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Ferdinand Apell.

Geschichte der Befestigung von Strassburg i.E. vom Wiederaufbau der Stadt nach der Völkerwanderung bis zum Jahre 1681 online

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Auch die Mauer zwischen Bollwerk und Steinstrasserthor wurde bis
in die iiussere Mauerflucht des Thorthurmes vorgeschoben und mit
Strebepfeilern versehen. Das Erdparement der Schildmauer zwischen

den Strebepfeilern war
^\^j^ mit der ausseren Mauer-

boschung parallel aufge-
fiihrt Tensurplomb), iiber
den Entlastungsbogen
stand eine mit Schiess-
lochern versehene, etwas
iiber 3 m hohe Mauer.
Die linke Flanke war eine
doppelte, ahnlich derjeni-
gen der neuen Wehre vor
dem Judenthore und des
9^- . steinernen Wehrels, inso-

fern als die niedere Flanke unbedeckt und hinter derselben eine
hohere AVallflanke angeordnet war ; dagegen fehlte der niederen
Flanke die Schiitzenstellung oberhalb der Geschiitze. Wir wissen, dass
Specklin von iiberwolbten Flanken durchaus nichts wissen wollte.
Der zuruckgezogene Theil der Flanke beanspruchte etwa den vierten
Theil der ganzen Flankenlange und wai" ziemlich weit zuruckgezogen,
sodass die dort aufgestellten drei Geschutze gut gedeckt standen.
Ob diese durch Schiesslocher in der freistehenden Flankenmauer
feuerten oder ob Scharten nach Specklinscher Art vorhanden waren,
muss unentschieden bleiben, da die Zeichnungen dies nicht erkennen
lassen, indess wird man wohl voraussetzen diirfen, dass Specklin
hierin seinen Grundsatzen treu blieb und offene Scharten anlegte.
Den Zugang zur Flanke bildete eine lange Kasematte von 3,50 m Breite,
von der aus, dicht neben der Flanke, eine Treppe nach dem Wall in
die Hohe fuhrte. In der der Bollwerksface zugewendeten Seite des
Hofes der niederen Flanke lag eine kleine Kasematte, 4,30 m breit,




BAU DES BOLLWERKS ROSENECK.



199



5,50 m tief, die als Pulverkammer diente.\) Dicht neben derselben
befand sich eine Wendeltreppe, welche vom Hot" der niederen Flanke
aus zuganglich war und nach dem Rondengang (Lauf) des Bollwerks




fuhrte. Von dieser Wendeltreppe aus fuhrte cin iibcrwolbter Gang zu
einer Ausfallpforte, die sich in der riickwartigen Mauer des Flugels
(Ohres, Orillons) befand. Alles dies forderten die Abbruclisarbeiten des

1) Die Lage dieserKasemalte zur Bekluidungsmauer des Bollwerks ist auf den franzosischen
Zeichnuugen und danach auch auf Blatt X bei Wagner nicht ganz richtig angegeben, d. h. die
Kasematte ist etwas zu weit gegen die Mauer vorgeschoben eingezeichnet. Auch auf Seite 27
des Wagner'schen Werkes wird irriger Weise angegeben, das Bollwerk Roseneck (Bastion 12)
sei 1633 erbaut worden.



200 GESCHICHTE DER BEFESTIGUXG STRASSBURGS.

Jahres 1879 wieder zu Tage und gewahrten damit einen Einblick in
Specklins W'erk, von dem bis dahin, Mangels ausreichender Plane, nur
Unvollstandiges bekannt war. Wir ersehen daraus, dass der Bau genau
seinen Vorschliigen entsprach, die er im Colmarer Rathschlag, dem
Baseler Baubuch und seiner Architectura niedergelegt hat. Danach
ist denn auch der Grundriss der Rilckenmauer des Hofes (punktirt)
ergiinzt worden, da iiber denselben nichts mehr zu ermitteln war. Ende
April 1578 begann man das alte Bollwerk abzubrechen, legte im Juni
das Fundament fiir die neue Bolhverksmauer, erweiterte den Graben,
versah ihn wieder mit gemauerter Aussenboschung und vollendete den
ganzen Bau im Jahre 1580.' i

