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Ferdinand Apell.

Geschichte der Befestigung von Strassburg i.E. vom Wiederaufbau der Stadt nach der Völkerwanderung bis zum Jahre 1681 online

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216 GESCHICHTE DER BEFESTIGUNG STRASSBURGS.

hervoro-ehen, dass clieser Entwurf noch im Jahre 1669 von den Oberen
Fortifikationsherren bei Berathschlagung- iibcr den Neubau der Be-
festigung- von der oberen 111 bis ziim Heidenbolhverk herangezogen
wurde. Wk erfahren dies aus einer „Specificatio Derjenigen Riss, So
den 30. 8''""^ 1669 auff begehren der O. Fortifications Herren auss der
Kunst Cammer erhebt worden" welches Verzeichniss sich heute im
Stadtarchiv, V, 70 befindet. Dort ist der Specklinsche Entwurf unter
Nr. 1 angefuhrt: ,,Ein grundriss auff Pergamen Der gantzen Statt wie
solche mit 18. pasteyen \^nd 35. Rittern mochte befestigt werden. Daniel
Specklins Nr. 21''. Am Sclilusse des ohne Unterschrift gebliebenen
Verzeichnisses befindet sich dieBemerkung: ,,Den 17. Febr. (Jahr?) sind
Obbemelte grundriss alle biss auf Nr. 21 Vnd 245 restituirt worden".
Also Specklins Entwurf wurde nicht zuriickgegeben. Wo er nun
hingekommen ist, bleibt einstweilen unbekannt, aber es ist nicht un-
mciglich, dass er spilter zuriickgeliefert wau^de, denn die ebenfalls als
zuriickbehalten gemeldete Nr. 245 befindet sich noch heute in der Plan-
sammlung des Stadtarchivs. Meine Vermuthung, dass der in Rede
stehende Specklinsche Entwurf unter Zugrundelegung seiner Normal-
front angefertigt sei, grtindet sich nun auf den Umstand, dass die mit ihm
gleichzeitig als zuruckbehalten gemeldete Nr. 245 die bereits erwahnten
vier Entwiirfe Hans Schochs vom Jahre 1589 darstellt, die durchaus
nach Specklins Normalfront angefertigt und Parallelentwurfe fiir die
Befestigung von der oberen 111 bis zum Weissthurmthor sind. Specklins
Entwurf wird eine funfte Losung geboten haben und da hat man dann
jedenfalls die nach gleicher Befestigungsmanier bearbeiteten Entwurfe
fur eingehendere Berathschlagung vorlaufig zuruckbehalten.

Im Stadtarchiv befinden sich nun noch zwei Entwurfe Specklins,
die Befestigung bei Lug-ins-Land betreffend, die man spatestens in
das Jahr 1582 wird setzen konnen. Auf dem ersten dieser Entwiirfe')
setzt Specklin das dortselbst zu erbauende Bollwerk derart vor die
abgestumpfte Ecke zwischen Kanzel und Lug-ins-Land, dass erstere
die zuruckgezogene linke Flanke bildet, die rechte Face in die Verlangerung
der Linie Lug-ins-Land— Weissthurmthor fallt und die rechte Flanke
in diese Linie eingebrochen wird, wodurch eine nach aussen ge-
brochene Kurtine Lug-ins-Land — Weissthurmthor- Bollwerk entsteht. Bei
St. Johann (Teufelsthurmj sieht man ein kleines halbes Bollwerk, in
der Kehle von Lug-ins-Land liegt ein Kavalier. Auf dem andern Ent-
w^urfe^j wird das Bollwerk sammt beiden Flanken vor die Ecke gelegt,
dadurch aber spitzer, was Specklin veranlasst, auf einer Klappe einen

1) Strss. Stdt. Arch. Fl. 94 ill^, 2). Alte Bezeichnung; ,,Veibesserung der 8 Reder
Miihl vnd Lug ins Landt. DS. Nr. 47."

