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Ferdinand Apell.

Geschichte der Befestigung von Strassburg i.E. vom Wiederaufbau der Stadt nach der Völkerwanderung bis zum Jahre 1681 online

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desselben bitte. Man moge ihm erlauben „Das er sich fiirderlich vf
den weg mache" um beregter Berathschlagung beizuwohnen. - Am
15. IX. 1578 wurde Specklin dann vom Grafen Philipp von Hanau beim
Rathe, wohl wegen der Befestigung von Lichtenberg, und am 30. III. 1579
vom Pfalzgrafen Hans Georg von Veldenz erbeten, in letzterem Monat
war er aber auch zu Colmar, wo er mit dem Strassburger Werkmeister
Jeremias Neuner die Befestigung der Stadt berathschlagte und in Folge
dessen im Sommer dieses Jahres zu Strassburg ein holzernes Modell
sowie eine ,,Grundvisirung" nebst „Rathschlag" anfertigte. Letzterer
befiiidet sich noch im Stadtarchiv zu Colmar, ist von mir eingesehen
worden und soil spiiter besprochen werden ; Modell und Grundvisirung
sind nicht mehr vorhanden.

Schon am 19. II. 1580 erbat sich der Pfalzgraf von \^eldenz
Specklin abermals, wobei der Rath diesmal erkliirte ,,doch dass er
(Specklin) sich in keine andere gesprach oder geschilfft einlasse und
darbey sein e3'd ihm eingebunden werde, dieser statt halb kein abriss
Oder dergleichen nicht mit sich zu nehmen oder zu machen". Ver-
ursacht Avar dieses Gebot vielleicht durch den Umstand, dass Specklin
im Colmarer Rathschlag einen Abriss der neuen Bastei am Roseneck
gegeben und sich naher iiber dieselbe ausgesprochen hatte. Als
Specklin dann von der Reise zuriickkam, wurden am 12. III. zwei
Rathsmitglieder abgeordnet „Specklin zu ihrer gelegenheit zu horen,
was mit ihm gehandelt worden". — Auch den ganzen Sommer des
Jahres 1580 war Specklin unterwegs. Er wird am 9. III. nach Schlett-
stadt, am 23. IV. von Neuem zum Pfalzgrafen von Veldenz und am
7. V. zum Grafen von Hanau erbeten.

Demnftchst nahm die vorderosterreichische Regierung zu Ensis-
heim Specklin auf langere Zeit in Beschlag, da Erzherzog Ferdinand
auf Anrathen Schwendis Ensisheim neu zu befestigen beabsichtigte.
Anfang Juni machte Specklin an Ort und Stelle die ersten Aufnahmen,
denen drei weitere Reisen in kurzen Zwischenrilumen zur Feststellung
des Entwurfes folgten, worauf Erzherzog Ferdinand nach Anfertigung
dreier Modelle sich am 1. II, 1581 fiir die Ausfuhrung nach dem zuletzt
gefertigten Modell entschied und mit Specklin iiber seine weiteren
Dienste zu verhandeln befahl. ?^Iit Erlaubniss des Rathes von Strass-
burg wurde nun ein X-'ertrag mit Specklin vereinbart, durch den er



