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Ferdinand Apell.

Geschichte der Befestigung von Strassburg i.E. vom Wiederaufbau der Stadt nach der Völkerwanderung bis zum Jahre 1681 online

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Preussen, Schweden und Diinemark und kam im Jahre 1560 in Antwerpen
an, wo er von Meister Frans, der fiir Karl \". die neue Befestigung
der Stadt gebaut hatte, offenbar als ein gereister und in der Praxis
wohlerfahrener Handwerks- und Kunstgenosse aufgenommen wurde.-'j
Dass er dessen Schiller gewesen sei, wie der belgische Oberstleutnant
Wauwermans in der ,, Revue beige d'art, de science et de technologic
militaire" von 1878 (vergl. „Archiv" LXXXIV, Nr. XIIlj behauptet,
ist durch nichts erwiesen, wenn auch anzunehmen ist, dass Specklin
mit der bestimmten Absicht nach Antwerpen kam, hier fiir sein neues
Fach zu lernen, Aller Wahrscheinlichkeit nach hat vSpecklin auch den
Fransschen Plan von Antwerpen gestochen.

1) ..Archiv" LXXXV, 245.

2) Schneegans, 61.

') Die auf die ,,Vita" gestiitzte Annahme von R. Reuss, dass Specklin in umgekehrter
Richtung gewandert sei — Analecta 202 — wiirde voraussetzen, dass Specklin vorher auf
anderem Wege, etwa durch Deutschland und die Niederlande nach Antwerpen gelangt wiire,
wovon jedoch nirgends die Rede ist. Einen besonderen Werth vermag ich im Uebrigen der
von mir eingesehenen „Vita" nicht beizumessen. Es sind nur fliichtig hingeworfene kurze
Bemerkungen, deren Urheber ebensowenig feststeht, wie die Zeit ihrer Niederschrift. Die
,,Vita" ist nicht dazu angethan, die Angaben des Lobgedichtes als falsch erscheinen zu lassen.



164 GESCHICHTE DER BEFESTIGUNG STRASSBURGS.

Im Jahre 1561 war Specklin bereits wiedcr in W'icn, wo er bis
Ende 1563 thatig; war, im Janiiar 1564 findcn wir ihn dann zu Strassburg
mit der Aufnahme der Stadt beschiiftigt, von mehreren seiner Mitbiiroer
aufgefordert „die Stadt Strassburii- in Griind zu legen und abzucontra-
fehen".i| Da ihm jedoch wohl Bedenken aufgestiegen sein mochten,
ob der Rath die Veroffentlichung seiner Arbeit genehmigen wiirde,
so wandte er sich vor Vollendung derselben, durch den Stadtadvokaten
Teurer, an den Rath und bat um entsprechende Erlaubniss. Am 19. II.
wurde sein Antrag berathen und einem Ausschusse zur Begutachtung
iiberwiesen, der sich am 24. IV. dahin aussprach, dass es nicht rath-
sam sei, Specklin den Plan vollenden zu lassen, indem der Stadt aus
der Veroffentlichung ihrer Befestigung nur Schaden erwachsen konnte.
Dieses Gutachten trug lediglich den Umstanden und Verhilltnissen
Rechnung, sodass man es wohl billigen muss, und es kann wohl keine
Rede davon sein, dass es durch Neid, Missgunst und kleinHche Aengst-
lichkeit hervorgerufen worden sei, wie Schadow meint. Der Rath
forderte Specklin auf, von seinem Vorhaben abzustehen und die Arbeit
in die Kanzlei zu liefern, erkannte aber auch dahin, dass ihm eine
„Verehrung" zu machen sei, wenn er etwas fur seine Muhe begehren
sollte, erledigte die Angelegenheit somit in anstiindiger Weise. Es
handelte sich hier also um eine Aufnahme des Vorhandenen und nicht
um einen Entwurf fiir die \"erbesserung oder den Neubau der Be-
festigung, sodass die von den meisten Militarschriftstellern wiederholte
Angabe von der Veroffentlichung dieses Planes ebenso irrig ist wie
die Behauptung, dass dieser Plan den Entwurf fur eine Neubefestigung
der Stadt enthalten habe. Ich komme auf diesen Plan noch zuruck.

