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Ferdinand Apell.

Geschichte der Befestigung von Strassburg i.E. vom Wiederaufbau der Stadt nach der Völkerwanderung bis zum Jahre 1681 online

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visirung so er im holtzwerk vber die gantze Zarg dieser Stadt gemacht"
genannt, auch fiihrt vSpecklin neben derselben das Holzmodell nicht
auf, das er doch wiihrend des Zeitraumes, den die Rechnung umfasst,
anfertigte oder doch wenigstens vollendete. Des Ferneren hatte eine
Visierung, wenn auch noch so gross, nicht die Restsumme von 25 Pfd. Pf.
kosten konnen, wo Specklin auf die ganze Rechnung, d. h. die Arbeit \'on
etwa dreiviertel Jahren in Summa nur 50 Pfd. Pf. gezahlt wurden. Diese
grosse Visierung oder dies Holzmodell ist also auch nicht mit der
Visierung zu verwechseln, welche Specklin ,,auffs herrn von Schwendi
schreyben, vnd meiner herrn befelchs" anfertigte, die den damaligen
Zustand der Werke darstellte, noch ebensowenig mit der anderen
Visierung „vber Den ganzen Zarg wie sey sol verbessertt werden auff
ein newen model", denn diese beiden Zeichnungen fiihrt er nach Er-



'j Strss. Stdt. Arch. IV, 122. Siehe Nr. 4 der Anlagen. Diese Rechnung ist bei
R. Reuss, Analecta, 206, Anmerkg. 2 auszugsweise abgedruckt.



190 GESCHICHTE DER BEFESTIGUXG STRASSBUROS.

wahniin.ii' der grossen Msierung' besonders auf. \^on diesen beiden \^isie-
rungen ist die zuerst erwahntenochvorhanden. ^) Sic stellt die Bef estigung
Strassburgs aus der\\)gelperspc'ktive dar iind zwar von der ^funsterplatt-
form aus gesehen, sodass man die Zeiehnung fortgesetzt drehen muss,
wenn die Gegenstande nieht auf dem Kopfe stehen sollen. Sie ist auf Lein-
wand aufgezogen und in der INlitte durchgerissen. DerMassstab ist etwa
1 : 3000, die ganze Zeiehnung 70 em lang und 50 em breit. Vor diesen
beiden letztgenannten Msierungen, die Specklin vom 10. Juni datirt
und an denen er, sammt Bedenken, dreizehn Tage gearbeitet haben
will, gibt er an, dem Rathe seehsundvierzig Tage gedient und sieben
Msierungen und zwei Bedenken gefertigt zu haben, iiber deren Gegen-
stand er sieh jedoch nieht weiter ausliisst. Demniiehst stellt er zum
22. Juli zwei Grundvisierungen, zwei perspektivische Aufziige und
ein Bedenken, sammtlieh das Roseneck behandelnd, in Reehnung, die
ihn fiinf Tage besehaftigten. Von diesen Arbeiten iiber das Roseneck
sind nur die beiden Grundvisierungen noeh vorhanden. ^) Nachdem
Speeklin dann am 6. August mit den Herrn Riithen in Dorlossheim
(Dorlisheim) gewesen und an der Visierung iiber den Augenschein
zwei Tage gearbeitet hat, ist er wegen des Wasserfanges am 8. August
wiederum am Einfluss der 111, wo er vorher schon zwei Mai gewesen
war. Den halben Vormittag und den Nachmittag des 9. war er auf
der Pfalz anwesend, bis man iiber diese Angelegenheit Beschluss
gefasst hatte. Offenbar hat Specklin iiber diesen Wasserfang ebenfalls
eine Visierung gestellt, obgleich er es nieht ausdrticklich sagt, man
muss es aber annehmen, da sonst die von ihm gezogene Schluss-
summe von neun Visierungen nieht herauskommt. Wollte man die
beiden perspektivischen Aufziige unter diese Visierungen rechnen, so
wilrde wieder ein vStiick zu viel sein. Ich glaube annehmen zu sollen,
dass Specklin die Ansichten als zugehorige Theile der Visierungen
betrachtete und scheint es mir um so wahrscheinlicher, als sieh im
Stadtarchiv thatsachlich eine Zeiehnung befindet, die einen solchen
Wasserfang am Einfluss der 111 darstellt und auch von Specklin her-



1) Strss.Stdt.Arcli.pl. 572(1,2); alte Bezeichnung: Nr. 23, neuere: Plan de Strasbourg
enceinte et eaux.

