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Ferdinand Apell.

Geschichte der Befestigung von Strassburg i.E. vom Wiederaufbau der Stadt nach der Völkerwanderung bis zum Jahre 1681 online

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bestriehen werden konnte. Das im Kopf der Kasematte aufgestellte
Geschutz war dagegen nur im Stande, gegen eine feindliche Ge-
schutzaufstellung am jenseitigen Grabenrand zu wirken, da es fiir
eine Wirkung ins Vorfeld nicht hoch genug stand. Dorthin ver-
mochten zwar die beiden Geschiitze der Plattform zu schiessen,
indess war dies offenbar nicht ihre Hauptaufgabe, die Plattform
verdankte vielmehr jedenfalls der Absicht, die Grabenbestreichung
zu verbessern, ihre Entstehung, da thatsjichlich ein einziges Geschutz



DIE STREICHWEHR „IM SCHAFSTALL'



93



hierzu nicht genugte oder wenigstens spater nicht mehr geniigte. Der
Satz: ,,ein Geschiitz, kein Geschiitz" hat eben schon lange Geltung.
Um mit den Plattformgeschiitzen aber nach Bedarf auch in das Vor-
feld feuem zu konnen, war die Brustwehr im stumpfen Winkel an die
Eskarpenmauer angeschlossen imd zu diesem Zweck der Winkel







zwischen Streichwehr und Mauer iiherwolbt, wie wir es in ahnlicher
A^'eise beim halbachteckigen Thurm am Spital gefunden haben, doch
mit dem Unterschied, dass bei der Streichwehr die Ueberwolbung aus
dem L'nterbaii herauswuchs. Der Kopf der Plattform war massiv aiif-
gemauert und als GeschutzsteHung nicht eingerichtet. Zur Beforderung




des Dampfabzuges aus der Kasematte war im Schkisse des Kuppel-
gewolbes ein grosses elyptisch geformtes Loch angebracht. Auch fiir
die Unterbringung der Munition in der Niihe der Geschiitze war gesorgt,
indem in der Zugangspoterne zwei schrankartige Munitionsgelasse ein-
gebaut worden waren. Auf der SpeckHnschen Zeichnung von 1564 ist
diese Poterne nicht angegeben, sodass man annehmen konnte, sie sei
erst spater angelegt worden. Da indess der Dreizehnerwall den ganzen
Raum zwischen den beiden (Traben ausfiillte, so ist ein anderer Zugang



94



CESCHICHTE DER liEFESTlOUXG STRASSBIROS.



ZLir Streichwehr als mittels einer Poterne nicht wohl dcnkbar, ciiu-
solche bedina."te aber auch cine in ihrcr \'cii;inLivrun.u- iibci- Jen inncren
Dreizehneroraben fiihrendc Hruokc. Einc r.riUia- I'indct sich nun xiuTst








auf einem Plan aus dem Jahre \(A7 und .oing' von dem an der inneren
Stadtmauer geiegenen Thurm, dem Butzbachthurm aus, setztc also
einen nachtriiglich in demselben angebrachten Ausgang voraus. Man
miisste somit die Erbauung der Poterne in den Anfang des 17. Jahr-

hunderts setzen, wenn es nicht
viel wahrscheinlicher ware, dass
Poterne und Briicke in der Zeich-
nung Specklins einfach vergessen
sind; die Zeichnung ist ja auch
nieht vollendet worden. Zu be-
achten bleibt doch auch, dass es
wohl nicht A'on ungetahr ge-
schehen ist, dass die Streichwehr gerade vor den Thurm zu liegen
kam; er stand ja nicht auf der Mitte der Linie, wo doch die Streich-
wehr eigentlich hingehorte. Da alle weiteren Einzelheiten aus den
Abbildungen zu ersehen sind, so kann eine eingehendere Beschreibung
hier unterbleiben.

