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Ferdinand Apell.

Geschichte der Befestigung von Strassburg i.E. vom Wiederaufbau der Stadt nach der Völkerwanderung bis zum Jahre 1681 online

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gestellt bleiben, ob in der Nische oberhalb des Schiessloches noch ein
Schlitz fur Biichsenschiitzen oder zur Beobachtung angebracht war,
wie wir es beim Vorbau des Weissthurmthores gesehen haben, da
eine Beobachtung neben dem Geschiitzrohr vorbei, des geringen
Durchmessers des Schiessloches wegen, nicht wohl moglich war.
Andernfalls hiitte die fast 2 m hohe Nische wenig Zweck gehabt. Die
Ueberwolbungen der Winkel zwischen vStreichwehr und Ringmauer be-
sassen offenbar urspriinglich Gusslocher, sogenannte Pcchnasen, um
ein Festsetzen des Mineurs in diesen sonst von keiner Stelle emge-
sehenen Winkeln unmoglich machen zu konnen. Heute sieht man nichts
mehr davon, es ist aber doch kaum einem Zweifel unterworfen, dass
die Ueberwolbungen diesen Zweck, wenn audi vielleicht nur neben-
bei, verfolgten. Dienten sie auch zur unmittelbaren Verbindung des
Wehrganges der Ringmauer mit der Platiform der Streichwehr, die
sonst der hintergelegene Thurm unterbrochen hatte, so ist doch
auch nicht anzunehmen, dass man die so zweckmassige und dabei
hochst einfache Anbringung der Gusslocher unterlassen haben sollte.
Es ist gewiss eine wohlbegriindete Annahme, wenn wir die Ueber-
wolbung der Mauerwinkel mit auf die Absicht, Gusslocher anzu-
bringen, zuriickfiihren, denn eine Verbindung nach der Plattform
hiitte auch von dem hintergelegenen Thurm aus hergestellt Averden
konnen.

Die Besorgnis» vor einer Belagerung durch Herzog Karl den
Kiihnen von Burgund, veranlasste die Stadt in den Jahren 1475 und



BAU DES HALBACHTECKIGEN THURMES AM SPITAL. 65

1476 zu umfassenden Sicherungsmassregeln, \) von denen uns an dieser
Stelle nur die baulichen Massnahmen zur Verstarkung der Stadt-
befestigung- interessiren. Eine schwache Stelle der letzteren bildete
jedenfalls der Abschnitt zwischen 111 und ^^letzgerthor, der ohne Zwinger
geblieben war, -i dann aber auch die Gegend bei St. Clara im Worth,
St. Stephan gegeniiber, wo die Kehle der Krutenau vollig bloslag. An
beiden Stellen war eine Verbesserung und Verstarkung dringendgeboten.
In erster Linie schritt man dazu, den Zwinger von der 111 bis
zum Metzgerthor durchzufiihren, selbstredend in einer den vollig ver-
iinderten \'erhaltnissen entsprechenden Gestalt. Nicht nur, dass der
neue Zwinger viel breiter als der alte gemacht wurde, weil man hinter
seiner Mauer den aus dem Graben gewonnenen Boden zu A\';Ulen an-
schiittete, sondern man gab ihm auch eine niedere Grabenhestreichung,
die dem alten Zwinger vollig fehlte. AMr haben hier also den ersten
Strassburger Neubau, welcher den Pulvergeschiitzen damaliger Zeit
nach jeder Richtung Rechnung trug. Wer sein Urheber war, geht aus
den Akten des Stadtarchivs nicht hervor, wir diirfen aber schliessen,
dass der Bau den Erwiigungen der im Dienste der Stadt stehenden
obersten Kriegsleute entsprungen ist. Als solche werden uns bei
anderer Gelegenheit Hans v. Kageneck, Philipp v. Miillenheim und
Hans V. Berse (Borsch), Friedrich und Jacob Bock, Bechtold Offenburg,
Friedrich v. Fleckenstein, Hermann v. Eptingen, Gerhard v. Hochfelden,
Melchior v. Horneck, Walther w Thann, Peter Rott, Andreas v. Schellen-
berg genannt, -^ ■ denen jedenfalls die praktischen Baumeister, insbesondere
der Stadtmaurcrmeister zur Seite standen. Bei der gebotenen Eile
beschrankte man sich vorlaufig darauf, den Graben auszuheben und,
was zwar nicht ausdriicklich gesagt wird, aber selbstverstandlich ist,
den Boden dahinter in einen Wall zu karren. Man begann damit
am Dienstag vor St. Katharinentag (Mitte Novemben 147v") und beendete
die Arbeit um Mitttasten 1476, bei einer Arbeiterzahl von taglich
800 IMann. Die Gesammtkosten betrugen 9000 Gld. oder pro Mann