Offenbarer Mangel an Beschaftigung in seinem neuen Fache
veranlasste den nach Strassburg zuriickgekehrten Specklin, sich von
Neuem seinem alten Handwerk, der Seidenstickerei und dem Formen-
schneiden zuzuwenden. Aus dem Bestreben, sich bei erster Gelegen-
heit wieder dem Baufache zu widmen, ging dann eine Reise nach
Diisseldorf zu Meister Johann, Baumeister des Herzogs Wilhelm von
JiiUch, im Jahre 1567 hervor, der gerade Diisseldorf befestigte, doch
hatte die Reise eine Anstellung nicht zur Folge. Dass Specklin schon
damals berufen worden sei, um seinen Rath zu ertheilen, wie Schnee-
gans als moglich hinstellt, ist wenig wahrscheinlich, da er anscheinend
noch keinen welter verbreiteten Ruf besass und Meister Johann als



') Schadow, 13. Es steht hiermit nicht im Widerspruch, dass Specklin im Jahre 1564
eine Rechnung iiber einen in Wien ausgefiihrten Bau ausstellte — „Archiv" LXXXIV, 246 — ,
da entweder der Bau selbst im Jahre 1563 stattgefunden haben kann und nur 1564 abgerechnet
wurde, oder Specklin nochmals nach Wien zuriickkehrte; die Aufnahme der Stadt Strassburg
fand ja bereits zu Anfang des Jahres 1564 statt.



SPECKLIXS LEBENSLAUF. 165

Autoritat gall. Handelte es sich aber nicht um eine gesuchte Anstellung,
dann ist es viel wahrscheinlicher, dass Specklin lediglich eine Art Studien-
reise unternahm, was im Uebrigen Schneegans auch fur moglich halt. ' i
Die von Schneegans zuerst ausgesprochene Vermuthung ist an-
scheinend durch eine Nachricht Silbermanns hervorgerufen worden, der
in seiner ,,Lokalgeschichte" erzahlt, dass Specklin im selben Jahre 1567
auch von Lazarus v. Schwendi, Freiherrn von Hohenlandsberg, kaiser-
lichem Feldhauptmann, nach Regensburg berufen worden sei, um dort
iiber die Xeubefestigung Strassburgs zu berathschlagen. Nun steht aber
diese Nachricht auf sehr schwachen Fiissen, wenngleich ihr ein
Kornchen AA^ahrheit zu Grunde Hegt. Es befindet sich namlich im
Archive der Stadt Strassburg ein von Specklin unterzeichneter Entwurf
ftir die Neubefestigung- Strassburgs, der die Aufschrift tragt: „vnge-
ferliche berahtschlahung durch den wolgeborenen Herrn N. v. Solis
vnd mich Doch nichts beschlossen nuhr ahn Zeuggt. 1567 zu Regens-
burg". Hier ist nun von Lazarus v. Schwendi gar keine Rede, wie
es derm in hohem Grade unwahrscheinlich ist, dass Schwendi im Jahre
1567 iiberhaupt in Regensburg gewesen sein kann. Nach Schwendis
Biograph v.Janko-i war ersterer das ganze Jahr 1567 in Ungarn thiitig,
so dass es nicht einzusehen ist, wie er hierbei zwischendurch sich
zu Regensburg mit der Befestigung Strassburgs hiitte beschiiftigen
sollen, wozu cr — wenigstens damals — als kaiserlicher Feld-
herr gar keinen Beruf hatte. In spateren Jahren trat Schwendi
allerdings in ein niiheres \^erhaltniss zu Strassburg und Specklin —
zu diesem ctwa im Jahre 1570 , 1567 war davon aber noch nicht
die Rede. Ich wiirde deshalb mit Reuss in die ganze Nachricht
Silbermanns Zweifel setzen und eine W^rwechslung mit dem Jahre 1576
annehmen, in dem Specklin thatsilchlich mit Schwendi in Regensburg
zusammentraf, wenn nicht eben -der aus dem Jahre 1567 datirte Plan
Specklins vorliige. Man konnte nun hier einen Schreibfehler Specklins
vermuthen, der statt 1576, 1567 geschrieben hatte, der ganze Entwurf
entspricht aber so wenig den im Jahre 1576 dargelegten Ansichten
Specklins, dass man schon aus diesem Grunde ihn nicht wohl in das
Jahr 1576 setzen kann; dazu kommt dann noch die Schreibweise des
Buchstabens Z, die von Specklins spilterer Schreibweise abweicht und
wenigstens in den iibrigen Strassburger Entwiirfen Specklins nirgends
wiederkehrt. Man wird also annehmen diirfen, dass Specklin that-



