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Ferdinand Apell.

Geschichte der Befestigung von Strassburg i.E. vom Wiederaufbau der Stadt nach der Völkerwanderung bis zum Jahre 1681 online

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mit Schiesslochern versehenen Mauer, welche Aufstellungsweise
jedenfalls den grossen Vortheil der Einfachheit, Billigkeit und des
leichten Dampfabzuges gewiihrte. Ueber dieser Geschiitzstellung war
die 1,98 m starke Mauer auf 1,05 m Starke abgesetzt und der hierdurch
entstehende Gang durch einen auf Kragsteinen ruhenden Plattenbelag



' ) Im 19. Jahrhundert wurden die niederen Flanken von den Franzosen beseitigt und
das Revetement (ebenso das der beiden langen Linien) in ein anliegendes verwandelt, wodurch
das sehr beengte Bastion etwas geraumiger wurde.



DIE XEUE WEHRE VOR DEM JUDEXTHURM,



149



auf etwa 1,70 m verbreitert unci zu einer Schutzenaufstellung- her-
gerichtet. Hinter dem offenen Aufstellungsraum war die niedere
Flanke in ihrer ganzen Breite auf 3,50 m Tiefe mit einem Korbbogen-




gcwolbeTiiberdeckt, in welches eine 3,57 m breite Kasematte miindete,
die in gerader Linie beide Flanken der Wehre mit einander verband
und in deren Mitte die '_MS m l^reite, etwas sehnig^angesetzte Zugangs-
poterne mundete. Ueber dem uberwr)ll'»ten Theil der niederen Flanke




Tro B



lag die hohe Flanke, anfangs durch eine gemauerte Brustwelir gedeckt,
die im Jahre 1616 aber bereits durch eine Erdbrustwehr ersetzt war.
Wie die beiden Facen nebst Ohren zu Anbeginn beschaffen waren,
ist nicht mit volliger Sicherheit festzustellen. Nach der Specklinschen
Zeichnung lauft langs denselben, gleich hoch mit der hohen Flanke,
eine Brustwehr, die sich mit geringer^Boschung auf dem Kordon der



150



GESCHICHTE DER REFESTIGUXG STRASSBURGS.



Eskarpenmauer aufsetzt. Diese Brustwehr ist schcinbar halb so hoch
als die Eskarpenmauer, deren Kordon aber hoher liegt als das Gewolbe
hintcr der niederen Flanke. Daraus ergibt sich, dass die Zeichnung
niclit genau sein kann, da die Brustwchrhohe bei gleicher Hohenlage
mit der der hohen Fkmke hochstens 1,50 m betragen konnte. Da nun
diese Brustwelir fiir eine Erdbrustwehr auch zu diinn erscheint, so
wird man annehmen diirfen, dass auch die Facen und Ohren eine
Steinbrustwehr und zwar in gieicher Hohenlage wie die der hohen
Flanke besassen. Aus dieser Steinbrustwehr wurde nach Herstellung
der Erdbrustwehr eine mit Schiesslochern versehene freistehende



-9.?o




Nr.



Mauer, wie sie spatere Zeichnungen, auch Plan XV i bei Silbermann
erkennen lassen.

Die neben der Streichwehr an der Spitze des Bollwerks St. Clara
eingebaute Kasematte wurde von der zur Streichwehr fiihrenden
Poterne aus zugangHch gemacht. Es war ein ziemhch gerilumiger
Bau zur Aufstellung von zwei Geschiitzen, deren Schiesslocher in
Nischen angeordnet waren. Ein Munitionsgelass neben dem benach-
barten der Streichwehr und von diesem nur durch eine dunne Scheide-
mauer getrennt, gestattete die Munition in unmittelbarer Nahe der
Geschiitze unterzubringen. Das Gewolbe der Kasematte war zweck-
massiger Weise als Perpendikulargewolbe angeordnet, allem Anscheine
nach das erste bei den Strassburger Streichwehranhigen. Ebenso-
wenig wie dieser Flankirungsanlage wird derjenigen im Dreizehnerwall
Seitens der Chronisten gedacht und ersehen wir letztere zuerst aus
der Zeichnung Specklins von 1564; dann wird sie ofters erwahnt und
meist als „die drei Locher" oder „die drei Mordgruben" bezeichnet.
Sie sieht auf der Specklinschen Zeichnung wie drei im Bau begriffene
Kasemattenblocke aus, denen noch die Ueberwolbung fehlt, ein Zugang