*) Eine officielle Darstellung, betitelt: ,,Bericht was bei der Stadt Strassburg unter
wahrendem Burgundischen Krieg in Anno 1475 und 1476 vorgeloffen" befindet sich in mehreren
Ausfertigungen im Strassburger Stadtarchiv und zwar in V, 130 und in AA. 290. Dieser
Bericht wurde fiir die Ziinfte zusammengestellt als dieselben im Jahre 1634 iiber den Umbau
der Befestigung nach den Vorschlagen Morschhausers beschliessen sollten. Es ist also un-
richtig, wenn Seyboth, D. a. Strss. 188 den Bau in die Jahre 1473— 1474 und die Futtermauer,
den Wall und die Rondele gar erst in das Jahr 1541 setzt. Den Bericht siehe Anlage Nr. 12.

2j Es ist hochst wahrscheinlich, dass dieser Theil des Zwingers seiner Zeit der un-
mittelbar vor dem Graben gelegenen Kloster, Kapellen und des Spitals wegen nicht zur
Ausfiihrung kam. Die Herstellung des Zwingers im Jahre 1475 machte dann auch deren
Beseitigung nothwendig, die nicht allein aus Riicksiclit auf die Freilegung des Vorfeldes
erfolgt sein wird.

3) Strss. Stdt. Arch. V, 67, sowie AA. 274, 290 u. 291.

V. Apell, Befestigung Strassburgs. 5



56 GESCHICHTE ])ER BEFESTIGUNG STRASSBURGS.

nnd Monat etwa 2 Gld., woneben aber zweifellos noch Naturalien oe-
liefert sein werden. Tm Friihjahre 1476 konntc man daran gehen, die
Mauern und Thtirme aufzufiihren, wann man aber diese Arbeit voll-
endete, geben die Berichte nicht an. Da eine unmittelbare Gefahr fur
Strassbiirg- nicht mehr bestand, so wird man sich nicht sonderlich
geeilt haben, und wir diirfen wohl annehmen, dass bis zur ^'olligen
Fertigstelhmg des Baues Jahr und Tag verging, vielleicht das 16. Jahr-
hundert herannahte. Besonderer Hervorhebung bedarf die Thatsache,
dass hier das erste Mai zu Strassburg ErdwiiUe zur Aufstellung von
Geschiitzen angeschiittet wurden und nicht erst im Jahre 1524, wie
Silbermann angibt und andere ihm nacherzahlen. Abgesehen davon,
dass es, wie gesagt selbstverstandlich ist, dass man den Boden, der
aus dem Graben kam, zu Wallschiittungen benutzte, die ja nichts
Neues mehr waren, bezeugt audi zu allem Ueberfluss eine kommis-
sarische Verhandlung aus dem Jahre 1519, die wir bald besprechen
werden, dass im angegebenen Jahre bereits Walle im Zwinger vor-
handen waren. Dass man sie nicht von vornherein mit den aus dem
Graben gewonnenen Boden, sondern erst spater mit Erde geschiittet
haben sollte, die man dann von anderswoher heranfuhrte, wiirde jeder
verniinftigen Handlungsweise entgegen gewesen sein und darf deshalb
nicht angenommen werden.