SPECKLINS LEBENSLAUF. 173

vom Fruhjahr 1581 ab auf dreijahre gegen ein jahiiiches Gehalt von
150 Gulden, sowie freie Wegzehrung und Aufenthalt zum oftern Er-
scheinen in Ensisheim verpflichtet wurde. Von diesen Reisen sind
uns verschiedene bekannt, so im Juli 1582, wo Specklins Gegenwart
erfordert wurde, um ein Bedenken iaber den Miihlenbach und dessen
Erweiterung zum Zwecke des Miinzwerks abzugeben, wonach zu bauen
am 8. VIIL 1582 beschlossen wurde. Ebenso wurde er am 29. IV. 1583
herbeigerufen, als anhaltende Regengiisse und Frost im Winter 1582
auf 1583 den Wall derartig beschiidigt batten, dass Specklin nach
Anzeige „uss was Ursach der Bauw einfallen miissen" am 8. VII. 1583
seinen Rath ,,umb auffierung etlicher jNIauern und Streben" abgeben
musste. Die Kammerrilthe zu Ensisheim versprachen diesmal die Stadt
kiinftig so viel als moglich mit Erfordern Specklins zu verschonen.
Nicht immer war es ihm moglich, von vStrassburg abzukommen, wenn
seine Anwesenheit in Ensisheim verlangt wurde, nicht bios wegen
anderer Arbeiten, sondern auch krankheitshalber. Dagegen sind Be-
rufungen nach Ensisheim iiber die im ersten Vertrag mit Specklin
verabredete Zeit hinaus bis in das Jahr 1588 bekannt, in welchem }ahr
das nach Ablauf des ersten Wn-trages festgesetzte verringerte Jahr-
geld aufgekiindigt wurde. Auch einen Bebauungsplan ftir die Stadt
Ensisheim hatte Specklin ausgearbeitet und durch ,,eine neuwe hiilzene
Visierung und model" dargestellt, die er am 14. XII. 1585 einsandte
und nach welcher bei spateren Veranderungen gebaut zu sein scheint.

Zwischendurch wurde Specklin noch von alien Seiten begehrt,
so am 15. IV. 1581 von Lazarus v. Schwendi, am 16. XII. desselben
Jahres abermals A'om Grafen von Hanau nach Lichtenberg, ferner
nach Benfeld, vSchleltstadt, Dachstein, Hohbarr, Hagenau und Belfort,
sodass er fast unausgesetzt auf Reisen war. Selbst der Erzbischof
und Kurfiirst Gebhard von Koln erbat sich unter dem 21. V. 1583 die
Hiilfe Specklins fiir den Festungsbau zu Bonn. Er hatte das an die
Stadt gerichtete Schreiben einem Brief an den Pfalzgrafen bei Rhein,
Johann Casimir, Herzog zu Bayern, beigelegt, der es irrthtimlicher
Weise erbrach und sich dieserhalb bei der Stadt entschuldigte. ' )

Auch fiir die Stadt Basel war Specklin thatig, wo er am 10. II.
1588 eintraf, um die dortigen Festungswerke und den Neubau derselben
zu begutachten. Seine Entwiirfe nebst vier grossen Pliinen werden
noch heute im Baseler Staatsarchive aufbewahrt. Diese gediegene
Arbeit, die Specklin auf der Hohe seiner Kunst zeigt, wurde aber auch
gebiihrend honorirt, indem ihm der Rath fiir die erste Besichtigung
50 Gulden Reisekosten bei freiem Aufenthalte, 400 Gulden fiir die



i| Strss. Stdt. Arch. AA. 1990.



174 GESCHICHTE DER BEFESTIGUNG STRASSBURGS.

Arbeit selbst iind dann noch weitere 45 Pfd. 18 Sch, 4 Pf. fiir Unkosten
verwilligte, sowie seine Gasthausrcchnunii" beiileichen liess.

Die letzte Reise Specklins fand im August 1589 nach Heilbronn
statt, wo er als grosser Herr aufgenommen wurde und wo ihm sein
Rathschlag ebenfalls reichlich vergutet wurde. Auch hier hatte sich
der Stadtrath ^■on Heilbronn an den von Strassburg gewandt, damit
er Speeklin beurlauben moge. In der am 28. VII. stattgehabten
Sitzung der XXI. beriehtete der Ammeister ,,dass Speeklin vermeint
dass er die Reiss vber 14 tag wol wolt verrichten ktinnen, Inhalt eines
Zeduls, so er Ihme geschrieben, so verlesen, verhofft In der Zeit sich
Leibs halben zu erholen, so werde sich auch die hitz in der Zeit ver-
lieren". Daraufhin wurde Speeklin dann der Urlaub bewilligt „wofern
er leibs halben vermag".