Zwei andere Streichwehren, welche aller Wahrscheinlichkeit nach
ebenfalls gleich nach der \\^rhandlung des Ausschusses noch im Jahre
1519 begonnen wurden, waren „Der Drache" und die allcrdings erst
spilter sogenannte ,,Kanzel". \'on ersterer erhalten wir zuerst durch
den Plan Specklins vom Jahre 1564 Kenntniss, aber es kann kaum
einem Zweifel unterHegen, dass sie mit dem in der \'erh;mdlung von
152?) erwahnten ,,nechsten schnecken by aptz vrichsturn" identisch ist.



DIE STREICHWEHREN ,,DRACHE" UXD „KAXZEL".



95



Ihre Gestalt ist von der der iibrioen Streichwehren so abweichend,
dass man schon deshalb annehmen muss, dass sie entwcdcr zuerst
Oder zuletzt von alien Streichwehren erbaut worden ist. Auf der
Specklinschen Zeichnung-, wo man zwar nur die Abdeckung sieht,
gleicht sie in der ausseren Form oanz den iibrioen Streichwehren, ist
also o-erundet, doch ist kaum anzunehmen, dass sie nochmals umgebaut
worden sei, sodass man wohl eine Fluchti.okeit des Zeichners voraiis-
setzen darf, die mit dem fiir den kleinen Massstab der Zeichnung un-
wichtigen Unterschied wohl zu entschuldigen ist. Der Grundriss des
,,Drachen" ist

bei grosster

Einfachheit
desBauesdem
Zwecke wohl-
entsprechend,
es fehlen aber

die bei der

Streichwehr

„im Schaf-
stall" vorhan-

denen Muni-

tionsgelasse,

was als ein

Mangel be- '-•

zeichnet werden muss. Dass die Streichwehr eins der ;ilteren Rauwerkc
war, diirfte auch die wenig zweckentsprcchende Ueberwolbung dar-
thun, die trotz der trapezformigen (irundrissgestalt einer Kuppel glich
(Klostergew()lbe), also die verhaltnissmjlssig schwachen Aussenmauern
als Widerlager benutzte. Auf jeder der Flanken bet'anden sich zwei,
in der Mitte der Front ein funftes Schiessloch fur Geschiitz; eine grosse
ovale Oeffnung im Gewolbescheitel sorgte fur den Abzug des Pulver-
dampfes. Der Zugang lag in der Mitte der Riickenmauer und wurde
nach Schiittung des Walles hinter der Streichwehr durch eine Poterne
vermittelt. Der Bau bestand bis zur Einebnung der Werke nach 1876
und zwar als ummanteltes Munitionsmagazin im Hofe des Bastions 11.
Diesem Umstande haben wir es zu verdanken, dass sich noch heute
Zeichnungen des Bauwerks im Fortifikationsarchiv befinden.

Ebenso hat die Streichwehr „Ivanzel" genannt, bis zur Stadt-
erweiterung von 1876 bestanden und zwar in der Gestalt, die ihr im
Jahre 1603 gegeben wurde. * i Sie lag am Bruchpunkte der Stadtmauer

') Kl. Strss. Chr. 31. Ks ist unrichtig, dass sie erst im Jahre 1603 erbaut worden sei,
wie Sevboth, D. a. Strss. 280 angibt.




96



GESCHICHTE DER BEFESTIGUXG STRASSBURGS.



links vom Thurm Luo-ins-Land. Ihre ursprunoliche Reschaffenheit ist
aus den im Fortitikationsarchiv befindlichen Zcichnunoen noch wohl
zu erkennen, ausserdem ersieht man sie deutlich aus dcr Specklinschen
Zeichnung- von 1564, hier ganz in ihrer ersten Gestalt. Danach hatte
sie ausserlich die Form eines etwas vor der Stadtmauer stehenden
riinden niedrigen Thurmes. Nur die vordere Hiilfte der Kasematte
war kuppelformig iiberwolbt, walu'end die hintere gradlinig, als Tonne
iiberwolbt, bis an die Stadtmauer verlangert war. Die Mauerstiirken




