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Ferdinand Apell.

Geschichte der Befestigung von Strassburg i.E. vom Wiederaufbau der Stadt nach der Völkerwanderung bis zum Jahre 1681 online

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gedeckt sind als in der Mitte der Kurtine, er kriimmt die Durchfahrt,
damit man nicht hindurch schiessen kann. Die Brucken sollen sich
gegen die Thore senken, damit diese moglichst niedrig zu liegen



SPECKLIXS THATIGKEIT AUSSERHALB STRASSBURGS. 181

kommen und durch Glacis und ausseren Grabenrand gedeckt werden;
vor den Thoren werden Fallbriicken (Zugbrticken) angeordnet. —
Beziiglich des Baubetriebes wiederholt Specklin das in der \'orrede
Gesagte, dann zahlt er die verschiedenen Geschiitzarten auf, ganz wie
in der „Architectura" und vertheilt dieselben auf Facen und Flanken.
Zur Zeit der Noth sollen diese Stucke nach Bedarf ,,ahvegen verruckt
vnd gestellt", auch die Walle mit Doppelhaken belegt werden, —
Was an Munition, Pulver, Kugeln, Blei, Salpeter, Schwefel u. s. w.
nothig sei, wurde ein Zeugmeister berechnen mussen, ebenso ein
verstandiger Baumeister, was an Steinen, Kalk u. s. w. gebraucht
wiirde. „Finis. Gott allein die Ehr 1579" schliesst Specklin.

Wie es scheint, ist der Entwurf Specklins, wenigstens theilweise,
zur Ausfuhi-ung gelangt, denn 1580 wurde mit dem Bau des Bollwerks
beim Karcher- (Kerker-i thor begonnen und mit der Verbesserung der
Werke bis 1648 fortgefahren. In Merians „Topographia Alsatiae",
sowie in „Hunkler, Geschichte der Stadt Colmar und der umliegenden
Gegend", Colmar 1838, ist eine vogelperspektivische Ansicht von
Colmar enthalten, ich bin aber nicht in derLage, zu beurtheilen, was
von den darin enthaltenen Festungswerken auf Specklin zuriickzufiihren
ist, weil Specklins Modell und Grundvisirung nicht mehr vorhanden
sind. Dass er den Bau selbst geleitet oder auch nur iiberwacht habe,
ist wenigstens bis jetzt nicht zu ermitteln gewesen.

Beziiglich der Thiitigkeit Specklins bei der Befestigung von
Ensisheim ist dem bereits Gesagten nicht viel hinzuzufiigen. Offenbar
war der dritte Entwurf Specklins, nach dem die Ausfuhrung bewirkt
wiu*de, der einfachste, denn Merians „Topographia Alsatiae" zeigt uns
eine einfache Mauerbefestigung mit Thiirmen, die von den Brust-
wehren, Bastionen u. s. w., von denen Merklen in seiner „Histoire de
la ville d'Ensisheim", Colmar 1840, redet, nichts sehen liisst. Um einen
Bau nach den besonderen Specklinschen Befestigungsmanieren handelte
es sich somit keinesfalls, was sich schon aus denvom Erzherzoge bereit-
gestellten Baugeldern und der Bauzeit entnehmen lasst. Erstere
bestanden aus 1000 Gld. der Einkiinfte der erzherzoglichen Domanen
sowie den Konfiskationsgeldern in den vorderosterreichischen Landen,
die Bauzeit erstreckte sich aber nur iiber die drei Jahre 1581, 1582
und 1583. Auch die eigenthche Bauleitung lag Specklin nicht ob.
Dass er im Laufe der Bauausfiihrung, insbesondere in Folge einge-
tretener Beschadigungen durch fortgesetzten Regen und ausgetretene
Gewasser, mehrfach zu Rathe gezogen wurde, haben wir bereits oben
gehort. Wie aus dem bei Merklen abgedruckten Erlass des Erzherzogs
hervorgeht, wird er auch im Anfang einige Zeit in Ensisheim gewesen
sein, um den Wallmeister Friessen und die Arbeiter anzustellen.