Weniger freigebig als die Stadte Basel und Heilbronn war ein
Theil der eigenen Mitbiirger Specklins, welche im Rathe mehrfach den
Antrag stellten, ihm das bedungene Jahrgehalt zu schmiilern. Es mag
sein, dass Speeklin im Rathe Feinde hatte, z. B. den Ammeister Abraham
Heldt, seinen ehemahgen Prozessgegner, aber man wird auch nicht
ausser Acht lassen diirfen, dass Speeklin thatsachlich durch die haufigen
Reisen seinem eigentlichen Wirkungskreise vielfach entzogen wurde.
Zur Ehre der Stadt gereicht es aber jedenfalls, dass sie dem wieder-
holten Drangen Einzelner nicht nachgab. Bereits in der Sitzung der
XXI. Yom 29. III. 1586 bemerkte der Altammeister Lorcher „das
Speeklin ein grosse besoldung hab vnd wenig darumb thue, w^erde vil
fiir den kleinen Rhat erfordert, erscheine aber nicht, hab vil hend im
haar, hab er gutter meinung anbringen wollen, ob Ihme nicht etwas
an seiner besoldung abzukiirzen". Ja es wurde am 18. Vl. die Ansicht
ausgesprochen, Hans Schoch ,,sey tauglicher denn Speeklin oder Neuner,
die grosse besoldungen haben, nichts dafur thun, welchs dan gemeinen
seckel wol zu ersparen were." Am 27. \l. wurde wieder dariiber ver-
handelt „dieweil Daniel Speeklin ein stattHch dienstgelt hatt vnd
wenig dafilr nhun dienen kan". Auch im Rathe der XV. wurde die
Angelegenheit besprochen. In der Sitzung vom 17. Vl. 1587 wurde
darauf angetragen, einen Ausschuss niederzusetzen ,,sonderlich dess
Specklins halben, der Mein Herrn souihl alss nichts thut, vnd dannoch
sein stattlich Besoldung hatt, so gemeine Statt wohl zu erspahren,
frombde Herren prauchen Ine mehr dann mein Herren, daselbst hatt
er auch seine guthe verehrungen". Indessen wurde doch erkannt
„Specklins halben, bei disen leuffen (dwil man nicht weyss, wo man
der leutt bedorffen mochtej itzmal einstellen". Am 26. VI. und 25. IX.
wiederholten sich diese Antrage. Dann nahm man gegen Ende 1.588
wieder einen Anlauf, indem in der Sitzung der X\". vom 9. X. vor-



SPECKLIXS LEBEXSLAUF. 175

geschlagen wurde, Specklins Besoldung" urn 100 Gulden ,,zu rmgern,
dwil er lybs halb nitt vihl mehr zu prauchen, sonst wer er bym dienst
zu behalten". Aber auch jetzt wurde der Antrag Aviederum abgelehnt :
pMan soils einstellen vnd Ime sein Besoldung bitz vff weithern bescheid
fiirgehen lassen". Am 4. MIL 1589 fand eine nochmalige Berathung
iiber Specklins Beseitigung statt, in der jedoch im Hinblick auf seinen
Gesundheitszustand angefiihrt wurde ,,es sei i mit ihm i also beschaffen,
dass er nitt langwiirig sein konne''.