DIE KASEMATTE IM BOLLWERK ST. CLARA IM WORTH U. S. W,



151



ist nirgends zu entdecken. Indess war diese Fhinkirung-sanlage doch
bis zur franzosischen Zeit in Gebrauch und scheint erst bei Schiittung
der Brustwehr des Dreizehnerwalles nach 1681 in Abgang gekommen
zu sein, denn es findet sich spiiter keine Spur mehr davon.

In den folgenden Jahren ^Yidmete man sich vorzugsweise der




\^ermehrung und Wn-besserung der Wallschiittungen, indem man die
Einzehvalle durch Zwischenwiille zu verbinden beg[mn, so zwischen
dem Kronenburger- und Weissthurmthor im Jahre 1558, zwischen dem
Kronenbm-ger- und Steinstrasserthor im Jahre 1560 undvom Weissthurm-
thor bis nahe an den Margarethenthurm im Jahre 1568. 'j Wenn Silber-
mann hierbei bemerkt, dass man den Wall hinter dem Thurm Lug-ins-Land



1) So Silbevmann. Specklin, Fraam. 2417 u. 2432 macht beziiglich der Jahreszahlen
etwas abweichende Angaben, es ist aber wohl anzunehmen, dass man an diesen umfangre.chen
Schiittungen mehrere Jahre gearbeitet hat, sodass sich die verschiedenen Angaben wohl er-
klaren lassen.



152 GESCHICHTE DER BEFESTIGUNG STRASSBURGS.

,,tibgeworfen" unci ..ncuaufgcschiittet" habe, so isi das wohl nioht
wortlich zu nehmen, da es kcinen Zweck gchabt haben wilrde, einen
Erdwall zu beseitigen, um an derselben Stelle einen neiien zu schiitten ;
man wird also wohl den alten Wall verbreitert und erhoht haben,
Um besser von den ^^'^lllen ins Feld wirken zu konnen, brach man in
den Jahren 1563 und 1564 ' i vom Weissthurmthor bis zum Roseneck
die Zinnen der Stadtmauer ab und belegte letztere mit Flatten, aueh
anderte man wieder an den Thiirmen. - ; In Folge der Wallschiittungen
wurden viele an der Stadtmauer stehende Gartnerwohnungen abge-
brochen, aueh musste der benothigte Boden wieder meist von den
Aeckern aus dem ^'^orgelande entnommen werden. Im Jahre 1568
war also die ganze Westfront vom Margarethenthurm bis Roseneck
mit einem durchlaufenden Wall versehen, der nur an den Thorpassagen
Unterbrechungen zeigte. Im Jahre 1558 versah man alle Thore mit
Fallbriicken, =*; von denen die erste am Schiessreinerthor angebracht
worden war, 1562 wurde der Graben am Spitalthor mit Miiuerwerk
bekleidet. * i

Im Jahre 1557 ^) baute man die steinernen Briicken am Einfluss
der 111 abermals in holzerne um, damit Gatter an denselben angebracht
Averden konnten, durch die man den Fluss sperren wollte. Die ofters
angezogene Specklinsche Zeichnung gibt bereits die Umgestaltung von
zweien dieser Briicken an. Es war die mittlere und die rechtsufrige,
wahrend die linksufrige noch in Mauerwerk hergestellt ist. Wir sehen
Nr. 6. auf diese Art beide Bauweisen, wenn aueh Einzelheiten bei dem kleinen
jNIassstab nicht zu erkennen sind.