182 GESCHICHTE DER BEFESTIGUXG STRASSBLRGS.

Was Specklins Thiitigkeit in den anderen elsassischen Stadlen,
Burgen imd Schlossem : Benfeld, Schlettstadt, Hagenau, Dachstein,
Herrenstein, Hohbarr und Lichtenbcrg betrifft, so fehlen uns zur Zeit
dariiber noch niihere Xachrichten ; man wird aber die Hoffnung nicht
aufgeben diirfen, in dem einen oder anderen Archive gelegentlich noch
diese oder jene Nachricht aufzufinden, indessen kann doch schon jetzt
gesagt werden, dass es sich um Neubauten in SpeckUns Befestigungs-
manier nicht gehandelt haben kann, da die Plane dieser Orte ja bekannt
sind und nichts davon zeigen. Benfeld, dessen Befestigung in Merians
„Topographia Alsatiae" einen durchaus zeitgemassen Eindruck macht
— sie zeigt ein fast regelmassiges Bastioniirtrace — ist aber erst nach
Specklins Tode im Jahre 1593 umgebaut worden. Dagegen ist nach-
gewiesen, *» dass SpeckUn unter Anderem auch fiir Bruck an der Leitha
thatig war, da hier im achten Dezennium des 16. Jahrhimderts ,,ein
Thurm gepavet, so berathschlagt durch den Stadtbavmaister von
Strassburgkh".

Fiir die \>rbesserung bzw. den Xeubau der Befestigung von
Basel bearbeitete Specklin im Jahre 15S8 die bereits erwahnten vier
Entwiii-fe, welche sich noch im Staatsarchive daselbst befinden. Diese
Entwiirfe sind ganz besonders geeignet, sowohl Specklins Ansichten
uber Befestigiingskunst im Allgemeinen ins richtige Licht zu setzen,
als zu beweisen, welches Geschick er in der Uebersetzung derselben
ins Praktische, in der Anwendung auf den gegebenen Fall besass, sie
sind um so wichtiger als es uns aus der Strassburger Thatigkeit
Specklins gerade an einem derartigen Beweise mangelt. Wie vorgreifend
bemerkt werden soil, zeigen die vorhandenen Specklinschen Entwiirfe
fiir Strassburg ja manches Bemerkenswerthe, doch nichts was ims
Specklin als einen besonders hervoiTagenden Kriegsingenieur erscheinen
lassen konnte, sie erheben sich nicht iiber ein gewisses ■Mittelmass des
Konnens imd mussten deshalb Zweifel wachrufen, ob Specklin nicht
auch nach dieser Richtung iiberschiitzt worden sei. Hielt ich mir dann
vor Augen, dass er doch von seinen Zeitgenossen so hoch bewerthet
wurde, so konnte ich mich nicht des Gedankens erwehren, dass seine
Strassburger Entwurfe nicht unter dem freien Fluge seines Talentes,
sondern unter dem Drucke Avidriger Umstande entstanden seien, in
Gestalt personHcher Einflusse aus dem Schosse des Rathes. Melleicht
war ihm auch nicht darum zu thun, sich hier besonders anzustrengen,
da er doch bald einsehen musste, dass wohl unausgesetzt projektirt,
aber so gut als nichts gebaut wurde ; solch" eine Handlungsweise dtirfte
seinem Charakter wohl nicht ganz fern gelegen haben. Es kam mir



») Archiv, LXXXV, 241.



