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Ferdinand Apell.

Geschichte der Befestigung von Strassburg i.E. vom Wiederaufbau der Stadt nach der Völkerwanderung bis zum Jahre 1681 online

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thores zum Theil neu auf-
baute , erniedrigte man
einige der in der Ring-
mauer der westlichen Vor-
stadte stehenden iibrigen
Thiirme, ein Theil derselben
wurde jedoch spater noch-
mals umgebaut. Wir be-
trachten deshalb an dieser
Stelle nur diejeriigen
46. Thiirme, welche im Grossen

und Ganzen bis zuletzt in der Verfassung blieben, in die sie um
das Jahr 1530 versetzt wurden, d. h. den Margarethen-, Georgen-,
und griinen, sowie den Butzbachthurm. Ersterer ist bis zur Stadt-
erweiterung von 1876 erhalten geblieben, letzterer 1843 abgebrochen.




1) Imlin, 30. Spjitestens bei Anlage des Ripeigergrabens ist der Unterlauf des „blauen
Wassers" eingegangen und auch der Gold- und der Melzgergiessen haben ihre Verbindung
mit dem krummen Rhein verloren. Vergl. „die (jelandegestaltung u. s. w.".



DER MARGARETHEN-, GEORGEX-, GRUXE UND BUTZBACHTHURM.



121



der Georg-en- unci griinc Thurm aber sincl in der Belagerung von 1870
zerstort worden. \^on den bis 1870 erhaltenen Thiirmen besitzt das Forti-
tikationsarchiv noch genaue Zeichnungen, sodass wii* in der Lage sind,
ein in allem \\'esentlichen zutreffendes Bild derselben zu entwerfen,
wobei auf unwichtige Einzelheiten nicht eingegangen werden soil. V^om
Butzbachthurm, der 1803 in Privatbesitz iiberging,') haben wir zwar




nur die Specklinsche Abbildung von 1564, diirfen aber annehmen, dass
er auch bezuglich seiner inneren Einrichtung den drei andern Thiirmen
in der Hauptsache geglichen hat. Alle diese Thurme besassen einen
Keller, ein Erdgeschoss und zwei obere Stockwerke und waren mit
einem Dache bedeckt. Das Kellergeschoss war in verschiedener Weise
iiberwolbt, beim Margarethenthurm mit einem Parallel-, beim Georgen-
und griinen Thurm mit einem Perpendikulargewolbe, von denen das



*j Seyboth, D. a. Strss. 255.



122



GESCHICHTE DER BEFESTIGUNG STRASSBURGS.



Nr. 51 u. 52. des gTiinen Thurmes eine eioenthiimliche Gestaltung" zeigte. Das Keller-
geschoss des Gcorgenthurmes bietet nichts Eigenthiimliches, wie denn
auch dieser Thurm in den oberen Stockwerken so sehr mit dem
Margarethenthurme iibereinstimmte, dass von seiner bildlichen Dar-
^r- 50. stellung abgesehen wird. Das Kellergeschoss des Arargarethenthurmes
war zur Aufstellung eines Geschiitzes eingerichtet, iind wenn dies bei
den andern Thiirmen unbestimmt bleibt, weil man an den betreffenden
Stellen spiiter Ausgiinge nach dem Graben angelegt hatte, so ist es
doch sehr wahrscheinlich, da sich im Gewolbescheitel grosse Oeffnungen
befanden, die wohl nur zum Abzug des Rauches bestimmt sein konnten.