Der jedenfalls im Anschluss an den Umbau der drei Briicken
vorgenommene Umbau der mittleren Inselwehre ^) stellte keine grund-
satzliche Aenderung der Befestigung voi", sondern war offenbar nur
durch die Baufalligkeit der alten Wehre bedingt. Man muss bedenken,
dass die Wehre den fortgesetzten Angriffen des Wassers und des



') Fragm. Wencker 3083 u. Prot. d. XXI v. 1564, Fol. 59b.

-) Fragm. Wencker 3083.

^) Prot. d. XXI V. 1558, Fol. 378; Fragm. Wencker 3082 sagt 1563, Silbermann 107
gibt 1566 an. Angesichts der ProtokoIIe der XXI kann kein Zweifel iiber den Beginn der
Arbeit herrschen, sie mag aber bis in das Jahr 1566 gedauert haben, wenn man jiihrlich nur
ein Thor vornahm. Fragm. Wencker 3092 gibt gar 1567 an.

*) Imlin, 64.

5) So Fragm. Biiheler 304, der als ZeiLgenosse es wissen konnte. Silbermann gibt die
Jahreszahl 1567, die offenbar falsch, weil die aus dem Jahre 1564 stammende Specklinsche
Zeichnung bereits zwei Holzbriicken zeigt. Wo R. Reuss, Chr. von J. J. Meyer, 144 die Zahlen
1573 — 1575 hernimmt, ist mir nicht ersichtlich.

") Aueh hier werden verschiedene Zahlen angegeben. Fragm. Speck] in 2454 sagt 1567,
die kl. Strss. Chr. 18 aber 1571. Wahrscheinlich gibt die eine Jahreszahl den Beginn, die
andere die Beendigimg des Baues an.



UMBAU DER ^IITTLEREX INSELWEHRE.



IfX



Eisganges ausgesetzt war und bei der sageformigen Gestaltung ihrer
Umfassungsmauern urn so schneller Xoth leiden musste. In ihrer
Grimdgestalt besteht die neue \\'ehre noch heute, nur ist das ehedem
an ihrer rechten Seite befindhche Rondel abgebrochen, die Wehre ist
bis zum ^^^ehrgang
mit Boden ausge-
fiillt und von der

Wehrgangsmauer
nur noch ein unbe-

deutendes Stuck-

chen als Wahr-

zeichen liingst ver-

gangener Zeiten er-

halten. Noch Ende

der siebenziger
Jahre des 19. Jahr-
hunderts war das-
selbe iiber mehrere

Schiesslocher aus-
gedehnt , heute ist
es aber bis auf ein ^^'

einziges Schiessloch zusammengeschrumpft und iiber kurz oder
lang wird wohl auch dieses vom Erdboden \erschwinden. fm
Grossen und Ganzen wurde beim Neubau der Gi-undriss, unter
Wegfall der Sagezahne, beibehalten. Die A\'ehre war hohl und besass





V '^,'*^^ ^



3,90



80.



unten eine Geschiitzaufstellung fiir dreizehn Stiicke, dariiber eine
Mauer mit dreissig Schiesslochern fiir Kleingewehr oder Haken-
biichsen. Die Geschiltzstellung zeigt ein vSchiessloch in der Spitze
nach Art der Schiesslocher am Fischerthurm, je ein Schiessloch in den
beiden kurzen Facen, ahnlich denen am Scharfeneck, doch mit etwas
grosseren Abmessungen, und auf der linken Flanke fiinf, auf der



154



GESCHICHTE DER BEFESTIGUXG STRASSBURGS.



