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Ferdinand Apell.

Geschichte der Befestigung von Strassburg i.E. vom Wiederaufbau der Stadt nach der Völkerwanderung bis zum Jahre 1681 online

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Nach den beim Abbruch des Thurmes aufgefundenen Resten dieses
unteren Treppenlaufes zu schliessen, scheint derselbe erst auf die
Plattform der linksseitigen Streichwehr und von hier erst in den Thurm
gefuhrt zu haben. Der Thurm war auf seiner Aussenseite bis zum
Gesims iiber dem Thorbogen mit sauber gearbeiteten Bossenquadern




DER NEUE ZWIXGER VOR DEM METZGERTHOR U. S. \V.



135



bekleidet, wie wii" es audi beim ausseren Weissthurmthor gefunden
haben, die Thorlaibungen waren reich profilirt, und iiber dem Aussen-
portal befand sich eine Tafel mit der nieht mehr erkennbaren Jahres-
zahl der Erbauung".

Im Jahre 1546 brach man den am Eintluss der 111 stehenden
Teufelsthurm zur Hiilfte ab. \^on seinem urspriinglichen Zustand
haben wir keine
genaueren Nacli-

richten, nach
Silbermann und
anderen Chronis-
ten soil es aber

der festeste
Thurm gewesen

sein. Wie bei

alien iibrigen

alteren Stadt-

01.

thiirmen bildete

sein Grundriss ein Mereck, auch sprang er nur ganz unbedeutend,
ohne eine Seitenbestreichung zu ermoglichen, vor die Mauerflueht
vor, abweiehend von alien iibrigen ThiArmen war aber an seiner





freistehenden Ecke eine Art Erker angebracht, der als rundes Seiten-
thiirmchen von der 111 aufstieg. Der Anlass zum Abbruch dieses
Thurmes \Yar die als nothwendig erkannte Schiittung eines Walles
hinter demselben, welchem Walle der Thurm das Schussfeld theil-
weise versperrt haben wurde. Man brach also den Thurm bis zur
Hohe der Stadtmauer ab und legte auf dem stehenbleibenden Unter-
bau eine Plattform an. Schon oben wurde angedeutet, dass es un-
gewiss sei, ob nicht das untere Stockwerk des Thurmes als Kase-



136



GESCHICHTE DER BEFESTIGUXG STRASSBURGS.



■t-J-.o



matte zur Bestreichung der 111 erhalten blieh, wie elie Specklinsche
Zeichnunu- von 1564 A-ermuthen liisst. Zugangiich wurde das unterstc
Geschoss des Thurmes auch ohne Poterne gchliehen sein, da man den
A\'all auf der Illseite nicht an die Mauer anschuttete, hinter derselben
vielmehr einen freien Raum liess, in welchem Geschiitze aufgestellt
werden konnten, die durch in der Mauer angebrachte Schiesslocher
den Einfluss der 111 unter Feuer hielten. Erst 1663 wurde dieser freie
Raum verschiittet und der WdW vorgeriickt, damit aber auch der
Zutritt zum Erdgeschoss des Thurmes unmoglich gemacht. Heute
sieht man in der noch erhaltenen Mauer nur noch Spuren der Schiess-
locher. Es mag nun auch gleich hier noch der zu Ende des 16. oder

Anfang des 17. Jahrhunderts auf die
Plattform des Thurmes aufgesetzten
Brustungsmauer gedacht werden, die
heute noch der letzte erhaltene Rest
der gesammten Befestigung der ehe-
maligen westlichen Vorstadte ist. Es
ist zwar keine unmittelbare Nachricht
liber die Zeit ihrer Herstellung vor-
handen, man kann die Erbauungszeit
aber aus der Gestaltung der Briistungs-
mauer erkennen, die mit der Bekronung
des inneren Kronenburger Thores die
grosste Aehnlichkeit hat. Letztere
wurde 1599 hergestellt, die Umgestal-
tung des Walles vom Teufelsthurm
bis Lug-ins-Land erfolgte aber, wie oben bemerkt, im Jahre 1603, sodass
man die Herstellung der Brustwehr wohl in diese Zeit setzen darf.
Dies sei vorgreifend bemerkt, da wir auf diesen Bau nicht nochmals
zui-iickzukommen haben. Die Gestaltung der Brustwehr geht aus den
Abbildungen mit hinreichender Deutlichkeit hervor.