SPECKLIXS THATIGKEIT AUSSERHALB STRASSBURGS. 183

deshalb clarauf an, einen Entwurf Speeklins kennen zu lernen, bei
dessen Abfassung er, frei von alien beengenden Fesseln, seinem
Wissen und Konnen freien Lauf lassen konnte. Dies fiihrte mich nach
Basel, nachdem mir dureh Herrn Staatsarchivar Dr. R. Wackernagel
bereitwillig'st die Benutzung des Specklinschen Entwurfes zugesagt
worden war. In diesem Entwurfe oder vielmehr diesen Entwiirfen
steht Specklin unzweifelhaft auf der Hohe der Situation und liefert
den unumstosslichen Beweis, dass er Anderes zu leisten im Stande
war als wir aus seinen Strassburger Entwurf en entnehmen miissten.
Es ist nur „ein" Zweifel : hat er diese Baseler Entwiii-fe wii"klich selbst
gefertigt, ist er auch ihr geistiger Urheber, hat er sich dabei keiner
fremden Hiilfe bedient? Dieser Zweifel ist wohl berechtigt, angesichts
der wenig hervorragenden Strassburger Entwurfe, vor alien Dingen
aber vier Entwurfen gegeniiber, die Hans Schoch nach Speeklins Tode
im Jahre 1589 oder kurz vor demselben fiir Strassburg bearbeitete,
zum Wenigsten mit seinem Namen (Monogrammi unterzeichnet hat.
Diese, ganz im Geiste der Specklinschen Grundsiitze gefertigt, zeigen
in der Darstellungsweise eine ausserordentliche Aehnhchkeit mit dem
Baseler Hauptentwurfe und weichen andererseits so sehr von den
Strassburger Entwurfen Speeklins ab, dass man wohl auf den Gedanken
kommen konnte, Hans Schoch habe bei der Baseler Arbeit seine Hand
im Spiele gehabt. Tndess will es mir doch undenkbar erscheinen,
dass Specklin es habe wagen konnen, die Arbeit eines Anderen fur
die seine auszugeben, wie es mir ebenso unmoglich diinkt, dass er in
seiner „Architectura" die Ansichten Anderer hatte niederlegen und
offentlich als die seinen hiitte bezeichnen konnen. Man muss deshalb
bis auf Weiteres annehmen, dass Hans Schoch beim Baseler Entwurfe
vielleicht die Zeichenhiilfe geleistet hat, dass der Entwurf aber doch
Speeklins geistiges Eigenthum ist. Dass dann die Schochschen Ent-
wiirfe vom Jahre 1589 in Speeklins Befestigungsmanier hergestellt
worden sind, kann nicht weiter Wunder nehmen, da die „Architectura"
ja in diesem Jahre im Druck erschienen war, Specklin auch bereits
1588 den Baseler Entwurf unter Zugrundlegung seiner Normalfront
ausarbeitete.

Die Entwurfe fur die Befestigung Basels bestehen in vier wohl-
erhaltenen, auf Leinwand mit holzernen Randrollen aufgezogenen,
sehr schon gezeichneten Grundrissen von ungefahr gleichen ausseren
Abmessungen (1,25 zu 0,90 mi, wahrend der Massstab der Zeichnungen
selbst bei alien vieren der gleiche ist, und ferner aus einer „Architectur
vnndt Bauw Ordnung M^er die Stadt Basell", einen fast zwei Finger
dicken, innen etwas wurmstichigen Folioband in Leder, auf dessen
Rucken zu lesen ist: Daniel Specklin. Bauordnung iiber die Stadt