Die Lage der neuen Befestigung gegen die heutige Stadt ist aus
dem Stadtplan ersichtlich. Die Eintragung kann keinen Anspruch auf
mathematische Genauigkeit machen, da fiir die Uebertragung von den
alten Pliinen auf den neuen Stadtplan nur noch Avenige Anhaltspunkte
vorhanden waren, die iilteren Plane in der Lange der einzelnen Linien
u. s. w. auch vielfach von einander abweichen. Als Anhaltspunkte
fiir die Uebertragung sind oder waren lediglich die Reste des Thurmes
Scharfeneck an der 111, die jetzt auch beseitigte Kurtine 4-5 ( spater 22-21)
und die noch vorhandene Kurtine beim Spitalthor gegeben, alles
Uebrige ist abgebrochen oder steckt mit seinen Resten noch im Erd-
boden. Aus der Uebertragung auf den zeitigen Stadtplan ergibt sich,
dass die Nordostfront der Hiluser zwischen vSchwanen- und Heuvvage-
gasse auf der Mauer von 1476 stehen muss.

Was die bauliche Beschaffenheit anlangt, so giebt auch hier
wieder die Specklinsche Zeichnung von 1564 wiinschenswerthe Aus-
kunft, erganzt durch die Reste der Befestigung, die sich an der 111 bis
auf unsere Tage erh[ilten hatten, bzw. bei den neuen Universitats-
bauten im Bastion 4 ('22) zu Tage gefordert worden sind. Ueber das
was sich im Bastion 5 (21) gefunden haben muss, ist mir leider keine
Nachricht zugegangen, indess mehr als der untere Theil der Mauern
kann es ja auch nicht gewesen sein.



DER XEIE ZWIXGER ZWISCHEX ILL UXD ^[ETZGERTHOR.



67




Die aus Backsteinen erbaute Zwingermauer diente gleichzeitig;
als Bekleidungsmauer des Grabens. Ihre Dicke unterhalb des
gewachsenen Bodens betrug
nach den Funden im Bastion
4 (22) 1,50 m, oberhalb desselben
lasst sie sich auch aus den
vorhandenen Pliinen nicht mit
Sicherheit feststellen; sie wird
also ebenfalls 1,50 m oder weni-
ger stark gewesen sein. Ebenso
ist ihre Hohe liber dem ge-
wachsenen Boden nicht bekannt,
doch lasst sie sich nach der
Hohe der in der Mauer befind-
lichen Thore auf etwa 4 m
schiitzen. Oben war die Mauer
mit Zinnen und in denselben mit
Schiesslochern versehen, die sich
jedenfallsnach innenerweiterten,

um den Sc-hutzen ein grcisseres Gesichtsfeld zu gewj'ihren. Da die
Mauer mindestens 4 m hoch freistand, so bedingte dies entweder
einen Wehrgang wie bei den alten Ringmauern oder die Heranschiittung
des Walles an die Mauer. Hieriiber lassen uns sammtliche Zeichnungen
im Stich, auch die Specklinsche von 15()4, der die stiickweisen Dar-
stellungen entnommen sind.