Wie aus alle dem hervorgeht, hatte Specklin im Rathe seine
Widersacher, aber auch offenbare Freunde, von denen letztere — zur
Ehre der Stadt ~ die Oberhand behielten. Mag Specklins Filhrung,
selbst in seinen reiferen Jahren, manchen Anlass zur Unzufriedenheit
gegeben haben, da sich sein friiheres unstiites Leben noch in Un-
piinktlichkeit und einer gewissen Unfolgsamkeit gegen seine vorgesetzte
Behorde kundgab, so kommt dagegen doch sein unleugbares Talent,
seine Geschicklichkeit und Erfahrung in Ansatz, und schliesslich war
es doch nicht seine Schuld, dass aus all den Entwurfen, die er fiir
Strassburg hatte fertigen miissen, so gut wie nichts geworden ist.
Hatte es eben nicht an den Mitteln gefehlt und hiitte man ihm mehr
Gelegenheit gegeben, sein Talent und sein AMssen in Thaten umzu-
setzen, so wiirde er allcin hierdurch seine AA'idersacher haben ver-
stummen machen.

\Me schon aus den Bemerkungen in den Sitzungen des Rathes
zu ersehen ist, war Specklins (jcsundheitszustand seit einigen Jahren
nicht mehr der beste. Sein in der ,,Architectura" von 1599 enthaltenes
Bild zeigt eine ubermiissige Korperfiille, die wohl in .Storungen des
inneren Organismus ihre Erklarung finden kcinnte. Im Uebrigen hat
Specklin ein durchaus ansprechendes Gesicht und reprasentirt dasselbe
so recht den deutschen Typus, wie man ihn noch heute vorzugsweise
im unteren Elsass auf dem Lande antrifft. In seinen Ziigen drtickt
sich Intelligenz und eine gewisse heitere Lebensauffassung aus. Woran
er eigentlich litt und starb, ist im Uebrigen nicht bekannt. Ende 1589
— jedenfalls nach dem 26. IX., an dem seine Kollektaneen abschliessen,
wahrscheinlich aber noch nach dem 18. XII. — endigte er sein bewegtes
und thatenreiches Leben, ohne dass es bis jetzt moglich ware, den
Todestag genau anzugeben; er wurde somit nur 53 Jahre alt. Mit
ihm ging einer der hervorragendsten Kriegsbaumeister dahin, aber
seine Idecn lebten fort und haben reiche Friichte getragen.

Dass Specklin verheirathet gewesen ist, steht ausser Zwcifel und
muss seine Frau eine geborene Zetzner gewesen sein. Unbekannt ist
es, wann und wo er sich verheirathete — letzteres ist wohl zu Strass-
burg geschehen - und ob er Kinder hinterlassen hat, offenbar aber



176 GKSCHICHTE DER BEFESTIGUNG STRASSBURGS.

starb er als Wittwcr, d;i scin Tod im Hause seines Schwiigers Zetzner
erfolgte, \vo der Rath soiileieh sein (lemach verschliessen, seine Sachen
durchsehen und alles fortnehmen liess, was der Stadt gehorte. Wenn
der Rath beim Tode eines seiner Naehfolger, Johann Enoeh Meyer,
im Jahre 1619 naeh Biichern von Specklin suchen liess, so bin ieh
deshalb im Gegensatze zu Reuss der Ansicht, dass es sich hier nieht
um ungedrucktes Material von Specklin handelte, das bei dessen Tod
auf Seite gebracht worden sei, sondern um Biicher desselben, die
Mej'er wohl leihweise aiis der Kanzlei oder dem Arehix' entnommen
haben mochte. Dass der Rath nach dreissig Jahren noeh Naeh-
forschungen nach abhanden gekommenen ungedruckten Schriftstiicken
Specklins angestellt haben sollte, scheint etwas unwahrscheinlich,
zumal er doch wohl Icaum einen Anspruch daraiif hiitte geltend
machen konnen.

\^\^nden wir uns nun zu Specklins Thatigkeit als Baumeister
und zwar zunachst ausserhalb Strassburgs, so sehen wir ihn zum
ersten Male im Jahre 1574 selbstilndig auftreten, als er der Herzoglich
Bayrischen Regierung zu Miinchen durch den Statthalter Grafen Otto
von SchAvarzenberg zu Baden Doppelstab der Bergschlosser und Kopie
seiner Risse iibersandte, um sich der Regierung zu empfehlen. Naheres
liber diese Arbeit ist ebensowenig bekannt wie iiber das ,,Kriegswerk",
welches er Ende 1575 dem Herzog oder der Herzoglichen Regierung
verehrte, und es wiirde miissig sein, V^ermuthungen hieriiber anzustellen.