*) In der ,,Allgemeinen deutschen Biographic", XXXV, 82 wird gesagt, Specklin sei im
Jahre 1564 zu Diisseldorf ,,thatig" gewesen, eine Angabe, die rein willkiirlich und auf nichts
gegrundet ist.

') Lazarus v. Schwendi, oberster Feldhauptmann und Rath Kaiser Maximilians II.
Wien 1 87 1.



166 GESCHICHTE DER REFESTIGUNG STRASSBURGS.

sachlioh im jahro 15Cv in Regensburg- war unci hicr mit einem Herrn
V. Solis iiber die Befestiguno- von Strassburg berathschlagte, class
Silbermann cliese Thatsache aber irrthumlich mit dcr erst 1576 dureh
Schwendi erfolgten Berufung in \'erbindiing gebracht hat. Wt^r ist
nun dieser Herr v. Solis, i) wer hat Speeklin nach Regensburg berufen
Oder was tuhrte ihn sonst dorthin, wie kam man uberhaupt dazu, in Regens-
burg iiber die Befestigung von Strassburg zu berathschlagen? Das sind
Fragen, die zur Zeit nicht zu beantworten sind und iiber die man kaum
Muthmassungen anstellen kann. Da Speeklin sicher nieht im Auftrage des
Rathes von Strassburg reiste, der Berathschlagungen iiber die Befesti-
gung der Stadt auch wohl an Ort und Stelle und nicht in Regensburg an-
geordnet hatte,*so kann man nur annehmen, dass es sich um einen aus
SpecklinseigenemAntriebhervorgegangenenEntwurfhandelt,denerdann
dem Rathe vorlegte oder der sich spater in seinem Nachlasse gefunden
hat. Auch auf diesen Entwurf kommen wir noch an anderer Stelle zuriick.
In den Jahren 1564—1569, in denen Speeklin seinen Wohnsitz zu
Strassburg hatte, scheint er sich beim Rathe seiner Vaterstadt ziemlich
missliebig gemacht zu haben, wie die Protokolle der XXI. bezeugen,
die auch einen Bhck in sein Jugendleben thun lassen. So heisst es in
einem Protokolle vom Jahre 1564 : „Daniel Speeklin, Formenschneider
Oder Seidensticker, ist in seiner Jugend und jungeren Jahren etwas
unniitz und muthwillig gewesen mit Frauenvolk, Schlagen und Handel
anfangen, auch ungehorsam und den Gebotten nicht nachgekommen,
wie aus diesem und anderen Protokollen zu ersehen". "-) Diese
Bemerkung wird wohl ihre Entstehung dem Umstande verdanken, dass
Speeklin zur Zeit eine Reihe von Prozessen fuhrte, besonders gegen
den Ammeister Abraham Heldt, die ihn in eine so schiefe Lage zum
Rathe brachten, dass selbst seine personliche Freiheit gefahrdet schien.
Denn da er, wie es in dem Protokoll der XXI. vom 10. XI. 1568 heisst :
„seinem Branch und GewT^nheit nach nitt erschienen", so wurde der
Beschluss gefasst : „so er nitt erscheynde Im zu Thurn legen zu lassen".
Inzwischen w^ar es Speeklin gelungen, abermals eine Anstellung
in Wien zu finden, die er um die Jahreswende 1568 auf 1569 angetreten
haben muss. Er w^urde von Carlo Tetti, einem Nachfolger Schallantzers,
nach Wien berufen, wo er jedenfalls im Baufache Verwendung fand,
von 1569 ab aber auch Riistmeister des Kaisers Maximilian II. und des
Erzherzogs Ferdinand, sowie Aufseher iiber die Kunstkammer des