An der Zwingermauer standen siebcn Thiirme bzw. thurmi'ihnHche
liauten, deren Hauptzweck cs war, den (iraben zu bestreichen. Der
an der 111 stehende Eckthurm, Scharfeneck benannt, bestand bereits
\'or Anlage des Zwingers, ohne dass uns sein Entstehungsjahr bekannt
ist, denn er wird schon im Geschiitzaufstellungsplan von 1474 erwahnt
und hier ,,der nuwe Snecken vor dem graben" genannt. Er war also ur-
sprtinglich ein vorgeschobenes selbstandiges Werk, wodurch seine eigen-
thumliche Gestalt zur Geniige erkliirt wird. Es war aber dies nicht der
einzige Verstarkungsbau der Siidfront vor Anlage des Zwingers, denn
wir erfahren ferner aus dem erwahnten Geschiitzaufstellungsplan, dass
auch das Elisabeth- und das Spitalthor „vorgew^ere" und ,,brustgewere"
d. h. \^orbauten besassen, die offenbar mit den unten zu erwahnenden
Thorzwingern identisch sind und nun durch den neuen Zwinger in
\^erbindung gebracht wurden und mit demselben eine zusammen-
hiingende Befestigung, innerhalb derselben aber Abschnitte bildeten.
Thurm Scharfeneck ist, wenn auch nach verschiedenen Richtungen
umgestaltet und theilweise verschiittet, bis zu Ende der siebenziger

5*



68



GESCHICHTE DER BEFKSTIOUXG STRASSBURGS.



jahre des 1*^). |;ihi-huiulcrts crhaltcn, scitdcm aber bis auf die Mauer
an der 111 weg-oebrochcn worden, doch diirfte das .Maucrwcrk unterhalb
des o-ewachsenen Bodens noch in der Erde stecken. Seine Griindriss-
gestalt war jedenfalls eine sehr eigenthumliche, die eines achtspitzigen
Sternes. dem nur die eine Spitze auf der Stadtseite fehlte. Mit dem
Zwinger in \'erbindimg gebracht, sprang er in seiner ganzen Tiefen-
ausdehnung vor die Mauer vor, sodass sich diese an seine gegen die
Stadt geriehtete Seite anschloss, war urspriinglieh mit einer Plattform
zur Geschiitzaufstellung versehen iind erhielt erst spiiter ein Dach.
Zweifellos ist er ein uber den lokalen Standpunkt hinaus interessanter
Bau. ' I Sein ehemaliges, heute versehuttetes Kellergeschoss zeigt noch
zwei Schiesslocher fur Geschiitz, dicht iiber dem Sockel gelegen, zum
Theil in denselben einschneidend und von einer wesentlich verbesserten

Gestaltung. Das eine der-

selben sieht stromauf, das

andere stromab, beide sind

in Haustein gearbeitet und

jetzt in der Schartenenge

vermauert. Hier ist das

nach oberstrom geriehtete

.Schiessloch dargestellt. In

"■ der Schartenenge kreisrund,

geht das Schiessloch nach aussen in ein flaches Recliteck mit ab-

gerundeten Seitenwangen iiber, besitzt aber in der Mitte einen rings-

umlaufenden Absatz, um Geschosse von Handrohren abzmveisen. Wir

finden hier also bereits eine Gestal-
tung der Scharten, wie sie sich, nur
wenig abgeandert, bis auf die heutige
Zeit in Deutschland erhalten hat.

Der nachste Thurm vom Scharfen-

'^ eck aus hatte eine ahnliche Grundriss-

form, jedoch nur auf der in das Vorfeld

"' gewandten Seite einen dreieckigen

Ansatz, der durch alle Stockwerke hindurchging.-) Auch dieser Thurm

sprang ganz und gar in den Graben vor und bestrich seine Vorder-

front durch den spornformigen Ansatz selbst. Urspriinglieh jedenfalls




.1




•*,(J0



ij R. Reuss wilft in den Bemerkungen zu J. ). Meyers Chronik, 165, diesen Thurm
mit dem Bollwerk zusammen, welches nach Morschhausers Entvvurf fiir die Neubefestigung
Strassburgs an der 111 erbaut wurde, aber nicht Bastion Scharfeneck, sondern Agnesen-, dann
'Illbollwerk genannt wurde, der Name Bastion Scharfeneck ist mir nirgends begegnet.

