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Ferdinand Apell.

Geschichte der Befestigung von Strassburg i.E. vom Wiederaufbau der Stadt nach der Völkerwanderung bis zum Jahre 1681 online

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Jorg von Guntheim oder Guntheimer und seinen Schwager Hans
Ullburger oder Ullberger auf Stadtkosten nach Hessen zu schicken,
um die dortigen Festungsbauten anzusehen. - 1 Damals befestigte Philipp
der Grossmuthige gerade seine Haupt- und Residenzstadt Kassel mit
runden Basteien, eine Befestigung, welche durch ihre von Karl \\
erzwungene Einebnung schon in der Mitte des Jahrhunderts einer
Befestigung mit kasemattirten Bollwerken Platz machte.

Das ,,neue Thor", wie es bis zuletzt genannt wurde, lag am
Anfang der heutigen Zeughausgasse, am Platz ,,bei der Heuwage"
und wurde nach Erbauung der Zitadelle, nebst den angrenzenden
Fronten, soweit sie nun in die neue Befestigung fielen, abgebrochen.
Die Specklinsche Zeichnung von 1564 lasst erkennen, dass das Thor
ahnlich gestaltet war wie das uns niiher bekannte, etwas spiiter



') Fragm. Brant 3541.

2) Nach Fragm. Brant 4012 miisste man die Ruise in die zwanziger Jahre setzen, nacli
Fragm. 3541 und 3544 kann sie jedoch erst nach 1530 oder im Jahre 1530 stattgefunden haben.



108



GESCHICHTE DER BEFESTIGUXG STRASSBURGS.



erbaute iiussere Metzgerthor, d. h. dass es aus einem Thorthurm und
zwei angehiingten Streichwehren bestand. Ersterer besass iiber der
Thordurchfahrt ein zur WM-theidigung mit Geschiitz eingerichtetes
Geschoss imd iiber diesem eine durch eine Steinbrustwehr gedeckte
Plattform, die zu Specklins Zeiteii mit einem Daehe uberdeckt war.
Die beiden Streichwehren zeigen auf der Specklinschen Zeichnung
zwar mir eine Reihe Schiesslocher und obenauf eine Plattform, wir
wissen aber bestimmt, dass dies nur ein Zeichenfehler ist und dass




zwei Reihen Schiesslocher ilbereinander vorhanden waren, well im
Jahre 1610 die Zwischendecke zwischen beiden Stockwerken fehlte, die
wiederherzustellen damals beantragt wurde. ' i Auch die durch Stein-
brustwehren gedeckten Plattformen beider Streichwehren waren zu
vSpecklins Zeiten mit Dachern bedeckt. Die Einrichtung des Thores
gab nachmals zu manchen Klagen Anlass, indem die Stellung des
Fallgatters bemiingelt wurde, da es hinter statt vor den Thorfliigeln
angebracht war. Es wurde verlangt, dass man es vor dieselben



') Strss. Suit. Arch. G. U. P. 197, 12 a.