-) Ebenda, PI. 45 (lib, i). Alte Bezeichnung: Nr. 294.



WEITERE ENTWURFE SPECKLIXS, JOH. E. MEYERS, HAXS SCHOCHS U. S. W. 217

Parallelentwurf zu geben, der diesem Uebelstande in eigener Art ab-
zuhelfen sucht. Specklin setzt namlich an beide Linien Kanzel— Teufels-
thurm und Lug-ins-Land— Weissthurmthor kleine Bolhverke mit zuriick-
gezogenen Flanken, die ihre vor der Linie Kanzel— Lug-ins-Land
gelegenen Facen zu einer tenaillirten Front mit niederer Graben-
bestreichung im eingehenden Winkel vereinigen. Auf diese Art wird
der ausspringende AMnkel bei Lug-ins-Land einigermassen unschadlich
gemacht, wenn die ganze Anlage auch etwas Gezwungenes behalt,
aber als Xothbehelf wohl durchgehen konnte. Specklin ist der Meinung,
dass diese kleine Front vortheilhaft sei, weil es dem Feinde im ein-
gehenden Winkel vor derselben an Raum fur seine „Schanze" d. h.
grosse Batterie gebniche, von der aus er Streichen und :Mauern zerstort.
Beim Teufelsthurm liegt ein kleines halbes Bolhverk.

Der letzte Entwurf Specklins, den das Archiv aufweist,M behandelt
die Anlage einer Kiinette im Graben vor den Siidfronten, der vollig
versumpft war. Specklin will deshalb auch unterhalb der Oeffnung
im Bar beim franzosischen Thurm einen kleinen „Wuhr", d. h. Damm
in der 111 schlagen, der das Wasser in die Oeffnung des Bars weist und
einen kraftigen Strom in der Kunette hervorbringen soil. Ob die
Kiinette ausgefiihrt worden ist, steht dahin.

Im Jahre 1584 wird dann iibcr Entwurfe berichtet, die behufs
Verbesserung der Befestigung der Achtriidermuhle angefertigt wurden,
die indess zur Zeit nicht aufzufinden und wahrscheinlich nicht mehr
vorhanden sind. R. Reuss-i sagt: „Specklins Antheil an den Arbeiten
bei der Achtradermuhle belegt das Protokoll der XXI. vom 14. IMiirz
1584", das ist aber nicht so zu verstehen, als ob hier wirklich gebaut
worden sei, wie auch Schneegans annimmt, im Gegentheil, man konnte
sich auch hier nicht einmal uber das einigen, was zu geschehen hatte.
Dass das Mullerbollwerk sehr der Wn-besserung bediirftig war, ist
schon im vorigen Abschnitte ausgefiihrt worden, jetzt aber schien man
endlich seinen Umbau auf die Tagesordnung gesetzt zu haben. Daruber
aber entstand, wie es scheint, ein kleiner Streit. Offenbar konnte sich
Jeremias Xeuner mit Specklin ob des Entwurf es nicht einigen, sodass
man zu dem Mittel griff, eine dritte Personlichkeit, gewissermassen als
Schiedsrichter, beizuziehen. Als solchen Aviihlte sich Neuner den Bau-
meister des Prinzen von Oranien Johannes Kornpiitt aus, der in seiner
Jugend fiinf Jahre lang in Strassburg studirt hatte und gerade durch
Strassburg reiste. In der Sitzung der XXI. vom 1. Juli 1584 berichtete
Neuner uber denselben und wurde daraufhin beschlossen, dass Kornputt

1) Strss. Stdt. Arch. PL 497 (11^, l). Alte Bezeiclinuug: „Visierung vber die Stadt vom
St. Elssbetten Thor biss zum Metzger Thor. Nr. 31."

2) R. Reuss. Analecta.