Im Jahre 1549 wurde auch der Steinstrasser-Thorthurm niedriger
gemacht und zwar etwa um die Halfte abgebrochen; es soil nachst
dem Miinster der hochste Thurm Strassburgs gewesen sein, hinter
welche Angabe Sebald Biihelers^i ich doch ein Fragezeichen setzen
mochte. Ich kann mir nicht denken, dass er als ein Thorthurm hoher
als der Pfennigthurm gewesen sei, den alle alteren Ansichten Strass-
burgs als den hochsten Thurm nachst dem Miinster erscheinen lassen.
Silbermann gibt an, dass der Abbruch des oberen Theiles des Thurmes
54 Jahre nach Vollendung der Erbauimg stattgefunden habe, sodass




63.



•) Fragm. d. Id. Mnslchr. 312.



UMBAU DES STEIXSTRASSER THORTHURMES.



137



vierzehn jahrc an dem Thurme gebaut worden wilre, da der Ban im
Jahre 1481 begonnen wurde. ' i So wie der Thurm im Jahre 1549 her-
gerichtet worden ist, hat er — abgesehen von kleinen nebensachlichen
Aenderungen — bis zur Belagerung von 1870 bestanden. Seine Um-
fassungsmauern zeigen ausserordentliche Starke, auch das die Thor-
durchfahrt tiberdeckende schone Sterngewolbe, welches das Jahr 1870
iiberdauerte, war bei Weitem kriiftiger gehalten als die Gewolbe aller
iibrigen Thurme. In seiner Mitte befand sich eine runde Oeffnung,
jedenfalls bestimmt, Geschiitzrohre nach dem ersten Stockwerk auf-
zuziehen. Dieses Stockwerk besass in der Aussenmauer zwei Fenster,

welche jedoch
erst in neuerer

Zeit angelegt
worden sind. Wie
nilmlich aus der
bereits erwahn-
ten Verhandlung

beziiglich der
Fallgatter vom
Jahre 1609 her-
vorgeht, war da-
mals an Stelle
der Fenster ein
Schiessloch fitr

Geschiitz vor-
handen,

moglicherweise
waren es aber
auch deren zwei,
da im Jahre 1587 64.

zwei Geschiitze fiir den Thurm in Ansatz gebracht wurden. -i Ur-
spriinglich hatte das Fallgatter seinen Platz am ilusseren Portal ge-
habt, war dann wegen der Schiesslocher an das innere Portal verlegt
und sollte nun 1009 wieder an dem ausseren angebracht werden,
indem man sehr zutreffend bemerkte, dass es mehr auf die richtige
Stellung des Gatters als auf die Moglichkeit der Bcnutzung des



c.




') Xacli Fragin. 4339 wurde der Bau des Thurmes nicht 1495, sondern erst 1510 vollendet
und kostete an loooo Pfd. Pfg. Wenn Fragm. Trausch 2638 angibt, dass man den Wieder-
aufbau des im Jahre 1480 umgefallenen Thurmes erst 1510 begonnen habe, so ist dies offen-
bar ein Irrthum und wahrscheinlich eine Verwechslung mit der Anlage des Vorbaues vor
dem Thore.

2) Strss. Stdl. Arch. G. U. P. 197, 12 a.



138



GESCHICHTE DER BEFESTIGUNG STRASSBURGS.



Schiessloches ankamc. Der Platz fiir die Geschutze sei auf dcni
Walle des Roseneck, im Uebrigen wiirc das Schicssloch immer
noch zu bcnutzen, wenn erst das Gatter gefallen sei. Im niichsten
Jahre war dem Uebelstande noch nicht abgeholfen, und es wurde der
Vorschla.u- \-om Jahre 1609 cinfaeh wiederholt; was daraus geworden
ist, bleibt unoewiss. Aus der Verhandlung des letztgenannten jahres
geht dann noch hervor, dass man — um dem Uebelstande abzu-
helfen, dass das Thor am iiusseren Portal, also vor dem Gatter lag
— neuerdings noch ein zweites Thor hinter dem Gatter angebracht
hatte, welches Thor nur aussen an der Stadtseite des Thurmes gelegen