Was nun Specklins Thatigkeit in Ingolstadt betrifft, so beschrankte
sie sich lediglich auf einen Wiederherstellungsbau, sodass also gar
keine Rede davon sein kann, dass Speckhn Ingolstadt befestigt habe, wie
von verschiedenen Schriftstellern ohne jeden Bevveis behauptet wird. Es
war nichts als die Wiederauff iihrung eines eingesturzten Walles, iiber deren
Art und Weise sich die beiden herzoglichen Baumeister nicht einigen
konnten. Zum wenigsten wichen ihre Berechnungen iiber den Bedarf an
Holz in den von ihnen aufgestellten Ueberschlagen derart von einander
ab, dass die Regierung es fiir erforderlich erachtete, einen dritten
Sachverstandigen hinzuzuziehen. Am 28. XT. iiberreichte Specklin sein
schriftliches Bedenken ,,was massen vnd gestalt der eingef alien Wahl
aufzupauen und die Piirsten ze schlagen wer". Er wollte also den
Wall gjinzlich abtragen und durch die Herstellung eines Rostes
zunachst einen festen Untergrund schaffen. Wir finden also hier
bereits die Bauweise, die er in seiner „Architectura" so empfiehlt.
Im Uebrigen leitete er aber den Bau nicht selbst und sollte nur bis
auf weiteren Bescheid in Ingolstadt bleiben.

Dass Specklin cine weitere Thatigkeit bei den iibrigens schon
1573 vollendeten Eestungsbauten von Ingolstadt nicht entwickelt hat.



SPECKLIXS THATIGKEIT AUSSERHALU STRASSBURGS, l77

ist bereits von Oberst Klemann in der ,,Geschichte der Festung Ingol-
stadt" dargelegt worden, hervorzuheben bleibt hier nur noch, dass das
Einzige, was von Specklins \'orschlagen aus seiner ,,xA.rchitectura" bei
Ingolstadt zur Anwendung kam, niimlich der abgestufte gedeckte
Weg, eben schon vor Specklins Anwesenheit vollendet war, sodass
man anzunehmen versucht ist, Specklin habe ihn hier kennen gelernt.
Er ist also wohl keine Specklinsche Erfindung, was dieser ja auch
nicht gerade behauptet. es wird Specklin abcr immerhin nicht zu
bestreiten sein, dass er diesen wichtigen Theil der Befestigung noch
besonders ausgestaltet hat.

Als Herzoghch Bayrischer Baumeister hatte Specklin dann noch
den Entwurf fur eine Feste im Chiemsee zu fertigen, in der der
Zollner zu Traunfels untergebracht werden sollte. Schadow nennt es
einen interessanten Entwurf, ohne zu bemerken, ob und wo er noch
vorhanden sei ; ausgefiihrt wurde er nicht.

Auch in Ulm kam Specklins Thatigkeit nicht iiber Rathschlage
hinaus, wie Generalmajor von Loffler in seiner „Geschichte der Festung
Ulm'* des Naheren dargethan hat. Hier fertigte Specklin indess ein
Modell seines Entwurfes an, das noch zu Anfang des 19. Jahrhunderts
im Zeughause zu Ulm vorhanden war, seitdem aber spurlos ver-
schwunden ist. Insbesondere verfasste Specklin ein Bedenken iiber
die \'erwahrung der Donauseite und das sogenannte steinerne Werk,
A'on all seinen Vorschliigen kam jedoch nichts zur Ausfilhrung, womit
die Nachricht, Specklin habe auch Ulm befestigt, ebenfalls in nichts
zerfiillt.