Schon in seinem Entwurfe Nr. 2 vom Jahre 1577 und wiederum
in dem von 1578 hatte Specklin vorgesehen , den Wall auf beiden
Seiten des Steinstrasserthores hinter dem Thorthurm her in Yerbindung
zu bringen, damit man nicht die langen Rampen auf der einen Seite
hinab, auf der andern hinauf fahren miisste. Man hatte hierauf bei Be-
stimmung der Lange der zur niedern Flanke des Bollwerks Roseneck
fiihrenden Poterne zwar Riicksicht genommen, gleichwohl die Wall-
schilttung aber nur bis an das Steinstrasserthor gefiihrt und hinter dem
Thurme eine Liicke gelassen. Specklin schlug deshalb in einem besonderen
Entwurfe -I ^•or, diese Lucke zu schliessen, indem er die Durchfahrt des
Thorthurmes durch eine schragangesetzte Poterne verlllngerte und den
Wall iiber dieselbe hinwegfiihrte. Um den Zugang zum Rondengang
links vom Thore nicht zu verlieren, wollte er von der Thorpoterne eine
schmalere Seitenpoterne nach dem Rondengange abzweigen lassen.
Zur Ausfiihrung dieses Entwurfes ist es niemals gekommen, indem
bis zum Abbruch des Thores nach 1876 hinter demselben eine Liicke
im Walle blieb, die man allerdings im 19. Jahrhundert mittels einer
Briicke iiberspannte.

Ein anderer Entwurf Specklins, ■' i der wohl nach Vollendung des



') J. J. Meyer, 14 und B. Hertzog VIII, 109. R. Rcuss, Analecta 205 behauptet —
obgleich er selbst die Meyer'sche Chronik veroffentlicht hat — der Bau des Rosenecks sei
im August 1577 vorgenommen worden, wobei er sich auf das Protokoll der XXI. vom
21. August 1577 beruft; er bestreitet Schadows ganz richtige Angabe, dass der Bau erst im
Jahre 1578 begonnen sei. Die Bezugnahme auf das ervvahnte Protokoll ist iibrigens unzutreffend,
da in demselben nur beschlossen wird, ,,sich eines bedenkens mit Specklin vnd den kriegs-
verstendigen zu vergleichen" wie das Roseneck gebessert werden sollte. Was also aus dem
Protokoll hervorgeht, ist, dass die Entvviirfe Specklins vom 22. Juli 1577 nicht die allgemeine
Billigung gefunden batten, was daim den Anlass zu dem neuen Bedenken und den sechs Ent-
wiirfen des Jahres 1578 gab.

2) Strss. Stdt. Arch. PI. 46 (!['• 3). Alte Bezeichnung: „Verbesserung des Steinstrosser
Thores, Xr. 122."

^j Strss. Stdt. Arch. PI. 53 {ll« 21. xVlle Bezeichnung: „Vber Weisscn 'i'hurn vnd
Cronenburg alhie. Nr. 32". Mit Specklins verschlungenen Anfangsbuchstaben D.S.