Der Zugang zu den oberen
Geschossen der Thiirme lag
im Erdgeschoss, von wo
^^ ^^^^^^^ aus man mittels Treppen
\^on einem zum andern

Stockwerk gekmgte. Nur

beim griinen Thurm muss
eine andere Verbindung
nach dem obersten Stock-
werk vorhanden gewesen
sein, da die Zwischendecke
gew^olbt war und keine

Treppenoffnung zeigte.
Spater war das obere Stock-
werk vom Walle aus zu-
gangig. Eine sehr zweck-
Nr.48, 50,51. miissige Einrichtung zeigte das erste Stockw^erk der Thiirme, indem
es hinter der Frontmauer einen iiberwolbten Gang besass, der mit
dem Wehrgang der Stadtmauer in Verbindung stand. So vermittelte
der Thurm die Verbindung zwischen den anstossenden Theilen der
Stadtmauer und war doch selbst gesichert, wenn die von dem ge-
wolbten Gang in das erste Stockwerk fiihrende Thiire geschlossen
Avurde. Sperrte man dagegen die Thuren des Thurmes gegen den
Wehrgang der Mauer hin, so unterbrach der Thurm die Verbindung
auf dem Wehrgange und bildete einen Abschnitt in der Ringmauer.
Auch das Erdgeschoss der Thiirme gestattete ein Geschiitz aufzu-
stellen,') w^ahrend das erste Stockwerk wegen des iiberwolbten Ganges
nur zur Gewehrvertheidigung eingerichtet sein konnte. Das zweite
Stockwerk des Margarethen- und des Gcorgenthurmes zeigte nur




48.



^) Beim Butzbachthuim muss dies dahingestellt bleiben, da man ihn in den verschiedenen
Zeichnungen nur von der Seite sielit.



DER MARGARETHEX-, GEORGEX-, GRUNE UXD BUTZBACHTHURM.



123



Schiesslocher fur Kleingewehr, das des grunen Thurmes aber fiir
zwei Geschiitze.

Wenn oben gesagt wurde, dass diese Thiirme im ^^'esentlichen
bis in die neuere Zeit erhalten geblieben seien, so wie sie um 1564
beschaffen waren, so bezieht sich dies eben nur auf ihre Bauart im
Grossen und Ganzen, im Uebrigen ist bis in die letzte Zeit ihres Daseins
immer an ihnen herumge-
flickt worden, obgleich sie
doch einenfortifikatorischen
Werth gar nicht mehr be-
sassen und aus diesem Ge-
sichtspunkte wohl hatten be-
seitigt werden sollen. Man
erhielt sie jedoch als Auf-
bewahrungsraume u. s. w.,
an denen im franzosischen
Strassburg gerade kein
Ueberfluss war; als dann
die Belagerung imjahre 1870
kam, fielen sie den Ge-
schossen des Angreifers
gleich Anfangs zum Opfer.
Vom geschichtlichen Stand-
punkte kann man sich nur
freuen, dass sie so lange
erhalten worden sind, da
uns sonst ihre interessante
Bauweise kjium bekannt ge-
worden ware. Das Herum-
flicken an den Thiii"men
hat es nun sehr schwer
gemacht, den alten Zustand
festzustellen und war dazu

die V'ergleichung einer grossen Zahl von Zeichnungen nothwendig.
Es ist auch nicht unmoglich, dass sich in den Abbildungen klcine
Unstimmigkeiten eingeschlichen haben, indess konnten dieselben nicht
von Belang sein und wiirden keinesfalls das Wesentliche der Bau-
weise beriihren.

Imjahre 1536 schritt man dazu, vor dem Metzgerthore ein Bollwerk
anzulegen, das aber erst imjahre 1544 fertiggestellt wurde.' i Zu diesem




1) Fragm. Irausch 2693; Silbermann 97.



124



GESCHICHTE DER BEFESTIGUNG STRASSBURGS.