184 GESCHICHTE DER BEFESTIGUXG STRASSBURGS.

Basel. 1588. St. 1. N^' 30. Auf dem ersten Blatte befindet sich das in
Farben ausgefuhrte Baseler Wappen, wahrend auf dem Titelblatt dann
noch zu lesen ist: „Spt'cklein, der Stadt Strassburobestelten\'nndt Wt-
ordneten Bauwmeyster. Im Jahr 1. 5. 88 Zahlt". Das in zwei Theile
zerfallende Buch, das in Summa 88 Blatt enthalt, behandelt in dem
ersten, zehn Kapitel mit 39 Abbildungen umfassenden Theil Specklins
allgemeine Grundsatze tiber Befestigungskunst, ganz ahnlich wie das
Colmarer Baubuch und die „ Architectural, weshalb ich darauf nicht
weiter eingehe, im z\Yeiten Theil aber die vier grossen Grundrisse
kapitelweise. — ,,Inn der Ersten \^isierung vnndt bedenkhen wiirdt
gemeldet, wie solche Auffs schlechtest zu bauwen mag angegriffen
werden". Hier zeigt die Befestigung nur die einfachen Stadtmauern
und Thiirme, von denen die grosseren runden in ihrem Unterbau
bastionsformig ummauert werden. Dieser massive Unterbau, der etwa
ein Mertel bis ein Drittel der Turmhohe hat, ist oben gegen den
Thurm ansteigend abgedacht und hat lediglich den Zweck, den
unbestrichenen Raum vor der Rundung des Thurmes fortzuschaffen
sowie das Ansetzen des INIineurs zu erschweren. Hinter der Mauer
w^erden an geeigneten Stellen einzelne Kavaliere vorgesehen, welche
von der Mauer abgeriickt sind, also keine Verstiirkung derselben
beanspruchen. — ,,In der Zweyten" wird gezeigt „wie solche mit
Niidern bedeckten Streichen, Wahlen vnndt Caualieren, im Graben zu
ringgs vmb kahn fiii- genohmmen werden". Hier finden wir zunachst
einen durchlaufenden Wall mit Kavalieren, ebenfalls von der Stadt-
mauer abgeriickt, dann aber eine Bestreichung des Grabens aus ganz
niedrigen Streichwehren. Diese werden theils durch einen Umbau der
grosseren runden Thiirme oder richtiger durch einen Anbau an
dieselben gewonnen, theils von Grund aus neu hergestellt, wo es an
geeignet gelegenen Thiirmen fehlte. Erstere Bauten sind gew-isser-
massen Erweiterungen des bastionsartigen Unterbaues der runden
Thiirme im ersten Entwurf, indem dieser Unterbau auf den beiden
Flanken soweit herausgeriickt wird, dass jede Flanke eine Kasematte
fur zwei Geschiitze erhalt. Auf diese Weise sehen die Bauten wie
kleine Bastione aus, in denen ein runder Kavalier liegt. Die neu zu
erbauenden Streichwehren haben eine ganz ahnliche Form, nur dass
in ihnen der Thurm fehlt und das massive pyramidale Steindach des
Bauwerkes sich gegen die Stadtmauer lehnt, an der es mit seiner
Spitze nicht bis zu halber Hohe heraufreicht. — „Inn der drvtten
Visierung Aviirdt gehandelt, wie solche mit kleinen Pasteyen, Boll-
werken, Streichen vnndt Caualieren Auffs best erbatiwet werden,
davon auch ins \'eldt kahn gehandlet werden". Die in diesem Ent-
wurfe vorgesehenen kleinen Basteien oder Bollwerke gleichen, wie