1) Der Name Solis — ohne von — findet sich iibrigens im l6. Jahrhundert zu Niirnberg,
wo ein Virgilius Solis von 1514 bis 1562 als Zeichner und Kupferstecher lebte.

2j Els. Neujahrsbl. v. 1847, 3. Die Stelle ist aus Silbermanns Bemerkungen iiber Speeklin
.enlnommen. Bei Schadow, 8, lautet sie etwas abweichend; das Protokoll selbst ist nicht
mehr vorhanden.



SPECKLINS LEBENSLAUF. 167

ersteren war. Worin seine Thatigkeit als Riistmeister bestand, lasst
sich nach Dittrichs vergeblichen ErmittelungsvxM-suchen niclit fest-
stellen. Man wird sich mit Schneegans einverstanden erklaren konnen,
der der Meinung ist, dass es ,,haiiptsrichlich hier war, wo er (Specklin)
vollends sein schones Talent ausbildete und die ausgezeichneten
Kenntnisse in der Kriegsbaukunst erwarb, welclie ihn A'on nun an so
beriihmt und zu einem Orakel seiner Zeit machten". Wenn die Nach-
richt in dem Lobgedicht der 2. Auflage der ,, Architectural richtig ist,
dass Specklin die Stelle als Riistmeister fiinf Jahre inne hatte, was
Schneegans als unbestreitbar annimmt, so kann dies doch nur im Neben-
amte gewesen sein, das dem Gebrauche der Zeit nach auf die Titel-
fiihrung keinen Einfluss hatte; denn es steht fest, dass SpeckUn von
1569 bis 1574 nicht dauernd in \Men und Oesterreich war und wenigstens
im Friihjahr 1572 sich als Schaffner des Junkers Samson von Fleckenstein
bezeichnete. Im Jahre 1573 war Specklin voriibergehend in vStrassburg,
wo er dem Stadtschreiber personlich ein Schreiben iibergab.

Dass Specklin an der Vertheidigung von Famagusta auf C3^pern
im Jahre 1571 Theil genommen hiitte, wie von verscliiedenen Seiten
behauptet oder vermuthet wird, ist durch nichts erwiesen, auch in
hohem Grade unwahrscheinHch. Speckhn war kein Kriegsmann.
Hiitte er der Vertheidigung von Famagusta wirklich beigewohnt, so
konnen wir iiberzeugt sein, dass er cUes selbst in seiner ,, Architectural'
erwahnt hatte und dass es von dem Lobgedicht der 2, Auflage nicht
verschwiegen worden wiire. Specklin wiirde eine solche Thatsache
um so gewisser beriihrt haben als er in seiner ,,Architectura" aus-
driickhch darauf hinweist, dass es schr seiten sei, dass Kriegsiibung
und Baumeisterei sich beisammen fiinden.

