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Ferdinand Apell.

Geschichte der Befestigung von Strassburg i.E. vom Wiederaufbau der Stadt nach der Völkerwanderung bis zum Jahre 1681 online

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Dreizehner-
graben mit der

Bastei am
Roseneck so-
wie der innere

Wall am

Roseneck fort- ,,.

gelassen worden, da dieselben im Jahre 1510 noch nicht vorhanden
waren. Die Erbauer des Bollwerkes waren Claus ^^^erlin und der
Junker Hans Ludwig von Rotweil. Anschliessend an die beiden Bauten
vor dem Steinstrasser und Kronenburger Thor wurde im jahre 1511




'} Silbermann 93. Audi Seybuili, D. a. Strss. 256 wiilt liier alles bunt durclieinander.
Man wird im Verlaufe meiner Darslellung sehen, wie sicli die Bauten am Roseneck und
Steinstrasser Thor nach und nach entwickelten.

*) Fragm. Speckh'n 2200.

^) Anlage Nr. i.



74 GESCHICHTE DER BEFESTIGUN'G STRASSBURGS.

die iiussere Grabenboschung^ vom Rosencck bis Lug-ins-Land, also
vor der ganzen ^^\^stf^ont, mit jNIauerwerk bekleidet, in dem schr
trockenen Sommer des Jahres lolo aber der Graben um die Ivrutenau
erweitert, bei welcher Arbeit 1200 Mann zwolf Woelien king tlifitig
waren. Man gab jedem Arbeiter tiiglich einen Schilling, wie gewohn-
lich aber wohl auch Naturalien. Nach Imlin') wurde diese Arbeit sogar
bis zLim Elisabeththor aiisgedehnt.

1) Imlin, 25.



II. Zeitraum.

Vom Jahre 1519 bis zum Jahre 1681.



I . A b s c h n i 1 1.

Im vony,cn Abschnitte wurde erw;ihnl, class die Fortschritte der
Artillerie bereits um die Mitte des 15, Jahrhunderts einen gewissen
Einfluss auf die Gestaltung" der Befestigung' auszuiiben begannen, wir
haben dann gesehen, in welcher ^^'eise man zu Strassburg dem neuen
Katnpfmittel bei einzelnen Xeu- und Umbauten Rechnung zu tragen
suchte. Indess war es doch erst die weitere VervoUkommnung der
Geschiitze in der zweiten Halfte des 15. Jahrhunderts, insbesondere
durch Erfindung der Schildzapfen und durch die allgemeine Einfiihrung
der eisernen Kugeln, welche zu einer durchgreifenden Aenderung der
Befestigungsformen zwang. So stossen wir denn zu Anfang des 16. Jahr-
hunderts Liberall auf das Bestreben, die Befestigungen den neuen Ver-
haltnissen anzupassen, '; dem auch Strassburg sich nicht entziehen
konnte. Es ist deshalb von grossem Werthe, dass uns die \"erhandlung
eines Ausschusses erhalten ist, den das Kollegium der Dreizehner —
„die verordneten Kriegsherren" — im Jahre 1519 niedersetzte, um den
Zustand der Befestigung Strassburgs zu priifen und Verbesserungs-
vorschlage zu machen, die dann auch alsbald, wenn auch nur nach
und nach, ins Werk gesetzt wurden und eine ganz bedeutende Bau-
thatigkeit zur Folge hatten.

Der vom Ausschuss erstattete Bericht wird in den Anlagen-i zum
ersten Male veroffentlicht. Er lernt uns zunachst die Mitglieder des
Ausschusses kennen. An ihrer Spitze standen zwei Bauherren, Bern-
hard Wormsser und Claus Milnch, wohl Mitglieder des Rathes der



*) Es soil hier nur an jeiie \'ei"sammlung von Kriegs- und Bauleulen erinnerl werden,
welche der streitbare Papst Julius II. berief, um unter dem Vorsitze des beriihmten Herzogs
von Urbino zu berathen, mit welchen Mitteln die Befestigungen der italienischen Stadte dem
Pulvergeschiilz gegeniiber widerstandsfahiger gemacht werden konnten.

