Marcus Tullius Cicero.

Tusculanarum disputationum ad M. Brutum libri quinque (Volume 1) online

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M. TULLII^CICERONIS

TUSCTJLANABUM
DISPUTATIONUM

AD M. BRUTUM LIBRI QUINQUE.



ERKLART

VON

DR. GUSTAY TISCHEB.



BRSTES BANDCHEN.

BUCH I. UND II.
NEUNTE AUFLAOE

BESORGT VON



BERLIN,

WEIDMANNSCHE BUCHHANDLUNG.
1899.



Vorwort zur achten Auflage.

Bei der Revision des Textes hat mir for diese neue Auf-
lage der beiden ersten Bilcher der Tusculanen wie fruher
schon ftir die siebente der drei letzten die Textausgabe von
C. F. W. Mailer (Leipzig 1878) wesentliche Dienste geleistet.
Durch sie bestimmt babe ich mich noch raehr, als es schon
fruher geschehen war, an die handschriflliche tlberlieferung
angeschlossen , ohne jedoch jener Ausgabe iiberall folgen zu
konnen. Aufserdem habe ich die wertvollen Abhandlungen des
Herrn Geh.-Rat Prof. Vahlen zu Berlin, in welchen er meh-
rere Stellen des 1. Buches bespricht (Ind. lect. Berlin 1879
und 1883, und Hermes 1882), sowie einige mir privatim von
ihm zugegangene Bemerkungen dankbar benutzt. Durch die
freundliche Dbersendung ihrer kritischen Miscellen haben mich
auch die Herren Dr. Deiter in Emden (Ein Tusculanencodex
der Universita'tsbibliothek zu Leiden aus dem 12. Jahrhundert,
Philol. 1880, S. 171 ff.) und Prof. Dr. Gustavson zu Helsing-
fors (Hermes 1881, S. 169 ff.) zu Dank verpflichtet. Leider
konnte ich ihreu Ausfilhrungen nicht in dem Umfange, als
ich es selbst gewiinscht hatte, beistimmen.

Aufserdem ist von neuem wissenschaftlichen Material vor-
zugsweise der 3. Teil der Untersnchungen zu Ciceros philo-
sophischen Schriften von Rudolf Hirzel (Leipzig 1883) in Be-
tracht zu ziehen gewesen. Ich hoffe, dafs die Verwertung
dieser mil Scharfsinn und Grilndlichkeit gefiihrten Unter-
suchungen der vorliegenden Ausgabe zum Nutzen gereicht hat.
Aber auch Herr Dr. Schiche wird erkennen, dais seine wohl-
wollende und dankeoswerte Besprechung der 7. Auflage in der
Berliner Gymnasialzeitung 1881, S. 348 ff., eingehende Beriick-
sichtigung gefunden hat.

Im Ubrigen habe ich das GefUhl, als ob ich von dieser
Arbeit fttr langere Zeit Abschied nehmen dilrfte, da die Zahl

1*



4 VORWORT.

der erklarenden Ausgaben der Tusculanen im umgekehrten
Verbatims zu ihrem Bediliinis zuzunehmen scheint.
Coslin, den 21. December 1883.

Gustar Sorof.



Vorwort zur neunten Auflage.