218 GESCHICHTE DER BEFESTIGUXG STRASSBURGS.

ein Gutachten uber den in Rede stehenden Bau abgeben sollte.
Kornputt besichtigte nun die Achtradermiihle und fertigte eine Visierung
an, die von Specklin sehr gelobt wurde, sodass man im Rathe beschloss,
ihn an der Hand zu behalten. Indess lehnte Kornputt es ab, sich an-
stellen zu lassen, war aber bereit, ein Gutachten uber die ganze
Befestigung abzugeben.'i Wahrscheinlich ist dies in Gestalt einer
Msierung geschehen, denn das Archiv besitzt eine solche,') die mit
grosser Wahrscheinlichkeit auf Kornputt zuriickgefiihrt werden kann,
weil sie in altniederlandischer Manier gehalten ist, nach der Kornputt
befestigte. Im Uebrigen bietet sie nichts Interessantes, da ihr \^er-
fertiger einfach dem Umzuge der alten Befestigung folgt und ziemUch
kleine Bolhverke, Ravehne und Hornwerke in altniederlandischer Art
anlegen will.

In einem auffiilligen Gegensatze zu der Menge der Aorbesprochenen
Entwurfe, die im Uebrigen aller Wahrscheinlichkeit nach sogar nur
einen Bruchtheil der wirklich angefertigten ausmachen, steht Specklins
Bauthatigkeit selbst. Bereits oben sind diejenigen Bauaustuhrungen
besprochen worden, welche in die ersten Jahre seiner Wirksamkeit
als Stadtbaumeister fallen und ist denselben fur die spatere Zeit nur
wenig nachzutragen. Wie die Protokolle der XXL besagen,^) wurden
im [ahre 1582 die Befestigungen des der Stadt gehorigen Schlosses
Herrenstein verbessert und vermehrt, und wir diirfen wohl annehmen,
dass dies nach dem obenerwahnten Entwurfe Specklins und unter
dessen Oberleitung geschehen ist, wahrend die eigentliche Bauleitung
wahrscheinUch anderen Handen anvertraut war.*) Dass Specklin, wie
fruher angenommen wurde, nicht der Erbauer des sogenannten neuen
Baues, d. h. des alten Stadthauses war, ist bereits vom Archivdirektor
Dr. O. Winckelmann unwiderleghch nachgewiesen worden, und ebenso-



1) Prot. d. XXI. V. 1584, Fol. 318, 322 u. v. 1585, Fol. 52, loi.

2) Strss. Stdt. Arch. PI. 557 (III", 2). Zwei ebenfalls im Archiv befindliche Plane, 521
und 522 (II«, 4 u. 5), alte Bezeichnungen: „Verbesserung der Statt vom Weyssen Thurn bis
zum Steinstrasser Thor D. Johann Korbeutt, Xr. 39" und „Kornbeuts Bedenckhen vber den
Bauw vor dem Steinstros.ser Thor bis hinumb zu St. Johan, Nr. 36," werden — wie auch auf
den Planen von spaterer Hand bemerkt wird — jedenfalls irriger Weise Kornputt zugeschrieben,
denn sie tragen innen die Marke Hans Schochs mit der Jahreszahl 1 590.

3) Prot. d. XIII. v. 1582, Fol. 114.

*) Hier mogen die Xamen des Baupersonals — abgesehen von Jeremias Xeuner, der
bereits erwahnt wurde — angegeben werden, wie sie sich aus O. Winckelmann „Die Erbauer
des Strassburger Rathhauses" Ztschrft. f. d. Gesch. d. Oberrhn. N. F. VIII, 579 fiir Specklins
Zeit ermitteln lassen: Lohner oder Lohnherr Hans Lux 1576— 1582, Stoffel Letzius 1582—
1584, Hans Schoch 1585— 1590; Werkmeister auf dem Mauerhof Jacob Riedinger von Andlau
i57i_i58o, Ambrosius MuUer 1580— 1582, Jorg Schmitt 1583— 1595; Unterwerkmeister daselbst
Diebold Frauler mindestens seit 1582— 1587; Parlier daselbst Paul Maurer von etwa 1583 ab;
Werkmeister auf dem Zimmerhof Hans Schoch 1577— 1583. In welchem Verhaltnisse loh.
E. Meyer zu Specklin stand, vermag ich nicht anzugeben, ich vermuthe aber, dass er sein
Zeichner war. Er wurde der zweite Xachfolger Specklins im Amte.