Zwecke wurde das vor dem inneren Thor gelegene Stiick des alten
Zwingers \on diesem abgetrennt, quer ilber den innern Stadtgraben
durch Mauern an die hintergelegene Stadtmauer angeschlossen und

an beiden Eckpunkten

mit Rondelen ver-
sehen. Die Briicke
iiber den innern Gra-
ben wurde beseitigt,
zwischen den beiden
Thorthiirmen eine Po-
terne erbaut imd der
Raum innerhalb der

Mauer mit einem
Walle ausgeschiittet.
Man nannte das Thor
von nun ab dashohle
Tlior. Von diesem Bau
besitzen wir eine ge-
naue Zeichnung aus
dem Jahre 1769, die
angefertigt wurde als
man zum Abbruch des
Thores schritt, da der
Verkehr durch das-
selbe wegen der Bau-
falligkeit der Gewolbe
lebensgefahrlich ge-
worden war.'j Im Ue-

brigen ist das Boll-

50.

werk auch aus der

Specklinschen Zeichnung von 1564 zu ersehen und von Silbermann,

Piton, Se^'both u. s. w. nachgebildet worden.- ) Es wird hier Grundriss

Nr. 53".54. und Durchschnitt nach der Zeichnung des Stadtarchivs von 1769, die




^) Strss. Stdt. Arch. AA. 2089. Schon 1560 war das Gewolbe schadhaft (Prot. d. XXI.
V. 1560, Fol. 371).

2) Die von Seyboth und mir nach der Specklinschen Zeichnung von 1564 gegebene
Abbildung stimmt nicht genau mit derjenigen Pitons Uberein. Abgesehen von kleinen Ver-
schiedenheiten, die nur in der Darstellungsweise beruhen mogen, sind auch grundsatzliche
Unterschiede vorhanden, so die Gestaltung des Katharinenthores, das Fehlen der kleinen
Wallschiittung im neuen Metzgerthor-Zwinger und das des gedeckten Weges mit Glacis auf
der von Piton gegebenen Zeichnung. Ich habe die Specklinsche Zeichnung genau wieder-
gegeben und muss annehmen, dass Piton eine andere Zeichnung vorgelegen hat. Wenn dies
der Fall ist, so wiirde die von mir benutzte Zeichnung jiingeren Datums sein.



DAS XEUE BOLLWERK AM INKEREN METZGERTHOR.



125



Ansicht nach Specklin gegeben, welche letztere gleichzeitig den weiter Nr. 55

unten beschriebenen neuen Zwinger mit dem nunmehrigen ausseren

Metzgerthor erkennen lasst. Grundriss und Ansicht des Bollwerks

stimmen, wie man sieht, nicht genau iiberein, indem bei ersterem der

aussere Thorthurm gegen die Eskarpenmauer zuriickliegt, sodass der

Zugang zum Thor vom Rondengang hinter der Mauer aus unter

kreuzendes Feuer genommen werden konnte. An der Zuverlassigkeit

dieser Angabe des damaligen Stadtarchitekten Boudhors ist jedoch

nicht zu zweifeln. Da der

alte Zwinger einen derartigen

Vorsprung der Eskarpe gegen

den Thorthurm nun nicht auf-

wies, so muss man annehmen,

dass die Eskarpenmauer bei

Gelegenheit der Erbauung des

Bollwerks neu errichtet worden

ist. Sie war in ihrem unteren

Theile anliegend, von der Hohe

des gewachsenen Bodens ab

aber freistehend und hier

ringsum mit Schusslochern

versehen. Beide Flanken zeigen

hinter der Eskarpenmauer

eine Reihe Strebepfeiler, rechts

sieben, auf der etwas kiirzeren

linkenFlanke sechs. Man konnte

versucht sein, sie fiir Travers-

mauern im Rondengange zu

halten, wenn sie da einen

Zweck gehabt hatten; man

darf aber auch nicht iiber-

51-
sehen, dass der der Stadt-

mauer zunachst stehende Pfeiler die zum Rondengang fiihrende

Thiire theilweise verdecken wurde. Man wird deshalb mit Sicherheit

schliessen durfen, dass sich diese Pfeiler unterh[ilb des Rondenganges

im Erdboden befanden und entweder zur Verstiirkung der Mauer

dienten oderWiderlager von Kasematten vorstellen sollten. Im letzteren

Falle wurde allerdings die Ruckwand der Kasematten nicht angegeben

sein, man darf deshalb aber den Gedanken doch nicht von der Hand

weisen, well die Specklinsche Zeichnung thatsiichlich eine Reihe Schiess-

locher angiebt, welche diesen Ivasematten entsprochen haben wurden.

