Reinhard E. Petermann.

Führer durch Dalmatien online

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Asien und Afrika liegt und durch ihre Bodenplastik in scharf gesonderte
Territorien zeriallt. Die hier autochthonen Traker, Illyrer u. s. w., waren
offenbar je weiter gegen Norden, desto mehr mit sarmatischen (urslavischen),
im Westen mit italischen (venetischen), im Siiden und iiberhaupt an den
Kusten mit griechischen, phonizischen und sonstigen orientalischen Ele-
menten vermischt.

Speciell in Dalmatien griffen, wie noch heute, schon in der Urzeit die
slavische (sarmatische) und italische Nationalitat ineinander und bereits
das alteste illyrische Volk, dessen Charakterziige von den alten Autoren so
analog denjenigen der heutigen Dalmatiner geschildert werden, war vielleicht
dem Blute nach slavisch. Nur im Bereich der Kustenstadte, wo das Idiom
der gebildeteren, herrschenden Colonen dominierte, fand starkere Vermischung
statt. Je weiter gegen das Binnenland, desto schwacher wurde die Ver-
mischung und trug nur als secundarer Factor zu der Sonderauspragung
der hier herrschenden Slavenstamme bei, welche in der Hauptsache jederzeit
durch die Natur des Landes, als eines siidlichen, dem Meer nahen Karst-
landes bedingt wird.



DIE NATIONALEN HERRSCHER. 69

Die Vorherrscliaft, welche die Kiistengebiete vermoge ihrer hohen
Cultur und ihres Reichthums, sowie vermoge ihres Riickhalts bei Rom
hatten, musste natiirlich schwinden, als Rom selbst sank und mit dem
abnehmenden Verkehr und Reichthum das Land mehr auf sich selbst an-
gewiesen war. Xun wurde die numerische tJberzahl entscheidend und unter
dem schwachen byzantinischen Regime kam die Binnenbevolkerung zu
Einfluss, die eigentliche Herrschaft aber hieng von den Machtverhaltnissen
der croatischen und ungarischen Gewalthaber ab. Schon die avarische Inva-
sion war das rohe Vorspiel des spateren TJbergreifens der magyarischen
Macht, die nachmals von der Venetianerherrschaft abgelost wurde, ahnlich
wie diese in neuester Zeit selbst wieder dem nationalen Aufschwunge der
eingeborenen slavischen Bevolkerung weiclieu musste.

Die nationalen Herrscher.

Nach dem Avarensturm erscheint wie viele Historiker sich aus-
driicken plotzlich eine neue slavisclie Bevolkerung in Dalmatian, oder
nach obiger Anschauung die Herrschaft geht von dem romisch-byzan-
tinischen Elemente auf die Croaten ilber. Nur in den Kiisteiistiidten von Zara
bis Cattaro und auf den Inselii dauert das byzantinische Dominium fort,
sie bilden das Therna Dalmata, zu dessen Hauptstadt an Stelle des zerstorten
Salona Zara gemacht wird; alles Binnenland nordlich der Narenta dagegen
heisst Croatieu und wird von croatischen Zupanen und Gross-Zupanen,
spater nationalen Konigen regiert. Vielleiclit bestand die ganze Wandlung
darin, dass Angehorige des. in der romischeii Zeit unterdruckten Volkes die
Herrschaft an sich rissen, wodann man die croatischen Konige mit einigem
Rechte als die Wiederhersteller der alten illyrischen Konigsmacht be-
trachten wilrde.

In den nachfolgenden Capiteln dieses Buches, welche den einzelnen
Landschaften Dalmatiens gewidmet sind, wird uberall auf die in vielfacher
Hinsicht so interessante Zeit der croatischen Herrscher und auch auf die
spateren Epochen ausfuhrlich Beziehung genommen. Hier mogen daher nur
die zum Verstandnis jener Detailgeschichten nothigen allgemeinen Grund-

ziige Raum finden.