SPECKLIXS THATIGKEIT AUSSERHALB STRASSBURGS. 185

ein Ei dem andern, der neuen Wehre vor dem Judenthore zu Strassburg,
indess werden doch zu Basel aus denselben ganze Bastionsfronten
zusammengestellt, die schon die normale Lange einer Specklinschen
Front haben und nur deshalb so unverhaltnissmassig lang aussehen,
well bei den kleinen Bollwerken die Kurtinen den grossten Theil der
Fronten ausmachen. \'on dem \\'alle dieser Bollwerke kann also
„ins Veldt gehandlet id. h. geschossem werden". Der Kurtinenwall
steht hinter der zu erhaltenden Stadtmauer frei und ist mit den Boll-
werken durch innere Flanken verbunden, die eine senkrechte Stellung
zur Defenslinie haben. Hinter den Bollwerken, zum Theil auf, zum
Theil hinter den Kurtinen, liegen Kavaliere. Wir finden hier also
gewissermassen eine Uebergangsform zu Specklins Normalfront. —
,,Inn der viertten vndt Letsten Msierung vnndt Bedencken wiirdt
Angezeigt, wie ermeldte Stadt konne Zum mechtigsten, mit gewaltigen
Bollwerckhen, Wahlen, Caualieren vndt Streichen zu Wasser, zu Landt
erbauwet werden darA'ber der Erste they(l) genugsamen Bericht gibt".
Dieser vierte Entwurf ist der Glanzpunkt des Ganzen, indem er einen
Neubau der gesammten Baseler Befestigung auf beiden Rheinufern
nach Specklins bekannter Befestigungsweise darstellt, stellenweise aber
auch in einen tenailhrten Grundriss mit zuruckgezogenen niederen und
hohen Flanken iibergeht; er ist deshalb der Glanzpunkt des Ganzen,
well er uns hier Specklin als Meister in der Anwendung seiner
Befestigungsweise zeigt. A\'enn Specklin an die Ausfuhrung dieses
vierten Entwurf es selbst nicht glaubte, da dieser bei der Ausdehnung
der Stadt betrachthche Summen verschlingen musste, so hatte er sich
nicht getauscht — es war ja eine Unmciglichkeit, dass eine einzelne
Stadt dam.als eine solche Riesensumme aufbringen konnte. ^^'ar das
auch vorauszusehen, so durfen wir uns doch dariiber freuen, dass
Specklin gleichwohl diesen Entsvurf aufstellte, da er uns die Anwendung
der Specklinschen Befestigungsweise auf ein bestimmtes Objekt zeigt
— wenn auch nur auf dem Papier — gleichzeitig aber auch den
wunschenswerthen Aufschluss tiber Specklins Leistungsfahigkeit
liefert.

In wie weit nun der eine oder andere Entwurf Specklins der
Ausfuhrung des alsbald begonnenen Umbaues der Baseler Befestigung
zu Grunde gelegt worden ist, weiss ich nicht anzugeben, indess steht
soviel fest, dass die Abbildung der Befestigung in Merians „Topo-
graphia Helvetiae'' keinem der vSpecklinschen Entwurfe sonderlich
gleicht. Schadow A'ermuthet, dass Specklin noch mehr Zeichnungen
fiir den Bau gehefert habe, indess liisst sich auch hieruber nichts
Bestimmtes angeben, da erst eingehende Studien im Baseler Archive
nothwendig sein wtirden, die doch mehr oder weniger ausserhalb des



186 GESCHICHTE DER BEFESTIGUNG STRASSBURGS.

Rahmens dieser Arbeit liegen wiirden. ^^'cnn Schadow ' i aus eincm
Briefe Specklins an Wolfgang Sadtler, Burger und Rath zu Basel, vom
13. Marz 1589 folgern will, dass Specklin bei Wiederherstellung eines
zu Anfang 1589 eingestiirzten Werkes selbst geholfen habe, so kann
ich das aus dem erwahnten Briefe nicht herauslesen, denn Specklins
Aeusserung ,,Jedoch khann ihme noch geholfen werden" soil offenbar
nur besagen, dass dem Schaden noch abzuhelfen sei, nicht aber, dass
Specklin dies selbst thun woUte. Indess mag es dahin gestellt bleiben,
ob Specklin nicht thatsachlich noch einmal in Basel anwesend war,
wahrscheinlich ist es bei seinen ungiinstigen Gesundheitsverhaltnissen
gerade nicht.

Ueber den letzten Bau Specklins ausserhalb Strassburgs, oder
richtiger das hieruber abgegebene Gutachten wissen wir nichts weiter
als dass es sich um einen Thorbau und eine Miihlenanlage zu Heil-
bronn handelte und zwar am ,,Kugelner Thor", dessen Lage nach
Schadow, 31, dem heutigen Geschlechte nicht einmal mehr bekannt
sein soil.