2) Siehe Nr. i der Anlagen.



76 GESCHICHTE DER BEFESTIGUXG STRASSBURGS.

Dreizehn, ersterer Ritter imd eine hervorragende Personlichkeit, die
auch zu diplomatischen Sendungen verwendet wurde. ') Ihnen waren
kriegserfahrene sowie technisch gebildete Manner beigegeben, deren
Namen durch die \^erhandlung ebenfalls auf die Nachwelt gekommen
sind: Hans von Matzenheim, Ritter,') Jorg Buchsener, Ritter, ^i Kaspar
Wolff und :\[eister Jorg der Biichsengiesser, der Stadtlohnherr Hierony-
mus AWist, der wohl die okonomischen Interessen vertreten sollte.
jorg Brenner der Stiidtzimmermeister und Bernhard von Wurmbs,
Stadtmaurermeister, alsdann der Werkmeister des Hohen Stiffs ( Munstersj
Jacob von Landshut, Jacob von Olweltingen, Zimmermann auf dem
Buchsenhof, Jacob von Auenheim der Bruckenmeister, sowie Midliart
der Zimmermann und Stadtwerkmeister,|) im Ganzen dreizehn Per-
sonen. Aucli bei iliren Beratliungen trat, wie in alien Uebergangszeiten,
dieselbe Erscheinung zu Tage, dass ein Theil den Augenblick fur
durchgreifende Aenderungen noch nicht gekommen giaubte und sich
im Nothfalle mit kleinen Mitteln zu behelfen gedachte, wiihrend der
andere Theil, in die Zukunft schauend, schon zeitig Hand ans Werk
legen wollte, um alien Gefahren vorzubeugen. Wir werden sehen,
dass der Rath der Stadt die goldene Mittelstrasse einschlug, eine nicht
unweise Massregel, dji er die neuen Ideen erst ausreifen liess und seinen
Sackel schonte.

Wenn in dem Berichte des Ausschusses auch einiges dunkel
bleibt Oder verschieden gedeutet werden kann, so lassen sich aus dem-

1) Bernhard VVormsser oder Wurmser wurde im Jahre 1523 mit den Abgeordneten
von Niirnberg, Augsburg und Metz zu Kaiser Karl V. nach Spanien gesandt (Imlin^ 29, auch
Fragm. Wencker 3018); im Jahre 1539 ging er mit Martin Betscholt an den lothringischen
Hof nach Nancy, um wegen des Todes der Herzogin „das leid zu klagen^' (Imlin 63). Er
war nach B. Hertzog VIII, 93 ff. in den Jahren 1520 bis 1540 zwolfmal Stettmeister. Die
Wurmser waren ein ausgebreitetes adeliges Geschlecht des Unterelsass, dem auch der kaiserl.
osterreichische Feldmarschallleutnant, bekannt aus dem siebenjahrigen Kriege und dem
franzosischen Revolutionskriege, angehorte.

2j Die von Matzenheim zahlten ebenfalls zum unterelsassischen Adel und sind jetzt
ausgestorben. B. Hertzog VI, 193.

■^) Die Buhssener, Bussener, Buchsener u. s. w. gehorten dem Strassburger Fatriziat an
(Strss. G. u. H. N. v. 1888, 103). B. Hertzog VI, 238 fiihrt verschiedene AngehGrige dieses
Geschlechts mit Vornamen auf, Jorg B. befindet sich jedoch nicht darunter.