-) Es ist also unrichtig, wenn Seyboth, D. a. Strss. 165 sagt, dass nur das Scharfeneck
mit Spitzen versehen gewesen sei und alle librigen Thiirme rund gewesen wiiren.



DER XEUE ZWIXGER ZWISCHEN ILL UXD METZGERTHOR. 69

auch mit einer Phittform fiir Geschutz versehen, besass er schon zu
Specklins Zeiten ein Dach.

Die ubrigen Thurme waren anders gestaltet imd muss man wohl
annehmen, dass man aus Ersparnissrucksichten zu einer einfacheren
Form uberging, denn es lag" sonst kein Grund vor, dem socben
beschriebenen Thurm eine andere Gestalt als den ubrigen Thiirmen
zu geben, Diese waren weiter niehts als hinten offene Mauer-
vorspriinge, d. h. Streiehwehren einfaehster Art, \vie dies die beim
Bau des Anatomiegebiiudes aufgetundenen Reste eines der Thurme, des
sogenannten Miiusethurmes,') dargethan liaben. A\'enn sie iiberhaupt
hinten geschlossen waren, was unbestimmt bleibt, so kann dies hoehstens
mittels Faehwerkwiinden bewirkt worden sein, auch die Bedachung,
welche die Specklinsehe Zeiehnung von lo04 zeigt, war sieher eine
spiitere Zuthat. Im Grundriss viereekig und vorn halbkreisformig
geschlossen, sprangen sie mit den geraden Seiten 1,75 m vor die
Mauer vor, sodass auf jeder Seite nur ein kleines Gesehiitz stehen
konnte. Der den Kopf des Thurmes bildende Halbkreis hatte 7,v50 m
ausseren Durchmesser. Da die Mauerstiirke 1,10 m betrug, so war der
lichte Raum von Flanke zu Flanke nur 5,30 m, also knapp ausreieliend
fiir die beiden sieh gegentiber stehenden Streiehbuehsen. Alle fiinf Thurme
zeigen in der Speeklinschen Zeiehnung von 1564 zwei Stoekwerke,
das untere mit Schiessloehern zur Bestreiehung des Grabens, das obere
mit ebensolchen zum Feuer ins Vorfeld. Die Sehiesslocher des unteren
Stoekwerkes sind offenbar zu dicht tiber der Grabensohle bzw. dem
Wasserspiegel des Grabens angegeben, da das Stoekwerk einem Keller
gegliehen habcn w iirde und bei jedem etwas hoheren Wasserstande
tiberschwemmt worden wiire. Ein solches Kellergeschoss hat sieh bei
dem Milusethurm aber nieht gefunden, sodass wohl nur eine Fliielitigkeit
des Zeiehners bei Andeutung der Sehiesslocher vorliegt.

Hier drilngt sieh nun auch die Frage auf, welcher Art der
x\nschluss des Zwingers an den alten Zwinger am Metzgerthor gewesen
ist, ehe das aussere Metzgerthor mit seinem Bollwerk erbaut wurde,
was erst gegen die Mitte des 16. Jahrhunderts geschah. Da hieriibcr
keinerlei Andeutungen vorhanden sind, so sind wir eben lediglicli auf
\^ermuthungen angewiesen. Melleicht hat der neue Zwinger zunachst
iiberhaupt keinen Anschluss an den des Metzgerthors gehabt und mit
der Vorwehr des Spitalthores seinen Absehluss gefunden, wofiir
das Fehlen von Mauervorsprungen zwisehen Spital- und Metzgerthor
spricht. Indess ist diese Liicke doch im Jalire 1519 bereits geschlossen

*) Siehe „Eig. Bericht." Seyboth, D. a. Strss. 189, setzL hinler die Angabe, dass der
Mausethurm im Spitalbollwerk (Bastion 4) gelegen habe, ein Fragezeichen, das indess un-
begriindet ist.