SPECKLIXS BAUTHATIGKEIT VOM JAHRE I5S2 BIS ZU SEINEM TODE. 219

wenig- ist Specklin der Bau der Metzig zuzuschreiben, wie R. Reuss')
lediglich in Folge der Aehnlichkeit beider Bauten, vermuthet. Specklin
war im Wesentlichen nur Festungsbaumeister und liess sich zu den
gewohnlichen Stadtbauten nicht \er\venden, obgleich er hierzu nach
seiner Bestallung verpflichtet war, oder er wurde nicht dazu ver-
wendet, weil ihm die nothigen Spezialkenntnisse fehlten, was das
Wahrscheinlichste ist. Dagegen scheint er bei Wasserbauten Ver-
wendung gefunden zu haben und z. B. im Jahre 1588 bei der \^erbesserung
der ,,Wurzmiihle" und des „oberen Wuhrs" beschiiftigt gewesen zu
sein.-/ Schliesslich fuhrte er im Jahre 1586 noch einige Bauten an der
Befestigung aus, die aber von noch geringerer Tragweite als diejenigen
aus dem Anfange seiner Amtsfiihrung waren. Die eine dieser Bau-
ausfuhrungen ist die bereits beschriebene Erhohung des ausseren
Metzgerthorthurmes zum Zwecke der Anbringung eines Fallgatters,
die beiden anderen betrafen die Errichtung xon Thiirmen an Stelle
der ausseren einfachen Durchgiinge des Spital- und Elisabeththores.
Die Specklinschen und spilteren Zeichnungen stellen diese beiden
Thiirme als Bauwerke einfachster Art dar, \()n denen uns im LJebrigen
nichts Nilheres bekannt geworden ist, als dass sie mit Fallgattern ver-
sehen waren. Sie wurden lediglich aus dem Grunde erbaut, um die
Soldner, welche diese Thore bewachten, dicht an den ausseren Ein-
gangen unterbringen zu konnen. Bis dahin scheincn im Zwinger vor
den inneren Thoren nur einfache Wachthiluser fur die Landsknechte
gewesen zu sein/^i die eigentlich wohl auch geniigt hiitten.

So blieb denn Specklins reiches Wissen und Konnen so gut wie
unbenutzt fur Strassburgs Befestigung, und es ist ganzlich falsch und
unbegrundet, wenn oberfljichliche Kenner der WThaltnisse ihm nach
dieser Richtung eine Thatigkeit zuschreiben, die er niemals ausgeiibt
hat. Am weitesten geht • hierin E. Heim in der Revue Alsacienne
vom Jahre 1890, der Specklin zuni ,,auteur de scs remparts" und zum
,,inventeur du systeme de defense qui allait rcndre formidable" macht.
Nach ihm ist X'auban nur Specklins Nachtreter: „Speckle a eu pour
successeur, d'aucuns disent pour eleve, d'autres pour imitateur, le marechal
de Vauban", dann wiirmt er die langst abgethane Legende auf, dass
Karl V. Specklin nach Afrika, zur Belagerung von Tunis, mitgenommen
habe und schliesslich schreibt er ihm gar ,,une notable partie del'enceinte,
celle notamment qui allait de la caserne des pontonniers ipont National)
k la porte des Pierres, avec la demi-lune ' ! i de la Finckmatt, une notable
fraction de I'enceinte, courant de ce point a la rive gauche en amont

') R. Reuss, Analecta, 21 1.

-) Prot. d. Oberbhrrn. v. 1588, Fol. l8C» u. 219".

3) Imlin, 86.



220 GESCHICHTE DER BEFESTIGUNG STRASSBURGS.

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