*

Als das Frankenreich unter Karl dem Grossen seine grosste Aus-
dehnung erreichte, boten nicht nur die Venetianer, sondern auch die Kiisten-
Dalmatiner dem neuen westromischen Reiche ihre Unterwerfung an (805),
umsomehr als Karl seine Herrschaft auch tiber die dalmatinischen Croaten
ausgebreitet hatte. Auf Venedig und Kiisten-Dalmatien verzichtete jedoch
Karl schon 812 zugunsten des byzantinischen Kaisers Michael, wahrend
die croatischen Herzoge Borna und Ladislaus und dessen zweiter Nachfolger
Trpimir auch weiter die deutsche Oberhoheit anerkannten, wie unter anderem
daraus hervorgeht, dass die alteste croatische Urkunde, welche uns erhalten
ist ausgestellt von Trpimir 852 - nach der Regierung Kaiser Lothars
datiert.



TO ALLGEMEINES CJBER DALMATIEN.

Sild-Dalmatien und insbesondere die Eepublik Eagusa blieb indessen
factisch unabhangig und die Narentaner trieben wie damals so viele
Kiistenvolker alsbald dermassen Seerauberei, dass sich Kaiser Ludwig und
der byzantinische Kaiser Basilius zu gemeinsamer Abwehr riisteten. In der
Folge beniitzte Byzanz die Zerriittung der deutschen. Kaisermacht, uin seine
Oberhoheit uber die Narentaner sowohl als iiber die Nachkommen Trpimirs
in Croatien herzustellen, doch blieb die Abhangigkeit eine nomiiielle und schoii
Herzog Tomislav, der Sohn Muncimirs, legte sich 914 den Konigstitel bei.

Inzwischen sank die byzantinische Macht, wahrend die venetianische
dermassen stieg, dass die Dogen Peter Orseolo II. und Otto Orseolo in den
Jahren 991 1018 nicht nur die Macht der Narentaner brechen komiten,
sondern in einem Frieden mit Konig Svetoslav auch die Herrschaft iiber
das nordliche Kiisten-Dalmatien erhielten, welche sie trotz des Aufstandes
der Zaratiner im Jahre 1032 einstweilen festhielten, wahrend es Bagusa
damals gelang, seine Selbstandigkeit zu bewahren.

In den nachsten Decennien gab es unter den Slaven Dalmatiens religiose
Zerwiirfnisse wegen der Frage, ob katholische, ob cyrillische Liturgie. Doch
erhielt sich die nationale Herrschaft bei den in Nona residierenden Konigeii
Stefan (f 1052), Peter Kresimir und Svinimir, bis letzterer im Jahre 1089 starb.

Nun wandten sich die lateinisch gesinnten Stadte Venedig zu, desseri
Doge Vitale Falier den Titel Herzog von Dalmatien annahm; die Croaten
aber, an ihrer Spitze Lepa Helena, die Witwe Svinimirs, riefen Konig La-
dislaus von Ungarn herbei (den Bruder der Konigin-Witwe) und bereiteten
so die ungarische Herrschaft in Dalmatien vor, die sich unter Koloman in
den Jahren 1102 bis 1113 auch iiber Kiisten-Dalmatien von Zara bis Spalato
ausbreitete, wahrend Eagusa und Cattaro unter byzantinischem Schutze
verblieben. '

Epoche der Krietje z wisclien Ungarn und Venedig und der ungarischen Herrschaft.

Natiirlich suchteii die Venetianer das Verlorene wieder zu gewinnen
und so kam es zu jenen, das ganze XII. Jahrhundert ausfiillenden Kampfen
zwischen Venedig und Ungarn, in welchen voriibergehend unter Kaiser
Manuel, f 1180 auch Byzanz und das Haus der Nemanjiden eine Eolle
spielten. In jener Zeit (1202) ereignete sich der Uberfall und die Zerstorung
Zaras durch den auf einer Kreuzfahrt befindlichen Dogen Enrico Dandolo,
auch musste damals selbst Eagusa an seine Spitze einen, aus dem venetia-
nischen Patriziat erwahlten Grafen stellen und die Oberhoheit Venedigs
anerkennen, die in der Folge bis 1358 wahrte.

In die erste Zeit des XIII. Jahrhunderts fallen der Wiederaufbau Zaras
(unter ungarischem Schutze, obwohl die Stadt alsbald an Venedig kam),



1 Diese Zeit der croatischen Dynastien in Dalmatien sucht neuestens
besonders die, iiach dem alten, zwischen Spalato und Trau gelegenen Konigs-
sitze Bihac, genannte Gesellschaft aufzuhellen, Avelche eine Eevue fur croa-
tische Archaologie veroffentlicht. Auch besteht zu Knin ein, speciell dieser
Epoche gewidmetes Museum.