DAS XEUE THOR. 109

verlegen sollte, um so mehr als kein zweites Thor oder Zwinger
vorhanden sei. Man konnte dann die Thore schliessen und verbauen,
wenn das Gatter .gefallen sei, was bei der derzeitigen Stellung des
Gatters nicht moglich ware. Es wurde daraufhin befohlen, dass das
Gatter an der inneren Thoroffnung abgeschafft, an die iiussere Thor-
offnung versetzt und hier die Thorfliigel weiter nach innen angebracht
werden sollten, damit die Pfahle des Fallgatters Platz fanden, aber ini
Jahre darauf war noch nichts gesciiehen, da sich dieselbe Klage
Aviederholte. \i Dem abermaligen Beschluss, dem Nothstande abzuhelfen,
scheint nun endlich Folge gegeben worden zu sein. Bei dieser
Gelegenheit wird dann auch bemerkt, dass es, um das Fallgatter auf-
ziehen zu konnen, notliwendig sei, das Schilderhauschen auf dem Thurm
hoher zu setzen, woraus hervorgelit, dass man den Thurm noclimals
ebenso umgebaut haben wird, wie wir es bei dem iiusseren Metzger-
thor- und dem Steinstrasserthorthurm finden werden. Zum oberen
Stockwerk des Thurmes gelangte man mittelst zweier Treppen, die
ausserhalb des Thurmes zu beiden Seiten desselben an die Stadtmauer
gelehnt waren. Ueber dem Thorbogen befand sich nach Silbermann
die Inschrift: ,,A\'o aber der Herr die Stadt nit behiit, da wacht umsonst
der Wachter. Anno MDXXX mense Octobri". Hiermit kann nur der
Beginn des Baues gemeint sein, da der Beschluss zur Errichtung des
Thores aus diesem Jahre datirt. Den Graben vor dem Thore iiberschritt
man auf einer holzernen Pfahljochbrticke. Ersteren riiumte man beim
Bau des Thores bis zum Fischerthor hin aus und brachte den Boden
wohl in den gkichzeitig bei St. Nikhms geschutteten Ritter, bzw.
verwendete ihn, um den bei St. Johann bereits befindlichen bis an den
Johannisgiessen zu verlilngern. Die Burgerschaft musste von Montag
nach Reminiscere bis Dienstag nach St. Johannistag 1530 fronen. "')

Die bei St. Nikhius und St. Johann, nach Abbruch der dort
stchenden Thorthurme errichteten Streichwehren zeigen die Gestalt
der Streichwehren ohne Plattform, also mit kuppelformiger Abdeckung.
Es wurden dann noch Streichwehren vor dem Klapperthurm, sowie
am Bubenloch angelegt, indess scheint sich deren Bau bis in das
Jahr 1541 hingezogen zu haben, da Silbermann berichtet, dass um diese
Zeit die Graben von Fischer- bis Elisabeththor ;i hernials erweitert und
daselbst Streichw^ehren angelegt worden seien.

Aus der Specklinschen Zeichnung von 1564 ist auch die im
Jahre 1531 erbaute gedeckte Brucke am Ausfluss des Johannisgiessen
mit sammt den diesen Wasserlauf bestreichenden, innerhalb der Ring-



») Strss. Stdt. Arch. (}. U. P. 114, 3-
-) Fragm. Biiheler 24S.



110 GESCHICHTE PER BEFESTIGUNG STRASSBURGS.

mailer stehenden Mauern zii ersehen. Die Schiesslocher waren jeden-
falls nur fiir Kleingewehr bcstimmt und in die Mauer schrilg ein-
geschnitten. Wie die Zeichnung andeutet, war das Gatter der bedeckten
Briicke zum Aufziehen eingerichtet, was durch die sehr lebhafte Schiff-
fahrt auf dem Giessen bedingt war.