Die lange Zeit, vvelche zwischen der achten und der vor-
liegeuden Auflage dieses Buches verstrichen ist, hat dem Her-
ausgeber den Vorteil gewa'hrt, dafs er seiner ihm inzwischen
ferner geriickten Arbeit ganz unbefangeu gegeniiber stand uud
die Nachprilfung derselben vtillig objektiv vorzunehmen in der
Lage war. Diese hat denn auch zur Folge gehabt, dafs er sich
bei der Gestaltung des Textes an mehreren Stellen der hand-
schriftlichen tlberlieferung noch enger als friiher anschlofs,
wenn er es auch nicht in demselben Uml'ange wie z. B.Schiche zu
thun vermochte. Die Durchsicht der Erklarungen hat mehrfach
zu Berichtigungen oder einer pra'ciseren Fassung V 7 eranlassung
geboten, Ofters auch haben sich unter Beriicksichtigung der
gegenwartigen Leistungsfa'higkeit unserer Primaner Zusatze als
zweckma'fsig erwiesen , die zur Forderung des Versta'ndnisses
und einer schnelleren Lektiire dienen kOnnen, wahrend andrer-
seits eine Anzahl von Citaten gestrichen worden ist, welche
filr das Bedilrfnis des Schulunterrichts entbehrlich zu sein
schienen. Indefs durften diese Anderungen doch nicht so
weit gehen , dafs dadurch der urspriingliche Charakter dieser
Ausgabe, welche ueben dem Interesse des Schiilers auch das
des Lehrers zu berUcksichtigen hat, wesentlich umgestaltet
vvurde, und der Verf. hofft, oder wilnscht es wenigstens, seinen
Zweck erreicht zu haben.

Potsdam, im November 1898.

Der Herausgeber.



EINLEITUNG.

Der ausschliefslich auf das praktische Leben gerichtele, nach
aufsen bin vorzugsweise kriegerische Geist des romischen Volkes
war, so lange er in seiner vollen Eigentilmlichkeit besland, nicht
der Boden , auf welchem Kunst und Wissenschaft aufkommen
und gedeihen konnten. Erst als Rom im 2. Jahrhundert vor Chr.
Geb. die Beherrscherin der Welt geworden war und die Schatze
aller Lander hier zusammenstrOmten , begann griechische Bil-
dung in den hoheren Schichten der Gesellschaft Anklang zu fin-
den. Dies zeigte sich namentlich, als im J. 155 von den Athe-
nern drei Philosophen , der Akademiker Carneades, der Peripa-
tetiker Critolaus und der Stoiker Diogenes, mit einer politischen
Sendung nach Rom betraut wurden und diese Gelegenheit zu
Offentlichen Vortragen benutzten. Zwar wufsten die Anhanger
der alten Sitte, Cato Censorius an ihrer Spitze, es durchzusetzen,
dafs diese Gesandtschaft schleunigst abgefertigt wurde; allein die
machtige Anregung, welche jene Manner dem erwachenden
Geiste des jilngeren Geschlechts gegeben batten, ilbte auf die
allmahliche Umgestaltung des Nationalgeistes den entschieden-
sten Einflufs aus. 1 ) Scipio Africanus der Jilngere, sein Freund
C. Lalius der Weise, Q. Aelius Tubero, Q. Mucius Scavola und
andere junge Manner aus den ersten Familien der Stadt, die da-
mals jene Gesandten gehoTt, waren es, die durch ihr Verhaltnis
zu dem Stoiker Panatius ihren Mitbilrgern das erste Beispiel
eines freundschaftlicben Verkehrs mit griechischen Philosophen
und Gelehrten iiberhaupt gaben. So kam es denn , dafs bald
auch Philosophen anderer Schulen, teils bleibend, teils voritber-
gehend, aus Athen nach Rom tibersiedelten. Neben dem Stoi-
cismus, welchem bei der iiberhandnehmenden Sittenverderbnis
vorzugsweise die edleren Charaktere sich zuwandten, fand die
Epikureische Lehre frilh unter den Romern Verbreitung, und
zwar eine grOfsere, als irgend eine der Ubrigen Schulen. Gegen
die Zeiten Ciceros wurde auch die Philosophic der neueren Aka-

1) Tusc. IV. 3, 5.



6 EINLEITUNG.

demie unter den ROmern bekannt, besonders seitdem Philo von
Larisa (der im Jahre 88 von Athen nach Italien flilchtete) sie zu
Rom gelehrt hatte; and selbst die peripatetische Schule fand
unter den hOber Gebildeten einige Anhanger.