EPOCHE DER KRIEGE ZWISCHEN UNGARN UNO VENEDIG ETC. 71

sowie die Unruheii der seerauberischen Almissaner und der Mongolensturm
(1242), welcher sicli bis Cattaro und Durazzo erstreckte.

Kaum war die Mongolen-Invasion vorttber, so erneuerten sich die Kampfe
zwischeii Ungarn iind Venedig, auch gab es Grenzzwiste zwischen Trau
und Spalato, welche Bela IV. auf dem Landtage zu Vrana nur voriibergehend
beilegte, und als endlicli zwischen beiden Stadten Eulie war, tauchten schon
die Thronstreitigkeiten zwischen Andreas III. von Ungarn und Karl II.
von Neapel auf, in welchen die berilhmten Subic, Grafen von Bribir die
Rolle der Konigsmacher spielten und bewirkteii, dass nach dem Erloschen
der Arpaden (1301) Karl Robert von Anjou erst in Dalmatian festen Fuss
fassen und 1309 die Krone Ungarns erlangen konnte.

Trotzdem gieng fur Ungarn bald das kiistenlandische Dalmatien an
Venedig verloren, wahrend sich in Croatien die einander befehdenden
Grossen die Bribir, die Grafen von Corbavia. die Frangipani (Fraiikopan),
die Grafen von Veglia und Nilipic, die Grafen von Knin - so gut wie
unabhangig von Ungarn ftihlten, aber einen neuen Gegner an dem bosnischen
Banus Stelan Kotromanovic fanden, der auch mit dem Nemanjiden
Dusan I. von Serbien in Krieg gerieth.

Der machtige Aiifschwung Ungarns unter Ludwig dem Grossen brachte
in den Jahren 1355 bis 1358 ganz Dalmatien von Zara bis Cattaro unter
Ungarns Scepter, nach Ludwigs Tode aber begannen neuerdings Parteiungen
im Lande und einer Fraction, welche auf Seite des Kronpriitendeiiten
Karl des Kleinen von Neapel stand, gelang es sogar, die "Witwe und die Tochter
Ludwigs (Maria) in ihre Gewalt zu bekommen, und erstere in Kovigrad zu
ermordeii. Wahrend dieser Zwiste herrschte in Dalmatien factisch Konig
Tvrtko von Bosnien und auch nach dessen 1391 erfolgtem Tode gelang es
Konig Sigismund von Ungarn nicht mehr, gegen die Venetianer durch-
zugreifen, welchen Ladislaus von Neapel, Karls des Kleinen Sohn, seine
Anspriiche auf Dalmatien abgetreten hatte. Venedig erwarb vielmehr in
den Jahren 1413 bis 1420 - - das ganze dalmatinische Klistengebiet (der
friedliche ,,Acquisto vecchio") bis auf das Litorale der Narenta, das zu
Chulmien gehorte, und Ragusas, das sich erst unter Ungarns Schutz, seit
1467 aber unter den Tiirken, denen man Tribut zahlte, unabhangig erhielt
und gerade in dieser Zeit zu seinem hochsten Glanze emporstieg.

Die venetianisehe Zeit.

Venedig, das 1479 mit Sultan Mahmud Frieden geschlossen und 1481
von dem Sohne Stefan Kosafias das Primorje von Makarska und das Narenta-
gebiet abgetreten erhielt, erklarte damals alle Vertrage der dalmatinischen
Stadte mit den Handels-Emporien des ostlichen Mittelmeeres fur nichtig und
nur jene Abmachungen traten in Rechtskraft, welche von Venedig unter-
zeichnet waren. Ragusa gab nun den Handel mit der Levante auf und
widmete sich fortaii jenem mit den Kitsten Italiens und Spaniens, wahrend
die anderen dalmatinischen Stadte auf den Kustenhandel und auf die Auf-



72 ALLGEMEINES USER DALMATIEN.

gabe beschrankt blieben, den hauslichen Herd gegen die ttirkischen See-
rauber zu schiitzen.