Die Yor dem Kronenburger Thor gelegene sogenannte rimde
AN'ehre erfuhr im Jahre 1531 einen durchgreifenden Umbaii, dessen
Zweckmassigkeit nicht recht einleuchten will. Sie war bis dahin ein
einfaches Werk, wie das vor dem Steinstrasser- und Weissthurmthor,
durch welches die Strasse wohl ebenfalls in gerader Richtung hin-
dui'chfuhrte. In der \'erhandlung des Ausschusses von 1523 wird der
Bau ,,Bollwerk" genannt und Klage iiber die Beschaffenheit der Schiess-
locher gefiihrt, die nicht zii brauchen wiiren ; aiis der \'erhandlung von
1525 ersehen wir dann, dass in dem Bollwerk bereits eine Art Wall
vorhanden war, der ringsum lief, aber so schmal war, dass vor-
geschlagen wurde, ihn nach riickwarts mit ,,guten starcken hiiltzenen
gerysten'' und einer ,,abtachung" zu verbreitern ,,vff das wo Einer
oben geschediget nit Erst hinder sich zu Ruck den halss abfiile". Die
Zinnen der „brustwere*' sollten abgebrochen und statt dessen im Noth-
falle sechs bis sieben Schuh weite Schanzkorbe aufgestellt werden. Wir
werden uns also vorstellen miissen, dass nur ein ganz schmaler Wall
mit steiler riickwartiger Boschung hinter der Mauer entlang lief, d. h.
ein aus Erde angeschiitteter Wehrgang. Im Jahre 1531 wurde nun das
ganze Bollwerk mit einer Wallschtittung vollig ausgefiillt und dadurch
sehr beengt. Da diese Schiittung wegen der nun nothwendig ge-
wordenen Ueberwolbung der Strasse sehr hoch werden musste, so
liess sich bei dem beschrankten Raum keine bequeme A^erbindung
nach dem Walle anlegen; die einzige \^erbindung dahin bestand in
einer Wendeltreppe, rechts neben dem riickwartigen Eingang der
Wehre. Man konnte also Geschiitze auf diesem A\^alle nur aufstellen,
wenn man sie wie bei einem Thurme mittels Hebezeugs — Krahns —
heraufschaffte, was bei einem Thurme ja nicht anders moglich war,
hier aber nicht als besonders zweckmassig angesehen werden kann.
Die Specklinsche Zeichnung ist an dieser Stelle unvollendet, sodass
der Zustand oben auf der Wehre nicht mit Sicherheit erkannt werden
kann. In der Nachbildung bei Seyboth, D. a. Strss. 265 ist hier etwas
nachgeholfen, indem eine Briistungsmauer angegeben Avird. Vielleicht
ist hiermit das Richtige getroffen, aber behaupten kann man es nicht,
eine Erdbrustwehr konnte aber jedenfalls nicht aus der Specklinschen
Zeichnung gefolgert werden. Auch zwei kleine Kasematten, die an
den Kehlpunkten angelegt wurden, litten an mangelhafter Zuganglich-
keit, da sie nur mittels Stegen, die an der Kehlmauer der Wehre an-



UMBAU DER „RUNDEN WEHRE" VOR DEM KRONENBURGER THOR U. S. W. Ill

j2:ebracht waren, betreten werden konnten. AUe diese Uebelstande
fiihrten denn auch spater zu einem nochmaligen Umbau im Jahre 1599.
Der beschrankte Raum des Werkes nothigte auch dazu, den Wall
unmittelbar an die Bekleidungsmauer zu schiitten — die vermauerten
Schiessldcher sind noch in neueren Zeichnungen des Fortifikations-
archivs zu sehen — , wodurch die Bestreichung des Grabens vor dem
Kopfe der Wehre sehr geschadigt wurde. Das iiussere Kronenburger
Thor lag nunmehr in der linken Flanke des Werkes, da wo der ab-
gerundete Kopf ansetzte, und hatte einen doppelten Abschluss in dem
in der Poterne befindlichen Unterbau des ilusseren Thorthurmes, ' ) der

/



indess erst beim spiiteren nochmaligen Umbau iiber den Wall in die
Hohe gefiihrt wurde. Gegen die hintergelegene Hauptgrabenbriicke
war die Wehre ebenfalls durch ein Thor abgeschlossen, ^) also so zu
sagen ein selbstilndiges Werk. AUes in Allem genommen kann man
diesen Umbau, beim besten Willen, nicht als einen sachgemassen be-
zeichnen, man muss aber bedenken, dass die Kriegsbaukunst in Bezug
auf die zweckmassigste Aufstellung der Geschiitze damals noch in den
Kinderschuhen steckte.

Zu gleicher Zeit mit dem Umbau der runden Wehre wurde der
innere Thurm des Kronenburger Thores neu gebaut und die Brilcke
zwischen Thurm und Wehre durch die Anbringung von Brustungs-



^) Strss. Stdt. Arch. G. U. P. 20, 8. Hier wird die runde Wehre als ,,Vor\verk" bezeichnet.
2) Ebenda.