Zur neueren Akademie hielten sich, als Schiller des Antio-
chus von Ascalon, unter Ciceros Zeitgenossen besonders M. Bru-
tus, der MoTder Casars, und M. Terentius Varro, der Universal-
gelehrte. Ein entschiedener Stoiker dagegen war M. Porcius
Cato der Jilngere, der durcb die Strenge seiner Grundsatze im
Leben und im Tode diesem Systeme bei den ROmern das groTste
Ansehen verschaffte. Epikureer jener Zeit waren unter vielen
anderen T. Pomponius Atticus, Ciceros vertrautester Freund,
C. Cassius, der MOrder Casars, sowie L. Torquatus und C. Vellejus
(welche beide Cicero in seinen Schriften tiber das httchste Gut
und iiber die Natur der Cotter die Lehre Epikurs auseinander-
setzen la'fst).

Die meisten der Genaunten waren jedoch Staatsmanner,
und von ihrer Philosophic haben wir eben nur infolge ihres
anderweitigen Rufes einige Kenntnis. Zur Ausbildung oder auch
nur zur Verbreitung dieser Wissenschaft haben sie wenig oder
nichts beigetragen ; denn die eigentlichen Lehrer der Philosophic
waren auch zu jener Zeit noch fast ausschliefslich geborene Grie-
chen, und die Litteratur, auf welche diese sich stiitzten, die grie-
chische.

Den Anfang philosophischer Schriftstellerei in lateinischer
Sprache batten einige Epikureer gemacht: C. Amafinius (oder
Amafanius) undRabirius, auch Catius Insuber, von denen
Cicero *), eben weil sie Epikureer waren, mil grOfserer Gering-
schatzung spricht, als sie verdienen mocbten. Denn wenn auch
ihre Arbeiten, als erste derartige Versuche, noch sehr mangel-
haft sein mochten, so waren diese Schriftsteller doch nicht ohne
Bedeutung fur ihre Zeit, indem sie zuerst die griechische Philo-
sophic dem gesamten Volk zuganglich machten. Mit grofser
Kunst und poetischem Talent dagegen lieh T. Lucretius
Car us der Lehre Epikurs lateinische Worte in seinem noch
erhaltenen Lehrgedichte (de rerum natura). Wenn Cicero 2 )
daher behauptet, dafs bis zu seiner Zeit die Philosophic bei den
ROmern daniedergelegen und in lateinischer Sprache von nie-
mand bearbeitet worden sei, so ist das zuviel gesagt. Aber un-



1) Tusc. I. 3, 6; II. 3, 7. 8; IV. 3, 6. 7; ad fana. XV. 16 u. 19.

2) Tusc. I. 3, 5.



EINLEITUNG. 7

leugbar ist es, dafs mil seinem Verdienste um die Einfuhruug
derselben in die rOmische Litteratur kein anderes sich messen
kann, und dafs, wahrend alle friiheren und gleichzeitigen der-
artigen Werke anderer Rtimer verloren gegangen sind, er vielen
Jahrlmnderten ein Lehrer der Philosophic gewesen ist.