EXTWURF FUR EIX BOLLWERK AM KROXEXBURGERTHOR. 201

Bolhverks Roseneck aufgestellt worden ist, da er dieses in seiner
neuen Gestalt zeigt, betrifft den Bau eines grossen Bolhverks an Stelle
der runden Wehre vor dem Kronenburger Thor, gibt aber audi an,
wie die Befestigung zwischen dem zu erbauenden Bolhverk und dem
Bollwerk Roseneck umzugestalten sein wiirde. Obgleich der Entwurf
nicht ausgefuhrt worden ist, beansprucht er doch insofern Interesse,
als er zeigt, dass Specklin ein abgesagter Feind von Thordurchfahrten
war, die in den „Wehren" d. h. Bollwerken lagen, wie hier in der
runden Wehre. Er wollte also auch nichts von Ravelinen wissen,
durch welche die Durchfahrten hindurchfiihrten, denn im Grunde
genommen war die runde Wehre doch nichts Anderes. Deshalb
verlegte Specklin in seinem Entwurfe das Kronenburgerthor neben
das zu erbauende grosse Bollwerk und zwar auf die Seite nach dem
Weissthurmthor hin und fuhrte es mittels eines doppeltgekrummten
Gewolbes unter dem Walle durch. Eine sehr schone Durchfahrt
wiirde dieser Thorweg gerade nicht geworden sein, da er fast doppelt
so lang war als das Gewolbe in der runden ^^'ehre, aber es lag einmal
im Geiste der Zeit, die Thordurchfahrten so zu fiihren, dass man nicht
durch sie hin durch in die Stadt schiessen konnte. Specklin macht zu
seiner Thoranlage die treffende Bemerkung : ,,Nimer mehr Ist gutt
noch Rahtsam das ein portten durch ein wehr gang ' Den sey
dardurch geschwecht | vnd also vil besser kan verdetigt werden".
Da der Raum zwischen dem Bollwerk am Kronenburgerthor und dem
Roseneck gross ist, so bemerkt Specklin, dass man an Stelle der
Streichwehr „Drache'' eine „platta forma" setzen oder eine „Wehr"
ordnen und dann .,die klein wehr" d. h. das steinerne Wehrel hinweg
thun miisse. Aus alle dem folgt doch, dass Specklin zur Zeit sich
noch nicht zu seiner bastionirten Normalfront durchgearbeitet hatte,
sondern noch immer einzelne BoUwerke im Sinne der altitahenischen
Manier anbringen wollte. Er wird aber wohl auch bereits eingesehen
haben, dass wenig Aussicht fur einen durchgreifenden Umbau der
ganzen Befestigung vorhanden war. A\'ir selbst konnen ja solches nur
muthmassen, Specklin aber, der mitten in den Geschaften stand und
mit dem Rathe Fiihlung hatte, wird wohl eingesehen haben, dass die
IMittel der Stadt dazu nicht ausreichten. Gleichwohl wurden w^eitere
Entwiirfe angefertigt.

Wie es scheint, wandte man sich mit den Entwiirfen nunmehr
der Krutenau zu, die einen enger begrenzten, in sich abgeschlossenen
Theil der Befestigung bildete. Bereits im Jahre 1580 bearbeitete Specklin
hierfur wenigstens funf, vielleicht sechs Entwurfe, von denen die
von ihm selbst mit Nr. 1, 3 und 4 bezeichneten, sowie einer, auf dem
eine Nummer nicht zu entdecken ist, noch im Archive vorhanden



202 GESCHICHTE DER BEFESTIGUNX, STRASSBURGS.

sind. ' I Dass ein fiinfter Entwurf vorhanden war, gcht aus dem Um-
stande hervor, dass Specklin aut den Entwurfen Nr. 3 und 4 selbst auf
eine Nr. 5 Bezug" nimmt. Der vorhandene Entvvurf ohne Nummer stellt
enUveder die Nr. 2 oder 5, - 1 oder einen sechsten Entwurf vor und
tragt ebenso wie die mit Nr. 1 und 3 bezeichneten Entwurf e ikaum
noch erkennbari die Jahreszahl 1580, was mich veranlasst, auch den
Entwurf Nr. 4 in dasselbe Jahr zu setzen. AVahrscheinlich handelt es
sich um Parallelentwiirfe, jedenfalls diirfte aber kein grosser Zeitraum
zwischen der Anfertigung der einzelnen Entwiirfe gelegen haben.

