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Ferdinand Apell.

Geschichte der Befestigung von Strassburg i.E. vom Wiederaufbau der Stadt nach der Völkerwanderung bis zum Jahre 1681 online

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des Gewolbes brachtc man drei machtige runde Luft- und Licht-
offnungen an. Die Kehlpunkte der A\\^hre wurden dann durch Mauern
an die Stadtmauer angeschlosscn und der Raum zwisclien denselben,
das Thorgewolbe bedeckend, mit einem Walle ausgefullt. Diese neuen
Wallmauern sind einer im Fortifikationsarchiv befindlichen Zeichnung
vom Jahre 1836 zufolge mit Strebepfeilern versehen gewesen, ihr oberer
Theil aber stand frei und war mit Schiessschlitzen durchbrochen. Als
Zugang zum Rondengang hinter diesen Mauern und hinter der Stadt-
mauer wurden zwei Poternen angelegt, deren Eingange neben dem
inneren Thorthurm lagen. Durch sie und den Rondengang gelangte
man nun auch zu den zwei kleinen Kasematten der runden Wehre,
die nunmehr im Volksmunde den Namen „der Backofen" erhielt,')

Wir konnen uns nun auch endlich den inneren Kronenburger
Thorthurm genauer ansehen, da er im Jahre 1599 -) die Gestalt erhielt,

in der er bis zum
I Jahre 1870 bestehen

I bheb. Betrachten

wir ihn naher, so
miissen wir zu der

Ueberzeugung
kommen, dass es
sich bei dem Umbau

des Jahres 1599
hauptsachlich um
die Anbringung der
Plattform auf dem
obersten, iiberw^olb-
ten Stockw^erk ge-
handelthabenmuss,
und dass letzteres
ebenfalls erst jetzt
angelegt wurde, da es mit der Plattform in einem ursachlichen Zu-
sammenhange steht. Silbermann bemerkt nur, dass der Thurm erhoht
worden sei, und in der That wird das iiberw^olbte Stockw^erk und
die Plattform eine Erhohung des Thurmes zur Folge gehabt haben.

1) Als im 19. Jahrhundert die freistehenden Flankenmauern in ein anliegendesRevctement
verwandelt wurden, um mehr Raum auf dem Walle zu gewinnen, machte man die linksseitige
Kasematte durch eine Wendeltreppe zuganglich, die rechtsseitige wurde verschiitlel, die Wendel-
treppe am Thorgewolbe vermauert.

2) J. J. Meyer, 14.




DER IXXERE KROXENBURGER THORTHURM.



235




-:x



So sieht denn auch der Thurm auf den Specklinschen Zeichnungen

ein ganzes Theil niedriger aus als wir ihn aus den Zeichnungen des

Fortifikationsarchives kennen. Ueber der Thordurchfahrt besass er

drei Stockwerke, die a

Plattform bildete dann i

das vierte, welches spa- ;

ter mit einem Dache

iiberdeckt wurde, als

von einer Geschiitz-

aufstellung auf der

Plattform nicht mehr

die Rede war. Die ^

Durchfahrt, mit einem

rundbogigen Kreuzge-

wolbe iiberdeckt, war

von nicht unbetriicht-

licher Hohe, 6,20 m bis

zum Gewolbeschluss

hoch, und zeigte im ,,.„.

ausseren Portal den Schlitz fur das Fallgatter, das von dem ersten,

nur 2 m hohen Stock werk aus gehandhabt wurde. Wenn das G after

bis zur Decke des ersten Stockwerkes aufgezogen war, so liess es

einen reichlich 4 rn hohen

Raum in der Durchfahrt frei, ■

wahrend es im herabge-

lassenen Zustande die Ein-

fahrt bis auf einen kleinen

Theil des Bogens verschloss.