Ciceros philosophische Studien und Arbeiten ba'ngen mil
dem Gange seines Lebens genau zusammen. Da er na'mlich aus
einer Provinzialstadt stammte und ohne einflufsreiche Familien-
verbinduugen in der Hauptstadt war, so konnte er nur durch
eine mehr als gewohnliche Kenntnis des Rechts und der Staats-
verha'ltnisse tiberhaupt, in Verbindung mil dem ihm angeborenen
Talente der Reredsamkeit, zu einer angesehenen und einflufs-
reichen Stellung im Staate zu gelangen hoffen. Rei der Vorbe-
reitung zu diesem Rerufe aber erkannte er bald, dafs filr den
Redner, der sich tiber die Mittelma'ssigkeit erheben wolle, eine
philosophische Rildung, wie sie nur durch die Griechen zu er-
langen war, und die Rekanntschaft mil der griechischen Littera-
tur iiberhaupt ein notwendiges Erfordernis sei. So kam es, dafs er
neben und in Verbindung mit seinen rhetorischen Studien und
Vorilbungen in Rom sich zuerst den Epikureer Phadrus, bald
darauf aber den Akademiker Philo zum Lehrer wahlte, einen
Mann, dem er bis in sein spa'tes Alter ein grofses Gewicht bei-
legte, und zugleich den Unterricht des Stoikers Diodotus, der in
seinem Hause lebte und starb, in der Dialektik benutzte. So aus-
geriistet trat er im Jahre 81 v. Chr. zuerst als Redner auf. Doch
bei der jugendlichen Leidenschaftlichkeit, mit der er sich diesem
Rerufe hingab, kam sein schwachlicher KOrper bald so in Gefahr,
dafs er sich bewogen fand, zur Krafligutig seiner Gesundheit und
zugleich zu weiteren Studien fiir langere Zeit nach Griechenland
und Kleinasien zu gehen. In Athen hOrte er sechs Monate lang
hauptsachlich den berilhmten Akademiker Antiochus von Asca-
lon, nebenbei auch die Epikureer Phadrus und Zeno; dann be-
reiste er Asien und hielt sich dabei la'ngere Zeit in Rhodus auf,
wo er nicht nur an den rednerischen Cbungen des Rhetors
Molo, sondern auch an den Vortragen des Stoikers Posidonius
auf das lebhafteste teilnahm. Erst nach zwei vollen Jahren kehrte
er, in seinem 30. Lebensjahre, nach Rom zurilck, wo er nach
der erlangten Durchbildung nun mit einem Colta und Horteu-
sius zu wetteifern vermochte und bald sich den Ruf des ersten
Redners seiner Zeit uud damil den Eintritt in die hoheren Staats-
a'mter erwarb.

Seildem gehOrte seine Thatigkeit mehr als 20 Jahre lang,



8 E1NLE1TUNG.

wenn man von der nachtraglichen Ausarbeilung seiner Reden
absieht, ausschliefslich dem praktischen Leben, der gericbtlicben
und politischen Beredsamkeit und der Venvallung der ihm ilber-
tragenen Amter an, eine Tha'tigkeit, die bei seiner inannigfachen
Begablheit und der Ehrenhaftigkeit seines Charakters und Stre-
bens seiuen Namen mil unverganglicheni Glanze umgeben bat.

Der Bescha'ftigung mil der Philosophic wandte er sich erst
dann wieder zu , als er auf der politischen Buhne seines Vater-
landes keineu angemessenen Platz mehr fur sich sah, um in ihr,
wo mOglich, Trost und Rube nach den Stiirmen des Lebens zu
flnden 4 ) und zugleich durch schriftstellerische Tha'tigkeit in die-
sem Fache sicb seinen Mitbilrgern auf die einzige ihm noch
mOgliche Weise niitzlich zu machen.

Seine philosophische Schriftstellerei gehOrt also nur den
Zeiten unfreiwilliger Mufse an. Soldier Perioden giebt es zwei in
seinem Leben: die ersle, als das erste Triumvirat den Staat in
einer so fieberhaften Bewegung erhielt, dafs Cicero an ihm ver-
zweifelte; die andere, als er unter Ca'sars Dictatur und Antonius'
Consulate von der Teilnahme an der Leitung der Offentlichen
Angelegenheiten ganz ausgeschlossen war. In die erste Zeit fal-
len seine Schriften de re publica (54 v. Chr.) und do legibus (52
v. Chr.), in die andere (von 45 an) die itbrigen philosophiscben
Werke : na'mlich in das Jahr 45 ftivParadoxaStoicorum, der (ver-
loren gegangene) Hortensius, die Bilcher de finibus bonorum et
malorum, dieAcademica und teilweise noch die Tusculanae dis-
putationes, in das J. 44 aufser den letzteren die Schriften dc
deorum nalura, Cato Maior, de dtvinatione, de falo, Laelius
und de officiis.