^) Strss. Stdt. Arch. PI. 474 (lid 4). in einem mir von der Stadtbibliothek zu Strassburg
in dankenswerthester Weise zur Verfiigung gestellten ,,Auszug aus Schneegans und Reuss,
Analecta Speckliniana" wird die im Stadtarchiv, Plansammlung Nr. 310 (VI, 2) enthaltene Bleistift-
zeichnung folgendermassen angefuhrt: ,,Une feuille sans marque ni ecriture: Perspectivische
Verzaichnus Zweier bollwerck Nr. 268 (Esquisse au crayon. Me parait etre de Sp.)." Ich
fiihre dies hier an, da es sieh nieht um die beiden perspektivischen Aufziige des Rosenecks
handeln kann. Abgesehen davon, dass Specklin dem Rathe wohl keine unfertige Bleistift-
skizzen vorgelegt haben wiirde, handelt es sieh hier unter keinen Umstanden um das Roseneck,
iiberhaupt nieht um irgend einen Theil der Befestigung Strassburgs.



SPECKLIXS THATIGKEIT IM JAHRE 157/. 191

riihrt.'i Am 15. August Vor- und Nachmittags war Specklin mit den
Herrn Rathen auf dem Armbrustrain und am Rausch und stellte auch
hier eine Visierung, dann fand am 16. eine weitere Besprechung bei
den Dreizehnern statt, wobei Specklin wiederum eine Msierung stellte,
deren Gegenstand er z%Yar nicht naher bezeichnet, die aber jedenfalls
auch den beabsichtigten Bau beim Armbrustrain (St. Clara im Worth)
und am Rausch betroffen haben wird. Am 19. und 20. war Specklin
dann wieder mit den Herrn Rathen in Dorlisheim, fertigte eine
Msierung und stellte dafiir vier Tage in Rechnung. Von diesen
Dorlisheimer Visierungen scheint keine mehr vorhanden zu sein,
wenigstens ist mir keine vor Augen gekommen und jedenfalls nicht
in der Plansammlung des Stadtarchivs vorhanden. Alles in Allem
berechnet Specklin, dass er der Stadt 76 Tage gedient, 16 \''isierungen
gestellt und 4 Bedenken gefertigt habe. Dazu kommt dann das Modell.

Wir wollen nun sehen, was an Entwtlrfen thatsachlich im Archive
vorhanden ist und dabei auch Specklins Bauausfiihrungen betrachten,
auf die sich diese Entwiirfe, wie gleich gesagt werden muss, aber nur
vereinzelt beziehen.

Betrachten wir zunachst die oben erwahnte Visierung iiber den
Wasserfang am Einfluss der 111. Wie aus den Bemerkungen auf der
Zeichnung hervorgeht, erhielten die heutigen Diinz- und Spitzmiihlen
zu wenig Wasser, wiihrend die Zornmuhle selbst bei niedrigem Wasser-
stande mahlen konnte. Es kam also darauf an, Vorkehrungen zu
treffen, das Wasser auf die beiden mittleren Illarme zwischen den
drei Inseln zu leiten und durch die Zollgraben und den heutigen Schiff-
fahrtskanal nur so viel Wasser ablaufen zu lassen als durchaus nothig
war. Specklin schlug zu dem Zwecke zwei Anlagen vor : die eine, um
das Wasser zu stauen — zu fangen — und in die genannten Illarme
zu leiten, die andere, um zu verhindern, dass das Wasser sich nicht
etwa dem Zornmiihlarm zuwenden mochte, der ja schon genug hatte.
Die Stau\'orrichtung stellt Specklin durch einen Damm, ^^>hr oder
dergl. her — anscheinend aus Holz — , der sich von der Spitze der
neuen Inselwehre nach der Mauer bei St. Johann zieht, aber eine fiir
die Schifffahrt geniigend breite Oeffnung lasst, die Anlage zur Ab-
leitung des Wassers von dem Zornmiihlarm bestand in einem langen
Sporn vor dem Worthel, der wohl aus zwei Bohlenwanden mit
Zwischenfullung bestehen sollte und bis in die Hohe des Scharfenecks
reichte, sodass das durch den erstgenannten Damm aufgestaute Wasser
zwischen den beiden Inselwehren unter der mittleren gedeckten Briicke



1) Strss. Stdt. Arch. PI. 528 (11* 3). Alte Bezeichnung: „Hr. Daniel Speckhlins be-
deiickhen vber den einfluss vnd Ausfluss des wassers. Nr. 49."