Anders kann man sich das

Gatter nicht wohl vorstellen,

da es wegen des im zweiten

Stockwerk befindlichen
grossen Schiessloches nicht
bis in dieses Stockwerk auf-
gezogen werden konnte.
Moglich ware es schon,
dass man bei Anbringung
dieses Schiessloches das
Gatter in das Stadtportal verlegt hiltte, was man ja auch beim Stein-
strasserthore gethan hatte und was um so wahrscheinlicher ist, als
Silbermann erwiihnt, dass an dem Thore zwei Gatter gewesen seien.
Indess war ich nicht im Stande, am Kronenburger Thor einen zweiten




236



GESCHICHTE DER BEFESTIGUNG STRASSBURGS.







Fallgatterschlitz festzustellen, sodass ich die Frage ungelost lassen
muss. In einer ^Relation wegen der Schussgatter" vom Jahre 1610

wird die Lage des Gatters am
inneren Thorthurme zwar be-
m;ingelt,'j es ist aber nicht zu
ersehen, wo sich dasselbe be-
funden hat. Dass sieh am

ausseren Thorthurm kein
Gattei* befand, geht mit volliger
Sicherheit aus einer anderen
^Relation" vom Jahre 1609
hervor,- ) in der bemerkt wird,
dass man iiber das aussere
Thor einen Thurm zur AA^acht
und zur Anbringung eines
Gatters setzen miisse, da
solches nothwendiger sei, als
dass man auf dem inneren
Thurm ein Geschiitz autstellen konnte (welchem der aussere Thurm
die Sicht nahme) ; fiir die Geschiitze seien die Walle da. Die Herren

Dreizehner beschlos-
j sen darauf, iiber dem

ausseren Thor einen
Thurm zu bauen, im
Jahre 1610 war aber
der Zustand noch der
alte. Beide Thorportale
waren im Spitzbogen
iiberwolbt und reich
profihrt.

Das erste Stock-

werk des Thurmes

diente also offenbar

nur als Wachtraum

und besass — wenig-

stens in spiiteren Zeiten

'°3- — nur Fensteroff-

nungen. Moglicher Weise war dieses Stockwerk, ehe der untere

Theil des Thurmes durch den Wall verschiittet Avurde, ebenfalls mit

1) Strss. Stdt. Arch. G. U. P. 197, 12 a. Das Gatter war ebenso wie das am Weissthurm-
Ihor erst im Jahre 1605 hergestellt worden. Prot. d. XXI. v. 1605, fol. 304.
- Ebenda, G. U. P. 114, 3.



C —




-D



DER IXXERE KRONEXBURGER THORTHURM.



237



Schiesslochern versehen, worauf noch einige Steine hindeuteten, die
als \'erzierung' derselben gedient haben konnten. Man gelangte ur-
sprunglich mittels einer an der linken Seite des Thurmes angebrachten
Treppe auf den A\^ehrgang der Stadtmauer imd von hier in das erste
Stockwerk des Thurmes, innerhalb desselben aber mittels einer \\' endel-
treppe von Stockwerk zu Stockwerk bis auf die Plattform. Der
Transport der wohl niclit grossen Geschiitzrohre, die in und auf dem
Thurm Verwendung finden konnten, geschah dann durch Oeffnungen,
welche in den Zwischen-



-t>^,o




decken angebracht und fiir

gewohnlich zugedeckt
waren. Das zweite und
dritte Stockwerk dienten
zurVertheidigungund waren
deshalb vorn und auf den
Seiten mit architektonisch
verzierten Schiesslochern
versehen. Nach dieser Rich-
tung zeichneten sich beson-
ders die beiden Schiessldcher
auf der Frontseite des zwei-
ten Stockwerkes aus, die im
Rachen eines miichtigen \Jn-
gethiims miindeten ; Piton
gibt davon eine Abbildung.
Nach der Stadtseite hatten
beide Stockwerke jc zwei

