. NaCl verringert die Ge-
schwindigkeit, mit der NaJ in die Fische eindringt, und darauf
beruht wohl die antagonistische Wirkung der Salze, wie wir in
diesen Versuchen diskutiert haben.
Znsainmenfassnng der Ergebnisse.
1. Die giftige Wirkung von NaNO,, NaJ, NaCNS, essig-
saurem und buttersaurem Natrium auf Fundulus wird durch
Zusatz von NaCl oder CaCl, gehemmt. Die entgiftende Wir-
kung von CaClg ist etwas groBer als die von NaCl.
1) Journ. Pharmacol, and Experim. Therap. 3, 387, 1912.
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202 J- Loeb: Hemmung d. Giftwirkg. von NaJ^ NaNO,, NaCNS usw.
2. Wahrend jedes dieser Sake durch CaCl, entgiftet werden
kann, hat der Zusatz anderer Calciumsalze keine oder fast keine
entgiftende Wirkung. Das weist darauf hin, daB die wesent-
liche entgiftende Wirkung den Chloriden resp. Chlorionen zu-
kommt; von alien Chloriden kommen aber fiir diesen Zweck
nur NaCl, CaCl, und in geringerem Grade MgCl^ in Betracht.
3. Na^SO^ wird nicht durch NaCl, wohl aber durch kleine
Dosen CaCl^ entgiftet. Gleiche Konzentrationen von CaSO^,
CaBrj, Ca(NO,)^ und Ca(CH3C00)j hatten keine oder nur eine
kaum merkbare hemmende Wirkung. Aus diesen Tatsachen
diirfen wir wohl schlieOen, daB in diesem Falle die entgiftende
Wirkung von CaCl^ nicht einem seiner lonen, sondem dem
Molekiil zukommt.
4. Eine Mischung von ^/g-NaQ + KQ + CaCl, in dem
Verhaltnis, in dem diese Salze im Seewasser enthalten sind,
hemmt die Giftwirkung von NaBr, NaJ, NaNO,, NaCNS,
NaCHjCOO undNaCHjCHjCHjCOO besser als irgendeine andere
Losung.
5. Es wird auf die Moglichkeit hingewiesen, dafi die ent-
giftenden Wirkungen von NaCl, CaCl^ und MgCl,, resp. der
Kombination NaCl -|- KCl -\- CaCl, darauf beruhen, daB durch
den EinfluB dieser Salze die Oberflachenlamelle der Zellen in-
takt erhalten und die Diffusion der giftigen Salze in den Fisch
verlangsamt wird.
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Sonderabdruck aiis der Berliner klin. Wochenschr., 1912, Nr. 33.
A US dem Department of physiology and pharmacology
of the Rockefeller Institute, New York City, U. S.
Ueber Kriterien der Anaphylaxie.
Bemerkungen zu dem Aufsatz von Friedberger und MoreschiO*
Von
Jolm Aaer.
Bs darf wohl als gesichert betrachtet werden, dass man bei
der Obduktion eines an akater Sernmanapbylaxie verendeten Meer-
scbweinchens beinabe stets die Lungen maximal oder fast maximal
geblUbt findet. Diese inspiratoriscbe Immobilisation der Lange
wurde zuerst^) von Lewis und mir, und spilter von Biedl und
Kraus, n&ber untersucbt, und als die Todesursacbe fur Meer-
scbweincben bei diesem Typus der Anapbylaxie bewiesen. Ja,
wir gingen nocb weiter und betracbteten dieses Lungenbild unter
gewissen Vorbedingungen, als ein Rriterium der akut tddlichen
Meerscbweincbenanapbylaxie aucb unter solchen Umst&nden, die
das klinische Bild verwischten, wie nach L&hmung des Tieres
durch Curare oder durch RiickenmarkszerstOrung.
Das Augenf&llige dieses Lungenbefundes zog ihm bald eine
grosse, aber oft recht kritiklose Beliebtbeit zu, und Friedberger
und Moreschi ist vollst&ndig beizustimmen, wenn sie schreiben
(S. 741): „und wenn man also wohl den Satz aufstellen kann: Kein
akuter Anaphylaxietod ohne Lnngenbl&hung, so gilt
doch naturgem&ss nicht umgekehrt, dass nan der jedesmalige
akute Tod eines Meerschweinchens an irgendeiner Vergiftung, bei
dem sich das Symptomenbild der Lungenbl&hiing findet, als Ana-
pbylaxie aufzufassen ist^^ Diese Annabme, dass jede Lungen-
bl^lhung bei einem akuten Vergiftungstod beim Meerscbweinchen
notwendigerweise Anapbylaxie bedente, ist naturlicb unzulHssig
und verwirrungsstiftend, wie ich aucb vor kurzem bervorbob^).