Nr. Ho. 8.. rechten vier nacli einer ganz besonderen, hochst interessanten Bau-
weise. Das dreizehnte Schiessloch lag- in dcm nun abgebrochcnen
Rondel iind ist aus eincr bei Seyboth, D. a. Strss. Bl. 24, cnthaltcncn




Abbildung der Wehre zu ersehen. Starke und innere Gestaltung
der Mauer ist nicht bekannt, da die Wehre mit Boden ausgefullt
ist und die Schiesslocher in der Enge vermauert sind, auch aus den




^.^o



alten Zeichnungen ist nicht viel zu entnehmen. Silbermann sagt, dass
die Geschutzstellungen ,,mit starken Gewolben ilberdeckt sind, uber
denen ein steinerner Gang umhergehet". INlan wird sich also den

— Bau so vorstellen durfen,
dass in der rund 2 m star-
ken jNIauer iiberwolbte
Nischen angebracht waren,

die schon wegen der
schragen Stellung der Ge-
schutze gegen die Mauer-
flucht nicht wohl umgangen
werden konnten, wenn man unmassig und deshalb unzweckmassig
lange Schiesslocher vermeiden wollte. Die Abbildungen zeigen ubrigens




UMBAU DER MITTLEREN INSELWEHRE.



155



ohne weitere Erlauterung wie man sich zu jener Zeit unter schwierigen
\^erhaltnissen in geschickter Weise zu helfen wusste.

Die uber den Gewolben stehende Mauer war 0,70— 0,72 m stark, Nr. 8^ bis 85.
so dass bei einer unteren Mauerstiirke von rund 2 m ein etwa LrW m



'•(opV,








breiter W^ehrgang verblieben ware. Die Abbildungen verdeutlichen
die Bauweise der Mauer und der Schiesslochcr. Letztere mussten
auch hier in Nischen gelegt werden und sind einfaeh trichterformig
ohne Absatze, dabci in der Sohle gesenkt, um das Wasser mit dem
Geschoss moglichst bald er- ^
reichen zu konnen. Die ge-
sammte Hausteinarbeit war



eine sehr saubere, besonders
an der Abdeekung der Mauer,
die sogar zierlich erscheint.
Auch die Ziegelstcine waren
aus gutem Material gebrannt,
ihr Verband aber muss man-
gelhaft genannt werden, da
vielfach Fuge auf Fuge traf.
Hier ist nun auch der
Platz, des Thurmes Lug-ins-
Land und des sogenannten
dicken Thurmes zu gedenken.
Ersterer scheint nach der Specklinschen Zeichnung letzterem ahnlich
gewesen zu sein; es ist uns aber Naheres iiber ihn nicht bekannt, da
er bald nach 1681 abgebrochen worden ist. Der dicke Thurm, der
seinen Namen von dem ausserordentlich dicken Mauerwerk seiner




156



GESCHICHTE DER BEFESTIGUNG STRASSRURGS.




Stirnmauer, iiberhaupt von seiner massigen Bauart erhalten haben
mag", war ebenso wie der Thurm Lug-ins-Land schon im Jahre 1530
niedriger gemacht worden,
erhielt aber erst im Jahre 1564
die Gestalt, die er bis zu
seiner Zerstorung im Jahre
1870 besessen hat, wenn
man davon absieht, dass
ihm erst in spiiteren Zeiten
wieder ein Dach aufgesetzt
worden war. Auf der Speck-
linschen Zeichnung von 1564
erscheint er noch in seiner
alten Gestalt. Er besass
Nr. «6 bis 90. nach 1564 ein Erdgeschoss,
ein einziges Stockwerk und
eine Plattform und ist im
angegebenen Jahre zweifel-
los giinzlich umgebaut wor-
den. Erdgeschoss und Stoek-
Averk waren durch eine
Holzdecke getrennt, letzte-
res bedeckten zweiKreuzge-
wolbe mit Dampfabzug im
Scheitel der mittlerenKappe.
Da das Erdgeschoss im
Jahre 1833 mit Erde verfiillt
wurde , die Schiesslocher
nicht mehr zu erkennen
waren, und die Zeichnungen
des Fortifikationsarchivs
keine beztiglichen Angaben
enthalten, so lasst sich uber

seine Einrichtung nichts
weiter anfiihren. Das Stock-
werk zeigt in der Stirn-
mauer drei Schiesslocher
f iir Geschiitz, zwischen den-
selben zwei kleine Munitions-

88.

nischen fiir den Handge-

brauch. Zur Plattform, die auf Front und Seiten je zwei Schiess-
locher fiir Geschiitz mit zwischengelegenen Munitionsnischen besass,




DER THURM LUG-INS-LAXD UND DER DICKE THURM.