Zu der Plage der letzteren, die besonders in Albanien ihre Schlupf-
winkel batten, gesellten sich nun aber noch die Einfalle der Sandschaks
von Bosna und Mostar, die bald im Kampfe gegen Venedig, bald gegen
Ungarn von 1497 an Croatien und Dalmatien zu drangsalieren begannen.
Allerdings weckten diese Angriffe das croatische Heldenthum und die
Geschichte hatte Tbaten zu verzeichnen, wie die rubmvollen Vertheidigungen
von Knin (1522) und Clissa (1522 und 1537). Schliesslich siegte jedoch die
tiirkische Ubermacht und 1537, acht Jahre nachdem die Tiirken zum ersten
Mai vor Wien standen, fiel Clissa. so dass die Tiirkenmacht nun fast vor
den Mauern von Spalato bielt.

Die Neuzeit batte also fur Dalmatien mit bitteren Leiden begonnen
und diese stabilisierten sich in der Folge sogar fiir langere Zeit, da Venedig
ungliicklich gegen die Tiirken kampfte und gezwungen war, das binnen-
landische Dalmatien an den Sultan abzutreten. Jene einzige Periode in der
Geschichte des Landes begann, wo ein Pascha auf Clissa seinen Sitz hatte
und von dort aus das neue Sandschakat verwaltete, wahrend sich da und
dort tiirkische Moscheen erhoben, die aber heute bis auf die Moscheeruine
in Drni und einige Spuren des islamitischen Cultus in der Festung Clissa
verschwunden sind.

Im folgenden Jahrhundert stand die Tiirkenmacht in ihrem Zenithe
und Venedig hiitete sich seit 1573, mit dem Halbmond anzubinden. Clissa
aber blieb noch eine Weile als dalmatinisches Troja viel umstritten. 1596
eroberten es vorubergehend die Osterreicher und auch in der ersten Halfte
des XVII. Jahrhunderts stellte sich nur ein verhaltnismassiger Frieden im
Lande ein. Doch begannen um die Mitte des XVII. Jahrhunderts bereits
von Dalmatien aus jene Kampfe gegen den Islam, welche dessen Medergang
einleiten sollten. Wieder giengen die Tiirken angriffsweise vor, indem der
Pascha von Bosnien 1646 vor Novigrad riickte. Allein in dem venetianischen
General Foscolo fand er einen tapfern Gegner und 1648 waren ausser anderen
Orten auch die wichtigen Festungen Knin und Clissa im Besitze der Vene-
tianer, welche speciell Clissa auch in den folgenden Kampfen behielten.
Gegen Ende des XVII. Jahrhunderts war die Aufgabe, die Tiirkenmacht
radical zu brechen, auf Osterreich iibergegangen, das nachdem es 1683
mit Noth den Feind aus seiner Hauptstadt Wien abgewehrt schon wenige
Jahre spater die stolze Genugthuung erlebte, den Prinzen Eugen siegreich
durch Ungarn bis in das Land des Feindes selbst vordringen zu sehen.
Gleichzeitig operierten auch die Venetianer oder besser gesagt, die unter
venetianischem Oberbefehl fechtenden Croaten und Dalmatiner siegreich
und begannen den Kampf auf bosnisch-hercegovinisches Gebiet hiniiber-
zuspielen.

Im Karlowitzer Frieden (1699) erhielten die Venetianer zu ihrem alten
Kiistenbesitze, dem Acquisto vecchio, die Acquisto nuovo genannten, land-
einwarts gelegenen Gebiete und die neue Grenze verlief nun von Knin liber



EPOCHE DER KRIEGE ZWISCHEN UNGARN UNO VENEDIG ETC. 73

Vrlika. Sinj, Zadvarje (Duare), Vrgorac, (3itluk, und von der Sutorina iiber
Castelnuovo und Risano nach Cattaro.

Nochmals griff die Tiirkei zu den Waffen, doch behielten der Kaiser
und Venedig abermals die Oberhand mid der Sultan musste sich zu neuerlichen
Abtretungeii verstehen, welche als Acquisto nuovissimo jene Grenzen
von Venetianisch-Dalmatien herstellten, die in der folgenden Friedensperiode
bis 1797 nicht mehr verandert warden.

Venetianisch-Dalmatien umfasste seither, ausgenonimen Kagusa und
Spizza, das ganze, durcli die Enclaven von Klek und Sutorina in drei Theile
gesonderte Gebiet, aus welchem lieute das Konigreich Dalmatien. besteht.
Leider war das alternde Yenedig nicht imstande, in dem entvolkerten
Binnen-Dalmatien, wo die bestandigen Kriege des XVI. und XVII. Jahr-
hunderts das Volk auf em tiefe.s Xiveau herabgebracht hatten, einen ener-
gischeu Aufschwung ins "\Verk zu setzen. Eiiizelne Anlitufe zur Besserung
wurden zwar von den. das Land verwaltenden General-Provveditoren gemacht,
allein dabei blieb es auch bis gegeii Elide des XVIII. Jahrlmnderts, bis
das Vorgehen Napoleons gegeii Venedig in Dalmatien ein neues Aufwallen
der Geister und Gemiitlier hervorrief.

