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Ferdinand Apell.

Geschichte der Befestigung von Strassburg i.E. vom Wiederaufbau der Stadt nach der Völkerwanderung bis zum Jahre 1681 online

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1632 erbaut worden sei, beniht also auf einem Irrthum, da ja Adrian iiberhaupt erst im
Januar 1633 nach Strassburg kam. Im Uebrigen sagt der „Eigentliche Bericht", auf den sich
V. Pollnitz stiitzt, das Bollwerk sei 1631 „oder" 1632 erbaut worden. Auch Silbermann gibt
den 10. Mai 1633 als den Tag des Baubeginnes an.



BAU DES HEIDENBOLLWERKS. 253

denn das Bollwerk auch gleich von vornherein ummauert und an die
hinterlegene Stadtmauer angeschlossen, was bei den weiteren, nach
einem einheitlichen Plane ausgefiihrten Bauten nicht mehr geschah.
Dass das Heidenbollwerk trotzdem in diesen einheitlichen Plan passte,
lag eben daran, dass ein Zweifel iiber seine zweckmilssigste Lage
ganz ausgeschlossen schien und dass sein Bau in den Formen der
niederlandischen Schule erfolgte, die zur Zeit, zumid in Deutschland,
die herrschende war. A\'enng"leich nun Walljakob der eigentliche Bau-
leiter gewesen ist, so scheint doch Adrian eine gewisse Oberaufsicht
gefiihrt zu haben, da er im Laufe des Jahres 1633 sich ofters in Strass-
burg aufgehalten und wie es im Protokoll der verordneten Herrn vom
2. August heisst ,.in Meiner Herrn Geschaften bemiiht hat". Man
iiberwies ihm deshalb eine Behausung, die er indess wohl nur voriiber-
gehend als Absteigequartier benutzte, da Adrian unter dem 12. Sep-
tember die verordneten Herrn bittet, ihm das Hiluschen wieder einzu-
rfiumen, wobei er auch seine Dienste anbietet. Der Stadtschreiber
bemerkt, dass Morschhiiuser viel A^on Adrian halte. Man beschliesst,
ihm fiir sein Anerbieten zu danken und das Hauschen gegen billigen
Zins zu iiberlassen. Mit dieser Bemerkung in den Protokollen der
verordneten Herrn verschwindet Adrian aus unserem Gesichtskreise,
dagegen taucht in Morschh;iuser eine neue Perscinlichkeit auf, die uns
jetzt niiher besi-hJlt'tigen wird, da sic fiir .Strassburg und seine Be-
festigung von weittragender Bedeutung geworden ist. Zuniichst ist
jedoch noch zum Bau des Heidenbollwerks nachzutragen, dass man,
wie Herr Wurmbser am 26. November bei den Herrn R.'lth und XXI.
berichtete, um 72 Schuh mit der Kontreskarpe hinausriicken musste
,,\voruber die Gartner sehr lamenlirten". Es kann sich dieses Hinaiis-
rikken nur auf die Anlage des Glacis beziehen, da der eigentliche
Bau, d. h. das IJolhvcrk mit Graben, einer Aendcrung wohl nic-ht mehi
unterzogen werden konnte. l>ei dieser Gelegenheit wird Jakob Schmidt
ausdriicklich als Baumeister des Bollwerks angefiihrt.

Paul Morschhauser,!) aus Schweinfurt gebiirtig, und General-
quartiermeister der unter dem Feldmarschall Gustav Horn stehenden
Schwedischen Armee, kam mit dieser im Jahre 1633 nach Strassburg,
wo er anscheinend vorlilufig sein Standquartier nahm. Man kann
dies, Mangels naherer Nachrichten, aus seiner Th;ltigkeit schliessen,
da Strassburg mit seinem Rheinpass zur Zeit der Punkt war, um den
sich die Kriegsoperationen der Schweden drehten und von dem aus
die Geschafte ihres Generalquartiermeisters am bequemsten zu erledigen
waren. Sei es nun, dass Morschhiluser dazu aufgefordert wurde, sei



1) Gelegentlich schreibt ev sich auch Paulus Morsheuser — Stiss. Stdt. Arch. G. U. P. 1 14, 6.