Fensteroffnungen, Die
Plattform, durch eine massig
Starke Stein brustwehr ge-
deckt, zeigte nach jeder Seite
zwei Scharten , zwischen

denen kleine Munitions- '°'*'

nischen angeordnet waren, ganz ahnlich der Brustwehr am Teufels-
thurm und am steinernen Wehrel. Die Wendeltreppe endete hier als
kleines Thiirmchen. Da der Thorthurm die Verbindung zwischen den
anstossenden AValltheilen in der Weise unterbrach, dass man einen
Umweg um ihn herum machen musste, wenn man von einem Walle
zum andern gelangen wollte, so wurde zur Herstellung einer unmittel-
baren Verbindung der Walltheile im Jahre 1601 der Einschnitt hinter
dem Thurme iiberbruckt. Ueber diesem Bruckenbogen befand sich am
Thurme folgende auf den Bau desselben bezugliche Inschrift: „Nulli




'^"V



238



GESCHICHTE DER BEFESTIGUNG STRASSBURGS.



neque vim neque insidias cogitantes sed propulsandarum ergo Res-
publica Argentoratensis fieri foecit Anno salutis MDXXXII" u'llles in
Majuskeln). Damals hatte es sich urn einen Neubau des Thurmes
oberhalb der Durchfahrt gehandelt, bei dem der Thurm mittels eines
spitzen Daches iiberdeckt wurde.

Im Mai 1601 wurde also Job. E. Meyer als Stadtbaumeister an-
gestellt, nachdem ihn, wie erwjihnt, Kaiser Rudolph im Jahre 1598

nach Wien berufen hatte. Da
der Rath ihm zur Reise die Er-
laubniss ertheilte, so muss ]\Ie3'er
doch schon damals in einem ge-
wissen Dienst verhiiltniss zur Stadt
gestanden haben. Im Uebrigen
hielten ihn die Reisekosten davon
ab, dem Rufe Folge zu leisten.
Es istjedenf alls Job. E.Me3^ers
\^erdienst, fortgesetzt auf die
Mangel aufmerksam gemacht zu
haben , welche die Befestigung
an verschiedenen Stellen zeigte.
So drang er gleich zu Anfang
seiner Anstellung darauf, dass
der Ein- und Ausfluss der Ge-
wasser besser versorgt wiirde.^;
Beim Sack- und Fischerthurm,
also am Ausfluss der 111, sei es
iibel bestellt. Man soUte von der
Futtermauer bis in die Tiefe des
Wassers Pallisaden stellen, weil
man trockenen Fusses, an der
Mauer entlang, in die Stadt
kommen konnte und kaum eine
Wache zu passiren hatte. Auch am Einfluss der 111 sahe es bos aus.
Der eine Rechen (Gatten neben der neuen Wehre sei so schlecht
angehangt, dass man zwischen den Pfosten durchschliipfen konnte,
besonders weil bei kleinem Wasser ein Herankommen trockenen Fusses
moglich sei. Selbst bei ziemlich hohem Wasserstande hatte die 111
daselbst nicht mehr als 5' 2 Schuhe (= 1,54 m) Tiefe. Hier wurde dann
auch alsbald durch Anbringung besserer Gatter Abhtilfe geschafft.-)




1) Strss. Stdt. Arch. G. U. P. 197, 12 a.
2; Prot. d. XXI. v. 1601, fol. 170 u. 179.



JOH. E. MEYER DRIXGT AUF ABSTELLUXG VON MANGELN DER BEFESTIGUXG. 239

Ebenso mangelhaft sei der Ausfluss beim Johannisgiessen beschaffen,
der nur durch ein schlechtes ^soll wohl heissen einfachesi eisernes
Gitter beschlossen wiirde, was entschieden g'eandert werden miisste.
Auch konnte dieser Ort besser geschiitzt ^Yerden, wenn zwischen
Rechen und gedeckter Briicke Ketten von einer Mauer zur andern
gezogen wiirden. Am Einfluss der 111 mochte dann an der Spitze des
jjohannser Walles" (d. i. am Teufelsthurm i eine grosse schone Wehre
gebaut werden, aber grosser als die andern, was sehr nothwendig sei
und zur besseren Defension dienen wiirde. Die mittlere Inselwehre
sei gut, es sollte aber noch eine daneben vorhanden sein und deshalb
gebaut werden. Es scheint also, dass die beiden anderen ^^>hren
nicht mehr gebrauchsfahig waren. Die Ufer hinter den gedeckten
Briicken sollte man ahnlich mit Maucrn einfassen wie beim Ausflusse
der 111. Schliesslich halt Meyer die Schiittung eines Walles vom
Fischerthor bis an den „neuen Wall" (am Gelben Eck oder am Neuen
Thor?j fiir nothwendig, doch soUten die „Schellenwercker" denselben
ein wenig von der Mauer abriicken, auch sollte befohlen werden, dass
alles Gerohr dorthin gefiihrt wiirde.