157



gelangte man vom Walle aus, der an dieser Stelle zur Zeit des Um-
baues des Thurmes gerade geschiittet wurde. Die Einrichtung dieser
Plattform durfte tj'pisch fiir die Plattform der zur Geschiitzvertheidi-
gung eingerichteten Thiirme sein.

In den Jahren 1573 bis 1575 wurde der Graben zwischen dem
Steinstrasser- und Kronenburger Thor abermals um 30 Schuh verbreitert
und zwischen dem dicken Thurm und dem Kronenburger Thor an der
Stelle einer vorhandenen StreichwehrM eine neue verbesserte Streich-
wehr erbaut. Pollnitz-i gibt an, dass dies das erste Werk sei, das den
Namen Bastion (Bastei) ge-

fuhrt habe und 1876 noch y'^\

in unveranderter Gestalt /'

erhalten gewesen sei, aber /

beides ist nicht richtig. Zu-
nachst decken sich die Aus-
driicke Bastei und Bastion
ganz und gar nicht, wobei
nur an die Diirerschen
Basteien erinnert zu werden
braucht, die doch wahrlich
keine Bastione waren, dann
aber war das Werk nach
verschiedener Richtung um-
gestaltet worden. Im Uebri-
gen ist es hochstens erst in
spateren Zeiten Bastei ge-
nannt worden; denn ur-
sprungHch und lange Zeit
hiess es lediglich ,,das
steinerne Wehrel", ,, Jacob
von Molssheims Wehrel"
Oder „Der Lindwurm". Man

kann nicht einmal sagen, dass das Werk die Gestalt eines Bastions gehabt
habe, denn seine beiden Facen bildeten fast eine gerade Linie. Es
war eine echte und rechte Streichwehr in verbesserter Gestalt und
ist von grossem Interesse in fortifikationsgeschichtlicher Beziehung,
da es die grosste Aehnlichkeit mit den Vorschlagen Specklins hat,
die dieser zum Zwecke der Verstarkung vorhandener illterer Stadt-
befestigungen machte. Der Name „Jakob von Molssheims \A\^hrel"




') Dies ergibt sich aus der Specklinschen Zeichnung von 1564 mit volliger Gewissheit.
2) PiJllnitz, 27.



158



GESCHICHTE DER BEFESTIGUNG STRASSBURGS.



deutet zur Geniige an, class es aiif \'eranlassimg dieses Mannes gebaut
worden ist, mit dem wir uns im nachsten Abschnitt noch niiher zu
beschaftigen haben.

Die verschiedenen Abbildungen stellen das steinerne Wehrel in

Nr. 91 bis 95. alien seinen Theilen dar und zwar in der Gestaltung, die es urspriinglich