Es sind bei Specklin zwar nur vier Schiesslocher angegeben 'in der




126



GESCHICHTE DER BEFESTIGUXC: STRASSBURGS.



Pitonschen Abbiklung sogar nur eins/, wilhrend sechs Kascmatten
Yorhanden gewesen wiircn, indess erscheint diese Unstimmigkeit doch
nur nebensikhlich. Ich habe beide Zeichnungen ohne Abanderungen
wiedergegeben, nm den A'ergleich zu ermoglichen. Ks ist eigentlich
ziemlich selbstverstandlich, dass man sich nicht die Gelegenheit
entgehen liess, auf einfachste Weise zu Streichwehren fiir den inneren
Stadtgraben zu gelangen, da das Revetement so wie so von der
Grabensohle ab aufgebaut werden musste.

Die an den Ecken des
Bollwerks erbautenbeidenRon-
dele waren eigentlich nichts
weiter als Mauervorsprilnge,
wenn sie unterhalb des ge-
wachsenen Bodens verfiillt
und nicht etwa mit einer
Kasematte versehen waren.
Letzteres mochte man ange-
sichts der ihre Kehlpunkte
verbindenden Mauer fast glau-
ben, aber weder der Durch-
schnitt des Stadtarchivs, der
sie von der Seite ansichtig
macht, noch die von mir be-
nutzte vSpecklinsche Zeichnung
lassen Schiesslocher in der
Hohe dieser muthmasslichen
Kasematten erkennen, sodass
die Frage auf sich beruhen
muss, wenngleich in der Pi-
tonschen Abbildung Schiess-
~~ .^ locher einer tiefgelegenen

Kasematte angegeben sind.
Sehr interessant ist aber die Grundrissform dieser Rondele, indem
sie den Uebergang zur Bastionsform darstellt. Wahrend namlich der
Kopf der Rondele noch abgerundet ist, sind die Flanken bereits
geradlinig und stehen senkrecht auf der zu bestreichenden Linie.
Auf der Specklinschen Zeichnung sind die Rondele oben offen, nach
der des Stadtarchivs waren sie spilter mit einem spitzen Dache be-
deckt.

Den innersten Metzgerthorthurm zeigen beide Zeichnungen in
genau derselben Verfassung, es scheinen also seit Specklins Zeiten
keinerlei Veranderungen mehr an ihm vorgenommen zu sein.




DAS NEUE BOLLWERK AM INNEREN :METZGERTH0R.



127



1544, 'j also am Schlusse der Bauzeit des Bollwerks, maclite man ihn
niedriger und gab ihm die Gestalt, die er bis zuletzt besessen hat. Viel-
leicht gab seine Standfestigkeit doch zu Bedenken Anlass, was man sich
wohl vorstellen kann, da er nur Zwischendecken von Holz besass, die
vier hohen, nicht iibermassig starken Seitenmauern also der kraftigen
Verbindung ermangelten, welche Gewolbe gewiihren. Auf eine mangel-
hafte Standfestigkeit deuten audi zwei Strebepfeiler bin, welche an die
hinteren freistehenden Ecken des Thurmes angesetzt waren und ferner
der Umstand, dass man das oberste Stockwerk mit dem p3^ramiden-
tormigen Dachstuhle in ganz leichter Bauart aufgefuhrt hatte. Es




war ehedem ein Thurm mit schonem grossem Helm von grunen
glasierten Ziegeln und mit vier schonen Nebenerkern versehen, „ein
schoner lustiger Thurm".-) Im vorderen Portal des Thurmes sah man
noch den Schhtz fur das Fallgatter, ein solches war aber nach Er-
bauung der Thorpoterne nicht mehr vorhanden. Zum Stockwerk iiber
der Durchfahrt gelangte man mittels zweier an die Stadtmauer ange-
lehnter Treppen,^) von denen aber im Jahre 1769 nur noch diejenige
auf der rechten Seite vorhanden war. Vom ersten Stock nach dem
Walle des Bollwerks fuhrte dann eine Thiire in der Vorderfront des
Thurmes, vor der eine Art Windfang lag; einen anderen Zweck kann