haben kann und
-^ nach der Stadt

zu aufschlug. Um

die Gatter auf-

ziehen zukonnen,

waren in der

Front- und
Riickenmauer
des ersten und
zweiten Stock-
werkes bis dicht
unter die dach-
formige Ab-
schrilgung des
Mauerwerks
Nischen ausge-
spart bezw. bei
der Verlegung
des Gatters nach-
traglich ange-
bracht worden, Der Zugang zum ersten Stockwerk erfolgte iiber
zwei Treppen, welche auf den Seiten des Thurmes an der Stadt-
mauer hinauffuhrten ; die rechtsseitige Thiire wurde spater in ein
Fenster verwandelt als die Aussentreppc in Folge Schiittung des
Walles auf dieser Seite des Thores in Fortfall kam. Vom ersten
zum zweiten Stockwerk gelangte man mittels einer inneren Treppe,
die — wenigstens in spateren Zeiten — in einem gegen den iibrigen
Raum abgeschlossenen Treppenhaus lag. Das obere Stockwerk
war nicht zur Vertheidigung eingerichtet und erhielt in Folge der
Vorschlage von 1609 und 1610 auf der Vorderfront einen eigen-
thiimhch iiberdachten Erker fiir den Posten oder Wachter, der sich
beschwert hatte, dass ihm die Aussicht zur Seite mangele. Der Thurm




UMBAU DES STEIXSTRASSER THORTHURMES.



139



war mit einem, cier obersten achteckigen Grundform entsprechenden

Dache bedeckt und trotz der Erniedrigung bis zur Dachspitze immer

noch 21 m hoch. Nr. 67 u. 68.

Wahrend dieser Bau im Gange war, wurde von einem gewissen

Peter Walch/) dessen Dienststellung nicht angegeben wird, der Vor-

schlag gemacht, das

Thor mit zwei iius-

seren Schnecken, d.

h. Streichwehren zu

versehen , es also

ahnlich zu gestalten

wie das neue Thor

und dasAIetzgerthor,

auch sollte das Fall-

gatter am inneren
Thor angebracht

werden. Dass unter

den Schnecken nicht

etwa Wendeltreppen
verstanden waren,

geht aus der Bemer-

kung hervor, dass die

Schnecken Schiess-

locher, im Uebrigen c ^3

aber auch Ausgiinge

nach dem Graben erhalten sollten, damit man zum Wasser gelangen
kimnte, wenn das Vorderthor geschlossen sei. Diese Schnecken kamen
nicht zur Ausfiihrung, wohl aber wurdc das Gatter ans innere Portal
versetzt, jedenfalls wegen Anbringung des Schiessloches, die man
also in das Jahr 1549 setzen kann.

Der drohende Krieg zwischen Karl \\ und Heinrich II. von
Frankreich und cUe mit Zustimmung deutscher Fiirsten erfolgte Weg-
nahme der Bisthiimer Metz, Toul und Verdim im Jahre 1552 liess
Strassburg nicht ohne Grund fiir seine Sicherheit besorgt werden.
Am 19. ISIarz 1552 erthcilte der Rath deshalb den Dreizehnern Befehl,
die Befestigung der Stadt zu besichtigen und ungesilumt mit den er-
forderlich scheinenden Verstarkungs- und Armirungsarbeiten vorzu-
gehen. Einen Monat darauf beschloss der unter dem Vorsitze von
Jacob Sturm tagende Ausschuss der Dreizehner, dem die Hauptleute
der Besatzung und die Blichseumeister beigegeben waren, die Neu-




1) Strss. Sldt. Arch. G. U. P. 20, 7.