*) Mit „Werk" bezeichnete man zu Strassburg, und wohl auch anderwarts, die Wurf-
maschinen, mit welchen Steine, Koth und Feuerwerkskorper in einen belagerten Platz ge-
schleudert wurden; der Handwerker, ein Zimmermann, welcher sie baute und bediente, war
der Stadtwerkmeister. Dieser Titel hat also nichts mit dem Stadtmaurermeister oder Stadt-
zimmermeister zu thun und ist offenbar beibehalten worden als der Betreffende schon langst
keine Wurfmaschinen mehr baute und bediente. Was seine Beschaftigung nunmehr war, ver-
mag ich zur Zeit nicht mit Bestimmtheit anzugeben, auf jeden Fall sorgte er aber fur irgend
welches Kriegsgeriith, wahrscheinlich fiir das Fuhrwerk und dergl. Ich wiirde geneigt sein
anzunehmen, dass er nun die Laffetten fiir die Geschiitze hergestelU hatte, wenn nicht ein
Zimmermann auf dem Buchsenhof — Jacob von Olweltingen — besonders aufgefiihrt wiirde,
dem dies Geschaft jedenfalls oblag.



BEFESTIGUXGSVORSCHLAGE VOM JAHRE 1 5 19, I 523 UXD 1 525. //

selben doch die gemachten \^orschlaoe in ihren Grundzugen imd damit
die herrschenden Ansichten beziiglich der damaligen Befestigiings-
weise hinreichend deutlich erkennen. Im Allgemeinen ist A'on der Ein-
richtung" der in Vorschlag gebrachten Bauten wenig die Rede, woraus
wohl geschlossen werden darf, dass dieselbe als allgemein bekannt
vorausgesetzt wurde. Xur ein Mai wird der \'orbehalt gemacht, dass
man iiber die Bauart eines starken Thurmes, der zwischen Hirzlache
und Judenthurm erbaut werden soUte, noch berathen miisse. Bios auf
den Bau einer mit Kasematten versehenen Bastei wird etwas naher
eingegangen, sodass man annehmen muss, dass man es hier mit etwas
weniger Bekanntem, Neuem oder gar einer eigenen Erfindung des
Betreffenden zu thun hat. Wie wir sehen werden, ist die Aehnlichkeit
dieses Vorschlages mit der DiJrerschen Basteikonstruktion augenfallig.
Albrecht Diirer war, wie bekannt, der erste Schriftsteller tiber
Befestigungskunst seit Einfuhrimg der Pulvergeschlitze, wenigstens in
Deutschland. Sein Werk : ,,Etliche underricht zu befestigung der Statt,
Schloss und flecken" erschien im jahre Ll'i" zu Niirnberg und ist
besonders durch v. Zastrows Werk: ,,Geschichte der bestandigen Be-
festigung" im Gedjichtniss der Nachwelt wieder aufgefrischt worden.
Indem v. Zastrow zu ermitteln suchte, wer der geistige Urheber der
Befestigungen sei, die man in der ersten Halite des 16. Jahrhunderts
in Deutschland erbaute, land er nur Durer, dessen \'orschlage aller-
dings eine gewisse AehnHehkeit mit jenen Bauausfiihrungen aufweisen,
er konnte aber auch so leicht niemand anders finden, da Diirer der
Einzige ist, der zu jener Zeit iiber Befestigungskunst geschrieben hat.
So ist denn Diirer, ohne dass dafur ein triftiger Beweis erbracht
werden kann, von v. Zastrow und Anderen zum geistigen Vater jener
Befestigungen gestempelt worden, obgleieh es doch unumstossHch fest-
steht, dass nicht eine einzige Ik-festigung ganz oder auch nur theil-
weise nach seinen durch Druck bekannt gewordenen \^orschlagen
erbaut worden ist, nicht einmal in seiner \'aterstadt Niirnberg, die doch
eine stolze Befestigung besass und keine Kosten scheute, sie jederzeit
in den bestmoglichen Stand zu setzen. "Shin konnte ja vorgeben, dass
der Prophet in seinem Vaterlande nichts gilt, aber auch dies trifft bei
Diirer ausnahmsweise nicht zu. Dagegen ersehen wir aus dem Berichte
unseres Ausschusscs, dass die Grundgedanken der Diirerschen Be-
festigung, mit Ausnahme seiner inneren Vertheidigung, schon Jahre
vor ihm von Anderen zum Ausdrucke gebracht worden sind. Man
wird deshalb kaum fehlgehen, Avenn man annimmt, dass Diirers Vor-
schlage der Niederschlag der damals herrschenden Anschauungen
waren und dass ihm nur deren Aveitere Durcharbeitung und Aus-
gestaltung angerechnet werden kann. Denn dass auch ohne gedruckte