Im Jahre 1573 erhielt Specklin, wahrscheinlich auf Betreiben des
Lazarus von Schw^endi, Seitens des Erzherzogs Ferdinand, Herrn von
Tirol und der vorderosterreichischen Lande, den Auftrag, die bekannte
Karte des Elsasses anzufertigen, mit deren Aufnahme er die Jahre
1574 und 1575 beschiiftigt war, worauf ihm am 15. XI. Iv575 eine
Abschlagszahlung von 100 Thalern auf die vertragsmiissig zu zahlenden
200 Thaler geleistet wurde. ')

Ob Specklin je Italien besucht hat, wie von Zastrow behauptet,



') In der Ztschrft. f. d. Gesch. d. Obenhn. N. F. VIII. 151 wild aus den Urkunden
und Regesten des k. u. k. Statlhalterei-Archivs zu Innsbruck, XIV. Band des Jahrbuchs der kunst-
historischen Sainmlungen des Allerhochsten (osterreichischen) Kaiserhauses von v. Schonherr,
die Entstehungsgeschichte dieser altesten Karte des Elsasses gegeben. Wenn dabei gesagt
wird, dass der Antheil des Konrad Dasypodius, des Erbauers der Strassburger Miinsteruhr,
bisher unbekannt gewesen sei, ebenso, dass die Anregung zur Herstellung der Karte vom
Erzherzog Ferdinand ausgegangen ware, so ist ersteres richtig, letzteres aber ein Irrthum, wie
die Litteratur iiber Specklin beweist. . , ,



168 GESCHICHTE DER BEFESTIGUXG STRASSBURGS.

bleiht giinzlich ung"ewis8. \'iel wahrscheinlicher ist es, cUiss Specklin
die Bekanntschaft italienischer Kriegsbaumeister in Deutschland, zumal
in Wien machte, da gerade zu seiner Zeit die italienische Befestigungs-
weise ihren Lauf dm-ch ganz Europa nahm und italienische Baumeister
iiberall anzutreffen waren. Specklin wiirde es wohl auch kaum unter-
lassen haben, eine solche Reise in seiner ,..\rchitectura" zu erwahnen,
wo er doch die Grundsiitze der italienischen Baumeister fortgesetzt
bekampft — dass er von Karl \\ mit nach Afrika genommen worden
sei und aucii Gibraltar befestigt habe, ist nichts als Fabel, schon aus
dem einfachen Grunde, weil Karls \'. Feldziige gegen Tunis und Algier
in die Jahre 1535 und 1541 fallen, Specklin aber erst 1536 geboren ist.

Inzwischen scheint Specklin derart riihmlich bekannt geworden
zu sein, dass er von den verschiedensten Seiten um seinen Rath in
Bausachen angegangen wurde; die Anstellung in kaiserlichem und
erzherzoglichem Dienst wird nicht wenig dazu beigetragen haben,
wie nicht minder das Ansehen, das er bei Schwendi und anderen
hervon-agenden Personen genoss. So finden wir ihn im Jahre 1574
berathend beim Bau des Schlosses von Baden und im Jahre 1576 in
Ingolstadt, nachdem er vom Herzog Albrecht \'. von Bayern fiii* dieses
jahr gegen 300 Gulden in Dienst genommen worden war. ' ' Indess hielt
sich Specklin keineswegs stiindig in Ingolstadt auf, wie derm seine
Thatigkeit daselbst, gerade wie anderwarts, mehr nur eine berathende
denn bauausfiihrende war. Anfang des Jahres war er zu Strassburg,
wo der Rath ihn zu sprechen begehrte, am 6. II. ist er schon wieder
in Ingolstadt und am 28. I\". wurde er durch einen Eilboten nach
Miinchen beschieden. Am 13. MI. erhielt er dann Urlaub nach Ulm
und Regensburg, an welchem letzteren Orte, unter dem \'orsitze
Schwendis, eine Berathung von Kriegs- imd Bauverstandigen iiber die
Anlage von Grenzbefestigungen gegen die Turken stattfand. Hier war
es, wo Specklin durch sachgemasse treffende Urtheile seinen Ruf in
Kriegsbausachen fest begriindete, hier war es, wo er sich, anscheinend
als Erster, gegen die zu spitzen und zu stumpfen Bollwerke der
Italiener aussprach und die rechtwinkligen als die besten bezeichnete
und empfahl.