192 GESCHICHTE DER BEFESTIGUNG STRASSBURGS.

weg auf die Dtinz- iind die Spitzmiihlen laufen musste. Ob der
Entwurf ausgefiihrt worden ist, steht dahin, indess scheint es nicht
so. Naeh Specklins Angabe in seiner Rechnung wurde iiber die An-
gelegenheit beschlossen, aber dieser Beschluss muss wohl negativ
ausgefallen sein, denn man findet auf keiner der spateren Zeichnungen
die in \'orschlag gebrachten Bauwerke angegeben. Es gibt nicht viele
Dinge, die schwieriger zu entscheiden sind als derartige Wasser-
angelegenheiten, weil dabei gar so viele sich widerstreitende Interessen
beriihrt werden; es kann deshalb auch nicht Wunder nehmen, wenn
die Sache vielleicht in der Schwebe blieb. Ja, man darf letzteres als
ziemlich sicher annehmen, da Specklin unter dem 30. September 1581
nochmals einen Bericht an die Oberbauherrn einreichte, in dem er zu
Eingang die Gewasser bei Strassburg, dann die Verhaltnisse der ^luhlen
am Ein- und Ausfluss der 111 erortert und nochmals Verbesserungs-
vorschlage macht. ^j

Specklins Bauthatigkeit zu Strassburg begann ini Jahre 1578 damit,
dass er die neue Befestigung vor dem Judenthore einerseits mit dem
Bolhverk St. Clara im Worth, andererseits mit dem Dreizehnerwall in
Verbindung brachte. Wir wissen aus Specklins Rechnung, dass hier-
iiber bereits am 15. und 16. August 1577 an Ort und Stelle berathen
worden war und dass Specklin zwei Visierungen daruber gefertigt
hatte. Aller Wahrscheinlichkeit nach sind dies die im Archiv noch
vorhandenen Entwiirfe fur die Verbesserung der Streichen am Rausch.-)
Der eine dieser Entwiirfe, Nr. 519, zeigt die sogenannten Mordgruben
im Dreizehnerwall, die erhalten bleiben sollen, und sieht die Beseitigung
der Streichwehr „im Schaf stall" vor. Statt ihrer soil, etwas naher
nach dem Roseneck hin, eine Streiche (Flanke; im Dreizehnerwall
angebracht werden, die also den theilweisen Umbau des Dreizehner-
walles durch Zuruckverlegung der Mauer bis zum Roseneck hin zur
Folge hat, dann aber wird die Verfullung des Grabens zwischen der
neuen Befestigung und dem Dreizehnerwall in V^orschlag gebracht
und auch hier eine Streiche angeordnet. Dieselbe soil ebenso wie die
ersterwahnte zum Theil zuriickgezogen und mit einer gewolbten Aus-
fallpforte nach dem Graben versehen werden. Der Graben nach dem
Roseneck erhalt also eine doppelte Bestreichung. Was den andern
Entwurf, Nr. 530, anlangt, so beabsichtigt SpeckHn, die Streichwehr
„im Schafstall", von der er iiberhaupt nichts wissen will, ebenfalls

>) Strss. Stdt. Arch. IV, 137. Es ist auffiillig, dass der bei Silbermann abgedruckte,
im Stadtarchiv befindliche Bericht Joh. E. Meyers iiber die Gewasser bei Strassburg (Wenckers
Sammelbande I, 83) fast wortlich mit diesem Bericht Specklins iibereinstimmt.

-) Strss. Stdt. Arch. PI. 519 (lid i) und 530 (II^ 2). Alte Bezeichnung: Grundriss des
flUgels am Rausch. D. Specklins Xr. 253 bezw. Verbesserung der Statt alhie beym Rausch
Nr. 46.