78 GESCmCHTE PER BEFESTIGING STRASSBURGS.

Abhandlungen schon damals ein Meinunosaustausch iiber die Frage
der \>rbessei-ung der bestehenden Befestigungen stattfand, wird selbst
ohne besonderen Beweis im Ernste wohl niemand in Abrede stellen
wollen. Dafiir biirgt schon allein der rege \^erkehr, der zu jener Zeit
alle grosseren Stadte, zumal die freien Reichsstadte Deutschlands, wie
Strassbui-g, Xiirnberg, Augsburg, Ulm, Frankfurt a. M. u. s. w. verband,
und auch das Landsknechtswesen wird nicht wenig zur \'erbreitung
der neuen Anschauungen beigetragen haben. Ja, man schickte geeig-
nete Personlichkeiten geradezu mit dem besonderen Auftrage auf
Reisen, die Befestigungen anderer Stadte zu studiren. Wir finden
danjm auch iiberall ahnliche Bauten, wenn sie auch in ihren Einzel-
heiten, den personHchen Ansichten der Bauenden und ihren finanziellen
Mitteln entsprechend, von einander abweichen. Deshalb nun Durer
als ihren geistigen \'ater zu betrachten, ist, wie gesagt, nicht ohne
Weiteres statthaft. Das einzige Mittel, der Sache auf den Grund zu
gehen, diirfte die Durchforschung der Archive jener Stadte sein, die
sich damals mit A\'erken umgaben, welche den Diirerschen ahnhch
sind. Man wird dann wahrscheinlich dieselbe Erfahrung machen. wie
sie hier fiir Strassburg festgestellt worden ist. \Mrd dadurch auch der
Diirersche Einfhiss auf das Befestigungswesen seiner Zeit sehr ein-
geschrankt werden, so kann dies doch seinem wohlbegrundeten Ruhm
als einem unserer hervorragendsten Kiinstler keinen Eintrag thun.

Die von den MitgHedern des Ausschusses gemachten \'orschlage
bewegen sich nun je nach dem Standpunkte des Einzelnen in ver-
schiedenen Bahnen. Einige der Mitgheder halten eine durchgreifende
Umanderung der Befestigung noch nicht fiir erforderlich und wollen
sich im Falle der Xoth mit provisorischen Mitteln behelfen. Als solche
werden das Abtragen der Thiirme bis zur Hohe der Stadtmauer und
ihr Ausfiillen mit Erde, behufs Aufstellung von Geschiitzen auf der
dadurch gewonnenen Plattform, die Anlage von Spitzgraben und \'er-
hauen (Gefalle und Gewurrei, das Auf stellen von Pallisadirungen und
Flechtzaunen und die Anbringung von Plattformen aus Holzwerk hinter
der Stadtmauer, statt der AVallschtittungen daselbst, empfohlen. Hierbei
ist von einer dem Graben zu gebenden Seitenbestreichimg nicht die
Rede, man kann also den Standpunkt der Betreffenden wohl als einen
weniger fortgeschrittenen bezeichnen. Es mag dabei noch hervor-
gehoben werden, dass zum Schutze der auf den Plattformen auf-
zustellenden Geschiitze Blendungen aus Holz empfohlen werden, die
man hier mit ,,blochschu-m" bezeichnete imd die schon damals eine
bekannte Einrichtung gewesen sein miissen, da ihnen eine weitere
Beschreibimg nicht zu Theil wird. AMr finden sie dann in fast alien
spateren Schriften iiber Befestigimgskunst. Die eine permanente Ver-