waren in Folge dessen ungleich, im Kopfe aber nicht unbetrachtlich,
namlich 2,50 m. Der lichte Durchmesser des vorderen runden Theiles
betrug 7,14 m, ebensoviel der des hinteren rechteckigen, welcher vom
Mittelpunkt des runden Kopfes ab 6,63 m lang war. Die Kasematte
war also ziemlich geraumig. Aeusserlich als Kuppel mit Hausteinen
abgedeekt, besass sie im Gewolbescheitel ein kreisrundes Dampfabzugs-
loch von ;-),40 m Durchmesser, auf jeder Seite zwei Schiesslocher zur
Seitenbestreichung der anstossenden Griiben und wahrscheinlich ein
solches mitten in der vorderen Rundung, das indessen aus der Speck-
linschen Zeichnung von 1564 nicht ersichtlich ist. Der Zugang zur
vStreichAvehr lag in der Mitte der Riickenmauer. Im Jahre 1603 erhielt
die Streichwehr eine Plattform, und da wir spater auf das Bauwerk



DIE STREICHWEHREN ,,DRACHE" UND „KAXZEL'



97



+ 11,5-0



nicht nochmals zuruckzukommen haben, so mag' der Umbau gleich
hier Besprechung- finden. Er erfolgte gleichzeitig- mit der Verbreiterung
und X'erlangerung des Walles hinter der Streichwehr, der damals nicht
ganz bis an

den Marga-
rethenthurm
reichte und
nun bis an

den Ritter

hinter dem
Teufels-

thurm ver-
langert wer-

den sollte.
Ueberdiesen
Wallbau be-

sitzt das
Stadtarchiv

einen ge-
nauen Plan

Joh. E. Meyers, aus dem aiuh alle (k'bruilichkeiten der hinter dem
Walle gelegenen Kh'ister zu ersehen sind. \^)n diesen Klostern wiirde
ein mehr oder weniger grosses Stuck fiir die neuen Wallschtittungen
in Ansjiruch genommen. Man erhohte nun die Streichwehr bis zur





Hohe des Walles und setzte die dadurch gewonnene Plattform mit dem
Wall in Verbindung, indem man die Enden ihrer Steinbrustwehr diver-
girend bis an die Feuerlinie der Wallbrustwehr verlangerte. Auf diese
Weise erhielt man nicht bios eine Geschiitzstellung oben auf der