70



GESCHICHTE DER BEFESTICUN'G STRASSBURGS.



o-ewesen, wie mit Sicherheit aiis ciner W'rhandlung- dieses Jahres ^) zu
fol^em ist. Wir werden annehmen diirfen, dass sich der Zwinger in
o:erader Linie bis zum :Metzgerthor fortsetzte und dass er erst nach
1519 nicht nur seine Mauerbekleidung sondern auch seine Seiten-
bestreichung in Gestalt der Streichwehr erhielt, an die sich nachmals
die Befestigung des ilusseren Metzgerthores anschloss. Der Anschluss
des Scharfenecks an die hintergelegene Stadtmauer ist noch heute in
der Mauer erhalten, die sich Kings der 111 hinzieht und mit den Insel-
wehren zusammen die Bestreichung des Flusses bewirkte. Gleichzeitig
schloss diese Mauer den Zwinger und den inneren Stadtgraben gegen
die 111 ab, verhinderte also auch das plotzliche Eindringen des Hoch-
wassers in den letzteren, das jetzt nur noch durch eine kleine Oeffnung
eintreten oder als Grundwasser aufsteigen und nicht mehr so gefahr-
Uch werden konnte wie bisher; sie diente iiberdem als Zugang zum
Scharfeneck von einer Pforte aus, die zwischen franzosischem Thurm
und Illufer durchgebrochen wurde und von der sich im Jahre 1769

noch Spuren fanden. -) Die Mauer zeigt
sieben Schiesslocher fiir Geschiitz. Das
erste derselben, niichst dem franzosischen
Thurm, steht senkrecht zur Mauer. Die
Schartenenge ist wieder kreisrund, die
aussere mit vier Absiitzen versehene Oeff-
nung aber rechteckig mit nur wenig ab-
1 '' °fj ' • gerundeten Ecken. Das ganze Schiessloch

13. ist in zwei iibereinandergelegene Haustein-

schichten eingearbeitet, heute aber in der Schartenenge vermauert,
mit der wahrscheinUch das Schiessloch abschloss,
da die Mauer bis zur Enge bereits 1,12 stark
ist und kaum viel starker gewesen sein diirfte.
3,40 m von diesem Schiessloch befindet sich das
zweite und dann folgen in Abstanden von
2,70 m von Mitte zu Mitte noch fiinf gleichgestal-
tete, sammtlich stromauf gerichtet. Das letzte
derselben ist 5,50 m vom Scharfeneck entfernt,
zwischen ihm und dem Scharfeneck aber an-
'''■ scheinend noch ein achtes vorhanden gewesen.

Ihre Gestaltung ist der des Schiessloches im Scharfeneck ahnlich,




. o,bO 1




^) Siehe Anlage Nr. i.

^) Seyboth, D. a. Strss. 165. Von einer gewolbten Briicke mit Fallgatter kann man
nicht wohl sprechen, wenn hinter der Mauer auch ein Steg befindlich war. In der Mauer
befand sich nur ein iiberwolbter Wasserdurchlass, der vom Steg aus durch ein Gatter geschlossen
werden konnte.



DER NEUE ZWINGER ZWLSCHEN ILL UND METZGERTHOR. 71

das oben beschrieben wurde, niir die Abmessungen weichen ein wenig"
da von ab.

Was den Graben des Zwingers betrifft, so steht fest, dass er nieht
von vornherein die Breite besass, welche die noch vorhandenen Zeich-
nungen angeben, vor alien Dingen ist seine Aussenboschung anfangs
nur \'on der oberen 111 bis zum Elisabeththor mit Mauerwerk bekleidet
gewesen. Dies geht aus der Verhandlung von 151^) hervor. Man hat
also offenbar in dieser Arbeit eingehalten, iihnlich wie man zu einfacheren
Thurmbauten iibergegangen ist, um die Ausgaben zu beschrilnken. Erst
im Jahre 1540 erfolgte die letzte Erweiterung des Grabens vom Elisabeth-
bis zum Metzgerthor und die Fertigstellung der gemauerten ilusseren
Grabenboschung. DieHreite des Grabens betrug nun durehweg lOOSchuh
strassburgisch oder rund 2Sm.\i