BEFESTIGUNGSVORSCHLAGE VO.M JAHRE I519, 1 523 UXD 1 525. /9

strirkuno- der Befestigung ins Auge fassenden Vorschlage lassen sich
dahin zusammenfassen, dass in erster Linie Bolhverke, Basteien,
Mantel ^ und Schnecken, oder starke runde Thurme mit Streichwehren'-^)
an geeigneten Orten erbaut werden sollten. Diesen Bauwerken war
also die doppelte Aufgabe des Fernkampfes mittels Geschiitz und des
Nahkampfes in Form der seitlichen Grabenbestreichung zugedacht,
ganz wie bei den spateren Bastionen. Demnilchst wurde allseitig die
Anlage von Willlen befiirwortet, theils hinter der Stadtmaiier, wobei
„das Geror" d. h. der Schutt aus der Stadt \>rwendung finden sollte,
theils vor derselben unter Ausschachtung eines zweiten Grabens. Hier-
bei wird hervorragender Werth aut „verborgene Bolhverke" oder
,,Blockhauser im ^^^all'^ aus denen man sich wehren konnte, gelegt,
unter denen Avir uns also bedeckte Geschiitzstande, d. h. Hohlbauten
vorstellen diirfen, sei es in Mauerwerk als Kasematten, sei es in Holz,
vielleicht nach Art des von Specklin in seiner „Architektura" Blatt 23
fur die Vertheidigung einer Bresche gegebenen Beispiels. Auch die
Bekleidung der jiusseren Grabenboschung mit Mauerwerk und die An-
schiittung eines Glacis, um das Hinabsteigen in den Graben bezw.
das Einschiessen der Stadtmauer zu erschweren, wird in Vorschlag
gebracht.

Was die Bauart der Bolhverke, Basteien, Mantel und Schnecken
betrifft, so ist iiberall nur von einer runden Grundrissform die Rede,
wie wir ja auch bei Durer noch keine andere finden. Im Uebrigen
gehen die Vorschlage beztiglich dieser Bauwerke theilweise ausein-
ander. Ihre Hohe soil im Allgemeinen gering, nicht hoher als zwei
Wehren, d. h. \-ertheidigungsfahige Stockwerke, oder der Stadtmauer
gleich sein, auch ihr Durchmesser wird an einer Stelle nur zu 40, an
anderer zu 60 Schuh angegeben. Fast durchgRngig werden Streich-
wehren in den Bollwerken empfohlen, also Kasematten zur Bestreichung
der Graben, ganz wie bei Diirer. Besonders interessant ist der Vov-
schlag der Werkleute fur die Bauart der Bolhverke, da wir hier die
\'ertheidigungsgallerie Diirers und seine Querpfeiler im Innern des
Bauwerks finden, wie sich denn iiberhaupt der Grundgedanke der
ganzen Durerschen Befestigung unschwer aus den Vorschliigen der
Strassburger Kriegs- und Werkleute erkennen lasst. Dass Diirers
Entwiirfe \icl mehr ins Grosse gingen und auc-h \iel durchgearbeiteter



1) Die Bezeichnung Mantel fiir ein deckendes Befestigungswerk isL jedenfalls sehr alt
und kommt zu Strassburg bereits im Jahre 1371 in einer Urkunde vor, die iiber die Abschatzung
des auf Burg Windeck angerichteten Schadens handelt (Strss. U. B. V, 766). Dort heisst es:
„[teni Brunnen hus und der stal under dem turne by dem Mantel ist geschetzet vur 10 lib."

-) Streichwehren kommen im Jahre 1520 z. B. auch zu Mosbach in Baden vor (Ztschrft.
f. d. Gesch. d. Oberrhn. XVI, 2).