112



GESCHICHTE DER BEFESTIGl NC; STRASSBURGS.



mauern, wclchc mil Zinnen versehcn wurden, zu ciner Art Streich-
wehr hergerichtct, wic das bereits in lKt W-rhandluno- des Ausschiisses
V(in i:vJ3 in N'orschlao- g-ebracht wordcn war, xwcitellos cine cinfache
iind nicht unzweckmassige Massnahme. Da dcr Thiirni bis zum
Jahre 1870 bestand, wo er bei der Hclagerung in scinen iibcr den
Wallgang hervorragendcn Thcilcn zerstrnl wurdc, so besitzen wir von
ihm noch ganz genaiic Zeichniingen. Silbcrmann gibt an, dass dcr
Thurm im Jahre 15W erhoht worden sei und in der That erseheint
der Thurm auf der Specklinschen Zeiehnimg von 1,')64 etwas niedrioer




als er noch im Jahre 1870 zu sehen war. Offenbar wurde im Jahre 1531
nur der Thurm oberhalb der Thordurchfahrt, die unzweifelhaft aus
alteren Zeiten stammte, neu erbaut und mit Schiesslochern fur Geschiitz
und Kleingewehr, sowie mit einem Dach versehen. Da wir den Thurm
genauer bios in seiner Gestalt von 1599 kennen, so erseheint es an-
gezeigt, erst bei dem zweiten Umbau in diesem Jahre auf seine Einzel-
heiten einzugehen. Den ersten Umbau bezeugte die auf der Riickseite
des Thurmes in Majuskeln angebrachte Inschrift: „Nuni neque vim
neque insidias cogitantes sed propulsandarum ergo respubliea argen-
toratensis fieri foecit anno salutis MDXXXII".

In eben diesem Jahre 1532 begann man vor dem Weissthurmthor



BAU DES MULLERBOLLWERKS VOR DEM WEISSTHURMTHOR U. S. \V.



113



den Bau des sogenannten Miillerbollwerks und daran anschliessend
den Umbau des Weissthurmthores. Wir wissen, dass auf die Noth-
wendigkeit, gerade an dieser Stelle die Befestigung zu verstarken,
bereits im Jahre 1519 hingewiesen worden war, und 1523 hatte man
erneut einen diesbeziiglichen Antrag gestellt. Indess dauerte es doch
bis zum Jahre 1532, dass man mit dem Bau vorging. Ueber denselben
besitzen wir verschiedene Zeichnungen, von denen hier eine nach
Specklins Zeichnung von 1564 und ein Grundriss nach einer der Zeich-
nungen des Stadtarchivs gegeben wird. Beide stimmen nicht ganz
iiberein, was seine Erklarung in der verschiedenen Anfertigungszeit
findet. Wie bei der runden Wehre vor dem Kronenburger Thor, wurde




36.

auch beini Mullerbollwerk der Wall unmittelbar an die Maucr an-
geschiittet; aus welchem Cxrunde das hier geschah, ist aber nicht
ersichtlich. Vielleicht geht man nicht fehl, wenn man annimmt, dass
die nimmehrige Wallbekleidungsmauer die Mauer des Miihlenz wingers
war, und in der That wiirde dies eine gewisse Entschuldigung dafiir
sein, dass man auch hier ein so enges ungltickHches Werk wie vor
dem Kronenburger Thor errichtete. Immerhin war die Gestalt des
MullerboUwerks insofern giinstiger wie die der runden Wehre vor dem
Kronenburger Thor, als sie aus geraden Linien zusammengesetzt war,
die eine Bestreichung von der hintergelegenen vStadtmauer bzw. von
einer am ausspringenden Winkel angelegten Streichwehr zuliessen.
Letztere glich iiusserlich den einstockigen Streichwehren mit Kuppel-
dach, war aber auch innen mit einem Durchmesser von etwa 7,80 m

V. Apell, Befestigung Strassbtirgs. o



114



GESCHICHTE DER BEFESTIGUNG STRASSBURGS.