ij P'ragm. Trausch 2693. Nach Fragm. Biiheler 311 fand der Abbruch erst im Jahre 1548
statt, 1544 ist aber wahrscheinhcher. Diese Zahl gibt auch Fragm. 4348, Jas sonst mit
Fragm. 311 iibereinstimmt.

^) Fragm. Trausch 2693.

3j Strss. Stdt. Arch. PI. 572 (I, 2).



128



GESCHICHTE DER BEFESTIGUXG STRASSBURGS.



man dem kleinen schmalen Anbau wohl nicht beimessen. Die Xer-
bindung" nach den oberen Stockwerken des Thurmes A'ermittelten
gewohnliche Holztreppen. Zur \\M-theidi»iing' war der Thurm nicht
mehr eingerichtet.

Der aussere der beiden inneren Thorthiirme muss urspriinglich,
als er im Jahre 1400 das „alt gescheffede'' ersetztc, ein stattlicher
Thurm gewesen sein, denn er besass ein machtiges Mauerwerk, starker
als das aller anderen Thiirme. Beide Portale waren in Spitzbogen
iiberwolbt, und die Durchf ahrt bedeckte ein spitzbogiges Kreuzgewolbe,
dessen Kiimpfer erst in der Hohe des Schlusses der Portalbogen an-
setzten. Im ilusseren Portal befand sich der Schlitz fiir das Fallgatter,




am inneren der gewohnliche Thorverschluss. Nach der Specklinschen
Zeichnung" war die urspriinglich vorhandene Zinnenkronung des Thurmes
bereits beseitigt und iiber dem Thorsveg ein mit Schiesslochern ver-
sehenes Stockwerk vorhanden, nach der Zeichnung von 1769 spater
aber auch dieses beseitigt und durch ein leichtes einstockiges Gebaude
ersetzt. Ueber das zwischen beiden Thiirmen befindliche Thorgewolbe
ist nichts weiter zu sagen als dass es in der Mitte des rechten, Avahr-
scheinlich auch des Unken Widerlagers eine grosse Nische besass,
deren Zweck nicht weiter bekannt ist.

Da der Raum fiir die Wallschiittung recht knapp war, so sah
man sich gleich von vornherein genothigt, den Fuss der Boschung im
Rondengang mit Mauerwerk zu bekleiden, trotzdem blieb das Bollwerk
sehr beengt. Da man die Geschutze nur mittels Krahnen auf den
Wall schaffen konnte, so stellte das Wtivk das dritte Exemplar dieser
Art Bollwerke dar, man konnte deshalb aber nicht sagen : aller guten
Dinge sind drei, man muss sich vielmehr wundern, wie man um diese
Zeit noch einen so mangelhaften Bau herstellen konnte. Die vom
ausseren Thor aus iiber den Graben fiihrende Briicke scheint ihre



DAS NEUE BOLLWERK \M INNEREN METZGERTHOR.



129



uranfilnoliche Gestalt bis zuletzt behalten zu haben: holzerner Oberbau
auf zwei gemauerten Pfeilern. Von einer Zug- oder Fallbrucke ist
weder auf der Specklinschen Zeichnung noch auf der des Jahres 1769
etwas zu sehen.