Der von Specklin mit Nr. 1 bezeichnete Entwurf — jetzt Nr. 5
{U f 2 1 — geht von dem Gedanken aus, moglichst alles Vorhandene zu
erhalten, um an Kosten zu sparen, was Specklin in seinem auf dem
Entwurf selbst befindlichen Bedenken wie folgt ausspricht : .,Dise
Msirung hab Ih also vnd der wegen geordnett von weniger Costen
vnd Zeytt I auss vrsachen das alles beleybtt stan von Mam-en \
thiirnen ' graben. fliissen | fiitterungen | vnd wiirt nichs gemaurtt
sunder alles von erden auff gesetzt, vnd w^erden die Mauren Inw^endig
also gefuttertt von erden das der feindt kein offnung kan haben vnd
ob schon mochte ^'irgewandt werden dawil kein gewaltige Streichen
Im graben hgen der feindt kiine ohne noht den graben erobern In die
mauren brechen vnd solhs vndergraben. Obschon solhs geschicht so
1st dansch < ?j der ncAv graben dorhinder mit Lit : A. welcher also dieff
bis Ins Avasser auss gefiirtt w^iirt vnd dem wol Zum besten gebraucht
w^urtt das der feindt Erst von newen stiirmen vnd arbeytten muss
Insonders dewil er solhs von aussen nit beschiessen kan, vnd kompt
erst Zwischen alle X streichen da man oben vnd vnden auch von
beden scA'tten des wals kan Zu Im gestrichen vnd geschossen werden",
mit anderen Worten : Specklin lasst die Stadtmauern mit StreichAvehren
und Graben bestehen und legt unmittelbar hinter der Stadtmauer eine
neue Befestigung in Erde [in. Dieser Entwurf ist recht interessant,
da er eine durchaus sachgemass gestaltete reine Bastionarbefestigung
darstellt. Um nicht zu weit nach innen zu greifen, sind die Bastione
sehr stumpfwinkhg gehalten und durch eine nach aussen gebrochene



') Strss. Stdt. Arch. PI. 8 ilU 2). Alte Bezeichnung: Vber Krauttenauv. D.S. Xr. 15,
bezw. von Specklins Hand: Visirungen vber Krauttenaw Anno 1580 geinaht. Nr. 29. Innen:
Nr. I. D.S. 1580. — PI. 36/499 (IF 3). Alte Bezeichnung: Vber Krauttenauv D.S. Xr. 17.
Innen: Xr. 3 D.S. 1580. — PI. 501 (IK 4). Alte Bezeichnung: Vber Krauttenauv D.S. Xr. 12. —
PI. 14 (IF 5). Alte Bezeichnung: Vber Krauttenauv D.S. Xr. Ii.

-) Dass der Entwurf ohne Xummer nicht gut der Entwurf sein kann, den Specklin
selbst als Xr. 5 bezeichnet, ergibt sich daraus, dass in diesem Entwurfe das Bollwerk am
lohannisgiessen zu weit ins Feld reichen soil (so sagt Specklin selbst in einer Bemerkung auf
seinem Entwurfe Xr. 4), der Entwurf ohne Nummer besitzt aber gar kein Bollwerk am
Johannisgiessen.