Am 23. Dezember 1602 reichte Joh. E. ]\le3'er abermals dem Rathe
einen Bericht \} ein, in welchem er die verschiedenen Schilden der Be-
festigung besprach. Da sich der Bericht der Hauptsache nach aber
nur auf provisorische Sicherungsmassnahmen erstreckt, so beschranke
ich mich darauf, an dieser Stelle nur dasjenige anzugeben, was uns
einen Einblick in den Zustand der Befestigung gewinnen lasst. Zuniichst
ersehen wir aus dem Berichte, dass zu beiden Seiten des Johannis-
giessen, wohl auf der Kontreskarpe, Blockhauser standen, die bereits
baufallig waren. Da es an Zeit und Material mangelte, an ihrer Stelle
„zwei rechte Streichen" zu erbauen, so mochte man sie, meinte Meyer,
in Eichenholz herstellen. Zwischen diesen beiden Blockhausern sei
eine Pallisadirung iiber den Giessen aufzustellen, die geoffnet und
geschlossen werden konnte und Nachts geschlossen gehalten wiirde.
Ausserhalb der Stadt am Rondel ( Streichwehr i des Johannisgiessen
habe sich soviel Sand und Boden angesammelt, dass man das Rondel
mit einer Leiter von sechs bis acht Sprossen ersteigen und von da in
die Stadt gelangen konnte, weil die vierfachen Ketten, welche das
Wasser sperrten, erst hinter dem Rondel gegen die Stadt zu angebracht
seien, dieses also nicht schiitzten. Dem miisse abgeholfen werden.
Zu dem Zweck schlagt Joh. E. Me3'er vor, das Rondel zu erhohen
und so hoch wie die Stadtmauer zu machen. Die Mauern sollen ein-
fach hoch oefuhrt und der Zwischenraum mit Boden ausgefiillt werden.



') Strss. Stdt. Arch. G. U. P. 114, 3-



240 GESCHICHTE DER BEFESTIGUNG STRASSBURGS.

Hierdurch gewonne man auch eine doppelte Defension, sowohl ins
Feld wie in den Graben, bis einmal Zeit sei, dort ein richtiges Bollwerk
zu erbauen. Dieselbe Wn-besserung solle man auch am Rondel beim
Deutschen Hause vornehmen, das auch zu niedrig sei. In welcher
Weise dieses letztere Rondel nun erhoht wurde, haben wir bereits
gesehen und auch gehort, dass ihm die Erhohung den Beinamen „die
Kanzel" eintrug. In V'erbindung damit schiittete man im Jahre 1603')
dann auch den Wall hinter dem Margarethenthurm, dessen Fehlen
Joh. E. Meyer schon friiher geriigt hatte. Hieriiber ist eine von ihm
herriihrende, sehr ins Einzelne gehende Zeichnung noch im Stadt-
archiv vorhanden, aus der auch die einzelnen Gebiiude u. s. w. der
drei Kloster zu ersehen sind.-j Bis man die Streichwehr am Johannis-
giessen erhohte, kam das Ende des Jahres 1606 heran. Erst am
16. Dezem.ber dieses Jahres wurde nach Augenschein durch die Herren
XIIL, XV. und XXI. erkannt, dass man die Yerbesserung „Vermog
des Verfertigten Models Dergestalt fiir: Vnd an die Handt nehmen
soll(e), Das der Winckel am Rundel gegen dem Neiiwenthor Zu oben
Herauss gefiiehrt Vnd also der standi erweitter werde, Desswegen Die
Verordneten Herren auch befelch Vnd gewalt empfangen, alle nott-
wendigkeit Zuuerschaffen Dar Zu ihnen auch die Drey des Pfennig-
thurns mit Zeug Vnd steinen Von dem Reinoffen (Rheinziegelofen)
behiilfhch sein sollen".^) Man nahm nun die Hausteinabdeckung der
Streichwehr herunter, verlangerte das Luftloch wie bei der Kanzel
bis in die neue Plattform, fiihrte die Umfassungsmauern hoch, iiber-
wolbte den linksseitigen Winkel zwischen Streichwehr und Stadtmauer,
wohl in ahnlicher Weise wie bei der Streichwehr „im Schafstall" und
schuf so eine durch eine Steinbrustwehr gedeckte Plattform. Joh.
E. Meyer fertigte zwei Ueberschlilge, von denen der zweite ein Weniges
bilhger war und mit 1125 Ti 15 p 6 -^ abschloss.^)