besass. Seine Abmessungen, ins Ganze betrachtet, waren miissige, doch

vollkommen geniigend fiir den beabsichtigten Zweck, im Einzelnen

beziiglichderBrustwehrstarken und des die niederenStreichendeckenden

Mauerwerks aber geradezu machtige, wenn man die Wirkung der

damals gebrauchlichen Geschiitze in Betracht zieht. Wir finden eine

^ niedere und eine obere Ge-

/ ^^^ schiitzstellung. Die niedere

Stellung, gegen das \'orf eld
durch die beiden massiven
Facen gesichert, war etwas
zuriickgezogen, sodass an
letzteren Ohren entstanden;
sie war offen und durch
freistehende Mauern ge-
deckt, ganz ahnlich den
Flanken der neuen Wehre
Yor dem Judenthurm, Diese
Mauern wurden nachmals
beseitigt und ist von den-
selben nur das in der Ab-
bildung mit ausgezogenen
Linien angegebene Profil
in den noch vorhandenen
Zeichnungen des Fortifi-
kationsarchives zu sehen. Der innere Absatz der INlauer lasst darauf
schliessen, dass hier, ebenso wie bei der neuen ^^^ehre vor dem
Judenthurm, noch eine zweite Aufstellung durch einen auf Krag-
steinen ruhenden Gang vorhanden war 'punktirt angegebem, Bei der
Breite der Geschtitzstellung von rund 5 m konnen hochstens zwei
Geschiitze auf jeder der beiden niederen Flanken Platz gefunden
haben. Der offene Theil der niederen Geschtitzstellung war noch nicht
3 m tief, also kaum tiefer als die Geschtitze — Streichbtichsen — lang
waren, von da ab durchsetzte eine Kasematte in voller Breite der
Geschtitzstellung die ganze Wehre. Man muss sagen, dass durch diese
Anordnung in glticklichster AA'eise ftir den raschen Abzug des Pulver-
dampfes gesorgt war, allerdings mag es auch etwas zugig fur die
Bedienungsmannschaft in der Kasematte gewesen sein. Letztere war




90.



DAS STEIXERNE WEHREL.



159



— ganz unnothiger Weise — sehr verzwickt tiberwolbt, indem das von
Flanke zu Flanke reichende Tonnengewolbe von einem zweiten hoher-
angesetzten diirchqiiert wurde, das wiederum dui-ch eine ticferangesetzte




Kappe gegen die Facenmauer abgeschlossen war. Es ware wohl kaum
moglich gewesen, den einfachen Grundriss iimstandlicher zu iiberwolben.
Den Zugang vermittelte eine Poterne, in der naehst der Kasematte ein




kleines MunitionsgeLass angebracht war.*) Die obere Geschiitzstellung,
durchweg unbedeckt, zeigte auf jeder Face in der 3,90 m starken Stein-
brustwehr eine Geschiitzscharte, die bei der betrachtlichen Mauerstarke



') Die Zugangspoterne wurde zu franzosischer Zeit diuch das Mauerwerk der Facen
verlangert, sodass ein Ausgang in den Graben gewonnen wurde.



160



GESCHICHTE DER BEFESTIGUXG STRASSBURGS.



eine aussere Oeffnung" von 3,20 m besass. AUes war abgerundet : die
Sohle der Schartenenge, die Sohle der ausseren Scharte und die
Abdeckung" der Brustwehr, nur die Wangen der Scharte waren gerad-
linig gefiihrtund in derEngezierlich abgefasst. DieKniehohesammtlicher
Scharten betrug 0,90 m. Im Uebrigen waren die Scharten der Flanken



r^.lO



nrmrTT^^^ni^nr




ahnlich gestaltet. Letztere, d. h. die Flanken, waren gerundet, mit 2 m
starken Steinbiiistwehren \ersehen, griffen bis in die Wallbrustwehr
hinein (ahnlich wie bei der Kanzel, der sie als Muster gedient haben
mogen) und boten fiir je fiinf Geschiitze Aufstellung hinter Scharten.




Zwischen je zwei Scharten lag eine kleine Munitionsnische fur den
Handgebrauch. Da die obere Geschtitzstellung in der Hohe des
hinterliegenden Wallganges lag, so konnte man von diesem unmittelbar
zu ersterer gelangen. Um die Verbindung im Rondengang hinter der
Ringmauer nicht zu unterbrechen, war einePoterne erbaut worden, welche
iiber der Zugangspoterne der Kasematte imd unter der oberen Geschiitz-
stellung hindurchfiihrte. Teh wiirde versucht sein, anzunehmen, dass
diese Querpoterne spater angelegt worden sei, wenn nicht das Fenster
zwischen ihr und der Kasematte alle Zeichen der gleichzeitigen Her-
stellung getragen, ein Fenster ohne die Poterne aber keinen Sinn



DAS STEINERNE WEHREL.