EXTWURFE FUR DIE NEUBEFESTIGUNG DER KRUTEXAU. 203

Kurtine verbunden. Die Streichen sincl doppelt, die niederen jedoch
nicht zuriickgezogen, da dies bei der gegen Sicht von aussen geschiitzten
Lage unnothig erschien. Zwischen Graben und alter Stadtmauer bleibt
ein Erdkeil stehen („die Fiitterung mit Erde" Specklins), der in sehr
zweckmassiger Weise zur Anlage einer Schiitzenstellung ausgenutzt
ist. Auf der Kontreskarpe des alten Grabens wird ein geniumiger
gedeckter Weg mit einspringenden Waffenplatzen angelegt. Die Front
zwischen Fischerthor und Gelbem Eck, wie ebenso diejenige zwischen
Johannisgiessen und Blindeneck, ist eine Doppelfront, wahrend zwischen
Johannisgiessen und Gelbem Eck (Neuthorfront) nur eine einfache Front
angeordnet ist. Das lag daran, dass die Front Fischerthor — Gelbes
Eck fiir eine einzige Front zu lang, die Front Johannisgiessen — Blinden-
eck aber am Bubenloch nach aussen gebrochen war. Kavaliere waren
nur im Bollwerk hinter dem Klapperthurm, auf der INlitte der Neuthor-
front und hinter dem Blindeneck angeordnet, von letzterem bis zum
Katharinenthor sollte nur ein einfacher Wall geschiittet, am Katharinen-
thor im Graben eine doppelte Streiche angelegt werden. Specklin
begegnet dann dem mogUchen Einwurf, dass man von dieser neuen
Befestigung aus den alten Graben nicht vertheidigen konnte, dadurch,
dass er die obere Halfte der alten Stadtmauer abbricht, sodass man
von den oberen Streichen der neuen l>ollwerke in den (xraben wirken
kann. Der Entwurf ist — als ein Nothbehelf betrachtet - nicht libel,
aber die Frage bleibt unerortert, wo der Boden zu den Schiittungen
herkommen sollte, da ihn die geringen Ausschachtungen nicht liefern
konnten; die drei vorhandenen Kavaliere am Blindeneck, Johannisgiessen
und Gelben Eck fielen dabei nicht ins Gewicht.

Der Entwurf Nr. 3 — jetzt Nr. 36499 (11 f 3) schliigt einen anderen
Weg ein als der vorhergehende, indem hier der alte Umzug zwar auch
beibehalten, aussen an denselben aber Bollwerke angesetzt werden.
Specklin geht hierbei vom Gelben Eck aus, vor dem er ein regelmilssiges
Bollwerk anordnet. Da die Entfernung bis zum Fischerthor einerseits,
andererseits bis zum Johannisgiessen fiir eine Front zu gross waren,
so hilft sich Specklin dadurch, dass er ein Bollwerk zwischen Klapper-
thurm und Fischerthor im angemessenen Abstand vom Gelben Eck
vorsieht, auf der andern Seite, am Johannisgiessen, aber das Bollwerk
derart ganz auf die Neuthorfront schiebt, dass dessen rechte Face in die
Verlangerung der Linie Bubenloch-Johannisgiessen fallt. Das nachste
Bollwerk setzt er dann links vom Blindeneck in der Weise an, dass
seine kurze rechte Flanke durch die vorhandene Streichwehr am Blinden-
eck gebildet wird, wahrend die linke soweit nach aussen geruckt wird,
dass sie rechtwinklig vor die X^erkingerung der rechten Face des BoU-
werks am Johannisgiessen zu liegen kommt und diese bestreichen kann.



204 GESCHICHTE DER BEFESTIGUXG STRASSBURGS,

Dieses am Blindeneck geiegene Bollwerk wird von rechts her durch
eine Streichwehr am Katharinenthor, von links durch die rechte Flanke
des Bolhverks am Johannisgiessen bestrichen, welche ein Einwarts-
brechen der linken Hiilfte der Kurtine Johannisgiessen-Blindeneck bedingt.
Durch diese Bauweise wird der Johannisgiessen sehr zweckmiissig
gesichert, wie denn iiberhaupt die ganzen Anordnungen viel Geschick
und einen merklichen Fortschritt Specklins verrathen. Auch im Ein-
zelnen ist dies zu verfolgen, indem z. B. das minderwichtige Bollwerk
zwischen Fischerthor und Klapperthurm geringere Abmessungen und
linksseitig keine zurtlckgezogene Flanke erhalt, durch Beibehaltrmg
des Kavaliers und der Streichwehr am Gelben Eck nebst eines Grabens
um dieselbe ein Abschnitt vorbereitet wird, das Neuthor seinen Platz
in gedeckter Lage dicht neben dem Bollwerk am Johannisgiessen findet,
der Wall von der Stadtmauer behufs Entlastung derselben abgeriickt
wii-d, u. s. w. \'or alien Dingen wird auch die Kontreskarpe durchaus
sachgemass gefiihrt, sodass dies wohl ein Entwurf gewesen ware, der
sich zur Ausfiihrung empfohlen hiitte. Dem ]\Iangel, dass der gedeckte
Weg keine Waffenplatze besass, ware leicht abzuhelfen gewesen.