V) J. J. Meyer, 14.

2) Strss. Stdt. Arch. PI. 78 (11" 8).

3) Ebenda, V, 70 u. Prot. d. XIIL v. 1606, fol. 41'' u. 46.

*j Ebenda, V, 70. Nach dem ersten Ueberschlag wurden die Kosten des Umbaues wie
folgt berechnet : a. Stein, Zeug und Sand zu den acht Scharten in der Brustwehr, dem Trauf-
gesims, der Abdeckung der Brustwehr (wobei die alte Abdeckung der Streichwehr Wieder-
verwendung fand), dazu 17 Kopfe im verljingerten Luftloch, Auffiihrung der Umfassungsmauern
sammt Fliigel, Brustwehr, zwei Gewolben, verlangertes Luftloch, alles zusammen : 1373 fl.
9 P 4 5). l>. Arbeitslohn fiir Maurer und Steinhauer : 555 fl. 5 p. c. Insgemein : Klammern
aushauen. Flatten abnehmen, Riistholz, Nagel, Schalbretter, Blei, Eisen, Klammern : 90 fl-
Summa Summarum : 2019 fl. 4 p 4 |,. Von Einzelheiten sind zu merken : Der Schuh Haustein.
bei Schragstiicken : i p, bei Gradstiicken :, 6 ^, 1000 Backsteine : 6 fl., i Viertel Kalk : 3^4 1),
I Karre Sand: i p 6 S>, die Klafter Mauerwerk aufzufiihren : 4^6 3), der Schuh Haustein-
mauerwerk zu Scharten, Traufgesims, Abdeckung und Kopfen zu hauen : 10 >,.

Beim zweiten Ueberschlag wurde etwas weniger Mauerwerk berechnet: 136,000 Back-
steine gegen 140,000 des ersten Ueberschlages. Der zweite Ueberschlag tragt ini LTebrigen
keine Unterschrift.



t'^IBAU DER MITTLEREX IXSELWEHRE. 241

Schon im Jahre 1602 hatte man den Wall am Kronenbui-ger Thor
ausg'ebessert,^) nun versah man auch den Wall von der Giesshiitte
beim Johannisgiessen bis zum Neuthor mit einer Brustwehr, denn es
kann sich wohl um nichts Anderes handeln, wenn Job. E. Me3'er im
Jahre 1606 diesen Ban in der Weise veranschlagte, dass der Wall
12 Schuh breit und 5 Schuh hoch werden sollte. Lang war derselbe
624- = r. 175 m, sodass man 7000 Karren guter Erde zu 2 ^^ Fuhrlohn
bedurfte. Mit dem Tagelohn fiir das Abgraben, Laden, Aufsetzen,
sollte die ganze Arbeit 192 fl. 6 p 8 -rf kosten. Indess scheint man
doch auch zu einer \^erbreiterung des Walles geschritten zu sein, wie
sich dieselbe wohl aus der Anschiittung der Brustwehr nothwendiger
\W'ise ergab. Dass eine solche Verbreiterung gleich damals zur Aus-
fuhrung gekommen sein muss, geht aus einem Schriftstiick hervor,
welches der Stadtlohner im Jahre 1608 unter der Bezeichnung: ,A'er-
zeichniss aller aufgelaufenen Kosten, so ich Hans Melchior Silberrat
Stadtlohner am Wall beim Neuen Thor, in Anno 1607 und 1608 hmt
gethaner \\'ochenrechnung auf dem Pfennigthurm beschehen, verlont"
dem Rathe einreichte.-) Nach J. J. Meyer, 14, wurde der liau erst im
Jahre 1609 \olk'ndet, hat also wahrscheinlich noch weitere Kosten
verursacht.