Einc besondere Sieherung besassen das Elisabeth- und das Spital-
thor durch die bereits erwiihnten Thorzwinger, welche am besten aus
den Abbildungen zu ersehen sind. Dass diese Thorzwinger schon vor x^.
Anlage des durchlautenden Zwingers xorhanden waren, bezeugt nicht
nur der erwiihnte Geschutzaufstellungsplan von 1473 74, sondern auch
der UmstJmd, dass ihre ilussere Mauer mit der neuen Zwingermauer
nicht in einer Flucht aufgefuhrt, sondern ein wenig abgesetzt war,
auch der liruch in der Mauer vor dem Elisabeththor deutet darauf hin,
dass der Thorzwinger mit der neuen Zwingermauer nicht gleichzeitig
hergestellt wurde. Wir haben es hier also ohne Zweifel mit den im
Jahre 1445 erbautcn ..bolwercken" zu thun.-j Aus den Abbildungen
sind auch die Willie zu ersehen, welche hinter der Zwingermauer
angeschiittet wurden, indessen besassen dieselben urspriinglich keine
Brustwehren, da man solche im Bedarfsfalle aus Schanzkorben herzu-
stellen pflegte. Die Willie waren also anfilnglich nichts als einfache
Erdaufwiirfe, von denen aus man mit Geschiitz ilber die vorliegende
Mauer ins Vorfeld wirken konnte. Aller Wahrscheinlichkeit nach wurde
zunilchst kein durchlaufender Wall geschiittet, sondern man begntigte
sich mit einzelnen Anschiittungen, da man nicht mehr bedurfte, aber
selbst spiiter bestand der durchlaufende Wall noch lange Zeit aus
einzelnen, durch Brticken verbundenen Stiicken, zwischen denen der
Zugang zu den Thiirmen hindurchfiihrte.

Spiitestens in dieser Periode, wahrscheinlich aber schon in die
Zeit der vierten Erweiterung, d. h. in das erste Viertel des 15. Jahr-



'j Der Zwingergraben — • wie es scheinl in seiner ganzen Ausdehnung zwisclieii 111 uniirger
und Steinstrasser Thor: „vnd was ouch vor ye der porten ein bolwercke." Es handelte sich
im Jahre 1508 also wahrscheinlich um einen Unibau des wohl bis dahin feldmassigen oder
provisorischen VVerkes.



BAU EINES BOLLWERKS VOR DEM KRONEXBURGER THOR.



73



seiner ersten Gestalt im Jahre 1511 vollendet wurde, bei Gelegenheit
seines Umbaues im Jahre 1531 zuriick.

Nach Silbermann ' ) baute man im jahre 1508 auch am Roseneck,
ohne dass er sagt, was dort gebaut worden sei. Sicher ist, dass es
keines der Bauwerke war, welche in seinem Phm X\^" bei m angegeben
sind. Silbermann hat seine ganz allgemein gehaltene Bemerkung offenbar
aus Specklins Kolektaneen-i entnommen, wo auch gesagt wird, dass
zu gleicher Zeit der laussere) Dreizehnergraben bis zum Rauscherthor-
lein hergestellt worden sei, was nach der \>rhandlung vom Jalire 1519^)
nicht zutreffend ist. Wahrscheinlich hat eine \'erwechslung mit dem
im Jahre 1510 begonnenen Bollwerk vor dem Steinstrasser Thor statt-
gefunden, das jedoch zu Specklins Zeiten bereits Avieder beseitigt worden
ist. Es bestand nur aus einer Mauer und gestattet, da es denselben
Zweck wie die runde \\'ehre vor dem Kronenburger Tli



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