Bald nach Inangriffnahme des vorbeschriebenen Baues ging man
daran, einen neuen Zwinger vor dem Metzgerthore anzulegen, durch
den der Zwinger von 1475 seinen Anschluss an die Befestigung der
Krutenau erhielt. ' i Dieser neue Zwinger deckte gleichzeitig das St.
Katharinenthoi- und bildete vor beiden Thoren eine Art Waffenplatz,




hatte in friedlichen Zeiten aber den Zweck, als Mehmarkt zu dienen,
wozu der Platz schon vor Anlage des Zwingers benutzt worden war. -)
Ueber den Beginn des Baues gehen die Angaben mehrf.ach auseinander,^)
das Wahrscheinliche ist, dass er 1543 in Angriff genommen wurde,
als Graf Wilhelm von Fiirstenberg und der Hauptmann Daniel Silber-



1) Seyboth, D. a. Strss. 199 sagt: „aussere Mauer mit Scluisslochern vom Rheingiessen
bis an das aussere Metzgerthor 1545, 1547." Es ist nicht zu verstehen, was liiermit gemeint
sein soil, denn der neue Metzgerthorzwiiiger begann doch nicht am Rheingiessen.

2j Im Jahre 1564 wurden vor dem iiusseren Thor eine Anzahl Schweinestalle erbaut,
zvveifellos zum Zwecke der hier abgehaltenen Viehmarkte (Prot. d. XXI. v. 1564, Vo\. 31 it);
sie waren noch 100 Jahre spater vorhanden. Dicht daneben lag ein Postgebaude (Strss. Stdt.
Arch. PL 30 — Us, 16).

3) Specklin, von Silbermann angezogen, Fragm. Trausch 2691 und 2693 und J. J. Meyer, 13
setzen den Beginn des Baues in das Jahr 1543, Sebald Biiheler, Fragm. 299, ebenfalls von
Silbermann angezogen, ins Jahr 1545 und B. Hertzog ins Jahr 1548. Vielleicht begann man
die Erdarbeiten im Winter 1543/44, die Maurerarbeiten 1545 und beendete den Bau 1548, s"dass
sammtliche Zahlen eine gewisse Berechtigung batten.

V. Ape 11, Befestigung Strassburgs. 9



130 GESCHICHTE DER BEFESTIGUXG STRASSBURGS.

kramer vor Liitzelburg' abzogen und sich mit ihrem \"olke nach Strass-
biirg" begaben. Man stellte Miinner und Weiber beim Bau an und gab
ihnen tiiglich 1 Pfennig" zu Lohn, fiir 2 Pfennig Brod und zwei Stiieke
Fleisch. Der aus dem neuen Graben geforderte Boden wurde offenbar
in den "Wall des Bolhverks vor dem inneren ^Sletzgerthor gekarrt, da
dessen Schiittung' fiir das Jahr 1544 von den Chronisten gemeldet wird,
wiihrend der Ueberschuss im Zwinger selbst Verwendung fand. Dieser
bestand aus einer einfachen Mauer (der Eskarpe des Grabens\ die
oberhalb des gewachsenen Bodens nicht vollig freistand, da man einen
Anlauf aus Erde hinter der Mauer schiittete, um an die obere Reihe
der Schiesslocher gelangen zu kCmnen. A\'ie man an die einzelnen
tiefer gelegenen Schiesslocher kam, und welchen besonderen Zweck
sie hatten, bleibt dunkel. Am linksseitigen Ende der Mauer befand
sich eine schmale Ausfallpforte, von der aus man wohl mittels Nachen
nach dem gegeniibergelegenen Waffenplatz des gedeckten Weges
iibersetzen wollte. Den ganzen Bau leitete ein Frankfurter Baumeister,
nicht „der Baumeister der Stadt Frankfurt" wie Silbermann und nach
ihm V. Pollnitz angibt. Er wurde, wie Sebald Biiheler in seiner kleinen
Miinsterchronik erzahlt/) in der Herberge zum Ochsen-; untergebracht,
wo „man inen ein zeit lang in der herberg erhalten und uss gelost"
und wo ,,auch die Herren der Statt inne gutte geselschaft leisten
lassen", Stadtmaurermeister war damals Hans Spiegel.^;

Die Lage dieses neuen Zwingers gegen die heutige Befestigung
bczw. Stadt ist am besten aus dem Stadtplan zu ersehen, sodass eine
nahere Auseinandersetzung eriibrigt.