161



gehabt hiitte, Auch lasst die Gestaltimg- des Gewolbes der Kasematte
darauf schliessen, dass man das Fenster A^on vornherein anlegte. Im
Kordon des ausspringenden Winkels der Wehre befand sich eine Tafel
mit der Jahreszahl der Erbauimg MDLXXIII. Der ganze Bau, besonders
die Hausteinarbeit, war sehr sorgfaltig und sauber ausgefiihrt. Wirft man
einen Blick von oben auf denselben, so ist eine gewisse Aehnlichkeit
mit den alleniltesten italienischen Bastionen nicht zu verkennen, es




ist aber kaiim anzunelimen, dass Jacob von iNIolssheim sidi diese zum
Muster genommen hiitte, da ihre Mangelhaftigkeit langst allgemein
anerkannt war, offenbar sollte in erster Linie eine verbesserte Streich-
wehr geschaffen werden, die gieichzeitig befahigt war, kriiftiges Feuer
ins Vorfeld zu richten.



2. Abschnitt.

Daniel Specklin oder Speckle wurde, wie die Umschrift seines von
Theodor de Br}^ gestochenen Bildes^j in der 2. Auflage der „Architectura"
angibt, im Jahre 1536 zu Strassburg i. E. geboren, wo seine Familie
dem mittleren Biirgerstande angehorte; sein Geburtstag ist nicht zu
ermitteln. Ebenso sind Specklins Eltern nicht mit volHger Sicherheit
festzustellen, sei es, dass es Veit Rudolf der Formenschneider und
dessen Ehefrau Elisabeth oder Daniel Specklin der Aeltere, Seiden-
sticker, und dessen Ehefrau Susanne Wegrauftin waren-)



M Dasselbe ist mehrfach wiedergegeben, so z. B. in den Spachschen „Biographies
alsaciennes" und in dem Werke „Strassburg und seine Bauteii".

2) Sielie die eingehende Auseinandersetzung bei R. Reuss, Analecta, l68.

V. A pell, Befestigung Strassburgs. '^



162 GESCHICHTE DER BEFESTIGUXG STRASSBURGS,

Mit Schadow iind Reuss nenne ich unseren Kriegsbaumeister
„Specklin" wie cr sich zumcist und audi in seiner „Architectura"
unterzeichnet hat. Daneben kommt eine ganzc Reihe anderer Schreib-
weisen durch dritte Personen vor, wobei ich nur bemerken will, dass
die von Spach und anderen franzosisch schreibenden Autoren gebrauchte
Form ,, Speckle" erst neueren Datums und wohl nur aus einer Rucksicht-
nahme auf franzcisische Leser hervoroeoanoen ist; zu Specklins Zeiten
kommt sie nicht vor. Ausser den bereits von Schadow mitgetheilten
Schreibweisen habe ich im Baseler Staatsarchive noch die Form
„Specklein" angetroffen, und zwar von der Hand des Schreibers der
„Bauordnung iiber die Stadt Basel 1588", die Specklin personlich mit
Daniel Speckle unterzeichnet hat, wie er denn fortgesetzt zwischen
den Schreibweisen Speckle und Specklin schwankte.