Einen durchgreifenden Umbau der ganzen Befestigung scheint
man nunmchr g;inzlic-h aufgegeben zu habcn, denn das so eifrige Ent-
werfen ncuer JJefestlgungen h(»rt mit dem Jahre 1600 gilnzlich auf, es
trltt in dieser Ik-ziehung \()llige Ruhe ein, dagegen macht sich das
Bestreben geltend, die vorhandene Befestigung in ihrem zeitigen Zu-
stand wenigstens brauchbar zu erhalten. Wir stossen dabei auf die
bereits erw iihnten \erschiedenen Berichte, welche sich iiber den Zustand
der Schutzgatter auslassen, sowie auf andere Berichte tiber die Be-
sichtigung der W'ehren u. dergl., die indess fiir den xorliegenden Zweck
nur geringes Interesse bieten.■^i In Folge dieser Berichte warden dann
wohl kleine Verbesserungsbauten vorgenommen, welche die Protokolle
der XIII. andeuten, iiber die sich aber Mangels weiterer Nachrichten
nichts sagen lilsst. So erhielten unter Anderem am 2S. lull 1012 die



*) Prot. d. XXI. V. i6o2, fol. 24.

-) Strss. Stdt. Arch. V, 70. Danach wurden den Steinmetzeii, Mauiern, Zimmerleuteii,
Taglohnern, Schmieden, Wagiiern, und fiir rothen Sand: 2184 Pfd. 10 p 10 Sj, den Fuhrleuten
fiir 1 18 605 Fuhren Grund auf den Wall zu fahren a 2 ^: 9S8 Pfd. 7 P 6 ^, Hans Jager dem
Sleinmetz fiir das Versetzen der Abdeckung am Neuen Thor : 46 Pfd. 10 p und Niklaus Eyler,
dem Wallmeister, fiir den Abbruch einer Mauer im Verding : 27 Pfd. 10 p, alles in allem aber
3246 Pfd. 15 P 4 ^ gezahlt.

^) Strss. Stdt. Arch. G. U. P. Ii4, 3 vom 23. XII. 1602; G. U P. 197, 12" vom 15. u.
16. VII. 1607; G. U. P. 114, 3 vom 4., 5., 6. IX. 1609 und vom 11. IX. 1609; Ebenda vom Juni
1610 (lect. bei XIII. 18. VI. 1610); G. U. P. 197, 12a vom 20., 21. u. 23. VII. 1610; (J. l'. P.
114, 3 vom Juni 1612 (lect. bei XIII. 8. VI. 1612), sowie mehrere Schriftstiicke ohne Datum.