V. Ape 11, Befestigung Strassburgs. 7



98 GESCHICHTE DER BEFESTIGUNG STRASSBURGS.

Streichwehr, sondern auch zwei fhinkenartige Aufstellungsplatze hinter
derselben. Diese Verlangerung der Platttorm machte nun eine Ueber-
wolbung des Rondenganges hinter der Streichwehr erforderHch, da
man den Zugang zu letzterer nicht durch eine Poterne gewinnen
mochte, weil dieselbe im deutschen Haiise hiltte ausmiinden mussen,
gegen dessen Insassen man der ReHgion wegen das grosste Misstrauen
hegte. In der Querpoterne des Rondenganges befand sich vor Abbruch
des Bauwerks, dem Eingang zm- Streichwehr gegeniiber, eine Nische,
die mich auf den Gedanken brachte, hier den Rest einer Poterne vor
mir zu haben, die vielleicht spilt er angelegt worden sei. Die von mir
dieserhalb angestellten Ermittelungen haben jedoch meine Vermuthung
nicht bestatigt, der Zweck der Nische bleibt somit unaufgeklart. Wie
der Durchschnitt der Streichwehr zeigt, verlangerte man das Dampf-
abzugsloch nach oben, hat dasselbe spater aber kuppelformig iiber-
wolbt und im Schluss der Kuppel nur ein kleines Rauchloch gelassen.
Die weit in den Graben vorspringende Streichwehr hatte nach Her-
stellung der hohen Plattform thatsachhch eine gewisse Aehnhchkeit
mit einer Kanzel und daher riihrt zweifelsohne ihre Bezeichnung her.
Im Jahre 1525,*) als sich der Bauernkrieg auch iiber das Elsass
ausbreitete, ordneten Meister und Rath den Abbruch des Klosters
St. Clara im Worth an,-) um an dessen Stelle ein grosses Bollwerk
anzulegen, dessen Bau 1527 voUendet wurde. Wie wir gesehen haben,
war das Kloster bereits im Jahre 1476 mit einem Zwinger umgeben
worden, dessen Anschluss an die 111 der Thurm „im Sack" vermittelte.
Wir werden kaum fehlgehen, wenn wir annehmen, dass das neue
Bollwerk mit Benutzung des Zwingers erbaut wurde, d. h, dass die
Zwingermauer erhalten blieb und nur mit Streichwehren versehen
wurde, dass man den Graben des Zwingers A^erbreiterte, seine Aussen-
boschung mauerte und den aus dem Graben gewonnenen Boden zur
Anschuttung des Walles verwandte. Melleicht fuhrte man auch Erde
von anderwarts herbei, Der Wall wurde von der Mauer abgeruckt,
im Uebrigen aber durchaus parallel mit derselben gefiihrt. Die beiden
Kehlseiten des Bollwerks am Stadtgrabenkanal und an der 111 wurden
durch Mauern abgeschlossen, an erster Stelle nur bis zum Hof des
Bollwerks herauf reichend, an der 111 hoher heraufgefuhrt und oberhalb
des gewachsenen Bodens mit Schiesslochern versehen, um den Ausfluss
desWassers zwischen Fischerthurm und Thurm „im Sack" bestreichen
zu konnen. Zu diesem Zweck mussten die Schiesslocher schrag ein-



') B. Hertzog VIII, Ii8 sagt 1523. Ich halte das Jahr 1525 flir richtig, da andernfalls
sich wohl in der Verhandlung von 1523 eine Aiideutung finden wiirde. Das Jahr 1525 wild,
auch von Imlin, 45 und anderen bezeugt.

2) Erbaut im Jahre 1299.



DAS BOLLWERK ST. CLARA IM WORTH.



99



geschnitten werden, ahnlich den Schie.sslochern am Scharfeneck, Man
findet bei Seyboth, D. a. Strss. 252, eine gute Nachbildung der Specklin-
schen Darstellung von 1564. Im Uebrigen ist der Grundriss des Boll-
werks aus dem Uebcrsichtsplane zai ersehen, der den Zustand der








Strassburger Befestigung imjahre 1564 darstellt. Die gegen Nordwesten
gewandte Linie des BoUwerks bestrich das Vorfeld der Stadtbefestigung
nach dem Judenthor und dem Dreizehnerwall hin und nahm mit letzterem
zusammen das ganze Geliinde vor der hier noch imgedeckten inneren
Stadtbefestigung unter Kreuzfeuer. So lange sich das Bollwerk St. Clara

7*



100



GESCHICHTE DER BEFESTIGUXG STRASSBURGS.



im Worth hielt, war ein Angriff auf dieselbe kaum moglich. Diese
wichtige Linie des Bolhverks — man kann sie als linke Face bezeichnen —
wurde durch eine Befestigung iiberfliissig, die im Jahre 17x52 zwischen
St. Clara im AA\'M-th und dem Dreizehnerwall angelegt wurde, indess
ebnete man sie doch erst zu Specklins Zeiten ein, wiihrend die rechte
Face als Bastion 15 bis zur letzten Stadterweiterung fortbestand. Auch
die Reste der am Stadtgrabenkanal gelegenen Streichwehr waren in
den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts noch zu erkennen.

Die beiden Streichwehren, welche in \'erbindung mit dem Thurm
„im Sack" die Grabenbestreichung ubernahmen, batten eine ahnliche
Gestalt wie die Streichwehr ,,im Schafstall",' d. h. es waren niedrige
runde Thiirme, einstockig, mit kiippelformiger Hausteinabdeckung. Von
der Streichwehr an der Spitze ist noch eine Zeichnung im Archiv der



A.