kreisrund imd mittels einer 4,50 m, also auffallcnd brciten Poteme zu-
o-ano-io-. Das Thor dieser Poterne wurde spiiter durch ein zur Miihle
^ehorioes Gebaude derart verbaut, dass man nur durch das Erd-
o-eschoss dieses Gebiiudes zur Poterne geiangen konnte. Streichwehr
und Poterne fielen 1671 in das damals erbaute Weissthurmthorbollwerk
(;spater Bastion 8) und blieben so bis zur Einebnung nach 1876 erhalten.
Die linke Flanke des Bolhvcrks wurde zum Theil durch das
aussere Weissthurmthor, zum Theil durch cine als Streichwehr fur den
Graben bis Lug-ins-Land dienende Mauer gebildet, in der sich drei
Schiesslocher fiir Geschiitz befanden. Diese Mauer stand auf dem
Gewolbe, unter dem der Miihlgraben zur Achtradermuhle floss, welches
Gewolbe durch ein eisernes Gitter geschlossen werden konnte. Die
rechte Flanke des Bollwerks war in ihrer hinteren Halfte zuruck-
o-ezogen und wurde, wie es scheint, hier ebenfalls von einer als Streich-
wehr dienenden Mauer gebildet, an die nach der Specklinschen Zeich-
mmg von 1564 ein schmales Gebaude angelehnt war. Dasselbe diente
dem Miiller als Rossstall. *) Gegen den Hof der Achtradermuhle war
das Bollwerk durch eine IMauer abgeschlossen, der Raum zwischen
dieser und der Aussenmauer aber mit der Wallschuttung voUig aus-
gefullt. Es fehlte also auch hier an jedem Zugang fiir Geschutz, und
aus der Specklinschen Zeichnung von 1564 ist nicht einmal zu ersehen,

wie ein ^lensch auf den A\'all
geiangen konnte, es sei denn in
dem zur Miihle gehorigen an den
A\'all gelehnten Gebaude eine ent-
sprechende Treppe vorhanden
gewesen. Dieser mangelhafte
Zustand ist jedenfalls der Grund
gewesen, dass spater — w"ann
ist nicht bekannt — vom Ritter
hinter dem Miillerbollwerk, iiber
den Rossstall hinweg, eine Brucke
nach dem Bollwerk angelegt
wurde.

Da durch das Bollwerk das
aussere Thor des Zwingers ver-

37- ^

baut Avurde, so legte man dieses
nun in die linke Flanke des Bollwerks und riickte es soweit zm" Seite,
dass die Strasse zwischen innerem und ausserem Thor eine aus-
reichende Kmmmung erhielt. Das aussere Thor, das anfangs ein




') Strss. Stdt. Arch. G. U. P. 197, 12 a.



BAU DES MULLERBOLLWERKS VOR DEM WEISSTHURMTHOR U. S. \V.



115



einfacher Durchgang' war, wie es noch die Specklinsche Zeichnuno-

von 1564 erkennen lasst, wurde von zwei kleinen Thiirmchen flankirt,

die ihres geringen inneren Raumes wegen niir mit kleinen Streich-

biichsen besetzt werden konnten.' i

Dass das Thor aber A'on vornherein

eingewolbt wurde, geht aus der

Beschaffenheit des ganzen Baues

mit grosster Wahrscheinlichkeit

hervor, an dessen Aussenportal

in Majuskeln die Insehrift ange-

bracht war : ,,Carolo \" Aug. co-

pias Germaniae in Turcam Pan-

noniam invadentem ducente resp.