140



GESCHICHTE DER BEFESTIGL'XG STRASSBL'RGS.



anlage einer ausgedehnten Befcstigung zwischen dem Rausch bezw.
Dreizehnerwall und dem Bolhverk St. Clara im Worth, an der Stelle,
w ckhe schon vom Ausschusse desjahres 1519 als verstilrkungsbedurftio-



t V ,00




67.

bezeichnet worden war. In der That zeigte hier die Befestigung eine
empfindliche Lucke, da die innere ganzlich veraltete Befestigung noch
in erster Linie lag; ausser der kleinen Wallschiittung im Garten von
St. Clara am Rossmarkt war keinerlei Einrichtung zur Geschutz-
vertheidigung getroffen. Zwar wurde das Angriffsfeld vor dieser
Front von dem Dreizehnerwall und dem Bollwerk St. Clarji im A\^orth



DIE NEUE BEFESTIGUNG DES JAHRES 1 552 ZWISCHEN ST. CLARA U. S. W. 141

bestrichen, indess blieb hier doch cine entschieden schwache Stelle,
deren Beseitigung gewiss am Platze war. Sehr zweckmassiger Weise
begab man sich nicht daran, die alte Befestigung umzugestalten,
sondern entschloss sich dazu, etwas Ordentliches zii schaffen und den
fortgeschrittenen Ansichten ilber die Befestigungskunst Rechnimg zu
tragen. Wer der ^^.i.oc

eigentliche Ur-
heber des Planes
ist, der Lohnherr
Balthasar Cog-
mann, der Mau-

rerwerkmeister
Hans Frauwcler

Oder eines der

Ausschussmit-
gliederlassen die

Protokolle der

XXI nicht er-
kennen,vielleicht
war es aber auch
der am 28. Mai
aiif Antrag von

Jacob Sturm,

Mathis Pfarrer

und Adolph v.

Mittelhusen er-
wahlte Bau-

meister Claus

von Andlau, ')
welcher den Bau j{

in oberster In-
stanzgeleitethat.
Hans Frauweler

stand offenbar unter ihm, da er nur Maurerwerkmeister war, und
man hat ihn gewiss zu Unrecht bis jetzt als den Erbauer der neuen
Befestigung angesehen, bios weil sich sein Name am neuen Juden-
thor befand. Er kann ebensowenig wie der Lohnherr B. Cogmann
als der eigentliche Schopfer des neuen Baues betrachtet werden. Das
treibende Element bei der ganzen Angelegenheit war unzweifelhaft




68.



>j Strss. Stdt. Arch. Prot. d. XXI. v. 1552, V, 28. Claus von Audlau erhielt eine Be-
soldun^ von wochentlich 12 Schillingen, 4 Fuder Holz iin Jahre u. s. \v.



142 GESCHICHTE DER BEFESTIGUXG STRASSBURGS.

}^ lathis Pfarrer/) der als solches fast auf jedem Blatte des ProtokoUs
der XXI erscheint. Fortgesetzt berichtet er iiber den Stand des Baues,
der ihm durchaus nicht rasch genug voranschi-itt. Seine Berichte sind
voll Klagen, besonders iiber die Maurer, die entweder liederlich arbeiten
Oder gar nicht zur Arbeit kommen. Auch die Chronisten wissen iiber
den Ban mancherlei zu berichten. - 1 Da das Geliinde, auf dem die neue
Befestigung" erstand, ziemlich dicht bebaut war, so musste man eine
grosse Zahl Gebiluhchkeiten abbrechen, von denen die Ziegelofen im
Sack, der Schiessrain, das Giesshaus Meister Jorgs des Glockengiessers,
die Plauel-, Walk- und Lohmuhlen namentlich aufgefiihrt werden. Aber
auch anderwiirts "vvurde dieses Baues wegen abgebrochen. Da namlich
die Ziegelofen im Umkreise der Stadt die benothigte grosse Zahl
Steine nicht rasch genug liefern konnten, so brach man imjahre 1553
das Barfiisserkloster < am heutigen Kleberplatz), die Kapelle zum heiligen
Kreuz (auf dem Stephansplatz , 1554 den Chor der St. Clarakirche
(WO heute das Giesshaus am Broglieplatz stehti, die Augustinerkirche
in der Vorstadt „unter Wagnern" (Weissthurmvorstadt), einen Rest
der alien Stadtmauer der ersten Erweiterung hinter dem Prediger-
kloster (langs der heutigen Studentengasse) ab und nahm aus alien
Kirchen die unleserlich gewordenen Grabsteine fort, die man in Stiicke
schlug"^) und in den Bau vermauerte. Die ganze Btirgerschaft musste
fronen. Man teilte den auszuschachtenden Graben in Abschnitte ein,
die man den von den Ziinften zu stellenden Arbeiterzahlen entsprechend
verschieden gross machte. So war jede Zunft gehalten, ihr Theil
Arbeit zu leisten, der Einzelne konnte diese aber an arme Leute ver-
dingen, von welcher Erlaubniss ein umfassender Gebrauch gemacht
zu sein scheint. Im Uebrigen melden die Chronisten, dass die Ziinfie
ihre Zelte beim Bau aufschlugen und es sich dort gut sein liessen, da
das Wetter sehr heiss war. Auch die Landsknechte mussten an dem
Bau arbeiten. Jeden Morgen zog ein Fahnlein mit Gewehr und Spiel
dorthin und wurde durch ein anderes abgelost, sobald es seine x-lrbeit
vollendet hatte. Fiir zehn Schubkarren (Schaltbehrent Boden zu ver-
karren, zahlte man den um Lohn werkenden armen Leuten einen
Pfennig.