Was nun seinen philosophischen Charakter belrifft, so war
Cicero Eklektiker, indem er sich im vvesentlichen der neueren
Akademie anschlofs. Diese Richtung war seinem Geiste schon
frtih durch Philo von Larisa gegeben, und er war darin durch
dieBeobachtung derKa'mpfe der verschiedenen Schulen, nament-
lich in Athen bestarkt worden. Demgema'fs war es seine Ansicht,
dafs nur durch sorgfa'ltige, ins einzelne eingehende Abwagung
der verschiedenen Meinungen die Wahrheit sich erkennen lasse,
und auch dies nur annahernd; deim nicht zur absoluten Wahr-
heit, sondern nur bis zur Wahrscheiulichkeit vermOge
der Menschen Geist vorzudringen. 2 ) Diese Lust am Zusammen-



1) Tusc. V. 2, 5 u. 41, 121. 2) Tusc. I. 9, 17; IV. 4, 7; V.

4, 11 u. 11, 33.



E1NLEITUNG. 9

stellen, Untersuchen und Vergleichen isles gerade, welche Ciceros
philosophische Schriften nicht nur fdr seine Zeitgenossen so an-
regend und belehrend, sondern zugleich fiir alle Zeiten zu einer
(wenn auch nicht immer klar fliefsenden) Quelle fiir die Ge-
schicbte der Philosophic gemacht hat, indem sie eine ziemlich
vollstandigetlhersicht Uber die hedeutenderen Systeme gewahren.

Er hat nicht fiir Philosophen geschrieben, sondern fiir Ge-
bildete Uberhaupt, denen er den Sinn far philosophische Studien
\vecken und zugleich leitende Grundsatze fUr das praktische
Leben und fiir die Beurteilung der Dinge geben wollte. Sein
Streben geht also dahin, die Wissenschaft mit den Meinungen
des gewOhnlichen Lebens zu versOhnen und auszugleichen, und
darum lafst er, so weit es irgend geht, eines jeden Meinung
gelten und htitet sich wohl, seine Ansicht zu bestimmt auszu-
sprechen ; wie er an keine Autorita't gebunden sein will, so legt
er auch sein eigenes Ansehen nicht als mafsgebend mit in die
Wagschale. 1 )

Cicero beabsichtigte, alle Teile der Philosophic lateinisch
zu bearbeiten. Nachdem er, wie bemerkt, schon frtther zwei
politisch - philosophische Werke herausgegeben , schritt er im
Jahre 45 zur systematischen Durchfiihrung dieses Planes 2 ), in-
dem er zunachst in dem verloren gegangenen Hortensius den
Nutzen des Sludiums der Philosophic iiberhaupt darthat. 3 ) Darauf
behandelte er in den Academica das Princip der theoretischen
Philosophic, die Frage c was ist wahr?', wobei er sich for die
Lehre der neueren Akademie entschied, und in den BUchern de
Jinibus bonorumet malorum das derpraktischen Philosophie, also
die Frage c was ist gut? J , eine Untersuchung, die ihn zu dem
Ergebnis fUhrte, dafs die Epikureer im Irrthum seien, wenn sie
das hOchste Gut in die tfdovr] setzten, dafs dagegen die Stoiker,
die das sittlich Gute fiir das einzige Gute, und die Akademiker
und Peripatetiker, die es fiir das hOchste Gut erklarten, in der
Sache iibereinstimmten und nur in der Behandlung und Dar-
stellung sich unterschieden. Hieran schliefsen sich nun die-
jenigen Schrifteu Ciceros, in welchen er auf den Gegenstand der
praktischen Philosophie selbst eingeht, indem er zur zweck-
gema'fsen Gestaltung des menschlichen Lebens Anweisung giebt.
Dahin gehOren hauptsa'chlich die Tusculanae dispvtationes 4 ) und
die spater geschriebenen Bacher de officiis.