BAUTEN BEI ST. CLARA IM WORTH UXD AM DREIZEHXERWALL. 193

abzubrechen, sieht aber von der Anlage von Streichen daselbst ab
und begniigt sich mit solchen unten beim Rausch. Hierfur fertigt er
drei durch Klappen dargestellte Entwiirfe. Der einfachste derselben
besteht in einer „Mordgrube", ganz ahnlich der nebenan gelegenen
im Dreizehnerwall, und zwar mit vier Scliiesslochern in der in Ver-
langening der neuen Befestigung vor dem Judenthor gelegenen frei-
stehenden Mauer lein Zugang wird nicht angedeutet, der zweite
Entwurf sieht eine niedere, durch einen Fliigel gedeckte, jedenfalls
kasemattirte, und eine daruber gelegene offene Streiche vor. Die
untere Streiche muss wohl kasemattirt gedacht sein, weil sonst der
niedrige Fliigel keinen Zweck haben wurde. Der dritte Entwurf
endlich beseitigt die Mordgruben im Dreizehnerwall, verfiillt den
Graben zwischen beiden Walllinien und ordnet in ihrem Zusammen-
stoss offene niedere Kreuzstreichen an, die zuriickgezogen sind und
durch Fliigel gedeckt werdcn. W'eder der eine noch der andere Ent-
wurf kam zur Ausfiihrung. Ueber den Anschluss der Befestigung an
das Bollwerk St. Clara wird ein Entwurf iiberhaupt wohl nicht auf-
gestellt Avorden sein, da es sich hier nur um die einfache Verlangerung
des Walles der neuen Befestigung handeln konnte. Dies lasst mich
eben darauf schliessen, dass die beiden Entwiirfe tiber die Verbesserung
der Befestigung am Rausch diejenigen der Bcrathungen vom 15. und
16. August 1577 sind.

Der Anschluss der neuen Befestigung vor dem Judenthor an das
Bollwerk St. Clara Avurde auf Lichtmess 1578 begonnen und in der
Weise bewirkt, dass die linke Face des Bollwerks, soweit sie hinter
der neuen Befestigung lag, abgetragen und damit der Graben zwischen
beiden Befestigungen verfiillt wurde. Dann verlangerte man die Es-
karpenmauer der neuen Befestigung bis zum Bollwerk St. Clara und
brachte die Walle beider Befestigungen in unmittelbaren Zusammen-
hang. Nach J. J. Meyer ') soil die Arbeit bereits im April 1578 voll-
endet worden sein, wiis immerhin recht schnell gegangen ware. -j
Nicht so beeilte man sich am entgegengesetzten Ende der neuen Be-
festigung, wo man erst im Marz des Jahres 1580 begann, den Graben
zwischen der neuen Befestigung und dem Dreizehnerwall zuzuschiitten,
die dortige Briicke abzubrechen und eine Streichwehr anzulegen, die
im Herbst desselben Jahres vollendet wurde. Sie bestand in einer
einfachen mit Schiesslochern versehenen Mauer, die hinter der \'er-
liingerung der Eskarpe der neuen Befestigung lag, sodass sie eine
zuriickgezogene Flanke darstellte. Die Geschiitze standen in Hohe



ij J. J. Meyer, 14.

^) Xach Mone, Quellen III, 73 wurde das Bollwerk St. Clara im Worth im Jahre 1578
geschleift, was nach Obigem lediglich ein Missverstandniss ist.

V. Apell, Befestigung Strassburgs. 13



194 GESCHICHTE DER BEFESTIGUNG STRASSBURGS.

der Wallstrasse und eine hohe Wallflanke hinter denselben war nicht
vorhanden ; man hatte sich also in einf achster Weise beholfen und aus
air den schonen Entwiirfen Specklins war nichts geworden. Urtheilt
man unbefangen, so war dies die richtige Losung : der erstrebte Zweck
wiirde mit dem geiingsten Kostenaiifwande erreicht. Im Uebrigen
wurden die drei Mordgruben im Dreizehnerwall und die Streichwehr
„im Schaf stair' beibehalten, was auch nur zu billigen ist.