Wie anderwarts gab es damals in den dalmatinischen Stiidten An-
hiinger der neuen Ideen (Jakobiner) und Vertheidiger des Alten, die an
Venedig hiengen, ein Gegensatz, der in Spalato, Trail und Sebenico zu
ernstlicheu Unruhen fiihrte und gewissermassen die Einleitung zu dem
grossen Ereignisse bildete, als welches sich der Fall Venedigs fiir das Adria-
gebiet darstellt.

Erste 6sterreiehische Periode.
(17971805.)

Durch den Tractat von Passerine waren Venedig, Istrien und Dalmatien
an Osterreich gekommen und schon am 5. Juli 1797 traf General Eukavina
mit einem Occupationscorps von 4000 Mann in Zara ein, von wo die Besitz-
ergreifung des Landes bis zu den Grenzen Ragusas ohne Schwierigkeit noch
im Juli vor sich gieng.

Auch in der Bocche hatte sich nach einigen Erorterungen mit dem
montenegrinischen Metropoliten Peter I. und dem franzosischen Contre-
admiral Bruyes, der bei Calamotta vor Anker lag, die Besitzergreifung
anfangs October vollzogen und die osterreichische Eegierung konnte nun
daran deiiken, das Land unter einen Civilgouverneur zu stellen (Graf
Thun) und seine culturelle Hebung in Angriff zu nehmen. Noch war
man aber in den ersten Anfangen und kampfte mit den mannigialtigen
Schwierigkeiten, welche unter Anderen durch grosse, von den Venetianern
ertheilte Privilegien hervorgerufen wurden (siehe Poljica), da machte der
Pressburger Friede (1805) der osterreichischen Herrschaft in Dalmatien ein
Ende und es ruckten im Februar 1806 die Franzosen ein.



74 ALLGEMEINES USER DALMATIEN.

Die Franzosenzeit.
(18061814.)

Gegen die Franzosen kampften damals auch die Russen und hatten
sich in der Bocche festgesetzt, wo es zu Zusammenstossen kain, unter
welchen von Mai bis Juli 1806 besonders Ragusa zu leiden hatte, bis es
am 5. Juli 1806 in die Gewalt des franzosischen Generals Molitor fiel. Jetzt
iibertrug Napoleon dem General Marmont das Obercommaiido in Dalmatien
und ernannte zum Chef der Civilverwaltung jenen verdienten v. Dandolo, 1
von welchem das im Capitel Literatur iiber Dalmatien erwahnte Promemoria
iiber die Verhaltnisse Dalmatiens im Jahre 1806 herrtihrte.

Inzwischen hatten die zur See fortkampfenden Russen den Widerwilleii
der Dalmatiner gegen die franzosische Herrschaft geschlirt, bis es im Juni
1807 zu Aufstanden in der Poljica kam (siehe den Abschnitt Poljica),
welche die Franzosen mit einiger Harte unterdriickten, worauf die Grafschaft
unter die Bezirke Spalato, Sinj und Almissa aufgetheilt wurde.

Der Kampf mit Russland endete im Tilsiter Frieden mit dem Verzicht
der Russen auf die Boccke und da Marmont am 31. August 1808 auch die
Republik Ragusa fiir erloschen erklart hatte, befand sich nun Frankreich
im Besitz von ganz Dalmatien bis auf Lissa, welche Insel gleich Lussin
von den Englandern besetzt gehalten wurde.

Sowohl Marmont " als Dandolo waren eifrig bemiiht, Dalmatien zu
heben und hinterliessen so viele Spuren ihrer Wirksamkeit Marmont
besonders einige Strassen, welche er der, durch die Englander gestorten
Seeverbindungen wegen bauen niusste dass Kaiser Franz, als er 1818
Dalmatien bereiste, erstaunt war, auf seine Fragen, wer dies oder jenes
geschaffen habe, immer wieder zu horen: ,,Die Franzosen, Majestat". Der
Monarch, der sich im gewohnlichen Verkehr der wienerischen Aussprache
bediente, soil damals geaussert haben: ,,Wirklich schad', dass s' (die Fran-
zosen) nit langer blieben sein !"