Der Entwurf, welchen Specklin fiir die Befestigung von Colmar
aufstellte, tnigt die Ueberschrift : Rathschlag vber die gebew Zu
Beuostigung Ein Loblicher Reichstatt Colmar, Gestellt durch Daniel
Speckle, der Statt Strassburg Bawmeyster. Im Jar also man zaltt 1579".
Ich gehe auf denselben etwas naher ein, weil er in sofern wichtig ist
als er zeigt, dass Specklin bereits im Jahre 1579 im Grossen und
Ganzen die Ansichten vertrat, die er spater in seiner ,,Architectura"
niederlegte, wenn er sich anscheinend auch noch nicht zu seiner
Normalfront durchgearbeitet hatte. Im Uebrigen zeigt sich SpeckHn
hier als Meister, d. h. in der Beschriinkung, denn er hebt in der
Vorrede hervor, dass in Allem, also auch im Bauen Mass gehalten
werden mtisste. Eine Festung konnte zu gross, aber auch zu klein
Averden. ^^^are sie zu klein, so konnte wenig Volk, Munition, Proviant
darin gehalten werden, auch sei sie bald ausgestorben, sodass sie der
Feind von alien Orten angreifen konnte, sei sie zu gross, so habe man
nicht die nothige Zahl Vertheidiger. Deshalb habe er bei seinem
Rathschlag alles reiflich erwogen und dabei in erster Linie alles was

V. Apell, Befestigung Strassburgs. 12



178 GESCHICHTE DER BEFESTIGUNG STRASSBURGS.

irgend moglich sei erhalten, urn die Stadt nicht unniitz hoch zu
beschweren; er habe nicht alk-in eine Grundvisirung gezeichnet,
sondern auch ein Holzmodell gefertigt, damit man deutlich sehen
konnte, was wegkiime, was dahin geordnet und gebaut wiirde. Dann
folgen Vorschlage fiir den Beginn des Baues und den Baubetrieb. Er
habe keine grossen Basteien anordnen wollen, damit grosse Unkosten
erspart wurden, trotzdem wiirde alles gewaltig bestrichen.

Specklin theilt seine Arbeit in zwolf Abschnitte ein : von den
Fundamenten — die Dicke, Hohe und Boschung der Mauern — die
Streichen (Flanken), ihre Lange, Weite und Hohe, auch wie weit eine
von der anderen entfernt sein soil — die Lange der vorderen Wand
(Face I und der Fliigel (Orillons), sammt den Kontraforti oder Speranen
( Strebepf eileiTi I — Lage der Kavaliere — von den verschiedenen
Brustwehren — von der Grabenbreite — vom Einfluss des Wassers
in die Werke, den Schwiilen iBatardeauxy und den Brunnen — wie
die Laufgraben (Rondengange; einzurichten sind — von den Thoren
und ihrer Anordnung — vom Baubetrieb — Art und Zahl des fiir ein
Bollwerk ungefahr benothigten Geschiitzes.