Arg. portam banc aggere et fossa

muniri MDXXXII.-;" An den

Thiirmchen befanden sich die

Inschriften: ,,Hostibus arcentis'*

— „Civibus tuendis", ebenfalls in

Majuskeln. Weshalb Silbermann

auf seinem Plan XVI " das Thor

als einfachen Durchgang in der y,

Mauer darstellt, ist nicht ersicht-

lich. Wenn man sich auf Speck-

lin verlassen darf, so ist der

obere Theil des iiusseren Thor-

thurmes erst nach Anfertigung seiner Zeichnung, also nach 1564

erbaut worden, und man wird dann annehmen diirfen, dass dies zur

selben Zeit geschah, als der ilussere Thorthurm des Kronenburger

Thores errichtet wurde, d. h. nach

1609. Auffallig ist, dass sich im

Stadtarchiv eine jedenfalls weit

altere Berechnung eines gewissen

Rudolph von Colin befindet, wel- 39-

che die Kosten der neuen A\^achtstube mit Schutzgatter liber dem

ausseren Thor ermittelt, -i aber es kann ja hier wie bei so vielen




3».




') Strss. Stdt. Arch. G. U. P. 197, 12 a.

2) Silbermann, Hermann und die „Mittheilungen" u. s. w. geben die Insehrift etwas
abweichend an, die obige Schreibweise soil aber nach R. Reuss' Bemerkung zur Chronik von
J. J. Meyer, S. 144, die richtige sein.

^) Das Schriftstiick lag zwischen den Zeichnungen und tragt die Ueberschrift : ,,Onge-
ferlicher vberschlag Was die Neuve Wacht Stuben vnd Schutzgatter vfF dem aussern Thor
am Weyssen Thiirn an holtz Stein Zeug vnnd macherlohn In allem sich belouffen mochte."
— Die Berechnungen ergeben: Holzwerk 116 Gld. 5 Sch. 8 Pfg. — Stein, Zeug und Sand

8*



116



GESCHICHTE DER BEFESTIGUNG STRASSBURGS.



Nr. 38.



Nr. 39, 40.41



Nr. 37, 38.




anderen Strassburger Bauten gcoangen sein, wo zwischen Aufstellung"
des Bauentwurfs imd Bauausfiihruno- eine arg lange Zeit verstrich.
Auf alle Fiille wurde der Oberthcil des Thorthurmes im St3ie des

Unterbaues, d.
h. ganzlich m

_J Bossenqua-

dern herge-
stellt, sodass

Ober- und
Unterbau wie

aus einem
Stiick .\i-beit

entstanden
aussahen. Da
wir mit dem
Thurme spiiter
nichts mehr
zuthun haben,
so mag dessen

4°- 41.

Beschreibung"
gleich hier erledigt werden, wenn sein Oberbau auch einer spateren
Zeit angehort. Die mit einem Kreuzgewolbe iiberdeckte Durchfahrt
war imgewohnlich hoch, die Portale zeigten Spitzbogen und reiche
Profilirung, welche ich ebenso wie den Umgang" an der Zwingermauer
selbst aufgenommen habe. ^j Von einem Fallgatter war nichts zu ent-
decken, im Uebrigen nur ein Thorverschluss vorhanden. - 1 Der Zugang
zu dem iiber der Durchfahrt gelegenen Oberstock des Thurmes,
aus dem gerade iiber dem Thor ein die seitliche Beobachtung des
Wachtpostens ermoglichender Erker vorsprang, fand von der alten
X'orbau- oder Zwingermauer aus statt, die zu diesem Zwecke mit
einem auf Kragsteinen mit Spitzbogeniiberwolbung ruhenden inneren
Umgang versehen war. Zu diesem gelangte man mittels einer
am inneren Thorthurm gelegenen Treppe. x\uch von der andern Seite
her konnte man von der Stadtmauer aus, hinter der Streichwehr-



3




178 Gld. I Sch. — Macherlohn: Zimmermann 51 Gld. 2 Sch.; Schreiner 16 Gld. 9 Sch. 8 Pfg.;
Schlosser 54 Gld. 7 Sch.; Kachler 7 Gld.; Maurer 49 Gld. 3 Sch. 4 Pfg. — Summa 508 Gld.
9 Sch. 7 Pfg.