Die Lage der neuen Befestigung gegen die heutige Stadt geht
aus dem Stadtplan hervor und werden sich die Erbauer der ,, neuen



') Mathis Pfarrer war in der Zeit von 1527 bis 1563 sieben Mai Ammeister (J. J. Meyer,
38 — 41), er starb am 19. i. 1568 (Imlin 76): „der ein vatter der burgerschafft gewessen ist."

2) S. Buheler Fragm. 334; R. Reuss, kl. Strss. Chr. 10; Silbermann 100.

•*) Hierdurch erklart es sich zur Geniige, dass man beim Abbruch der Mauern im Jahre 18S1
keine Steine mit alten Inschriften finden konnte. Vgl. „Strassburg im franzosischen Kriege 1552
von Dr. Alcuin Hollander, Strassburg 1888"; Nachtrasliche Bemerkung auf Seite 68.



DIE NEUE BEFESTIGUNG DES JAHRES 1 5 52 ZWISCHEN ST. CLARA U. S. W. 143

Wehre vor dem Judenthurm" nicht haben traumen lassen, dass an
deren Stelle nach 330 Jahren ein deutscher Kaiserpakist erbaut werden
wurde, nachdem Strassburg- rund 190 Jahre derjenigen Macht angehorte,
gegen welche sie damals die neue Befestigung errichteten. Letztere
bestand aus zwei glcich langen geraden Linien, die unter einem
stumpfen Winkel zusammenstiessen und sich einerseits an das Boll-
werk St. Clara ini Worth, andererseits an den Dreizehnerwall anlehnten,
doch so, dass die Graben dieser Werke zuniichst als Abschnitte gegen
die neue Befestigung stehen blieben. Die rechtsseitige Linie lief etwas
hinter der Yerkingerung der rechten Face des Bolhverks St. Clara,
sodass auf der linken Face, unmittelbar neben der Streichwehr der
Spitze, eine Kasematte angelegt werden konnte, von der eine Be-
streichung des Grabens vor der rechten Face der neuen Wehre
moglich war, die am Zusammenstoss beider langen Lmien errichtet
wurde. Diese Wehre ist nach ihrer Gestalt das erste Strassburger
Bastion, aber lediglich nach ihrer Gestalt, da von einer bastionirten
^Front im eigentlichen Sinne noch keine Rede ist. Wenn auch in Einzel-
heiten abweichend gestaltet, war es doch ein Bau ganz im Sinne der
altitalienischen Befestigungsmanier , d. h. eine Streichwehr von ver-
besserter Form, die man eben nur unter dem Gesichtspunkte der
iiusseren Gestalt ein Bastion nennen kann. Auch ihre Urheber nannten
das Werk nicht so, sondern einfach ,,die neue Wehre vor dem Juden-
thurm Oder Judenthor". Spilter findet sich dann auch der Name „die
Wehre im Kirschgarten" und „das Schiessrainer Bollwerk", und erst
vom Jahre 16cSl ab wurde ihm die Bezeichnung ,, Bastion" zugelegt,
als welches es zuletzt und zwar bis zum Jahre seines Abbruches 1881
die Nummer 14 trug. Wie wir sahen, wurde der Graben vor seiner
rechten Face von der Kasematte im Bollwerk St. Clara bestrichen,
den gleichen Zweck beziiglich des Grabens vor der linken Face ver-
folgte eine Streichwehr, die im Dreizehnerwall angelegt wurde. Halt
man dies alles zusammen, so kann man wohl schon den Keim einer
bastionirten Front entdecken, aber mehr war es thatsiichlich nicht,
was gegentheiHgen Ansichten gegeniiber betont werden muss.