1) Friedberger und Moreschi, diese Wochenschr., 1912, Nr. 16,
S. 741.
2) Der Lungenbefund wurde zuerst von Gay und Southard be-
merkt, jedoch wendeten diese Forsoher der Tatsache fast gar keine Auf-
merksamkeit zu. Siehe Auer und Lewis, Journ. of experim. med.,
1910, XII, p. 156—157, p. 160, p. 164, fiir naheren Aufschluss ttber
den Anteil Gay's und Southard's an dieser Frage.
3) Auer, Journ. of experim. med., 1911, XIV, p. 492—494.
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Die Lungenblahung ist nur dann charakteristiscb fur
die akute Meerschweinchenanaphylaxie, wenn sie unter
gewissen Versuchsbedingungen erbalten wird. Diese Be-
dingangen sind die Grundpostulate unseres Begriffes der Ana-
phylaxie, denn nur durcb sie wird das kliniscbe Symptomenbiid
der Anapbylaxie mit seinen fuaktioneileu StOrungen und anato-
mischen Ver&nderungen klar und scbarf umrissen dargestelit.
Diese Grundbedingungen sind wobi bekannt, trotzdem
sie in letzter Zeit anscheinend in Vergessenbeit ge-
sunken sind: 1. Das zn untersuchende Tier muss durch
fremdes Eiweiss sensibilisiert worden sein; 2. die
Sensibilisierung biidet sicb erst nach einiger Zeit aus
(Inkubationsperiode); 3. die zweite oder toxiscbe In-
jektion desselben Eiweisses, nacb Verstrich des In-
kubationsstadiums, ruft Symptome und Ver&nderungen
bervor, die nicbt bei der ersten Injektion erbalten
wurden.
Am kiarsten zeigt sicb der anapbylaktiscbe Krankbeitsprozess,
wenn Meerscbweinchen mit Pferdeserum pripariert werden. Die
erste Injektion, gleichgiiltig ob ^ubcutan, intraperitoneal oder
intravenOs, gleicbgultig ob Vioo ^^^^ ^ c^â„¢* ^bt zurzeit keinen
wabrnebmbaren fiblen Effekt aus; das Tier sebeint nach einigen
Minuten v5llig normal zu sein. Wird aber nacb drei oder vier
Wochen eine Gabe Pferdeserum, die 1 ccm nicht zu iiberschreiten
braucbt, intravenOs einverleibt, so zeigt das aufgebundene Tier
innerbalb weniger Sekunden eine DyspnOe, die rasch so scbwer
wird, dass das Zwerchfell und der Aussere Luftdruck die Rippen-
bogen und den Scbwertfortsatz des Sternums bei jednr Inspiration
einkerben. Nacb einer Minute erscheinen lautiose RrSmpfe; die
Scbleimh&ute verflLrben sicb blSlulicb, und das Blut wird schwftrz-
licb. Die Kr&mpfe werden jetzt heftiger, nach jeder Inspiration
scheint die Brust voller zu sein; die Atmung verlangsamt und
vertieft sicb; und nach drei bis funf Minuten sistiert die Atmung
vollstHndig. Das Herz jedoch fllhrt fort einige Zeit zu scblagen.
Die Obduktion zeigt nun die bekannte Lungenbl^hung mit mini-
malen Andeutungen von Oedem. Dieses Krankbeitsbild und
der Lungenbefund sind aber absolut charakteristiscb
fiir die akute Anapbylaxie des Meersch weincbens, wenn
sie unter den obengenannten Bedingungen erbalten
werden; IntravenSse Reinjektion mit derselben Eiweiss-
art, mit der das Tier vorbehandelt wurde. Das charakte-
ristische und von anderen &bnlichen Prozessen diffe-
renzierende Moment liegt eben in der Tatsache, dass
man den Effekt erst nacb der Sensibilisation desTieres
erhlLlt, d. h. nach der zweiten Injekton des zur Sensi-
bilisation gebraucbten fremden Proteins. Dieser Be-
griff ist von fundamentaler Bedeutung, denn nur er
ermOglichte die Erkennung der anaphylaktischen Erank-
heitsvorg&nge als ein Gauzes.