Entwurf Nr. 4 — jetzt Nr. 501 (II f 4) — verdankt, wie aus einer
Bemerkung Specklins auf der Zeichnung hen^orgeht, seine Entstehung
dem Einwurfe, dass im Entwurf Xr. 3 (und Nr. 5) das Bollwerk am
Johannisgiessen zu weit ins Feld greift. Specklin legt deshalb jetzt
die linke Face desselben in die alte Stadtmauer und muss nun diese
Ecke als Ausgangspunkt fiir die Anordnung der BoUwerke nehmen.
In Folge dessen kann er am Gelben Eck kein regelmassiges Bollwerk
anordnen, sondern muss dasselbe mehr nach dem Johannisgiessen hin
verlegen, d. h. nur die grossere rechte HaLfte kommt vor die Stadtmauer
zu liegen, Avahrend die linke Seite der linken Face in die Stadtmauer
fallt. Dem entsprechend riickt auch das Bollwerk zwischen Fischerthor
und Klapperthurm mehr nach rechts, bis an den letzteren heran, behiilt
aber sonst ungefahr die Gestalt desjenigen in Nr. 3, nur dass sich die
Winkel etwas verschieben. So kommt es denn, dass auf beiden Fronten
die rechtsseitigen Flanken und die rechten Halften der Kurtinen hinter
der alten Stadtmauer, die linken Halften der Kurtinen in derselben
liegen, die Kurtinen also nach aussen gebrochen erscheinen. Rechts
vom Johannisgiessen wird kein Bollwerk angelegt, vielmehr eine
Tenaillenbefestigung geschaffen, indem die Linie Katharinenthor —
Blindeneck ein wenig uber letzteren verlangert und durch eine ganz
neue Linie mit dem Bollwerk am Johannisgiessen verbunden wird.
Dies behalt den langs des Giessens gelegenen Wall als kurze rechte
Face bei und hangt nur eine zuruckgezogene Flanke an denselben an,
von der aus die linke Face der grossen Tenaille Johannisgiessen —



ENTWURFE FUR DIE NEUBEFESTIGUNG DER KRUTENAU, 205

Katharinenthor bestrichen wird. Am Katharinenthor wircl eine Kreuz-
streiche angelegt, die einerseits den Graben vor der rechten Face der
grosser! Tenaille, anderseits den Graben nach dem Metzgerthor imter
Feuer nimmt, wodurch eine zweite Tenaillenfront Blindeneck— INIetzger-
thor geschaffen wird. Durch eine Klappe stelltSpecklin dann einenNeben-
entwurf fiir die Linie Blindeneck— Johannisgiessen vor, der darin besteht,
dass er aus dieserLinie eine bastionirte Front macht, indem er am Blinden-
eck ein kleines halbes Bollwerk bildet, am andern Ende das Bollwerk
Johannisgiessen zu einem regelmassigen grossen Bollwerk umgestaltet.
Dieses Bollwerk hat indess den grossen Nachtheil, dass fast die Halfte
der rechten Face vom Einfluss des Johannisgiessens fortgenommen wird,
also fiir die Vertheidigung ausfallt uud nimmehr dieser Ausfluss statt
in einem gedeckten einspringenden Winkel, gerade am ausspringenden
Winkel des Bollwerks liegt. Sieht man hiervon ab, so muss man auch
diesen Entwurf als eincn recht geschickten ansehen, der ja manches fiir
sich hat, aber meiner Ansicht nach doch hinter dem Entwurfe Nr. 3
zurucksteht. Man sieht aber, wie sich Specklin stets zu helfen weiss
und in der Anwendung der Befestigimg bei gegebcnen \'erhaltnissen
unleugbare Fortschritte macht.