Betrachten wir zunachst die beiden langen Linien genauer, so
finden wir nach einer im Fortifikationsarchiv befindlichen Zeichnung
die Eskarpenmauer auf einen Pfahlrost von vier Reihen Pfahlen ge-
grundet. Der aus festabgelagertem Kies bestehende Untergrund bedingte
zwar eine solche Fundamentirung nicht, man wiihlte sie aber wohl,
um sich gegen ein Unterspiilen des Fundaments zu sichern, das man
andernfalls viel tiefer hiltte hinabfiihren mussen, was grosse Schopf-
arbeiten und damit noch grossere Kosten verursacht hatte. Es war
also nicht die mangelhafte Tragfahigkeit des Untergrundes, die zu



144



GESCHICHTE DER BEFESTIGUNG STRASSBURGS.



dieser Fundamentiruno- oefiihrt hatte. Die Maiier war bis zur Firste
7,45 m hoch, cin Mass, das in Rilcksicht auf den W'^asserii'raben aus-
rcichcnd erschicn. Die oberen '2,75 m der Mauer standen frei und
waren mit Sehiesslochern fiir Kleiniiewehr versehen, die in Nischen

der Mauer laaen.



Diese Schiess-
locher, innen
rund, batten vor
der Fn!j,e einen
rinosumlauf en-
den Absatz und
erweiterten sich
nach aussen zu
eineni liegenden
Oval. Sie waren
in Haustein ge-
arbeitet, ebenso
wie der Sockel
der Mauer und
deren Ab-




69.




deckung-. Eine andere Zeichnung des Fortifikationsarchivs zeigt auf
jeder Seite des in der rechtsseitigen Linie gelegenen ,,Schiessrainer-
oder neuen Judenthores" ein gekoppeltes Schiessloch, d. h. zwei
Schiesslocher, die sich nach aussen zu einem einzigen vereinen, aber

wohl mehr nur eine Spielerei

waren, da ein besonderer Grund

fiir diese Form hier nicht vorlag.

Interessant ist die Gestaltung

des Mauertheiles zwischen den

beidenvereinigten Sehiesslochern,

der die ilussere gemeinsame

Schartenoffnung" verdeckend,

'°' nach innen eingekerbt war, um

die in die Oeffnung fliegenden Geschosse abzufangen.

Allem Anscheine nach besass der hinter der Eskarpenmauer
geschuttete Wall zuerst eine Steinbrustwehr. Eine solche lasst nicht
nur die allerdings an dieser Stelle etwas fluchtig behandelte und nicht
vollendete Specklinsche Zeichnung von 1564 erkennen/) auch eine im

1) Nachgebildet bei Seyboth, D. a. Strss. 252. Hier hat man sich iiber die Unklarheit
der Speckhnschen Zeichnung in der Weise hinweggeholfen, dass man links vom Thor einen
Wall, rechts nichts dergleichen eingezeichnet hat. Der Wall der Specklinschen Zeichnung
zeigt eine Brustwehr, so schmal, dass sie als Steinbrustwehr angesehen werden kann. Auf
der rechten Seite des Thores sieht man die Eskarpenmauer von innen, jedoch keine Schiesslocher.



DIE LANGEN LINIEN DER NEUEN BEFESTIGUNG.



145



Fortifikationsarchiv befindliche Zeichnimg deutet dieselbe an und zwar
in der Starke von 1,74 m. Es kann diese Anordnuno- nicht auffallen,
wenn man bedenkt, dass sogar noch zu Ende des 16. und zu Anfang
des 17. Jahrhunderts zu Strassburg Steinbrustwehren erbaut wurden.
Indess hat diese Steinbrustwehr doch nicht gar zu lange bestanden,
da die Stadtpljine aus den Jahren 1616 und 1617 bereits eine Erdbrust-
wehr zeigen. Zwischen Eskarpenmauer und Steinbrustwehr blieb ein
2,30 m breiter Rondengang. Der Graben war nass, die Kontreskarpe
gemauert, ein gedeckter Weg zuniichst nicht vorhanden.