Kaiserhchen Fortifikation erhalten, aus der zu ersehen ist, dass auch
dieses Bauwerk nach Specklins Zeiten, wohl zu Anfang des 17, Jahr-
hunderts, mit einer Plattform versehen worden ist, die eine Steinbrust-
wehr deckte. Hier waren indess die W'inkel zwischen Streichwehr
und anstossender Eskarpenmauer nicht iiberwcUbt, dagegen scheint man
die Brustwehr der Plattform, ahnlich wie bei der Kanzel, nach innen
A'erlangert zu haben, wie die Punktirung andeutet, sodass von da aus
noch Feuer ins \'orgelande gerichtet werden konnte. Auch sonst lasst
der Grundriss eine gewisse Aehnlichkeit nicht bios mit der Streichwehr
„im Schafstall" sondern auch mit der ,,Kanzel" erkennen, nur sprang
der Bau nicht soweit wie letztere in den Graben vor, er war vielmehr
nur mit einer Sehne an den AMnkel der Bollwerksmauer angesetzt.
Statt der beiden schrankartigen Munitionsgelasse der Streichwehr „im
Schafstall" waren hier zwei Nischen im hinteren Theil der Kasematte
ausgespart, die durch Thiiren geschlossen werden konnten. Die drei



DAS BOLLWERK ST. CLARA Ul WORTH.



101



Schiesslocher waren iins3'mmetrisch angeordnet; die beiden seitlichen

sollten zwar offenbar zur Bestreichung des Grabens dienen, da dies

ja der Zweck des Baues war, indess erscheint ihre Richtung dazu nicht

sehr gliicklich gewahlt zu sein, wenn anders die Zeichnung hierin genau

ist. Vielleicht hat aueh eine spatere Aenderung stattgefunden als der

Graben vor der linken Face eingegangen war und der vor der rechten

von der neiien A\'ehre am Judenthor bestrichen wurde. Die Stellung

des dritten Schiessloches lasst sich dagegen besser erkliiren, da es auf

die Mitte zwischen Stadtgrabenkanal und unterer 111 gerichtet war,

sodass man bei der niedrigen Lage des Geliindes vielleicht im Stande

war direkt dorthin zu schiessen.
Hier ist nun

auch der Platz, .

des Thurmes

,,im Sack" zu

gedenken. Er

bildete wie ge-

sagt den An-
schluss des

Zwingers und

dann des Boll-

werks St. Clara

im Worth an die

111 und kreuzte

sein Feuer mit

dem auf dem

anderen Ufer

gelegenen

Fischerthurm.

Sein Grundriss

war ein Trapez
mit angesetz-

tem Halbkreis

iiber der einen

der nicht paral-

lelen Seiten. Es

war ein sehr
stattlicher

Thurm mit star-

ken Mauern, ^''^■

sorgfaltig gebaut, mit zwei hohen Stockwerken und schonem Stern-

gewolbe, das obere der beiden Stockwerke durch einen aussen am



A




-3



-27



102



GESCHICHTE DER BEFESTIGUNG STRASSBURGS.



Thurm angebrachten, auf uberwolbten Kragsteinen ruhenden Gang
nebst Treppe zuganglich gemacht. Ueber der Eingangsthiir zu diesem
Stockwerk befand sich das in Stein ausgehauene Stadtsvappen. Die
Schiesslocher zeigten ahnliche Gestaltung wie die des gleich zu
beschreibenden Fischerthurmes, doch lagen sie in tiefen Xischen, was

den X'ortheil
hatte, dass die
Geschiitzrohr-
miindung mehr
nach aussen zu
liegen kam, der
Rauch (ies
Schusses also
leichter aus der
ziemUch engen
Schartenoffnung
abziehen konnte.
Oberhalb des
Sterngewolbes
befand sich eine
zinnengekronte
Plattform, zu-
ganglich mittels
einer Treppe
ausserhalb des
Thurmes. Man
gelangte zu die-
ser durch eine
]\fauer gegen