') Nach Fragm. 4353 soil sich am GewiJlbe des Durchganges ein in Farben hergestelltes
Bild befunden haben, das ein „freispringendes Pferd auf drei Bergen" darstellte und mit der
Umschrift: „Libertati publicae" versehen war. Welche Bedeutung es hatte, wer es gemacht
und wann es hergestellt war, konnte Kiinast nicht angeben. Nach 1870 war jedenfalls nichts
mehr davon zu sehen.

2; Strss. Stdt. Arch. G. U. P. 20, 8.



BAU DES MULLERBOLLWERKS VOR UE?>I WEISSTHURINITHOR U. S. \V,



117



mauer weg, zum Thurme gelang:en, der in seinen beiden oberen Stock-
werken nicht eigentlich /Air \"ertheidiguna:, sondern nur als Wacht-
raum^eingerichtet war. Der kleine Anbau auf dem Walk ist eine
spatere Zuthat.




Der innere Thorthurm, der bei der Belagerung von 1870 derart
zerstort wurde, dass er gjinzlieh weggebrochen werdcn miisste, Avar
ein ziemlich eigenthiimliches Gebaude, wie aus der Ansicht zu ersehen
ist. Die Durchfahrt war mit einem spitzbogigen Kreuzgewolbe iiber-
deckt und besass zwei Schlitze fur Fallgatter, das eine am Vorder-
das andere am Hinterportal. Indess waren niemals zwei Gatter gleich-
zeitig im Gebrauch. Dasjenige am Vorderportal ist in den Zeichnungen
des Fortifikationsarchivs nur punktirt angedeutet, der Schlitz fur das-
selbe war also wohl nachmals vermauert worden. Es ist deshalb wohl
unzweifelhaft, dass man das Gatter bei Anbringung des Schiessloches
an das hintere Portal verlegte, da Gatter und Schiessloch nicht gleich-
zeitig zu benutzen waren, dies weist aber wieder daraufhin, dass im
Jahre 1532 nur der obere Theil des Thurmes neugebaut worden ist.
Hierfiir spricht auch das einer iilteren Zeit entsprechende Spitzbogen-
kreuzgewolbe der Durchfahrt, sowie die Anbringung von acht Strebe-
pfeilern an den Ecken des Thurmes, die offenbar nur durch die Er-
hohung des in seinem Unterbau nicht darauf berechneten Bauwerkes



Al. 47.

Nr. 43 V. 46.



118



GESCHICHTE DER BEFESTIGUNG STRASSBURGS.




nothwendig- g-eworden waren. Dcr Unterbau des Thurmcs stammte
offenbar von dessen altester Anlagc vor dem Jahre 1262. Silbermann

hat prufungslos zwei gleich-
zcitig im Gebr.'iuch befind-
liche Gatter angenommen und
V. Pollnitz folgt ihm darin, ja,
letzterer druckt sich noch viel
bcstimmter aus, als ob seine
Angabe auf einem geschicht-
lichen Zeugniss beruhte, was
doch nicht der Fall ist. Es
hatte auch gar keinen Sinn
gehabt, zwei Gatter anzu-
bringen, man hatte sich denn
gleiclizeitig gegen die Stadt
hin vertheidigen miissen, wo-
von doch keine Rede sein
konnte. Die Thorfliigel be-
43, fanden sich am Aussenportal

Nr.44,45, 40. tmd war ausser dem Gatter nur ein Verschluss vorhanden. *)

Ueber der Durchfahrt befanden sich drei Stockwerke, aber keine

Plattf orm, das oberste Stock-
werk war vielmehr mit ei-
nem Dache bedeckt. Der
Thurm ist somit nicht wie
der Kronenbm'ger Thor-
thurm nochmals mngebiiut
worden, was einfach eine
Folge seiner hierfiir nicht
geniigenden Mauerstarke
war. Er befand sich des-
halb im Jahre 1870 noch in
derselben Verfassung wie
zu Specklins Zeiten und war
denn auch ziemlich alters-
schwach. Der Schlitz des
nun am hinteren Portal be-
44 f indlichen Fallgatters reichte

durch alle drei Stockwerke hindurch, sodass beim Hochziehen des
Gatters die Durchfahrt vollig frei gemacht werden konnte. Dieser




') Strss. Stdt. Arch. G. U. P. 20, 8.