1) Tusc. V. 29, 83. 2) de divin. II. 1. 3) Tusc. II. 2, 4. 4) de
divin. I. 1: libri Tuscnlanarum disputationum res ad beate vivendum
maxime necessarias aperuerunt.



10 EINLEITDNG.

Die AbfassungderTusculanen begann Cicero in der
zweilen Hiilfte des Jahres 45, wie sich unter anderem daraus er-
giebt, dafs in diesem Werke die in demselben Jahre verfafsten
Schriften erwahnt werden : so derHorlenshis und (\\eAcademica *),
die Consolatio 2 ), die Bi\c\\erdejinibus.3) Vollendcl wurden sie
erst im Anfange des folgenden Jahres; bald nach Casars Tode
aber waren sie bereits bekannt. 4 )

Den Nam en hat dieses Werk davon, dafs es nach Ciceros
Angabe 5 ) seine Entstehung den philosophischen Unterredungen
verdankt, die er im Jahre 47 v. Chr. filnf Tage lang mil mehre-
ren jilngeren Freunden auf seinem Tusculanum, d. h. seinem
Landgute beiTusculum (jetzt Frascati), gehaltenzuhaben fmgiert.
Stall des friiher iiblichen Titels Quaestiones Tusculanae hat man
aber in neuerer Zeit Tusc. dispulationes aufgenommen, weil der
Verfasser selbsl sie wiederholentlich 6 ) unter dieser Bezeichnung
anfiihrt. Die alien Grammatiker, wie Nonius, Priscianus u. a.,
nennen sie der KUrze wegen einfach Tusculanae. Gewidmet
sind sie dem M. Junius Brutus, demselben, der wenige Monate
nachher an Casars Ermordung thaligen Anteil nahm und frilher
die griechischen Philosophen fleifsig gebOrl hatte, auch selbst als
Schriftsteller in diesem Fach aufgetreten war. 7 )

Den Inhalt der Tusculanen, wie aller seiner philosophischen
Schriften, hat Cicero aus griechischen Quellen geschOpft,
und zwar hier sehr ilberwiegend aus den Werken der Stoiker.
Neben diesen hat er im ersten Buche vieles aus Plato und der
Schrift des Akademikers Krantor rceQi niv&ovc, entlehnl, wah-
rend er im zweilen vorzugsweise den Peripaletikern und aufser-
dem wahrscheinlich auch der Schrift eines Epikureers, im dritten
und vierten aber fasl ausschliefslich der Schrift des Sloikers
Chrysippus fce^i 7ta&(ov folgt. Aufserdem hat er noch im drit-
ten Buch an mehreren Stellen die oben erwahnte Schrift Kran-
lors und im letzten Teile beider Bilcher, wie es scheint, ein rhe-
torisches Werk beniitzl. Im fiinften endlich dienten ihm Schrif-
ten der aileron Akademiker, der Peripatetiker, Stoiker und im
letzten Teile desselben ohne Zweifel auch das Werk eines Epi-
kureers zur Grundlage fur seine Darstellung. Aus diesen Quellen
hat er also das, was mil seiner Denkweise und seinem jedesmali-
gen Zwecke am meislen harmonierte, entlehnl und nach seiner

1) Tusc. II. 2, 4. 2) Tusc. I. 26, 65 ; HI. 28, 70. 3) Tusc. V. 1 1 ,
32. Vgl. auch de divin. II. 1, 3. 4) de fato 2, 4; ad Alt. XV. 2, 4 u. 4, 2.

5) Tusc. I. 4, 7 u. 8. 6) Tusc. V. 1, 1 (vgl. II. 1, 2); de fat. 2, 4; ad
Att. XV. 2, 4 u. 4, 2. 7) s. d. Anm. zu V. 1, 1.