A




Das in der rechtsseitigen langen Linie, etwa auf der Mitte der-
selben gelegene Schiessrainer- oder neue Judenthor bestand aus dem Nr.
Thorthurm und seinen Nebenbauten. Ersterer erhielt im Jahre 1562
einen holieren Aufbau, well er verschiedenen Leuten in seiner sehr
zweckmassigen geringen Hohe, bei der Ljlnge der Befestigung ,,gar
zu kindisch" vorkam. Wenn gleich uns die Specklinsche Zeichnung
von 1564 und die noch im Fortifikationsarchiv vorhandenen Zeichnungen
hier im Stich lassen, so ist doch mit ziemHcher Sicherheit anzunehmen,
dass die Nebenbauten iiberwolbt, also Kasematten waren, wenigstens
ursprungiich, denn nachmals besassen sie eine Holzdecke, ein zweites
Stockwerk mit Schiessloch, und ein Dach. Mit einer Ueberwolbung
versehen, erreichten sie mit einer dariiber gelegenen PLattform die

V. Ape 11, Befestigung Strassburgs. I •-*



146



GESCHICHTE DER BEFESTIGUXG STRASSBURGS.



Hr»he des ^^'allo■ano■es, sodass dieser unmittelbar nebcn dem Thor bis
zur Eskarpe vorsprano'. Diese Nebenbautcn ^'crmittelten auch den
Zugang" zum Rondenweg. Der rechts vom Thore, abgesondert durch
die Poterne des Rondenganges gelegene iiberwolbte Raum, ein wenig
schief gegen den iibrigen Bau gerichtet, war bei Herstellung des
Thores aller Wahrscheinlichkeit nach schon vorhanden. Specklin
deutet hier ein Gebaude an, dessen Keller wohl die nachmalige
Kasematte gewesen sein konnte. So wie der Raum gegen das Thor-
gebilude gelegen war, nicht nur in Ansehung des Grundrisses, sondern
auch der Hohenlage — seine Sohle lag etwa 2 m tiefer als das Thor

A.




und 2,80 m tiefer als der Rondengang — kann man sich nicht wohl
vorstellen, dass er planmiissig mit dem Thore erbaut vrorden sei.
Man wird in dieser Annahme noch durch den Umstand bestarkt, dass
der Raum einen sogenannten Kellerhals mit Treppe besass, an den
erst die Zugangspoterne, jedenfalls bei Wegraumung des Gebiiudes
und \'erbreiterung des Wallganges, angebaut worden war.

Der Thorthurm bietet keine wesentlichen Abweichungen von den
bisher besprochenen Thorthtirmen, nur ist die Durchfahrt reicher
gegliedert, sodass — durch den breiten Fallgatterschlitz veranlasst —
gewissermassen drei Portal e hinter einander entstanden. Zur Ver-
theidigung war der Thurm nicht eingerichtet, wohl weil das Fallgatter
im Wege war, dagegen zeigen die nebengelegenen Kasematten schrag
gegen die Grabenbriicke gerichtete Schiesslocher. Ein auf Kragsteinen
ruhender Gang hinter dem Thurm vermittelte den Zugang zu den
oberen Stockwerken desselben und oleichzeitio- die \^erbinduno- der



DAS SCHIESSRAINER ODER NEUE JUDENTHOR.



147



Walltheile zu beiden Seiten des Thurmes. Aussen am Thor befand
sich eine Inschrift, die Specklin, Silbermann, Piton und Andere
verschieden angeben, 'i deren richtige Lesart aber folgende gewesen
sein diirfte : ,,Heinrico Galliarum rege militem in Carolum \' imp.
augustum per banc Germaniae partem ducente s. p. q. Argentinensis
portam banc aggere et fossa muniri fecit, anno Domini M. D. L. II.
Mense Majo". Ueber den in den beiden Seitenkasematten befindliehen
Schiesslochern waren Tafeln mit der Inschrift angebracht : ,,Praesidio
civibus" bzw. ,,Terrori hostibus". Alles in Mai'iiskeln. Das Thor wurde



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