Das Jahr 1577 sah Specklin im Mai abermals in Ulm, wohin er
auf seinen Antrag vom 22. \'. vom Rathe der Stadt Strassburg beur-
laubt worden war. ^lan hatte ihm auf seinen W^unsch ein Pferd aus
dem Herrenstalle und einen Diener gegeben, dabei aber bemerkt ,,dass
er sich ftirderlich allhier thue, dieweil er wiiss das mein Herren allhie
sein bedorffen'*. „Und" — heisst es ferner in dem Beschlusse — „soll



') Schadow, 17 und Klemann, Oberst: Geschichte der Festung Ingolstadt. Miinchen 1883.



SPECKLINS LEBEXSLAUF. 169

man nachgehends bedenken, wie er in Bestallung" anzunemmen, dass
man ihn bei der Hand behalten miig'', Aus alle dem geht hervor,
dass vSpecklin mit Ablauf seiner Dienstverpflichtung gegen den Herzog
von Bayern mit Begiim des Jahres 1377 in nahere Beziehungen zum
Rathe seiner \^aterstadt trat, der sich nun den zu Ansehen gekmgten
geschickten Mann zu siehern suchte. ^^'enn sich Specklin gleichwohl
im Jahre 1577 noch fiirstlich ba3Tischer Baumeister nennt, so findet
dies seine Erklarung und Rechtfertigung darin, dass er nach Abkiuf
seiner Verpfhchtung fur das Jahr 1576 nicht ganzlich entlassen, sondern
gegen Zahlung einer jiihrlichen Provision, von Reisekosten, Tagegeldern
und einer Vergiitung fiir etwa wirklich geleistete Dienste an der Hand
behalten wurde. Dies \^erhaltniss loste sich offenbar erst mit dem
Zeitpunkte, wo Specklin endgiiltig in die Dienste seiner \^atcrstadt trat,

Schon Anfang Juni war Specklin wieder nach Strassburg zuriick-
gekehrt, da man aus einer noch im Strassburger Stadtarchiv auf-
bewahrten Rechnung ') von seiner Hand ersieht, dass er am 10. VI.
,,auffs herrn von Schwendi schreyben vnd meiner herren befelchs"
eine Visierung der damaligen Festungswerke einreichte, oder wie er
sagt „vber den ganzen Zarg aum die Statt wie sey ietz 1st" und eine
zweite ,,vber den ganzen Zarg wie sey sol verbessertt werden auff
ein newen model, sampt einem bedencken". Bereits vorher war er
vom Rathe mehrfach in Anspruch genommen worden und hatte auf
dessen Veranlassung eine Anzahl Entwurfe gefertigt, womit er in den
Monaten Juni, Juli, August und September fortfahren musste. Am
12. IX. erhielt er fiir die noch nicht bezahlten Arbcitcn 50 Pfd. Strass-
burger Pfennige. \Mr kommcn auch auf dicsc und siimmtiiche noch
zu erwahnenden Entwurfe zuriick.

Im Jahre 1577 wurde dann auch der Stich der Karte des Elsasses
vollendet ,,der Stadt Strassburg und alien Stilnden zu Ehren", von der
Specklin am 27. IT. das erste Exemplar dem Rathe seiner Vaterstadt,
,,Burgerpflicht halb'' uberreichen liess. Der Rath erkannte hierauf :
„man soil ihm anzeigen mein herren lasscn ihm freundlich dancken
und wollen ihm zu kiinfftigen Tagen mit fernerer Anwart begegnen".
Diese Karte ist heute ziemlich selten geworden, aber noch immer
von Interesse, w^eil sie alle Ortschaften, Schlosser, Burgen u. s. w.
enthillt, die seitdem in Abgang gekommen sind. -)

Im Juli 1577 reiste Specklin nach Lothringen, zu wem ist nicht
bekannt, und erhielt auf sein Ansuchen vom 17. VII. wiederum einen



1) Strss. Stdt. Arch. IV, 122. Siehe Anlage 4.