V. Ape 11, Befestigung Strassburgs. It)



242 GESCHICHTE DER BEFESTIGUNG STRASSBURGS.

Bauherrn „nach Augenschein Gewalt, am Lug-ins-Land einen Damm
zu schlagen, desgleichen unten am kleinen Griiblein auch ein Wehr
zu machen"/) so verbesserte man im Jahre 1614 den Thm^m Lug-ins-
Land-) u. dergl., und erst im Jahre 1617 entschloss man sich wieder
zu einem grosseren \^erbesserungsbau, indem man auch zwischen
Neuthor und Gelbem Eck einen Wall schuttete. Den hierfiir auf-
gestellten Grunderwerbsplan besitzt das Stadtarchiv noch heute ^) imd
ist derselbe insofern nicht ohne Interesse, als er eine genaue Ueber-
sicht iiber den zeitigen Besitzstand in diesem Theile der Stadt bietet.
Im Jahre 1616 fertigte auch Jakob (?) von der He3'den einen
Abriss der Stadt, der wahrscheinlich mit dem im Stadtarchiv unter
nr. 571 (I, 14) aufbewahrten Plan identisch ist.*j Der Rath befahl unter
dem 19. Juni 1616, dass He^-den eidUch angeben soUe, ob noch mehr
Exemplare davon vorhanden seien, auch dass ihm nicht gestattet
werden solle, den Abriss in Kupfer stechen zu lassen.^i Im Grossen
und Ganzen gibt dieser Plan ausser den Thorpassagen wenig Einzel-
heiten, sodass sein AVerth nur ein beschrankter ist, von grosser
Wichtigkeit ist dagegen ein Plan Joh. E. Meyers vom Jahre 1617, der
nicht nur silmmtliche FestungsAverke, sondern auch die niihere Um-
gebung der Stadt darstellt. Ich habe denselben bei Anfertigung der
verschiedenen Plane benutzt.^)



4. Abschnitt.

Betrachten wir zunilchst die Befestigung Strassburgs, wie sie sich
uns nach dem Plane Johann Enoch MeA^ers vom Jahre 1617 darstellt,
wie sie also bei Ausbruch des dreissigjahrigen Krieges beschaffen war,
so zeigt sich uns das Bild einer mittelalterlichen Befestigung, die duixh
Schiittung von ErdwilUen hinter der Stadtmauer und durch Erbauung
einfachster Streichwehren im Graben fur den Gebrauch der Pulver-
geschutze einigermassen hergerichtet war ; an diesem Bilde kann auch



>) Prot. d. XIII. V. 161 2, fol. 49>'.

2) Prot. d. XXI. V. 1614, fol. 204.

3) Strss. Stdt. Arch. PI. 523 (IF 14).

*) Eine Kopie dieses sehr beschadigten Planes befindet sich in der Kaiserlichen
Universitjits- und Landesbibliothek unter Nr. 239 der Handschriftensammlung, auch habe ich
selbst eine solche dem Stadtarchive iiberwiesen.

5) Prot. d. XIII. V. 1616, fol. loi.

^) Dieser Plan Joh. E. Meyers befand sich zu Ende der siebenziger Jahre des 19. Jahr-
hunderts auf dem Stadtbauamte und ist seitdem spurlos verschwimden. Gliicklicher Weise
hatte ich mir eine Abzeichnung fertigen lassen, die ich dem Stadtarchiv uberwiesen habe und
dort die Nr. 575 (I, 14a) tragt.