Den Anschluss des neuen Zwingers an den desjahres 1475 ver-
mittelte „der ronde schneck" d. h. die Streichwehr, die wir bereits
aus der Ausschussverhandlung des Jahres 1523 kennen. Sie bestand
nach der Specklinschen Zeichnung aus einer tiefgelegenen Kasematte
mid einer dariibergelegenen Plattform, in deren Steinbrustwehr eine
Reihe Schiesslocher angebracht war. Wir haben es hier also mit
einer Bauweise zu thun, die von derjenigen der bisher beschriebenen
Streichwehren abweicht und die wir nur noch an den Streichwehren
des ausseren Metzgerthores finden werden. Zur Bestreichung des
Grabens A^or der linken Seite des Zwingers waren in der Ringmauer
der Ki*utenau sechs Schiesslocher eingebrochen worden, zwischen
Katharinenthor und dem nachsten auf der Mauer sitzenden Thurm,
den Piton irrthumhcher \\^eise als tour sm" la pointe bezeichnet.



1) Fragm. Biiheler 299.

-) Die Herberge zum Ochsen lag nach den Strss. G. u. H. N. v. 1888, 186 in der
kleinen Vihegasse, heute Ochsengasse, zwischen Metzgergiessen und Metzgerplatz.
^) Fragm. Biiheler 299.



DER NEUE ZWINGER VOR DEINI ^rETZGERTHOR U. S. \V.



131



Das im ausspringenden Winkel des Zwingers gelegene neue,
nunmehrige iiussere Metzgerthor, bestand aus einem Thurm und
zwei angehangten Streichwehren, welche den Graben nach beiden




^^^fe^^



J?|_..^_.



56.
Seiten bestrichcn und deren Beschaffcnhcit uns durch den Abbruch
des Tliores im jahre 1878 bekannt geworden ist. Danach bestanden
die Streichwehren aus einer ^

tief gelegenen Kasematte, auf
der nach der Specklinschen
Zeichnung eine mit Schiess-
lochern versehene Mauer stand,
welche die Plattform deckte.
Hier ist aber offenbar eine Un-
genauigkeit in der Zeichnung
Yorhanden, indem sich bei den

Abbruchsarbeiten heraus-
stellte, dass iiber der unteren
Kasematte eine zweite stand,
die ebenfalls mitSchiesslochern
versehen war. Man braucht
nur die doch unbedingt zuver-
lassige Photographic des im
Abbruch begriffenen Thores

mit der Specklinschen Zeich- ^

nung zu vergleichen, um so- 57-

fort zu sehen, dass letztere nicht nur in der Zahl der Stockwerke
einen Irrthum enthiilt, sondern dass auch die Hohenlage der unteren
Kasematte gegen den Thorweg falsch angegeben ist; diese Kasematte

Q*




^^^^^^




'-B



132



GESCHICHTE DER BEFESTIGUNG STRASSBURGS.



lag- nicht auf Hohe des Thonveges, sondern untcrhalh desselben. Ueber
der oberen Kasematte der beiden Streichwehren lag also nach Specklin
eine Plattform mit Steinbrustwchr und Schiesslochern. Ob sich
Reste derselben beim Abbruche gefunden haben, ist mir nicht bekannt
geworden, es ist aber nicht anzunehmen, wcil die Mauer wohl nach-
mals bei Schiittung des Walles abgebrochen worden ist; die bezugHche




Abbildung ist deshalb nach dieser Richtung lediglich als Rekonstruktion
zu betrachten. \Me eine im Fortifikationsarchiv befindliche Zeichnung
erkennen lasst, standen die unteren Kasematten der beiden Streich-
wehren unter der Thordurchfahrt mittels eines iiberwolbten Ganges
in Verbindung, dessen Ueberreste in den Seitennischen der Kasematten
erhalten waren. Auch der „Eigentliche Bericht von Befestigung der
so weit beriihmten Stadt Strassburg u. s. w." sagt,. dass ,, unter der