80 GESCHICHTE DER BEFESTIGUXG STRASSBURGS.

erscheinen als dies in unserer \'erhandlung zu Tage treten kann. soil
nicht bestritten werden, dafur haben aber die \'orschlage des Aus-
schusses die Moglichkeit der Ausfiihrung fiir sich, die den Durerschen
^^orschlagen im Allgemeinen abgesprochen werden muss. Es liegt
mir fern, annehmen zu wollen, dass Diirer gerade die Ideen der Strass-
bui-ger Kriegs- und Werkleute gekannt habe, da es ja sehr wohl mog-
lich ist. dass dieselben Ideen gleichzeitig und unabhiingig von einander
an verschiedenen Orten und in verschiedenen Kopfen entstehen konnen,
besonders wenn sie eine Sache von allgemeinem Interesse betreffen,
wie dies hier unzweifelhaft der Fall war. Auch der Umstand, dass
Diii-er dieselben Ausdi-iicke gebraucht wie die Strassburger Ausschuss-
mitglieder, spricht fur die Annahme, dass seine Entwurfe auf allgemein
gang und gaben Ansichten beruhten. Im Uebrigen haben die \^or-
schlage des Ausschusses jedenfalls die Prioritat fur sich, sodass man
nicht annehmen kann, sie fussten umgekehrt auf den Durerschen Ent-
wiirfen. Und dies ist das Wesentliche. Fiir die Beurtheilung Diirers
als Kriegsbaumeister bzw. -Schriftsteller ware es hochbedeutsam, wenn
man ein Urtheil kennen wtirde, das seine Zeitgenossen iiber ihn fallten ;
ich mochte bezweifeln, dass es dem v. Zastrowschen Urtheile iihnlich
sahe. Durer wird von v. Zastrow jedenfalls weit iiberschatzt und sein
Einfluss auf die Befestigung seiner Zeit diirftc bei nilherem Zusehen
in nichts zerfHessen.

Als am meisten durchgreifende \>rbesserung, ja als den voUigen
Xeubau einer zweiten Umwallung beabsichtigend, ist der \'orschlag
der Werkleute zu betrachten, einen zweiten Graben auszuheben und
den Boden zu einer fortlaufenden AA'allschiittung zu verwenden, hinter
der die Ringmauer als Hauptabschnitt stehen gebheben ware. Inter-
essant ist hierbei, dass sie zwischen ^^^all und Graben einen Ronden-
gang ,,die laufende Wehre" belassen, vor Allem aber, dass sie Wall
und Graben an etlichen Orten „hinausstossen" wollten. um Geschiitz
in diese zm- Seitenbestreichung bestimmten Ausbautcn zu legen. W'\r
finden hier also bereits einen Gedanken, der bei weiterer Durchbildung
wohl zu einer bastionirten Befestig-ung fiihren konnte. Alles in Allem
kann man also wohl behaupten, dass die MitgHeder des Ausschusses
auf der Hohe der Zeit standen, derselben vielleicht theihveise schon
voraus waren.

Wu- wollen nun auf die Einzelheiten der Wirschlage von 1519
naher eingehen, um daraus zu ersehen, was davon nachmals wirklich
ausgeftihrt worden ist.

„Von der oberen 111 bis zum Thurm Lug-ins-Land i vom Teufels-
thurm bis zur Habermuhle/'. Da hier dicht hinter der Stadtmauer
drei Kloster lagen, so gina; die Meinung dahin, dass der ^^'alI nicht



BEFESTIGUXGSVORSCHLAGE VOIM lAHRE I5I9, 1 523 UXD 1 525. Si

hinter, sondern vor der Mauer anzuschutten und der Boden aus einem
Graben zu gewinnen sei. Drei mit Streichwehren versehene Basteien
sollten diesen Abschnitt vertheidigen, zwei am Einfluss der 111, d. h.
vor dem Scharfeneck und dem Teufelsthurm, eine beim Thurm Lug-
ins-Land. Um zu dem Walle zu gelangen, sollte bei Lug-ins-Land eine
Thiir in die Ringmauer gebrochen werden. Statt der beiden Basteien
an der 111 wurde auch nur eine solche ,,Im wechterhiiselin hinder der
gefangenen thurn eA-m, mitten Imm \\"asser" d. h. an der Spitze der
mittleren Insehvehre in Vorsclilag gebracht. Der Wall sollte mit \er-
borgenen Bolhverken versehen, also kasemattirt werden.