Denjenigen Entwurf, den wir als den Entwurf Nr. 2 oder einen
sechsten Entwurf vom Jahre 1580 ansehen miissen, bezeichnet Specklin
als „die allergeringste \^isierung", da bei seiner Ausfiihrung „nichs
gemaurt, Zu dem auch nichs verenndertt wiirtt", d. h. Specklin be-
schrankt sich darauf, hinter der Stadtmauer einen durchlaufenden
Wall anzuschiitten, der am I^lindeneck, Bubenloch, am Johannisgiessen,
auf der Mitte der Neuthorfront, am Gelben Eck, hinter dem Klapper-
thurm und am Fischerthor Kavaliere erhalt — jetzt Nr. 14 (11 f. 5).
Specklin ruckt den \Vi\U \'on der Stadtmauer ab und lasst nur die
Kavaliere am Blindeneck, beim Johannisgiessen, am Gelben Eck und
am Fischerthor bis an die Stadtmauer herantreten, damit von hier aus
der ,,Zwinger", wie er den grabenartigen Raum zwischen Stadtmauer
und Wall nennt, bestrichen werden kann. Es ist keine Rede davon,
dass Specklin diesen Entwurf etwa als einen ausreichenden ansiihe,
im Gegentheil betrachtet er ihn nur als den Anfang eines umfassenden
Baues, bei dem Bollwerke aussen an die Stadtmauer angesetzt werden
konnten. Thatsachlich ist dieser Entwurf denn auch benutzt worden,
um alle moglichen Entwurfsideen daran zu versuchen, er ist iiber und
iiber mit den verschiedensten Entwurfslinien iiberzogen, sodass man
kaum noch den eigentlichen Entwurf erkennt. Als eine zwischendurch
zu treffende Massregel schlagt Specklin vor, nach Schuttung des
Walles den oberen Theil der Stadtmauern abzubrechen, da der Feind
denselben doch einschiessen wiirde. Dadurch konnte man dann auch



206 GESCHICHTE DER BEFESTIGUNG STRASSBURGS.

besser vom Wall aus in den Graben streichen, der jetzt nur von den
Rondelen (Streichwehreni beherrscht wiirde.

Wir finden dann im Stadtarchive vier weitere Entwiirfe Specklins ' )
fur die Krutenau. Ich setze dieselben sammtlich in das Jahr 1582,
wenngleich nur einer derselben, von Specklin mit Nr. 9 bezeichnet,
diese jahreszahl traot. Es kann indess wohl kein Zweifel daruber sein,
dass sie alle zusammen in das Jahr 1582 gehoren, weil sie sammtlich
.die Streiche bei St. Katharina in der Gestalt zeigen, in der sie that-
sachlich ausgefuhrt worden ist. Da dieser Bau 1581 vollendet wurde,
so wird man die Anfertigung der Entwiirfe, welche ebenso wie die
vom Jahre 1580 in einem gewissen Zusammenhange stehen, wohl in
das T^hr 1582 setzen durfen. Auffallend ist bios, dass zwei derselben
innen mit Nr. 6 bezeichnet sind^ wofur ich keine Erklilrung weiss.-;

Der erste dieser Entwiirfe — jetzt Nr. 502 ( II f 6; geht wiederum
von dem Gesichtspunkte der Erhaltung des Vorhandenen aus, sieht
jedoch von einer weiteren Ausgestaltung im Laufe der Zeit ab und
schafft gleich endgiiltige Zustiinde. Zu diesem Zwecke wird hinter
der Stadtmauer, welche mit ihren Streichwehren erhalten bleibt, eine
ganz flach gehaltene Befestigung angelegt, die aus zwei bastionirten
Fronten : Fischerthor — Gelbes Eck und Gelbes Eck — Johannisgiessen,
und einer flach nach aussengebrochenenPolygonalfront : Johannisgiessen-
Blindeneck, besteht. Beide erstere haben einen durchlaufenden Wall, der
auf der Mitte der Fronten von Kavalieren unterbrochen wird, undkleine,
nicht zuriickgezogene niedere Flanken, letztereaniBlindeneckundaufder
Mitte der Front ebenfalls einen Kavalier, aber nur am linken Fliigel, am
Johannisbollwerk, eine niedere Flanke, wahrend die rechte Halfte vom
Kavaher am Blindeneck bestrichen wird. Zwischen letzterem und Katha-
rinenthorwird ledigHch ein von der Mauer abgeruckter einfacher Wall vor-
gesehen. Auch hier soil derobereTheil der Stadtmauer abgebrochen und
durch einen dahinter angeschiitteten ganz schmalen Wall zu einer Art
Kontregarde gemacht werden, was Specklin ausnahmsweise durch ein
Profil darstellt. Ein einfacher gedeckter Weg, ohne Waffenplatze, mit
Glacis umgibt das Ganze.