DER NEUE ZWIXGER VOR DEM METZGERTHOR U. S. \V.



loc



Ausfahrt alles hohl sei". Da die Durchfahrt im IS. Jahrhundert tiefer
gelegt wurde, so musste man das im Wege stehende X'^erbindungs-
gewolbe wegbrechen und den Hohlraum verfiillen, den man dm^ch
Scheidemauern gegen die Kasematten abschloss. Ob und in welcher
Weise eine \''erbindung der Stockwerke bestand, ist nicht bekannt,
man wird aber annehmen diirfen, dass man in das obere Stockwerk
unmittelbar und von diesem erst in das Kellergeschoss gelangte. Auf
die Plattform kam man offenbar durch iiussere Treppen, von denen sich
beim Abbruch des Thores noch ein Stiick im Walle vorgefunden hat.




Der Thorthurm in seiner ersten Gestalt, welche die Specklinsche
Zeichnung wiedergibt, hatte iiber der mit einem flachen Kuppelgewolbe
iiberdeckten Durchfahrt nur ein einziges Stockwerk und wurde deshalb
im Jahre 1586 unter Specklins Leitung erhoht, auch soil damals nach
Silbermann und Anderen'i ein Fallgatter am iiusseren Thorportal an-
gebracht worden sein, was zweifellos der Grund fiir die Erhohung
des Thurmes gewesen ist. Die vSpuren dieses Fallgatters, welches
Silbermann beschi'eibt, ' i waren noch zur Zeit des Abbruches des Thores
zu sehen. Es war kein eigentliches Gatter, die Vorrichtung bestand



1) Silbermann lo6 u. 107; J. J. Meyer 14; Fragm. Wencker 31 15. lliernach wurde das
Dach mit Kupfer gedeckt.
*) Silbermann 107.



134



GESCHICHTE DER BEFESTIGUNG STRASSBURGS.



+ /d «i»



vielmehr aus einzelnen lano:en Fallbaumen von Eichenholz, 6 Zoll dick
unci 9 Zoll breit, die iinten mit starken eisernen Schuhen beschlagen
waren. Oben im Thurm lag langs der Oeffnung, durch die sie gingen,
ein starker Wellbaum, dessen Ziiline die Fallbaume in die Hohe hielten.
Der Wellbaum selbst wurde mit einem starken uber einen Block hin-
gehenden Sell gehalten, an welchen Block ein Beil mittelst einer Kette
festgemacht war, um sogleich im Fall der Noth das Seil auf dem Block

abhauen zu konnen, wonach
bei Umdrehung des Well-
baumes die Fallbaume durch
viereckige Locher in gleichem
Abstande von einander herab-
fielen und das Thor versperr-
ten. Diese Locher in den
Quadern des Thorbogens
waren 1878 noch zu sehen,
wahrend von der iibrigen
Vorrichtung keine Spur mehr
vorhanden war. Durch die
Erhohung des Thurmes er-
hielt derselbe die in den Ab-
bildungen dargestellte Form
und Gestalt, war also in
seinem Oberbau zuniichst
vier-, dann achteckig und
besass nunmehr zwei massig
hohe Stockwerke, daruber
ein Dachgeschoss. AVie man
sieht, war die Erhohung mit
geringen Mauerstarken aus-
gefiihrt, sodass von einer
''°' Benutzung des Thurmes zur

Vertheidigung nicht wohl die Rede sein konnte; so waren Schiess-
locher auch nirgends zu entdecken. Der Zugang zum Thurm war
eigenthiimlich angeordnet, indem er im INIauerwerk der linksseitigen
hinteren (inneren) Thurmecke lag, aber nur mit dem oberen Theil der
Treppe, wahrend deren unterer ausserhalb des Thurmes freistand.



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