"VVir kommen nun zu Specklins Thiitigkeit in Strassburg, die
bekanntlich bereits vor seiner Anstellung als Stadtbaumeister begonnen
hat. Seine erste Arbeit war jene Zeichnung von 1564, deren Vollendung
und Veroffenthchung der Rath untersagte und die Specklin gegen eine
angemessene Entschiidigung in die Kanzlei liefern musste. ^) Es ist
keine „Grundvisierung'* d. h. Plan oder Grundriss, sondern eine Ansicht
aus der sogenannten Vogelperspektive und zeigt die Befestigung von
Siidosten aus gesehen, wie die verschiedenen von mir gegebenen
stiickweisen Abbildungen erkennen lassen, welche mit der Urzeichnung
bis auf die kleinsten Kleinigkeiten iibereinstimmen. Wenngleich die
Zeichnung keine Jahreszahl tragt, so kann doch kein Zweifel dartiber
obwalten, dass wir es thatsachlich mit der Zeichnung des Jahres 1564
zu thun haben, Nicht nur die ilusseren Merkmale, vor alien Dingen
der unfertige Zustand der Zeichnung, sprechen dafiir, auch der Stand
der Befestigung, wie er dargestellt ist, deckt sich genau mit dem von



1) Schadow, 30.

2j Diese Zeichnung ist lieute leider verschwunden uiul wo sie hingekommen ist, nicht
mehr nachzuweisen. Ich selbst habe sie iin Jahre 1879 kopirt und befand sie sich damals im
Strassburger Stadtbauamte. Dann ist sie weiter verborgt und z. B. zur Herstellung der
Zeichnungen in Seybots „alteni Strassburg", sowie in dem VVerk ,, Strassburg und seine Bauten"
benutzt worden. Die letzten Spuren fiihren nach einer Mittheilung des Stadtarchivs auf einen
verstorbenen Zeichner Namens Lessing. Ich habe es leider versaumt, darauf zu achten, ob
die Urzeichnung aus zwolf Blattern zusammengesetzt war, wie, wenn ich nicht irre, in den
Elsassischen Neujahrsblattern von 1847 behauptet worden ist, doch ist dies bei der Grosse
der Zeichnung immerhin moglich, da man zu Specklins Zeiten, wie seine iibrigen Zeichnungen
beweisen, ziemlich kleine Papierbogen verwandte, die dann zusammengeklebt wurden. Meine
Kopie ist 1,50 m lang und 0,90 m hoch und habe ich dieselbe dem Stadtarchive iiberwiesen.



SPECKLIXS THATIGKEIT ZU STRASSBURG. 187

1564, was man in den Einzelheiten nachweisen kann. So ist denn
diese Zeichnung ein sehr werthvolles Hiilfsmittel geworden, uns auch
iiber die Beschaffenheit der Befestigung in denjenigen Theilen zu unter-
richten, uber die uns schriftliche Nachrichten fehlen, denn sie ist die
illteste Zeichnung, welche wir von der Befestigung Strassburgs besitzen
und wird iiberhaupt wohl die iilteste gewesen sein, da sie auf den
Wunscli von SpeckUns Mitbiirgern hergestellt wurde, die wolil den
Mangel einer solchen empfunden haben mochten.