BAU DES MULLERBOLLWERKS VOR DEM WEISSTHURMTHOR U. S. W.



119



Fallgatterschlitz gab im Jahre 1609 der Wache Anlass, sich iiber die
Kalte zu beklagen, die von unten her in die Wachtstube drang. In
der beziiglichen Verhandlung wurde bemerkt, dass das Gatter iiber-
haupt nicht am richtigen Platze sei, sondern in den ausseren Thor-
thurm gehore, der also damals bereits A^orhanden war, indess wurde
erkannt, dass es an seinem Platze zu belassen sei, die Oberbauherrn
aber der Klage beziiglich der Kiilte abhelfen sollten. 'j Bei einer
Besichtigung der Fallgatter im darauffolgenden Jahre wurde gemeldet,
dass alles in Ordnung sei, * i es ist aber nicht bekannt, in welcher
Weise Abhilfe geschafft word en war. Melleicht zog man das Gatter
ganz aus dem Schlitz und deckte
diesen mit einer leicht zu beseitigen- I *

den Bohle. j

Der Zugang zu den Stock-
werken erfolgte mittels eines an der
linken Seite des Thurmes ange-
brachten Thiirmchens mit Wendel-
treppe. Dasselbe wurde spater ab-
gebrochen als man den Wall bis
an den Thurm heranschiittete, es
befindet sich deshalb nicht mehr
auf den neueren Zeichnungen, i^t
aber aus der Specklinschen Abbil-
dung noch zu ersehen. Im ersten
Stockwerk lag iiber dem ausseren
Thorbogen das sogenannte Weiss-
thurmmaul, ein grosses Schiessloch '♦-^•

fur Geschiitz, das eine Art Lowenrachen darstellte. Die vSchiesslocher
des zweiten und dritten Stockwerkes, nur fur Kleingewehr oder
Hakenbuchsen bestimmt, batten dagegen eine rein trichterformige
Gestalt und gaben in \^erbindung mit dem Weissthurmmaul und der
eigenthiimlichen Abschragung der Thurmecken in Hohe des dritten
Stockwerkes dem ganzen Bau ein absonderliches Ansehen, Auch
hier befand sich am obersten Stockwerk ein Erker, von dem der
Wachter oder Posten nach vorn und nach den Seiten ausschauen
konnte. Auf der iiber dem ausseren Portal angebrachten Tafel war
die Jahreszahl 1534 in lateinischen Zahlen ausgehauen.

Bevor wrr weiter gehen, miissen wir eines abermaligen ausser-
gewohnhchen Hochwassers gedenken, das im Jahre 1524 am Dreikonigs-




B.



Xr. 45.



') Strssb. Stdt. Arch. G. U. P. 114,
2) Ebenda.



120



GESCHICHTE DER BEFESTIGUXG STRASSBUKGS.



^-ti.oo



tao- iiber Strassburg; hereinbraoh und i>i-ossen Schaden verursachtc.
Es war offenbar der Anlass zur Anlage des Riperger Grabens, der
ledi2;lich als Vortliithgrabcn dicnle und dessen auf der Stadtseite auf-

iicNvortcncr Damm das un-
mittelbarc \"orgelande der
Stadl und diese selbst gegen
das von der Metzger- und

Elzaue heranfluthende
Wasser schutzen sollte.
Den Hauptstoss desselben
musste auch dies Mai wieder
die Befestigung zwischen
oberer 111 und Metzgerthor
aushalten „wo die gewall
zerrissen und in fillen" und
wo „gross nott umb den
pfiller vor dem Spittelthor
war in dem eussern graben,
welcher darnach anno 27
wieder gemacht war"/j

Um die Zeit, in der
man die Thiirme des Kro-
nenburger- und Weissthurm-



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