Indem Specklin die verschiedenen Arten der Fundamentirung
bespricht, wie sie zu seiner Zeit iiblich waren, gibt er im Allgemeinen
das, was in seiner „Architectura" enthalten ist. Er beschreibt vor
alien Dingen die fiir die Colmarer \'erhaltnisse wichtige Fundamentirung
im Wasser unter Anwendung eines Fangedammes und eines sehr
urspriinghchen Schopfwerkes. Den Mauern will Specklin ein Sechstel
Boschung geben dn der ,,Architectura" ein Ftinftel), er neigt das
Fundament nach hinten und verwirft die senkrechten Mauern. Dann
empfiehlt er seine Bekleidungsmauern mit iiberwolbten Strebepfeilern
ganz wie in der „Architectura", auch mit den Mauern in der abge-
rundeten ausseren Brustwehrboschung. Im Wasser will er Quader-
mauenverk verwenden. — Specklin zeigt an einem beliebigen Meleck
mit aus- und einspringenden Winkeln, wie die Flanken richtig zu
ordnen seien, indem sie zum Theil nach innen gezogen, zum Theil
aussen angesetzt werden. Die Bollwerke werden dabei zwar stumpf
und spitz, doch handle es sich hier nur um einfache Verbesserung
durch Anbringung der Flanken. Keine Wehre (Bollwerkj sollte iiber
600 Fuss von der andern entfernt liegen, aber manchmal Hesse sich
das nicht einhalten, dann sei aber zu nahe besser als zu weit. Es folgt
dann die Einrichtung der Flanken, die verschieden sein konnte. Als
beste beschreibt er diejenige des eben von ihm erbauten Bollwerks
Roseneck zu Strassburg, dessen Einzelheiten wir auf diese Weise
erfahren. Er gibt die Zeichnung einer Flanke mit ckei Scharten,
Pulverkammer, Wendeltreppe zum Wallgang des Bollwerks, mit



SPECKLIXS THATir.KKIT AL'SSERHAl.B STRASSRURGS. 179

Zugiing von der Flankc in das Trcppcnhuus und von diescm zu einer
in der Riickseite dcs Flugels gelegenen Ausfallpforte; zur Flanke
fiihrt eine gewolbte, fiir Reiter Ix'niilzhare Poterne. Specklin bespricht
dann die Breite der zuriickgezoiienen Flanke und ist fiir ein mittleres
Mass, da bei breiten Flanken der ,,Schlund" zu gross sei, sodass man
die Flanken leicht beschiessen konnte, \v;ihrend in engen Manken es
nicht moglich sei, grobes Gesehiitz aufzustellen. Von gewolbten Flanken,
Kasematten nach unserem heutigcn Sprachgebrauch, will Speeklin
nichts wissen, wobei zu bemerken ist, dass er aueh die oben offenen
Flanken Kasematten nennt. Die gewcilbten soil man seiner Ansicht
nach beseitigen, da sie nieht zu verantworten seien; sie sollen ganz
offen sein, damit der Ranch ungehindert abziehen kann. Von Kase-
matten als Unterkunftsraum tiir die Mannschat'ten, wie in der ,,Archi-
tectura" ist noch keine Rede, doch schljigt er vor, dass man zu diesem
Zwecke Schutzdilcher an der Riickwand der b"l;mke anbringen mcichte.
— Specklin fiihrt aus, wie witlnig es sei, die Lage der Flanke gegen
den Fliigel richtig festzustellen; je weiter die Flanke geoffnet sei,
desto irmger miisste der Fliigel werden, um die Flanke geniigend zu
decken. Die Riickenmauer des Flugels fiihrt er noch parallel zur
Kurtine, ist also noch nic-ht zu der 1)au\veise gelangt, die er in seiner
„Architectura" empfiehlt, wie er denn die Flanken auch noch nicht
senkrecht auf die Streichlinie Defensliniei stellt. Rcmerkenswerth ist
die Sicherung aller ausspringenden Mauerecken dureh Strebepfcilcr
in der Halbirimgslinie des W'inkels und die W-rbindung dieser Strebe-
pfeiler mit den benachbarten der anstossenden Linien. Fs war ihm
also nicht entgangen, dass die ausspringenden Fcken der Mauern eine
besondere Sicherung gegen den Frddruck der Wallsehiitlung bediirfen.
Die Facen der Bollwerke will Specklin mciglichst lang machen, um
Raum fiir die Geschiitze zu gewinnen, dadurch riicken die Flanken
auch niiher aneinander und werden gewaltiger, auch kostet das nicht
mehr, besonders bei Neubauten, denn was an dem ,,Gesicht" fder
Face) hinzukommt, geht an der Kurtine ab. Er ermittelt dann die
zweckmiissigste Liinge der Streichlinie zu 1160 F. (324,80 m), doch gilt
dies nur fiir Neubauten, bei alien miisse man sich nach den Umstrmden
richten. Basteien auf den Ecken sollen nicht zu spitz werden, aber
man solle Acht haben, dass vor den Facen kein unbestrichener Raum
entstande. Wiirde das Bollwerk zu spitz werden, dann konnte man
durch diinnere Miigel helfen ; wiirden IJollwerke an geraden Linien
zu flach, so solle man sie spitzer machen, wodurch Nebenflanken auf
der Kurtine entstanden. — \^^as Specklin beziiglich der Hohe der
Mauern, Walle oder Kaxaliere sagt, ist ohne System und lein will-
kiirlich gegriffen; die F\a\aliere sollen in odei" hinter den Bolhverken,