Der im Jahre 1567 mit dem wohlgeborenen Herrn v. Solis berath-
schlagte Entwurf fiir eine Neubefestigung Strassburgs') zeigt uns
Specklins Ansichten noch in der Entwickelung begriffen, wenn der
Herr v. Solis nicht etwa der ausschlaggebende Theil bei diesem Ent-
wurfe gewesen ist. Mit Ausnalime der Stellen, wo die Gestaltung der
alten Befestigung, deren Umzug Specklin einfach folgt, von selbst
ziemlich rechtwinklige Bolhverke ergibt, bringt er sehr stumpfwinklige
an, denen er noch verhaltnissmassig geringfiigige Ausmessungen gibt
und die er ohne zwingenden Grund sehr verschieden gross macht.
Die Facenlilnge der Bolhverke schwankt zwischen knapp 200 - = 56 m
und 400- = 112 m, die Lilnge der Flanken betnigt etwa 60 bis 70- =
rund 17 bis 20 m, soweit sich dies bei dem kleinen Massstabe der
Zeichnung mit dem Zirkel abgreifen lasst. Etwa ein Drittel bis die
Hiilfte der Flanken ist zuriickgezogen, die Kontreskarpe noch ziemlich
mangelhaft, der gedeckte Weg nicht sagefiirmig gefiihrt und ohne
Waffenpliltze. Da SpeckHn seine l^ollwerke einfach an die vorhandene
Stadtmauer ansetzt und deren Umzug folgt, so ergeben sich sehr ver-
schieden lange Fronten, von 700- = 196 m (quer iiber den Johannis-
giesseni bis 2000- =560 m (Johannisgiessen — Gelbes Eck), ja bei einem
durch Klappe dargestellten Nebenentwurf am Spitalthor) gar von iiber
2000 -, wo dann aber eine Nebenflanke in der Kurtine eingeschoben
wird. Als normale Liinge der Front scheint Specklin das Mass
1100—1200- =300— 336' m anzusehen, wie sich aus denjenigen Fronten
ergibt, bei denen er in Folge der Gestaltung des Umzuges einen
gewissen Spielraum hatte. Bemerkenswerth ist, dass er das Bollwerk
Roseneck schon genau so entwarf wie im Jahre 1577 und ebenso die
Beseitigung der Graben zwischen der neuen Befestigung vor dem
Judenthor und dc-m Bollwerk St. Clara bzw. dem Dreizehnerwall, so-
wie am Katharinenthor, was wohl darauf hindeuten konnte, dass der
Entwurf doch aus dem Jahre 1576 stammt und nicht 9 Jahre alter ist.
Im Ganzen ordnet Specklin 19 BoUwerke an, von denen das vor dem
Judenthor bereits vorhanden ist, dasjenige von St. Clara umgestaltet



1) Strss. Stdt. Arch. PI. 511 (I, Ij; alte Bezeiclinung Xr. 24.



188 GESCHICHTE DER BEFESTIGUNG STRASSBURGS.

werden soil. Kavaliere hat er nur auf der Westfront und auf der
Front Fischerthor— Gelbes Eck, die er wohl fiir am meisten gefahrdet
hielt. Durch vier Klappen sind Nebenentwiirfe dargestellt, von denen
jedoch zwei — Lug-ins-Land — St. Johann und Fischerthor— Johannis-
giessen — abgerissen und verloren sind. \'on den beiden noch vor-
handenen betrifft der eine die Front Roseneck — Rausch, wo bei der
Streichwehr ,,im Schaf stall" eine Flanke nach aussen angesetzt und
der eingehende Winkel beim Rausch durch eine lange Linie izur
neuen Flanke gehorige Face) abgestumpft wird, der andere die Gegend
am Aletzgerthor, wo statt des A'orgesehenen geraumigen Bollwerks
mit Flankirung nach beiden Seiten ein kleines halbes Bollwerk dicht
rechts neben dem ^letzgerthore angelegt werden soil, was wohl eine
Vereinfachung aber keine Yerbesserung bedeutet. Im Grossen und
Ganzen macht der Entwurf keinen sonderlichen Eindruck, indess darf
man nicht ausser Acht lassen, dass im Jahre 1567 die italienische Be-
festignngsweise noch die herrschende war, sodass der Entwurf gegen
die Bauausfiihi-ungen dieser Zeit, wegen der geraumigeren Bollwerke
immerhin einen gewissen Fortschritt bezeichnet.