EINLEITUNG. 11

Art verarbeitet. In Punkten, wo er mil seinen Ftthrern nichl
iibereinstimmen zu kOnnen glaubt, tritt er wohl auch polemisch
gegen dieselben auf. Aber auch diese Polemik ist kein sicherer
Beweis filr seine Selbsta'ndigkeit, da er grofsenteils aus solchen
Quellen schOpfte, in welchen die besprochenen Ansichten bereits
von anderen zusammengestellt und einer Priifung unterworfen
waren. Seine eigentQmlichen, d. h. vom rOmischen Standpunkte
ausgehenden Zusa'tze sind meist schon aus der aufseren Rede als
Zusa'tze zu fremder Grundlage zu erkennen. 1 )

Die Form der Darstellung ist, wie in seinen anderen phi-
losophischen Schriften, so auch bier die dialogische. Wahrend
er aber in den Academica, de deornm natura und de finibus in
Aristotelischer Weise nach Feststellung des Themas zuerst den
einen der Disputierenden in fortlaufender Rede seine Ansicht mil
ihren GrUnden entwickeln und dann den anderen in gleicher Art
sich a'ufsern la'fst, hat er in den Tusculanen die Sokratische Me-
thode, jeden einzelnen Punkt durch Fragen und Antworten zu



1) Dieser alteren Ansicht gegenuber hat in neuerer Zeit Peter Cors-
sen in seiner Diss. inaug. De Posidonio Rhodio M. Tullii Ciceronis in lib. I.
Tusc. disp. et in Somnio Scipionis auctore (Bonn 1878) und im Rhein.
Mus. 36, S. 506 ff., sowie Poppelreuter in der Diss. inaug. Quae ratio inter-
cedat inter Posidonii negi na&aiv Ttgayftarelas et Tusc. disp. Ciceronis
(Bonn 1883) nachzuweisen gesucht, dafs eine Schrift des Posidonius die
einzige Quelle der Tusculanen gewesen sei, und diese Ansicht hat von her-
vorragender Seite Zustimmung gefunden. Hiergegen ist indes von Rudolf
Hirzel in seinemWerk 'Untersuchungen zu Ciceros philosophischen Schrif-
ten', 3. T., Leipzig 1883, S. 342 492 gegrundeter Widerspruch erhoben
und durch eine Zergliederung der einzelnen Biicher in hohem Grade wahr-
scheinlich gemacht worden, dafs aus formalen ebenso wie sachlichen
Grunden die Schrift eines Skeptikers und zwar eines stoisierenden Plato-
nikers als Grundlage der ganzen Ciceronischen Schrift angenommen werden
musse. Diese Quelle sei Philos l6yos xard. ydoaoylav gewesen, worin
nach den bei Stobaeus eel. eth. 40 ff. dariiber erhaltenen Notizen rait Aus-
nahme eines von Cic. ubergangenen Abschnittes dieselben Materien wie in
den Tusculanen und zwar in derselben Reihenfolge behandelt worden
seien. Fur die Benutzung eines Skeptikers spreche auch der unentschiedene
philosophische Standpunkt, welchen Gic. in der ganzen Schrift an den
Tag legt, und wenn er sich ofters dem dogmatischen Standpunkte der
Stoiker zu nahern scheint, so sei dies aus der bekannten Richtung Philos
leicht zu erklaren, wahrend gleichwohl die wesentlichen Grundanschau-
ungen der Stoa nirgends zur Anerkennung gelangt seien. Dabei durfe
allerdings nicht ubersehen werden, dafs Cic. manche Gedanken, die er
nicht bei Philo, sondern schon fruher bei anderen gefunden, seinem Werke
aus dem Gedachtnis einverleibt habe. Fur diese Hypothese spricht in
der That auch der Umstand, dafs Cic. in der 2. Periode seiner philo-
sophischen Schriftstellerei sich wieder ganz dem genannten Philosophen
zugewendet hatte.