ZUSTAND DER BEFESTIGUNG ZU BEGINN DES DREISSIGJAHRIGEN KRIEGES U. S. W. 243

die Befestigung vor dem Judenthore und das Specklinsche Bollwcrk
Roseiieck nichts Wesentliches andern. Es ist also nicht zu leugnen,
dass Strassburg beziiglich seiner Befestigung hinter anderen Stildten
gleicher Grosse und Wichtigkeit erheblich zuriickgeblieben war. Der
Grund hierfur ist, wie bereits angedeutet wurde, nur in den gedruckten
finanziellen Verhilltnissen der Stadt zu suchen, die ihren Ausgangs-
punkt vom sogenannten bischof lichen Krieg des Jahres 1592 nahmen
Oder doch seitdem augenfallig in die Erscheinung traten. Ueberhaupt
hatte das Strassburger Gemeimvesen seinen Hohepunkt iiberschritten
und befand sich auf einer schiefen Ebene, auf der es immer mehr
herabglitt, um am Ende des Zeitabschnittes, den wir jetzt besprechen,
die Beute eines miichtigen, klugen, aber auch riicksichtslosen Nachbarn
zu werden. Wie wir die \^erhaltnisse heute iiberblicken, war es ein
Unding, dass eine Grenzstadt von der militarischen \\'ichtigkeit Strass-
burgs, die ein selbstilndiges politisches Gemeinwesen bildete, auf die
Dauer ihre Unabhiingigkeit bewahren konnte, es war gewissermassen
eine Naturnothwendigkeit, dass sie einem miichtigeren Staate anheimfiel.
In Deutschland durch ihre Stellung als Reichsstand ausreichend ge-
schiitzt, zeigte das Vordringen Frankreichs gegen den Rhein nur zu
deutlich, von wo die Gefahr drohte. Seit 1648 im Besitze des grossten
Theiles des Elsass, wartete letzteres nur auf den geeigneten Zeitpunkt,
um Strassburg mit Ueberredung oder Gewalt zu unterwerfen. Das
war auch schon damals nicht Wenigen unvcrborgen und erklart zur
Geniige die Schaukelpolitik, welche die Stadt bis zum Jahre 1681 betrieb,
um ihre den herrschenden Geschlechtern so angenehme Selbstandig-
keit moglichst lange zu bewahren. Hier interessirt uns dies alles nur
wegen der Frage, ob es geboten war, die Befestigung zu verstilrken
Oder ob man richtiger gehandelt hiitte, wcnn man sich mit der aller-
dings minderwerthigen Befestigung begniigte. Es kann nun keinem
Zweifel unterliegen, dass diese Befestigung, wie sie nun einmal be-
schaffen war, vollig ausreichte, einen Sturmversuch aussichtslos zu
machcn, ja, dass sie selbst im Stande war, einer mit nicht gerade iiber-
waltigenden Mitteln unternommencn Belagerung erfolgreichen Wider-
stand zu leisten. Dazu geniigte schliesslich selbst die waffenfilhige
Biirgerschaft, wofern sie nur gehorig organisirt und auch wu"klich in
den Waffen geiibt war. Anders lagen dagegen die Verhaltnisse, wcnn
ein machtiger Gegner mit zahlreichen Streitkrilften und einer iiber-
legenen Artillerie zur formlichen Belagerung schritt, da in diesem
Falle das Schicksal der veralteten Stadtbefestigung nicht lange un-
entschieden bleiben konnte. Aber gesetzt, die Stadt hiltte eine den
Zeitverhiiltnissen entsprechende Befestigung besessen, so wiirde auch
dies jetzt nichts Wesentliches an der Sache geandert haben, wenn

1 6*



244 GESCHICHTE DER BEFESTIGUNG STRASSBURGS,

nicht cine starke Garnison gcworbener Truppen die Wiille beschiitzte,
da die Biiroerschaft zur Durchfiihruno- einer liinger andauernden \^er-
theidigung- kaum tauglich sein konnte. So sollte man denn glauben,
dass diese einfachen Enviigungen dahin gefuhrt haben miissten, von
einem weiteren Ausbau der Befestigung abzusehen, wenn man sich
nicht gleichzeitig des Beistandes der anderen Reichsstiinde oder des
Kaisers dauernd versicherte, da man doch nicht im Stande Avar, allein
und auf die eigenen Mittel angewiesen, eine starke Garnison zu unter-
halten. Thatsiichlich hat denn Strassburg unmittelbar vor seinem
Falle sich nur dadurch schiitzen konnen, dass es Kaiserliche und
Kreistruppen aufnahm, kaum waren diese aber abgezogen, als es auch
rettungslos seinem Schicksale verfiel. So kann man also nicht anders
sagen, als dass alle Kosten, welche die Stadt in diesem Zeitabschnitt
aut die Vervollstandigung ihrer Befestigung aufwandte — ich sehe
hierbei von dem Rheinpass ab — , unniitze Ausgaben waren, welche
die finanziellen Verhiiltnisse der Stadt immer mehr zerriitteten und
das Verhangniss doch nicht abwenden konnten. Es ist dies ja keine
nachtnigliche Weisheit, da es schon fruhzeitig die Ansicht mancher
Zeitgenossen war.

Dies vorausgeschickt, wollen wir nun sehen, was zur Wn-besserung



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