Wie wir oben horten, war Specklin im Februar 1577 an einer
Berathtmg beziiglich Sperrung des lUeinflusses mittels einzurimimender
Pfahle betheiligt', in deren Folge er einen Entwurf ausarbeitete, der
sich noch im Stadtar chive befindet. ' ) Er ist in Form einer mit Be-
merkungen versehenen Zeichnung abgefasst und bringt zwei im Prinzip
verschiedene Sperren zur Darstellung. Die eine besteht darin, dass
viereckige Pfahle in grosseren Abstanden eingerammt werden, gegen
welche sich schwimmende Bohlen anlehnen, auf denen ein eisernes
Gitter angeschraubt ist, das als oberen Abschluss eine Kette tragt.
Die andere Art der Sperre wird durch niiher an einander gestellte,
etwa 8- von einander entfernt eingerammte Pfahle gebildet, die oben
durchlaufend iiberholmt sind und durch welche, mitten zwischen
Wasser und Holm, eine Kette durchgezogen ist. An den Holm
angelehnt sind eisbrecherartig gestellte Pfahle , deren \^erbindung
mit dem Holm durch eiserne Bander bewirkt ist. Durch diese schragen
Streben, welche auf die Mitte zwischen die senkrechten Pfahle geordnet
sind, kann eine zweite Kette gezogen werden oder dieselbe wird eben-
falls durch die senkrechten Pfahle, dicht iiber dem Wasser gefiihrt,
womit Specklin ein Durchkommen auch bei niedrigem Wasser zu ver-
hindern hofft. Pfahle und Streben konnen stromaufwarts kantig zu-
geschnitten werden. vSpecklin hebt hervor, dass die erste Art der



1) Strss. Stdt. Arcli. PI. 565 dl", 2); alte Bezeichmmg: Visieiung eines Rechens beim
einfluss dess wassers Nr. 289.



EXTWURFE FUR DIE SPERRUXG DES ILLEINFLUSSES. 189

Sperre in gewohnlichen Zeiten an einem trockenen Ort aufbewahrt
werden konnte und erst im Falle der Noth an Ort und Stelle gebracht
zu werden brauchte. In der That stellt dies einen grossen Vorzug vor
dem zweiten Entwurfe dar, ein Vorzug, der noch durch die weitlaufigere
Stellung der eingerammten Pfahle, sowie durch die Wirksamkeit bei
jedem Wasserstande vergrossert wurde. Der zweite Entwurf beschrankte
entschieden die Schifffahrt, sicherte doch nur bei gewissen Wasser-
standen, war dem Verderben mehr ausgesetzt, hatte aber vor dem
ersten den Vorzug voraus, dass er vom Feinde nicht so leicht beseitigt
werden konnte wie dieser. Bei dieser Zeichnung treffen wii" zum ersten
Mai auf Specklins Gebrauch, die nothigen Erlauterungen unmittelbar
auf dem Entwtirfe zu geben, und er hat denn auch zweifellos seine
„Bedenken'' zumeist in dieser Weise niedergelegt. Indess kommen
dieselben auch als besondere Schriftstucke vor, offenbar aber nur
dann, wenn es aus itusseren Griinden unthunlich schien, sie auf dem
Entwurfe selbst anzubringen.

BeziigHch SpeckHns Thatigkeit fur den Rath der Stadt im Jahre
1577 bis zu seiner Anstellung am o. Oktober dieses Jahres Hefert uns
seine im Stadtarchiv Vi aufbewahrte diesbeziigHche Rechnung einen
ziemHch genauen Aufschhiss. Danach war er zuerst mit Anfertigung
„der grossen Msierung" beschiiftigt, fur die ihm der Rath bei Ein-
reichung der Rechnung noch 25 Pfd. Pf. schuldete. Es ist diese Visierung
keine Zeichnung gewesen, sondern mit dem grossen Holzmodell iden-
tisch, das 1870 mit der Stadtbibliothek zu Grunde ging. Daruber kann
angesichts des Protokolls der Sitzung, in der tiber Specklins Anstellung
entschieden wurde, gar kein Zweifel sein, denn sie wird dort ,,die grosse



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