12 EINLE1TUNG.

erledigen, sich anzueignen versucht. Dies ist ihm aber, als gebo-
renem Redner, im Vergleich mil Plato nur sehr mangelhaft gelun-
gen, indem nach dem einleitenden ZwiegesprSche die Hauptper-
son (der Magister) in zusammenhangendem Vortrage die Sache
weiterfiihrt und nur bei Erreichung eines Abschnittes mil dem
Auditor einige Worte iiber das Gesagte und Uber das Nachfol-
gende zu wechseln pflegt. Vgl. auch die Anm. zu I. 4, 8.

Die Tusculanen sind, wie schon bemerkt, nicht eigentlich
wissenschaftlich, sondern popular gehalten, auch nicht frei von
Inkonsequenzen, aber reich an trefflichen Gedanken und Lebens-
regeln. Die Sprache nimmt nur bier und da, wo die Erhabenheit
desStoflesden Verfassermachtigergreift, einen hoheren Schwung;
im ganzen ist sie die ungezwungene gebildete Umgangssprache.
Sie ist selbst nicht frei von Spuren der Eile und Flilchtigkeit, was
freilich bei der Kiirze der Zeit und unter den Umstandeu, unter
welchen dies Werk geschrieben wurde, nicht zu verwundern ist.
Der Grundgedanke des ganzen Werkes ist dieser: Das Ziel
jedes Menschen ist ein glUckliches Leben: zur Erreichung des-
selben aber ist die Gemiilsruhe das wesentlichste Erfordernis;
folglich milssen wir dahin arbeiten, dafs all unser Empfinden
und Begehren der Vernunft sich unterordne, und alles zu besei-
tigen sucben, was unsere Gemiitsruhe storen kOnnte. Daher
beka'mpft Cicero *) im 1. Buche die Furcht vor dem Tode, lehrt
im 2., dafs kOrperlicher Schmerz, selbst wenn er ein tlbel ware,
vom Weisen ertragen werden kOnne und mUsse, giebt im 3. und
4. Anweisung zur (Jberwindung und Linderung des Kummers
und der tibrigen Storungen der Gemiitsruhe und zeigt endlich
im 5., dafs zu einem gliicklichen Leben die Tugend sich selbst
geniige.

Naher betrachtet ist der Inhalt der einzelneu Bucher folgender:
Im ersten Buch fuhrt Cic. in der Vorrede nach einer kurzen Bemer-
kung iiber die aufsere Veranlassung zu der Wiederaufnahme seiner
philosophischen Studien den Gedanken aus, dafs die Rcmer in alien
von den Griechen entlehnten Zweigen geistiger Bildung dieselben uber-
troffen oder wenigstens erreicht batten, sobald sie sich ernstlich
niit ihnen beschaftigten, und deutet die Absicht an, dasselbe
seinerseits in der Philosophie zu leisten, welche in der romischen Litte-
ratur bis zu seiner Zeit noch keine nennenswerte Vertretung gefun-
den habe. Zwar gebe es bereits einige lateinisch geschriebene Werke
philosophischen Inhalts, aber da dieselben wegen ihrer nachlassigen Form
in weiteren Kreisen unbekannt bleiben mufsten, so fuhle er sich da-
durch nur urn so mehr aufgefordert, auch die letztere sorgfaltig zu be-

1) s. de divin. II. 1, von wo man auch die entsprechenden Uber-
schriften der einzelnen Bucher entlehnt hat.



EINLE1TUNG. 13

rficksichtigen und durch eine gefalligere Darstellung seine Volksgenossen
fur die Philosophic empfanglich zu machen. In dieser Absicht habe er
die auf seinem Landgute bei Tusculum mil einigen Freunden gehaltenen
Unterredungen niedergeschrieben, 1 8. Nach der Vorrede wird als
Einleitung ein kurzes Zwiegesprach mit einem jungeren Freund mitge-


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