In dem grossen Kriege von 1809 errangen die Osterreicher, unterstiitzt
von den Dalmatinern, die sich ahnlich den Tirolern unter Andreas Hofer
erhoben hatten, wesentliche Erfolge und besetzten schliesslich bis auf die
Festungen Zara, Knin und Clissa ganz Dalmatien bis zur Cetina. Der
Schonbrunner Frieden liess jedoch Istrien und Dalmatien in den Handen
der Franzosen, welche nun die quarnerischen Inseln mit Istrien vereinigten,
Dalmatien, Ragusa und die Bocche aber, welche bisher einen Bestandtheil
des Konigreiches Italien gebildet hatten, dem Generalgouvernement Illyrien
zuschlugen.

Jetzt, mit dem Scheiden Dandolos begann fiir Dalmatien eine traurige
Zeit. Driickende Abgaben wurden eingefiihrt, so dass Scharen Landvolkes
iiber die Grenzen fliichteten und zugleich hemmten die Englander den See-
verkehr und brachten den Franzosen am 12. Marz 1812 zwischen Lesina
und Lissa eine arge Niederlage bei.

Dandolo war nicht ein Sprosse des beruhmteii Patriciergeschlechtes
dieses Namens, sondern ein einfacher Burger (Apotheker in Venedig).



EPOCHE DER KRIEGE ZWISCHEN UNGARN UNO VENEDIG ETC. 75

Im Jahre 1813 giengen mit den glilcklichen Kampfen der Verbiindeten
auch rasch zu Erfolg fiihrende Operationen der Osterreicher in Dalmatien
parallel. Schon am 6. December brachte General Tomaic, dem sich kurz
vorher Knin ergeben hatte, Zara zur Capitulation. Am 19. Janner 1814 zog
General Milutiiiovic in Ragusa eiu uiid am 8. Juni fiel auch Castelnuovo,
welches die Englander den Franzosen abgenommen und an Montenegro
libergebeu batten, in die Hande des Generals, der am 12. Juni mit der
Einnahme Cattaros die zweite Occupation der Bocche durch die Osterreicher
vollendet hatte.

Noch einmal regte sich in Ragusa der Geist der Bepublik, der "Wiener
Frieden aber befestigte die Herrschaft der Osterreicher in ganz Dalmatien,
dessen verschiedene Theile 18K) zu einem Konigreich vereinigt und in die
vier Kreise Zara. Spalato, Eagusa und Cattaro eingetheilt wurden.

Osterreiehisehe Herrschaft.

i;Seit 1818.)

Seither ist Dalmatien bestandig unter osterreichischer Herrschaft und
konnte sich auch einer durchaus friedlichen Entwicklung erfreuen, welche
besonders in neuester Zeit, seit das croatische Element zur Vorherrschaft
gelangt ist, auch der wirtschaftlicheii und culturellen Hel>ung der breiten
Volksschichten zua-ute kommt.



IV. Von Truest (bezuu. Pola) naeh



Vom Karst herab.

Zu den. grossartigsten Momenten der Siidenfahrt werden
wohl immer jene gehoren, wenn man von den Karsthohen in
die gesegneten Mediterrangefilde herniederfahrt, die sicli im
Bogen urn Triest herum zur Adria senken. In friiherer Zeit,
als man noch zu Fuss oder Wagen reiste, war es eine unver-
briichliche Ubung aller Triestreisenden, im gegebenen Momente
von der Reichsstrasse abzubiegen und den Obcinahiigel hinan-
zusteigen, wo sich der erste Seeblick erschliesst, und wo man
1830 den vielgenannten Obelisken errichtete, dem spater das
jetzt von den Triester Ausfliiglern gern besuchte Obcinahotel
folgte. Heute fahrt man mit der Eisenbahn und nimmt sich
selten die Zeit, die Fahrt vor Triest zu unterbrechen. Man
ist gewolint im Fluge zu geniessen und findet auch vom Coupe
aus genug Augenweide.