A ■ .-,. ,-.. r^ I , — -. Sicht gedeckten

Treppe iiber den
zum erstenStock-
werk fiihrenden
Gang. Die Ge-
staltung der
Plattform mit
den Zinnen ist uns

nicht bekannt, da der Thurm nachmals, im Jahre 1561, nachAbbruch der
Zinnen, mit einem Dache und darin befindlicher Wachtstube versehen
wurde, illtere Zeichnungen aber nicht vorhanden sind. Der Thurm fiel erst
der letzten Stadterweiterung zum Opfer; die Originalzeichnung unserer
Abbildungen befindet sich im Archive der Kaiserlichen Fortifikation.




J?



^^tTbnr^




DER THURM ,,nr TICK" ODER FISCHERTHURM U.S.W.



103




Der dem Thurm „im Sack" gegeniiber gelegene Thurm „im Tich
Oder Teich" gewohnlich Fischerthurm genannt, wurde bekanntlich
ebenfalls im Jahre 1476 erbaut und in Folge der Ausschussverhandlung
von 1523 theilweise umgestaltet, da die Schusslocher so untauglicli
waren, dass es beim Schiessen niemand im Thurme aushalten konnte.
Specklins Zeichnimg von 1564 ' ) zeigt uns den Thurm in der Gestalt
wie die iibrigen grossen Thurme, ohne Plattform, wir werden aber
annehmen durfen, dass er anfanglich ebenfalls eine solche besessen



') Bei Seyboth, D. a. Strss. 252 zu ersehen.



104



GESCHICHTE DER BEFESTIGUNG STRASSBURGS.



hat, da man sich keinen Grund denken kann, ^¥eshalb er nach dieser
Richtung- hiitte anders gestaltet sein sollen als der zu gleicher Zeit
erbaute Thurm „im Sack". Leider haben wir nun keine genaueren




Zeichnungen iiber den urspriinglichen Zustand des Thurmes, ^Yohl
aber solche aus neuerer Zeit, wo der Thurm in seinem oberen Theile
nochmals volHg umgebaut wurde. Diese Zeichnungen gestatten




wenigstens das unterste, das Erdgeschoss, mit seinen architektonisch
interessanten Schiesslochern wieder/Aigeben. Wir sehen daraus, dass
der Thurm hart neben dem Fischertliore gelegen war, iiber die
Mauer in den Stadtgraben \'orsprang und so eine unmittelbare



DER THURM ,,IM TICH" ODER FISCHERTHURM U. S. W. 105

Bestreichung- des Fischerthores gestuttete. Er hatte eine quadratisdie
Grundgestalt und nicht unbetrachtliche Mauerstarken : 2,00 m bei
5,00 m lichter W'eite. Die Grabenbriicke vor dem Thore wurde durch
ein Schiessloch bestrichen, das sich in dem iiber die Stadtmaiier A'or-
springenden Theile des Thurmes befand. In der Mitte der Vorder-
und der linken Seitenfront des Thurmes lag je ein grosses Schiessloch
von (inneni runder Form, das sich mit vier x\bsatzen nach aussen zu
einem Rechteck mit abgerundeten Seiten (Wangen) erweiterte. Aeussere
Oeffnung 1,49 m auf 0,56, bei einer inneren Oeffnung von 0,33 m im
Durchmesser. Rings um die aussere Oeffnung waren acht feinprofilirte
Bossensteine angeordnet, wahrend die Umfassung der inneren Oeffnung
eigenthiimlicher Weise etwas vor die innere Mauerflucht vorsprang.
Der Grund hierfiir ist nicht ohne Weiteres einzusehen; vielleicht
wollte man das Geschiitzrohr moglichst umfassen, um den Ranch
giinzlich nach aussen zu leiten. Ein kleiner Unterschied beider Schiess-
locher bestand darin, dass die Bossensteine des Schiessloches auf der
Illseite scharfkantig zuliefen und dass sich auf den beiden mittleren
der oberen Reihe eine bandartige W^-zierung befand, auf der eine
nicht mehr vollig erkennbare Jahreszahl eingehauen war. Wahr-
scheinlich sollte es 1545 heissen, Avas beweisen wiirde, dass man sich
mit der Umilnderung der bercits 1523 bemangelten Schiesslocher —
Oder wenigstens dieses einen — nicht sonderlich geeilt hatte, Der
Zugang zum Erdgeschoss lag in der Riickseite des Thurmes, der zu
den oberen Stockwerken fand iiber eine Treppe statt, die sich an die
Stadtmaucr anlchntc und mil einem Podest iiber das Fischerthor
fiihrte, sodass also keine X'erbindung zwischen Erdgeschoss und oberen
Stockwerken bestand, ganz wie beim Thurm ,,im Sack".