In ganz ahnlicher Weise verfuhr man am Katharinenthor, wo im
August des Jahres 1580 der Graben zwischen dem Zwinger vor dem
Metzgerthor zugeschiittet und eine Streichwehr in der Richtung gegen
das BUndeneck angelegt wurde. Man fiihrte hier aber die Mauer nicht
in gerader Linie iiber den Graben, sondern in zwei Absiitzen, sodass die
Zwingermauer den Fliigel fiir den zweiten Absatz bildete, eine An-
ordnung, die bei dem ziemlich breiten Graben jedenfalls der Absicht
entsprang, die Flankengeschiitze nach Moglichkeit zu sichern. Diese
Streichwehr war auch in sofeni doppelt, als sie unten aus einer frei-
stehenden Mauer mit Schiesslochern, dahinter aus einem Wall bestand,
von dem aus, iiber die Streichenmauer hinweg, ebenfalls der Graben
bestrichen werden konnte. Unbegreiflich ist es, dass man die niedere
Streichwehr ohne eigentlichen Zugang liess, sodass man nur vom
ausseren Metzgerthor aus durch den Rondengang dahingelangen
konnte, wo doch das Durchbrechen einer Thiir in der nebengelegenen
Stadtmauer geniigt hatte, einen bequemen Zugang zu schaffen. Ein
derartiger Zugang ist auch in alien Entwiirfen fiir den Umbau der
Befestigung der Krutenau vorgesehen. Noch in einem Besichtigungs-
bericht vom Jahre 1610 'j wird dariiber Klage gefiihrt, dass der Zugang
noch immer nicht hergestellt sei, obgleich bereits im Jahre 1587 der
Mangel gertigt worden war. -i Ob der Zugang je hergestellt wurde,
bleibt ungewiss. Durch das Zuschiitten des Grabens am Katharinen-
thor kam nun die dortige Briicke in Fortfall und der Zwinger vor dem
Metzgerthor in unmittelbare \'erbindung mit der Krutenau. Im Sep-
tember 1580 hatte man das Mauenverk der Streichwehr begonnen,
1581 wurde der ganze Bau vollendet.

Wir wissen, dass Speckhn bereits am 22. Juli 1577 zwei Ginind-
visierungen, zwei perspektivische Aufziige und ein Bedenken iiber das
Roseneck aufgestellt hatte, dessen Zustand auch nach dem Bau der
Bastei im Jahre 1525 ein mangelhafter und bedenklicher geblieben war.
Von diesen Arbeiten sind, wie gesagt, nur die beiden Grundvisierungen
erhalten. Sie zeigen den Bau eines Bollwerks am Roseneck als Theil
eines Umbauentwurfes, der auch die nebenliegenden Werke beriick-

«j Strss. Stdt. Arch. G. U. P. 197, 12 a.
'■^) Ebenda.



ENTWURFE FUR DAS BOLLWERK ROSEXECK. l95

sichtigt, um darzuthun, in welchcr XA'cise das zu crbauende Werk
bestrichen werden kann, und fernerhin das Bestreben, dieses Werk
nicht zu spitzwinklig- werden zu lassen, trotz seiner Lage an einem
auffallend vorspringenden Punkte der Befestigung. In dem einen
Entwurfe, den wir mit Nr. 1 bezeichnen wollen, behalt Specklin die
vorhandenen Stadtmauern als Kurtinen bei und legt sein Bollwerk um
die Bastei herum, im andern Entwurfe, den wir Nr. 2 nennen, zieht
er das Bollwerk nach innen, sodass er von den vorhandenen Mauern
nur ein Stiick als rechte Face seines neuen Bollwerks benutzen kann.
Die Bestreichung des letzteren erfolgt in beiden Fallen auf der linken
Seite von einem an der Streichwehr „Drache" zu erbauenden Bollwerk,
auf der rechten Seite, im Entwurf Xr. 1, von einem am Rausch zu
errichtenden platten Bollwerk, im Entwurf Xr. 2 von dort anzulegenden
zuruckgezogenen Kreuzstreichen. Wird im ersten Entwurf die Stadt-
mauer ganzlich erhalten und dadurch an Kosten gespart, so bleibt von
der Kontreskarpe dagegen gar nichts stehen, die im zweiten Entwurf
wenigstens auf der rechten Seite erhalten bleibt. Berucksichtigt man
nun noch, dass der Entwurf Nr. 1 ziemlich weit nach aussen greift
und eine betriichtliche Grabenausschachtung erforderlich macht, so
werden die Kosten schliesslich doch ziemlich auf eins herauskommen,
sodass man dem Entwurfe Nr. 2 wegen der entschieden giinstigeren
Gestaltung des neuen Bollwerks wohl den Vorzug geben muss. Von
beiden Entwiirfen kam nun aber doch keiner zur Ausfilhrung, dagegen
fertigte Specklin im Jahre 1578 ein neues Bedenken mit nicht weniger
als sechs Entwiirfen, wo von das Bedenken und der Entwurf Nr. 1
noch im Archive der Stadt erhalten sind.'i Dass Entwurf und Bedenken
zusam.mengehoren, ergibt sich mit volliger Sicherheit aus der Ueber-
einstimmung des Textes des Bedenkens mit dem Entwurfe, wobei zu
beachten ist, dass Specklin die Ausdrucke „rechts" und „links" in dem
Sinne gebraucht wie jemand, der die Befestigung von aussen ansieht,
also umgekehrt wie wir es heute thun. Im AUgemeinen halt der
jedenfalls vor April 1578 gefertigte Entwurf die Mitte zwischen den
vorerwahnten beiden Entwurfen, d. h. er geht mit dem neuen Bollwerk
weder soweit hinaus als der Entwurf Nr. 1, noch bleibt er damit so
weit zuruck als der Entwurf Nr. 2, behalt aber wie letzterer die alte
Stadtmauer als rechte Face des Bollwerks bei; ebenso bleibt der
Dreizehnerwall erhalten. In Folge dessen hat die rechte Flanke nur
Sinn in Riicksicht auf eine Fortsetzung des Umbaues nach rechts hin,