'^) Ein Exemplar der Karte befindet sich in der KaiserHchen Universitats- und Laiides-
bibliothek zu Strassburg. Die in der alten Strassburger Stadtbibliothek auf bewahrlen Kupfer-
platten gingen 1870 mit jener zu Grunde.



1/0 GESCHICHTE DER BEFESTIGUNG STRASSBURGS.

Stadtdicncr ziir Begleitunii", wohl auch cin Pfcrd. Um ihn nun daucrnd
an die Stadt zu fesseln, schuf der Rath nach mehrfachen eingehenden
Berathimgen seiner Kollegien das Amt eines Stadtbaumeisters. In der
Sitzung, in welcher iiber Specklins Anstellung endgiiltig entschieden
wurde, machte man besonders geltend, dass aus seinen bisherigen
Arbeiten imd vornehmlich ,,aus der grosscn visirung so er im holtz-
werk vber die ganze Zarg dieser Stadt gemacht'' zu ersehen sei, wie
sehr er der Stadt von Nutzen sein konnte, dass der Herzog von
Ba^^ern, die Stadt Ulm und andere Herren und Stiidte ihm angeboten
hjitten, zu ihnen in Bestallung zu treten, dass es bis jetzt bei den
grossen Bauten immer an einem solchen Manne gemangelt habe und
er, so bedeutend auch sein Gehalt sein moge, in einem Jahre mehr
ersparen konnte, als ihm in drei Jahren zu Lohn werde. Der von den
XIII. entworfene Bestallungsbrief wurde in derselben Sitzung verlesen
und von Specklin am 5. X. 1577 beschworen. Wie schon von Reuss
hervorgehoben wird, scheint Specklins teste Anstellung nicht zum
Wenigsten aus Sparsamkeitsriicksichten erfolgt zu sein, da die oben
erwiihnte Rechnung, welche er dem Rathe iiber seine Thiitigkeit
Avahrend des Sommers 1577 vorgelegt hatte, gehorig ins Geld lief.
So mochte es wohl im okonomischen Interesse liegen, sich Specklins
Arbeitskraft dauernd gegen eine teste Zahlung zu sichern, statt ihn
in jedem einzelnen Falle und dann verhaltnissmassig theuer bezahlen
zu miissen. Sein Gehalt betrug nun jahrlich 250 Gulden baar, 6 Fuder
Holz und 1000 AVellen iReisigj. Dass Specklin auch freien Sitz in einem
stadtischen Hause erhalten habe, wie verschiedentlich angegeben wird,
ist schon von Schneegans als unrichtig bezeichnet worden, ich bin
aber in der Lage, bestiitigen zu konnen, dass die Nachricht doch einen
gewissen Hintergrund hatte. In der That war Specklin um eine freie
AVohnung eingekommen, die ihm auch zugesagt wurde, die er aber
nicht erhielt, weil sich keine fiir ihn geeignete und dabei verfiigbare
auftreiben liess. Er kaufte deshalb ein Haus und bat den Rath dazu
um ein Darlehen von 300 Pfd. Pfennige, das er in acht Jahren zuriick-
zahlen und fiir das er Biirgschaft stellen wollte. ^^'as daraus geworden
ist, war bis jetzt nicht zu ermitteln. \\

Der Bestallungsbrief Specklins befindet sich im Auszuge im
Oberbauherrn-Protokoll von 1590 und wurde zur Anfertigung des Be-
stallungsbriefes fiir Specklins Nachfolger Hans Schoch benutzt. Er
gehort hierher, weil aus ihm zu ersehen ist, welche Thiltigkeit von
Specklin als Stadtbaumeister \'erlang"t wurde. -i Der Auszug lautet:



') Strss. Stdt. Arch. IV, 122. Datirt 2. 11. 1578. Siehe Anlage 5.
-) Auch abgedruckt in den Els. Neujahrsbl. f. 1847.