12*



180 GESCHICHTE DER BEFESTIGUNG STRASSBURGS.

neben denselben oder mitten auf der Kurtine liegen, es gibt also kein
Platz wo sie nicht liegen konnten — imd das mit Recht.

Steinbrustwehren haben nach Specklin den Nachtheil sehr theuer
zu sein und das Geschiitz an bestimmte Pliitze zu binden, da man die
Scharten nicht nach Belieben iindern kann, auch schaden sie durch die
Steinsplitter. Erempfiehlt deshalb Erdbrustwehren und bemerkt, dass die
A^on ihm angegebenen, vorn abgerundeten Mauern in den Brustwehren
in der Zitadelle von Antwerpen ausgefiihrt worden seien, dazwischen
sei die Erde mit Rasen aufgesetzt. Specklin lilsst sich das „nit Vbell
gefallen". Er empfiehlt ferner die freistehende mit Schiesslochern
versehene Mauer iiber der Eskarpe und erortert die Vortheile des
Laufs hinter dieser Mauer, ganz wie in der „ Architectural, dagegen
spricht er nichts von den Eskarpengallerien, die er in seinem Werke
in Vorschlag bringt. — In trockenen Graben will Specklin unter
Umstanden einen zweiten Graben vor der Eskarpe anlegen, damit die
Leiterersteigung erschwert w^erde, er will ferner die Sohle trockener
Graben 2 F. hoch mit groben Kieseln auffiillen und dann mit Geschiitz
hineinschiessen, sodass die Kiesel herumfUegen und Schaden thun.
Trockene Graben ermoglichen Ausfalle. Graben mit fliessendem
Wasser soUen mit Stauvorrichtungen versehen werden, sie sind aber
seiner Ansicht nach die wenigst gut en, da sie weder die Vortheile der
trockenen noch die der nassen Graben haben, weil man das Wasser
zum Abfliessen bringen kunnte. Drum soil man „blinde Graben",
d. h. Kiinetten darin anbringen. Die Graben mit Grundwasser sind
nach Specklin die besten.

Specklin zeigt an verschiedenen Beispielen, wie man die mit
Mauerwerk zu bekleidende Kontreskarpe fuhren miisse, damit der
Graben vollig bestrichen werden kann. Den gedeckten Weg, ohne
und mit kleinen einspringenden Waffenplatzen, versieht er mit einer
„Staffel" d. h. Schiitzenauftritt und mit Rampen in den Bruchen der
Feuerlinien (Cremailleren), die er von 100 zu 100 F. anordnet. Specklin
behandelt dann die Rasanz, die nicht bios glatt iiber das Glacis
streichen, sondern bohrend wirken soil, damit der Feind genothigt
wird, hohere Deckungen aufzuschiitten. Er will keine zu langen Glacis,
die von zu niedrigen Wallen herriihren, sondern lieber hohere Walle,
Alles muss in richtiges Verhaltniss gebracht werden. Man sieht, dass
Specklin das Wesen der Sache erfasst hatte. — Die Thore soUen stets
zwischen zwei Bollwerke zu liegen kommen, nimmermehr in ein
solches. Specklin legt sie neben die Bollwerke, weil sie da besser



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