Von der fialtestelle Obcina an (27 Kilometer vor Triest)
haben wir noch eine Weile die mannigfachen Formen des Karst-
terrains zur Rechten und Linken. Niederwaldchen, die besonders
in den Dolinen aus Eichen bestehen, wechseln mit von Stein-
mauerchen umfriedeten Gras- oder Gretreideflachen und mit un-
cultivierten Strecken, wo noch tausende, von Wacholderbiischen
umgriinte Gesteinscherben aus dem Boden ragen. Aber schon
treten, den Stiden andeutend ? einzelne Weingartchen auf, wir
erhaschen einige Fernblicke auf die weite Niederung bei Mon-
falcone und plotzlich saust der Zug hallend in ein Defile
senkrechter Felsmauern, wobei er zugleich scharf aus der
bisherigen Nordwestrichtung nach Siidosten abbiegt. "Wie durch



IN TRIEST. <i

einen Zauberschlag 1st jetzt die ganze Scenerie rings verandert
und der R-eisende auf ein Gehange versetzt, das zur Rechten
tief gegen die Adria abstiirzt, die mit eineinmale in Erscheinnng
getreten ist und ihre blaue Fluten in uniibersehbare Fernen
wellt. Wie eine Karte ist vor uns die Lagunenniederung
erschlossen, iiber welche der weisse Kirchthurm von Aquileja
aufragt, unmittelbar miter der rascli niedersteigeiideii und zahl-
reiche Schluchten iibersetzenden Bahii aber selien wir das
Karstgeklippe allmahlich verschwinden mid Gehangen aus
weicherem Gestein Platz maclien. die anfangs mit hellen See-
strandkiefern, dann mit Olivenbaumeii mid schliesslich mit
Weinculturen bedeckt sind. An Miramar fahreii wir iioch in
ziemlicher Hohe vorliber (links oben haben wir hier das \veiii-
beriihnite Prosecco) , erst beim Seebad Barcola, ' eiiiem in "Wein-
gartchen gebetteten Yilleiistadtchen bei Triest, seiikt sich die
Trace naher zum Meeresspiegel. naclidem langst die Osttheile
von Triest mit den gegen Istrien gelegenen Bucliten in Sicht
gekommen sind. Noch einmal verschwindet dann das Bild, um
vollstandiger wieder aufzutauchen, mit seinem vom Leuchtthurm
iiberragten Hafengetriebe. dem Buchtenhintergrunde bis Pirano
und dem amphitheatralisch am Gehange ansteigenden Hausermeer,
das sich schon von Feme gesehen in den modernen Kiistentheil
mit grossraumigen Strassen und stattlichen hellen Hauserblocks
und in die zum Castell ansteigende Altstadt sondert.

"Wenige Minuten spater halt der Zug am Nordende der Stadt
und wir treten in die Anlagen vor dem Bahnhof hinaus, wo sich
das zur Erinnerung an die 500jahrige Zugehorigkeit Triests zu
Osten-eich von den Triester Bilrgern errichtete und von dem
beriihniten dalmatinischen Bildhauer J. R e 11 d i 6 ausgefuhrte
Denkmal erhebt.

In Triest (Trieste, Trst).

Wenden wir uns vom Bahnhofe rechts (westlich), so kommen
wir zum Porto nuovo, dessen machtige Moli durch eineii gewal-
tigen Wellenbrecher geschtitzt und vom Bahnhofe durch die
Entrepots des Freihafengebiets getrennt sind. Gehen wir links,



1 Hier ostlich ober uns in 397 Meter Seehohe der Obelisk von Obcina.



78



VON TRIEST (BEZW. POLA) NACH ZARA.



so fiihrt uns die Via Pauliana und weiter die Strada vecchia
bergauf nach Obcina; schlagen wir aber die geradeaus siidlich
fiihrende Strasse ein und folgen hier der von Miramar kommenden
Tramway, so leitet uns diese durch die Via della Stazione, wo
man den interessanten Triester Fischmarkt besichtigen kann,
in die, auch von der istrianischen Bahn durchzogene Rlva, langs
des alten Hafens (Porto vecchio), deren Durchwanderung uns
nicht nur die ganze , gegen Westen schauende Meerfront Triests
enthiillt, sondern auch mittelst einer Reihe kurzer Abstecher nach
links die bedeutendsten Bauwerke Triests vor Augen fiihrt.




TRIEST.

Wir passieren den 6 Meter breiten Canal Grande, der sich
500 Schritte weit in die breiten modern en Prachtstrassen der



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