Unser Daniel Specklin erlernte nun das Handwerk der beiden
illteren Specklin, d. h. das Formenschneiden und die Seidenstickerei,
wodurch er von vornherein auf das Zeichnen hingewiesen wurde, in
dem er es fiir seine Zeit zu einer gewissen Meisterschaft brachte. Dass
Specklin in seiner Jugend die mathematischen Wissenschaften und die
Kriegsbaukunst studiert habe, wie z. B. v. Zastrow angibt, liisst sich,
wenn anscheinend zwar nur auf Vermuthung beruhend, doch erst fur
seine reiferen Jugendjahre annehmen, um die praktische Ausbildung
als Baumeister auch theoretisch zu vervollstilndigen, seine ursprung-
Hchen Fachstudien als Seidensticker und Formenschneider beendete
Specklin aber im Jahre 1552, also in einem Alter von sechzehn JahrenJ)
Specklins Rechtschreibung blieb bis an sein Lebensende sehr schwach, wie
die im Strassburger Stadtarchiv aufbewahrten eigenhandigen Schreiben
und seine sogenannten ,,Bedenken" auf den Zeichnungen dieses Archives
zur Genuge beweisen, seine Schulkenntnisse werden iiberhaupt keine
sonderlichen gewesen sein, wie das von einem einfachen Biirgersohn,
der fiir ein Handwerk bestimmt war, kaum anders erwartet werden
kann. Aber Specklin war ein klarer Kopf, den das Leben bildete, voll
Arbeitslust und Schaffenskraft, sodass es nicht zu verwundern ist, wenn
er es trotz seiner anscheinend nicht hervorragenden Schulkenntnisse
im praktischen Leben zu Bedeutendem brachte.

Bald nach Beendigung seiner Fachstudien muss Specklin, dem
Handwerksbrauche folgend, auf Wanderschaft gegangen sein und sich
nach Oesterreich gewandt haben, wo wir ihm spatestens im Jahre 1554,
also achtzehn Jahre alt, beim Bau der Festung Komorn begegnen.-)
Man wird annehmen diirfen, dass Specklin hier ;ils einfacher Maurer-

ij Vita Daniel Speckles. In den J. Wenckeischen Samnielbiinden des Strassburger
Stadtarchivs. I. 76 (nicht II wie Reuss, Analecta 201 angibtj.
-') „Archiv" LXXXV, 245.



SPECKLINS LEBENSLAUF. 163

lehrling gearbeitet hat oder class er in sonst irgend einer untergeordneten
Stellimg beschaftigt war, allerAVahischeinlichkeit nach, um aus Neigung
in das Baufach iiberzugehen, in dem man zu seiner Zeit von unten
herauf praktisch zu lernen hatte. Im Jahre 1555 finden wir dann Specklin
beim Ban der Befestigung von Wien unter SchaHantzers oder Solizars
Leitung beschaftigt. Hier stieg er rasch zum Gesellen und Baufuhrer
oder Unterbaumeister auf, wie aus dem Phme Augustin Hirsvogels
von der neuen Befestigung Wiens hervorgeht. Den Bau der Kurtine
neben der Elendbastei hat Specklin bereits als Baufuhrer allein geleitet,
er muss also, trotz seiner Jugend, schon \"ortreffliches geleistet haben,
da ihm sonst eine derartige Stellung wohl nicht iibertragen worden
wiire.^) Die Thatsache, dass Specklin im Jahre 1555 zu einer solchen
Stellung gelangte, konnte wohl Zweifel iiber sein Geburtsjahr aufkommen
lassen, indess bleibt doch zu beachten, dass er selbst in seinen Kollek-
taneen gesagt hat, er sei im Jahre 1547 zwolf Jahre alt gewesen;-) man
wird also nicht daran zweifeln diirfen, dass er wenigstens um das Jahr
1536 geboren ist und bereits in so jungenjahren zu einer ^'erh;iltniss-
massig wichtigen Stellung gelangte.

Wie lange nun Specklin in AMen beschaftigt war, ist mit V()lliger
Sicherheit nicht festzustellen ; allem Anscheine nach verliess er aber
Wien gegen Ende der fiinfziger Jahre, um Jibermals auf die Wander-
schaft zu gehen, wie Dittrich meint, um Meister, und zwar Baumeister
werden zu konnen. Nach dem Lobgedicht in der 2. Auflage der
„Architectura" durchwanderte Specklin Ungarn, Siebenbiirgen, Polen,



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