Der zweite Entwurf — jetzt Nr. 500 (II f 7) — hat grosse AehnHch-
keit mit dem Entwurfe 36,'499 (II f 3) von 1580. Die Bollwerke sind



ij Strss. Stdt. Arch. PL 502 (Ilf 6). Alte Bezeichnung: ,,Krautenaw Alhie Belangend
D.S. Nr. 4," innen Nr. 6. — PI. 500 (Ilf 7). Alte Bezeichnung: „Vber Krauttenauv Nr. 16",
innen Nr.6. —PI. 496 (Ilf 8). Alte Bezeichnung: „Visierungvber die Krauttenauw Daniel Specklins."
Nr. 6. — PI. 8 (Ilf 9). Alte Bezeichnung; „Bedenckhen Vber Krauttenauw D.S., und: ,,Vber
Krauttenauv D.S. Nr. 14, innen: Nr. 9, 1582.

-') Nimmt man an, dass die Nunierirung eine durchlaufende war, was sehr wahr-
scheinlich ist, so kann hiernach der Entwurf ohne Nummer der vorigen Serie — jetzt Nr. 14
(Ilf 5) — nicht wohl ein sechster Entwurf gewesen sein, muss vielniehr der fehlenden Nr. 2
entsprechen.



ENTWURFE FUR DIE XEUBEFESTIGUXC. DER KRUTEXAU. 207

genjiu an denselben Stellen angesetzt aber etwas kieiner und sammtlich
nahezu rechtwinklig-, die rechte Seite des Bollwerks am Johannisgiessen
ist ein Avenig mehr nach aussen geschoben, um die Brechung der
Kurtine Blindeneck-Johannisgiessen zu vermeiden. Des Ferneren ist
das Bollwerk beim Klapperthurm ein wenig mehr nach rechts geruckt,
sodass seine linke Face von einer zuruckgezogenen Flanke des Haupt-
walles, einer sogenannten Nebenflanke, bestrichen werden kann, und
hat auch selbst auf seiner linken Seite eine zuriickgezogene Flanke
erhalten ; der gedeckte Weg besitzt kleine Waffenplatze. Dieser Entwurf,
wenn auch nicht iibel, tragt doch nicht ganz die Vorzuge seines Vor-
gangers von 1580 und ist offenbar aus dem Bestreben entstanden, die
Kosten noch mehr herabzumindern. Abgesehen von einer Andeutung
Specklins aut" dem Entwurfe, deutet die Verkleinerung der Bollwerke
hierauf hin, durch die nicht nur unmittelbar, sondern auch mittelbar
an Kosten gespart wird, da die Kurtinen in grosserer Lange erhalten
bleiben. Auch die Erhaltung der ganzen Linie Blindeneck-Johannisgiessen
bedeutet eine nicht unwesentliche Kostenersparniss.

Der dritte Entwurf — jetzt Nr. 496 (11 f. 8) — hat einerseits eine
gewisse Aehnhchkeit mit dem vorerwahnten Entwurf, andererseits mit
dem \'on 1580, der heute die Xr. 33 499 (11 f. 31 tragt, und stellt somit
eine dritte Ausgestaltung desselben Gedankens vor. Er will offenbar



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