') Strss. Stdt. Arch. IV, 137 und PL 498 CII'" 1,1. Alte Bezelchnung; Grundriss von

4 2 3 1

Verbesserung der Stadt vom Rausch, biss an Kronenburg Xr. 234 (so mit den iibergeschnebenen
Zahlen). Siehe Nr. 6 der Aniagen.

13*



196 GESCHICHTE DER BEFESTIGUN'G STRASSBURGS.

wobei etwa an derStreichwehr ,,im Schafstall"ein weiteresBollwerk Platz
gefunden haben wiirde. Dass Specklin eine derartige Entwickelung der
Befestigung vorschwebte, geht nicht nur schon aus dem Entwurf von 1567
hervor, sondern bezeugt auch eine im Archive aufbewahrte Entwurfs-
skizze/) die man wohl wird auf Specklin zurlickfiihren diirfen, da sie
unzweifelhaft aus dieser Zeit stammt, wo die Lage des Bolhverks am
Roseneck noch nicht feststand. Auch die noch vorhandene Klappe-)
eines nicht mehr auffindbaren in grdsserem Massstabe gezeichneten
Planes, die ebenfalls Specklin zuzuschreiben sein diirfte, zeigt eine
Fortsetzung der Befestigung in gerader Linie vom Roseneck nach der
neuen Wehre vor dem Judenthor. — Doch kehren wir zu Specklins
Bedenken zuriick. Offenbar halt Specklin von seinen sechs Entwiirfen
den von ihm mit Xr. 1 bezeichneten fiir am empfehlenswerthesten, da
er ihn an die Spitze stellt und am eingehendsten begriindet. Er hebt
hervor, dass, so sehr er nachdenke, zeichne, messe, riicke und wende,
die „H^uptwehr'* nicht anders gelegt werden konnte, als er in Nr. 1
gezeichnet habe. Es sei dem Bau ganz zuwider, dass man ihn hinaus-
baue, da er spitzer wiirde und viel mehr kosten wiirde, da alles ver-
andert werden miisste, in- und auswendig. So wie er den Hauptbau
entworfen habe, bleibe auf der linken Seite die ganze Wand, sammt
Wall und Wallgang (Stand) erhalten, sodass nur die rechte Seite auf-
zufiihren sei, wozu man (durch den Abbruch des Vorhandenen) genug
Steinwerk erhielte. Die Stadtgraben blieben ringsum erhalten und
brauchten weder enger noch weiter gemacht zu werden, ihre (ausseren)
Futtermauern blieben stehen wie sie jetzt sind. Auch auf der linken
Seite miisste eine Streiche sein, wozu man durch den Abbruch genugsam
Steine und Erde erhielte, Wenn man beim Rausch eine Streiche bauen
woUte, so ware dazu Erde genugsam da und brauchte man den Wall
nicht zu verandern. Das wiirde ein herrlicher gewaltiger Bau Averden,
der das ganze Feld lingsum beherrschen konnte. Und in der That
stellt dieser Entwurf eine vortreffliche Losung der Frage dar, die den
oben besprochenen Entwiirfen wohl vorzuziehen gewesen ware. Die
Entwiirfe 2 bis 6 behandelt Specklin im Text sehr kurz, sodass man sich
ohne die zugehorigen Zeichnungen kein klares Bild davon machen
kann, dann aber ftigt er einen siebenten Entwurf bei, den der „fiirneme
vnd Aveisse Herr Jacob von Molsheim" gefertigt habe und den dieser
wohl auch zu vertheidigen wissen wiirde. „Auff alle diese punte kann
noch lange gehandlett vnd beschlossen werden" schliesst Specklin



1) Strss. Stdt. Arch. PI. 512 (II



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