Liings der 111, an den Fischerthorthurm anschliessend, stand eine
Mauer, welche von schrag eingeschnittenen Schiesslochern durchbrochen
war, ganz ahnlich der des anderen Flussufers und mit demselben
Zweck, den Ausfluss des Wassers unter Feuer nehmen zu konnen.
Im Jahre 1563 erbaut, war sie wie die aus 1558 stammende Mauer bei
St. Clara im A^Ttrth neun Schuh vom gewachsenen Boden hoch.
Silbermann ' i gibt an, dass die Schiesslocher fiir Geschiitz bestimmt
gew^esen seien, und er hatte es wissen konnen, da die rechtsufrige
Mauer erst 1763 abgebrochen wurde; wie es mir scheinen will, irrt er
aber bei seinen geringen militarischen und technischen Kenntnissen.
Sieht man sich namlich die Zeichnungen Specklins genauer an, so
muss man die Schiesslocher fiir Gewehrschiesslocher halten, Aveil
dieselben fiir Geschiitz zu hoc-h iiber dem Boden lagen und die kleinen



'j Silbennann, 103.



106 GESCHICHTE DER BEFESTIGUNG STRASSBURGS.

dreieckigen Nischen der Mauer fiir die Benutzung- durch Geschutz
ungeeignet erscheinen. Dann ist auch ihre Zahl zu gross als dass
man annehmen konnte, man habc hier so viel Geschiitze als Schiess-
locher vorhanden waren, aufstellen wollen (linksufrig vierzehn, rechts-
ufrig dreizehn Schiesslocher, dabei aber keins in dem Mauerknick,
was auffallig isti. Die Gestaltung der Schiesslocher hat dagegen die
grosste Aehnlichkeit mit derjenigen in der sogenannten ,,neuen Wehre'*
d. h. der mittleren Inselspitze am Einfluss der 111, auf die wir bald zu
sprechen kommen, und dies bestiirkt mich in der Ansicht, dass wir es
mit Gew^ehr- und nicht mit Geschiitzschiesslochern zu thun haben. An der
rechtsufrigen Mauer war eine Tafel mit der Inschrift angebracht :
„Zu mehrer Befestigung dieser Stadt, den Bau man angefangen hat
MDLXIII".

Um das Jahr 1530 nahm die Bauthatigkeit einen immer grosseren
Umfang an. Abgesehen von der Schiittung der Walle hinter den
ausspringenden ^^'inkeln der Befestigung, sind es vornehmlich der Bau
des sogenannten neuen Thores in der Krutenau und die damit zusammen-
hangenden Verstarkungsbauten daselbst, der Umbau der runden Wehre
vor dem Kronenburgerthor und dieses Thores, der Bau des Muller-
bollwerks vor dem Weissthurmthor und die Umgestaltung des letzteren,
die zunachst unser Interesse fesseln. Dann folgen andere grosse
Bauten.