Unter diesen Bedingungen sind all die experimentell ge-
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— 3 —
wonnenen Anapbylaxieerscheinungen, daa Ph^nomen von Art bus,
die Catanreaktion (v. Pirquet), die Blutdrucksenkung und Ver-
sOgeruDg der Biutgerinnung beim Hund (Biedl und Kraus), das
Lungenpb&nomen beim Meerschweiochen (Auer und Lewis),
der Temperaturstur* (Pfeiffer) und der Irritabilit^ts- und Kon-
tratilitHtsverlust des Herzens beim KaoincheD (Auer), voUst^ndig
cbarakteristiscb und als Rriteria brauchbar. Fiedberger und
Moreschi kann ich deshalb bier nicbt beistimmen, wenn sie be-
merken (S. 742), das Krankheitsbild und der Sektionsbefund
beim Meerschweincben sei weoig spezifisch und durch die ver-
scbiedensten Substanzen hervorrnfbar, und deshalb wftre es uicht
gerecbtfertigt, von einem spezifischen und „kla8si8cben Sym-
ptomenbild" der Anapbylaxio zu sprechen. Man kann das recbt
wobl tun, aber nur, wenn man die oben bervorgehobenen Grund-
s^tze im Auge beh<. Die berrscbende Verwirrung ist
nur dadurcb entstanden, dass man bei Betracbtung von
&hnlichen anatomischen VerHnderungen die Grund-
bedingungen der Anaphylaxie aus dem Auge verlor
und ohne weiteres auf eine Identit^t der reaktionsaus-
I5senden Substanzen scbloss. So z. B. geben Pried-
berger's Anapbylatoxin, Eiweissabbauprodukte u. a.,
wenn intravenOs in ein norroales Tier eingespritzt,
ein Symptomenbild, das jenem der Anaphylaxie stark
^bnelt, und deshalb wurde der Krankbeitsprozess nach
diesen Substanzen als Anaphylaxie gedeutet. Diese
Deutun^ aber ist zurzelt nicbt zul^ssig, denn noch
niemand hat den Beweis geliefert, dass die reizaus-
I5senden Substanzen bei der wirklichen Anaphylaxie
mit jenen, die die Ahnlichen Symptome, z. B. nach
Fried berger's Anapbylatoxin, hervorrufen, identisch
sind. Aber nur nach Erbringung dieses Beweises darf
man von Anaphylaxie nach Anaphylatoxin reden, denn
ohne diesen Beweis schliesst man f&lschlich wegen der
Identit&t einer biologischen Reaktion auf eine Identit&t
der sie auslQsenden Agentia. Dass dieser Schluss ganz
und gar falsch ist, ergibt sich aus folgendem Beispiel:
Wird der Nerv eines Nervmuskelpraparats mit Glycerin
betupft, mit einem heissen Stabe beriihrt, mit einem
Induktionsschlag gereizt, oder wird der Nerv plOtzlich
gedehnt, so erfolgt in jedero Falle eine Muskelzuckung;
darf man aber aus jener Identit&t der biologischen
Reaktion, aus jener Muskelzuckung, schliessen, dass
die reizauslOsenden Agentia, dass 'Glycerin, der beisse
Stab, der elektrische Reiz, die Nervendehnung, mit-
einander identisch sind? Alle diese verschiedenen
Manipulationen haben wohl dieselbe Reaktion aus-
gel5st, aber die Gleichheit der Reaktionsantwort be-
deutet keineswegs eine Identit&t der die Reaktion
hervorrufenden Eingriffe. Dass solch ein Schluss nicbt
erlaubt ist, wird wohl jeder zugeben, und doch ist
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— 4 —
dieser Scbluss genau derselbe, den z. B. Friedberger
zieht, wenn er die Symptome oach seinero Anapbyla-
toxiD als anaphylaktiscbe Symptome deutet. Dass die
Symptome Dach ^ADaphylatoxin*' jenen der wirklichen
Anaphylaxie zum VerwecbselD &bnlicb sind, beweist
bei weitem nocb nicht, dass sie durcb dasselbe Agens
Oder dieselbeD Agentia hervorgebracbt worden sind.