„Vom Thurm Lug-ins-Land bis zum Roseneck". Fur diese Front
gingen die Ansichten insofern auseinander als von der einen Seite
vorgeschlagen wurde, den vorhandenen Graben zu verbreitern, seine
jiussere Boschung zehn Schuh hoch mit INIauerwerk zu bekleiden, ein
Glacis anzuschutten, um die Stadtmauer gegen Beschiessung zu sichern,
an derselben vier BoUwerke zu errichten: — ausserhalb der Achtrader-
miihle, am Kronenburgerthor, oberhalb der Schranke, am Roseneck —
und hinter der Stadtmauer einen Wall aufzuwerfen. Das Bollwerk vor
der Achtradermuhle war dabei als ein abgeriicktes gedacht, das mit
der hinterliegenden Befestigung durch Streichwehren verbunden werden
sollte, von denen man den Stadtgraben nach beiden Seiten bestreichen
wollte. Zu dieser Bauweise nr»thigte die zwischen Ringmauer und Bolhverk
liegende Achtrildermiihle. Den Stadtgraben gedachte man an zwei Stellen
anzustauen, und zwar am Kronenburger Thor und jim Roseneck. Die
andere Ansicht ging dnhin, die ganze Front mit einem zweiten Graben zu
versehen und dahinter einen Wall anzuschutten, der an etlichen Orten
( bastionsartige - \'ors]-)runge zur Seitenbestreichung erhalten sollte. Zwi-
schen Wall und Graben war die Anlage eines zehn Schuh breiten Ronden-
ganges (laufende Wehrei beabsichtigt. Hervorgehoben wurde, dass be-
sonders die Achtradermuhle und das Roseneck eines Schutzes bedurften.

„Vom Roseneck bis zum Rausch". Da das Roseneck ganz offenbar
einen sehr schwachen Punkt der Befestigung darstellte, so war man
allgemein der Ansicht, dass hier in erster Linie etwas zu geschehen
habe. Wahrend von der einen Seite eine voile Bastei ihier Schnecke
genannti in Vorschlag gebracht wurde, ging die Ansicht der Mehrzahl
dahin, hier einen starken runden Thurm mit Streichwehren zu erbauen,
der sowohl den Graben nach Steinstrasser-Thor wie nach dem Rausch
unter Feuer nehmen sollte. Im Uebrigen wollte man auch hier einen
zweiten Graben anlegen und zwischen beiden Graben einen Wall
aufschiitten. Auch wurde vorgeschlagen, den vorhandenen Graben an
seiner iiusseren Boschung acht Schuh hoch mit Mauerwerk zu bekleiden
und im Graben selbst eine Kiinette (blinden Grabenj auszuheben.

V. A p e 1 1 , Befestigung Strassburgs. o



82 GESCHICHTE DER BEFESTIGUNG STRASSBURGS.

,,\'om Raiisch bis zur untercn 111". Fiir diese Strecke wurde
alliiemein der Bau zweier Thiirme mit Streich\vehren beim Rausch
und vor dcm Judenthor in X^orschlag gebracht, auch wurdc die Be-
festigung" von St. Clara im \\'r)rth angeregt.