SPECKLINS LEBENSLAUF. 171

„Gemeiner Statt treuw unci hold zu sein. Zu alien gebeuwen so fur-
genommen werden, so wol zu beuestigung der Statt, als auch inner-
halb sich gebrauchen zu lassen, Visirungen, Grundriss, Modell vnd
was von noten zu fertigen. Den gebeuwen zu beuestigung der Statt
selb beyzuwonen, den arbeitern zuzusprechen, zu sehen das den ver-
glichenen A'isirungen mit fleiss nachgegangen vnd denselben gemess
gebuwt wird. W^ar zu man neben den gebeuwen seiner sonsten
bedorffen werd, augenschein abzureissen oder sich seiner rhets zu
gebrauchen, das Er schuldig sein soil zu dienen seinem besten verstand
vnd vermogen nach das beste vnd nutzest gemeiner Statt zu rhaten.
^^'as er fiir abriss oder visirungen beuestigung der Statt betreffend
macht oder sonsten von gemeiner Statt geheimnussen, vestungen,
geschiitz, munition oder dergleichen betreffend, desgleichen inn rhatt-
schlagen darzu er gezogen vernemmen oder erfahren wiirdt, dasselb
biss inn sein gruben bey sich geheim zu behalten. Die abriss vnd
visirungen vber gemeiner Statt gebeuw And vestungen ohn vorwiissen
der herrn Dreizehn niemand zu communiciren, auch die nit hinder
sich zu behalten, sonder an Ort vnd ende die Im benandt werden, zu
liiffern. Vber dre}* tag nit aus der Statt zu sein ohn erlaubnus eines
Regierenden herrn Ammeisters oder der geordneten Bauherrn, vnd
da die reiss lenger sich verziehen solt, ohn erlaubnus vnserer herrn
Rhiit vnd XXI. Inn kein andere Bestallung mit jemand sich einzulassen
ohne vorwiissen vnd erlaubnus vnserer Herren."

In derselben Sitzung der XXL, in welcher vSpecklin seine Be-
stallung beschwor, wurde auf Yorschlag beschlossen, ihn auf Kosten
der Stadt nach Antwerpen zu schicken, um die dortigen Festungs-
bauten zu besichtigen. Er erhielt ,,eine Fiirschrift" an den Prinzen
von Oranien mit auf den Weg, und zur Begleitung den Stadtwerkmeister
Diebold Frauweler. ') Noch im Oktober traf Specklin in Antwerpen
ein, wie er selbst in seiner ,,Architectura" berichtet.

Durch seine feste Anstellung zu Strassburg kam Specklin nun
keineswegs zu Ruhe, im Gegentheil wurde er jetzt erst recht von
alien vSeiten in Anspruch genommen. Schon am 17. I. 1578 schrieb der
Rath der Stadt Ulm an den von Strassburg, Specklin habe in Ulm
,,hieuor zum Andern mahl" an Berathschlagungen ,,ettlicher Vnnser
Statt gebewen" Theil genommen und sich dadei ,,so Vertrewlich, Vnnd
willferig erzeigt", dass der ,,wolgeborene gnadige Herr Lazarus von
Schwendi" als er vergangenen Sommer eine Reise nach Oesterreich
vorgenommen hiltte und durch Ulm gekommen sei, abgemacht habe.



'j Es war dies der jiingere Bruder des uns bereits bekannten Hans Frauweler, des
Erbauers des neuen Judenthores.



172 GESCHICHTE DER BEFESTIGUNG STRASSBURGS.

dass er, wenn er zuruckreisc, der Stadt Ulm dies so rechtzeiti.o; mit-
theilen wolle, dass sie Specklin zu ciner g-emeinsamen Berathunii-
heranziehen konnte. Xun habc Schwcndi mitiicthcilt, dass er etwa zu
Ausganii" des Januars nach Ulm kommen werde und gebeten, Specklin
herbeizurufen. Da Ulm gehcirt, dass Specklin jetzt Baumeister in
Strassburg" sei, so wiire es billig, dass man die Stadt um Ueberlassung



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