Was bis zum Jahre 1552 bzw. 1564 an Rittern ^j und durchlaufenden
Wallen hergestellt wurde, ist am besten aus dem Plane dieses letzteren
Jahi-es zu ersehen. Mit Ausnahme des Walles bei St. Clara am Ross-
markt, der vielleicht der Raumerspamiss wegen dicht an die Mauer
geschiittet worden ist, waren silmmtliche Ritter von der Mauer
abgeriickt, ebenso die durchlaufenden Walle, mit zwei Ausnahmen,
die seinerzeit besprochen werden, sie W' aren von der Mauer abgeruckt,
da deren Starke unterhalb des gew^achsenen Bodens nicht ausreichte,
um dem Drucke der Erdmasse zu widerstehen. Pfeiler nach aussen
anzusetzen, verbot die Rucksicht auf die Bestreichung des Grabens.
Ein derartiger Hinderungsgrund hiitte nun bei St. Clara am Rossmarkt
allerdings nicht vorgelegen, indess scheinen die hier thatsachlich
vorhanden gewesenen Strebepfeiler doch erst aus dem Jahre 1671 zu
stammen, wo sie einer Zeichnung von A. Kerman -) nach in Vorschlag
gebracht wurden. Vielleicht waren sie aber auch nur ein Ersatz
alterer schadhaft gewordener Pfeiler. Sehen wii* uns den Plan von
1564 an, der aus verschiedenem zuverlassigen Material zusammen-



ij Dies war die gute alte deutsche Bezeichnung fiir unsere heutigen Kavaliere.
2) Strss. Stdt. Arch. PI. 353 (11^ 9). Der Entwurf wurde am 12. XI. 1671 den Oberen
Fortifikationsherren vorgelegt.



DIE AXLAGE VON ,,RITTERX" UXD DURCHLAUFEXDEX WALLEX. 107

gestellt worden ist und im Uebrigen die Specklinsche Zeichnung dieses
Jahres in modernem Kleide widergibt, so finden wir auf den meisten
Wallen bereits Brustvvehren, nur auf dem Dreizehnerwall und den
Zwischenwallen der Westfront fehlen sie ganzlich und im neuen
Zwinger der Siidfront theilweise. Hier war das Bediirfniss an Auf-
stellungsplatzen fur Geschiitze reichlich gedeckt, sodass man vorlaufig
darauf verzichten konnte, alle Walle mit Brustwehren zu versehen.
Allgemein hatte jeder Ritter oder einzelne Walltheil nur eine Rampe,
was fiir die damaligen \>rhaltnisse auch vollkommen ausreichend
erschien, nur im Bollwerk St. Clara im Worth waren deren zwei
vorhanden; an den Zwischenwallen scheinen zunilchst gar keine
vorhanden gewesen zu sein. Um die Willie nicht unnothig hoch
machen zu miissen, brach man vor ihnen die Zinnen der Stadtmauer
ab. Nach Specklins Zeichnungen waren schon damals viele Walle
mit Baumen bepflanzt.

Im Jahre 1530 beschloss der Rath auf den Antrag von Egenolf
Roder von Dierssperg, Mathis Pfarrer, Sturm und Betscholt sowie
Jorg von Guntheim, ' i die beiden Thore .St. Niklaus und St. Johann
eingehen zu lassen, die Thiirme abzubrechen uud statt dessen nur
ein Thor, zwischen beiden, anzulegen. Grund hierfiir war die wenig
giinstige Lage beider Thore an den ausspringenden Winkeln der
Befestigung der Krutenau, wodurch die Thore besonders gefahrdet
erschienen, vor alien Dingen aber der Umstand, dass sie der Anlage
von Streichwehren an den Bruchpunkten der Mauer und von Wallen
hinter diesen Punkten hindernd im Wege standen. Bei dieser Gelegen-
heit soil nach Brant auch beschlossen worden sein, den Baumeister



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