,A'om Fischerthurm ab um die Krutenau bis St. Katharina''. Tm
Grossen und Ganzen war man hier einer Meinung, namlich starke
Thiirme mit Streichwehren am Eck bei St. Niklausthor, am St. Johannis-
thor und am Blindeneck ' i hinter St. Katharinenkloster zu errichten,
einen zweiten Graben mit dahintergelegenem ^^'all auszuschachten
Oder den vorhandenen Graben mit Mauerwerk zu bekleiden und den
dabei gewonnenen Boden hinter der Stadtmauer anzuschiitten. Auch hier
soUten Blockhjiuser, d. h. Kasematten im Walle angebracht werden,
wie es denn auch keinem Zweifel unterliegt, dass unter der Bezeich-
nung „Thurm'' eine Bastei verstanden ist, da an einer Stelle ausdriicklich
hinzugefiigt wird ,,ohne Gewolbe".

,A^on der Krutenau bis zur oberen 111". Hier war nur noch die
aussere Grabenboschung bis zum Elisabeththor mit Mauerwerk zu
bekleiden und der gewonnene Boden in den \\'all zu karren, woriiber
einerlei Meinung herrschte.

Leider ist uns die Entscheidung, welche die verordneten Kriegs-
herren, die Dreizehner, oder auch ,,die'Rath und Einundzwanzig" auf
den W^rschlag des Ausschusses getroffen haben, nicht bekajmt, da
die Protokolle der Dreizehner erst vom Jahre 1599, die der XXI. vom
Jahre 1539 ab erhalten sind. Es finden sich zwar einzelne altere
Protokolle zerstreut in den Akten des Stadtarchives, ein Protokoll,
welches sich auf die \'erhandlung des Ausschusses von 1519 bezoge,
ist mir aber bis jetzt nicht bekannt geworden. Wie es nun scheint,
hat man sich auch nicht sogleich zu einem die ganze Befestigung
umfassenden Umbau entschlossen, sondern bios die grossten Mangel
abgestellt, als welche sich das ganzliche Fehlen einer Graben-
bestreichung und die ungeniigende Zahl von geeigneten Aufstellungs-
platzen fur Geschiitz darstellten. Es geht dies meines Erachtens aus
dem Umstande hervor, dass im Jahre 1523 abermals ein Ausschuss
niedergesetzt wurde, der den Zustand der Befestigung von Neuem
priifte und wiederumVerbesserungsvorschlage machte.'i Dieselben sind
an sich nicht von so grossem und allgemeinem Interesse als die vom
Jahre 1519, da sie eigentliche neue Ideen nicht zu Tage fordern und
meist nur die bis dahin nicht erfiillten Forderungen von 1519 wiederholen,



') Das Blindeneck war der zweite Bruchpunkt der Stadtmauer links vom St. Katharinen-
tlior, hinter dem 1530 der sogenannte Tiirkenritter, spjiter Rehlingerswall, in Hans Bocks
Garten angeschiittet wurde. Siehe Blatt VI.

-) Siehe Nr. 2 der Anlagen.,



REFESTIGUXr.SVORSCHLAGE VOM JAHRE IflQ, 1 5 23 UXI) 1 525. 83

sie sind aber doch in sofern wichtig, als sie einmal in Verbindung- mit
andern Nachrichten ziemlich deutlich erkennen lassen, was seit 1519
geschaffen worden war, dann aber aiich die Richtimg angeben, in der
sich die Ansichten befestigt hatten. Wiv konnen diese letzteren kurz
dahin zusammenfassen: weitere Schuttung von Wallen innerhalb der
Stadtmauer und Hemchtung der Thurme zur Aufstellung von Geschiitzen.
Vom Bau der Schnecken und Streichwehren wird nicht mehrgesprochen,
sie scheinen zum grossen Theil bereits crbaut gewesen zu sein, eben-
sowenig ist aber auch noch von den umfassenden \"orschlagen des
Jahres 1519 die Rede, die man allem Anscheine nach fallen gelassen
hatte. Man gewinnt den Eindruck, dass der Umbau der Befestigung
bereits in den Grundziigen feststand, wie er durchgefiihrt wurde, d. h.
im Sinne einer polygonalen Befestigung mit Kaponierflankirung, wie



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