Bei dem jetzigen Stand unseres Wissens ist es also nicht eriaabt,
die Symptome nach erstmaliger Einverleibung von Friedberger's
Auaphylatoxin, von £iwei8sspa1tprodukten u. dergl. als anapby-
laktische Symptome za deuten; zurzeit sind sie nur als anaphy-
laktoide Symptome anzusprechen, und es muss zukQoftiger
Arbeit uberlassen werden, ob sie wirkliche anapbylaktische
Symptome sind oder nicbt. Diese Bntscheidang kann aber nur
daDu getrofifen werden, nachdem das wirkliche Anaphylatoxin
isoliert worden ist, and dieses muss, nach meiner Ansicht,
folgende BediDgaogen erfiilieo: Es muss biologisch aus den
Geweben oder Gewebss&ften eioes Falles wirklicber, aktiver
Anaphylaxie isoliert werden; es muss nicbt in normalen Tieren
vorbanden sein; doch muss es die Symptome, die charakteristisch
f&r die gewSlblte Tierart sind, auslOsen, wenn es in ein normales
Tier eingespritzt wird. Sollte sicb berausstellen, dass dieselbe
Substanz oder dasselbe Substanzgemenge auch z. B. in Fried -
berger's Anaphylatoxin in genugenden Mengen aowesend ist,
dann und nur dann ist Fried berger's Anaphylatoxin ein wirk-
iiches Anaphylatoxin, and die Symptome, die es ausldst, sind
anaphylaktiscbe, und nicbt anapbylaktoide Erscheinungen.
Bis man das wirkliche Anaphylatoxin in der Hand hat, muss
man mit der Diagnose „ Anaphylaxie^^ vorsicbtig sein und das
Wort nur dann gebrauchen, wenn die oben auseinandergesetzten
Grundbedingungen des Begriffs erfQllt sind. Wenn diese Be-
dingungen als Leitfaden gebraucht werden, so wird man erstens
nie im Zweifel sein, ob es sicb um anaphylaktiscbe Symptome
handelt oder nicht, und zweitens wird das alte Konzept der
Anaphylaxie nicht verwischt und nutzlos verflacht, sondern seine
Eigenart, dfe ja seine wissenschaftlicbe Existenzberechtigung ist,
scharf gewahrt. Unter diesen Bediogungen sind all die experi-
mentell ermittelten Tatsachen, die oben teilweise angefiihrt wurden,
streng spezifisch und als Rriteria brauchbar.
Zum Schlusse ware nocb zu bcmerken, dass die Meinungs-
verschiedenheit zwischen Friedberger und mir nur Unterschiede
in der Deutung der Phenomena sind; Qber das Tats&chliche, mit
dem dieser unermudliche und fruchtbare Forscher die Wissen-
schaft bereichert hat, herrscht wohl kein Zweifel.
Druck von L. Schumacher in Borliji H. 4.
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Chemteohe, phytikalitche und blologische Studion Dber die aut
den drei Monoamlnomonocarbons&uren: Glykokoll, d-Alanin und
l-Leucin darstellbaren stnikturisomeren TripepUde.
Von
Emil Abderhalden and Andor Fodor.
Mit 80 KnrrenzeiclmiiogNi im Text
(Am dam phTsiologiichen Inttitnte der UniTtraitit Halle a. S.)
(Der Rddaktion softgrnngen am 9. Anguft 1918.)
Den folgenden Untersuchungen lagen mebrere Fragestel-
lungen zugrunde. Einmal interessierte es uns, die physika-
lischen und chemischen Eigenschaften aller struktur-
isomeren Polypeptide kennen zu lernen, die aus den
dreiMonoaminomonocarbonsliuren:Glykokoll,d-Alanin
und l-Leucin darstellbar sind. Unterscheiden sich die aus
diesen drei Aminosfiuren aufgebauten Tripepiide in ihren Eigen-
schaften so scharf, dafi sie auf Grund ihres Verhaltens gegen-
fiber bestimmten LSsungs- und F&IlungsmitteIn usw. voneinander
getrennt werden konnen? Diese Frage war fur uns deshalb
von so grofier Bedeutung, weil der eine von uns (A.) wieder-
holt beim stufenweisen Abbau von Proteinen verschiedener Art
Produkte isolieren konnte, die nach den Resultaten der Elemen-
taranalyse, der totalen Hydrolyse und ihren Eigenschaften ohne
Zweifel als Polypeptide angesprochen werden durften, an deren
Aufbau eine bestimmte Anzahl bekannter Aminos&uren be-
teiligt war. Unentschieden blieb die Frage, ob das isolierte
Produkt einheitlich war und ferner, in welcher Reihenfolge die
einzelnen Aminosfiuren sich folgten. Da es in den meisten
Ffillen unm5glich war, die isolierten Verbindungen zu krystalli-