254 GESCHICHTE DER BEFESTIGUNG STRASSBURGS.

es, dass er es aus freien Stiicken that, er reichte jedenfalls in den
ersten Tagen des Jahres 1634 dem Rathe eine Denkschrift ein, in der
er sich iiber die Nothwendigkeit der Neubefestigung der Stadt aus-
sprach/) nachdem er bereits im Oktober 1633 Vorschlage fiir die Be-
festigung von Kehl eingereicht und deren Ausfuhrung durchgesetzt
hatte. In dieser Denkschrift fasst ]\lorschhauser seine Ansichten und
Vorschlage unter funf Punkten zusammen, 1. Er ist der Meinung,
dass nachst Gottes \^orsehung kein anderes Mittel vorhanden sei,
Religion und Freiheit zu schiitzen, als die bessere Befestigung der
Stadt ins Werk zu setzen und diese alsdann zu vertheidigen, da die
zeitige Befestigung, wie die von ihm beigefiigte „Planta 1" zeige,^)
nicht geniige. 2. Nothwendig sei es, die Sache mit Ernst anzufassen,
ohne Rucksicht auf die entstehenden Kosten und die in Anspruch
genommenen Guter, Aecker, Garten und Baume : diejenigen Personen,
welche das Werk nicht forderten, sondern ihm entgegenhandelten
Oder redeten, sollten nicht als Freunde, sondern als „Verhinderer Ge-
meiner Statt Wohlfarth" angesehen werden. 3. Wenn man sich dann
entschlossen habe, den Umbau der Werke in Fortgang zu bringen,
ware es nothwendig, aus der Mitte des Rathes einen Ausschuss zu
ernennen, der Vollmacht erhielte, alles ins Werk zu setzen und zu
ordnen, damit unnothigen Disputationen und Hindernissen aus dem
Wege gegangen wiirde. Diese Manner mussten Lust zur Sache haben
und von anderen beschwerlichen Aemtern in etwas befreit werden,

4. Es sei durchaus nicht rathsam, mit Fronen zu arbeiten, da die Leute
theils der Arbeit nicht gewohnt, theils unfleissig seien, sodass das Werk
Schaden litte. Statt dessen moge man eine bestimmte Summe aus-
werfen, die wochentlich verbaut werden sollte, so an 1000 Reichsthaler,
wofur man etwa 800 Arbeiter tilglich anstellen konnte, aber Heber
mehr denn weniger. Mit dieser Arbeiterzahl wurde die Befestigung
im Jahre 1634 nach der beigefugten „Planta2"^) fertig zu stellen sein.

5. Demnilchst wiiren die Werke nach und nach zu „verschweren" und
zu verstarken und mit den alten Willlcn innerhalb ^ier Jahren in Ver-
bindung zu bringen, wie „Planta3"-^) anzeige, sodass die Stadt alsdann

') Siehe Nr. 9 der Anlagen. Dass die ohne Datum gelassene Denkschrift aus dem
Anfang des Jahres 1634 stammen muss, ergibt sich aus ihrem Punkt 4, wo Morschhauser von
„diesem Jahre" spricht. Die Denkschrift kam am 19. Februar 1634 bei Rath und XXI. zum
Vortrag und kann nicht etwa aus 1633 stammen, da man „in diesem Jahre" den Bau nach
Plan 2 ja nicht mehr hatte fertig stellen konnen.

2) Strss. Stdt. Arch. PI. 569 (I, 16). Der Plan zeigt eine ganze Anzahl Unstimmigkeiten,
die indess fur die Entwurfsbearbeitung Morschhausers ohne Belang waren. Dieselben wieder-
holen sich in Morschhausers Planta 2.

^) Strss. Stdt. Arch. PI. 529 (I, 18), auch ist das Konzept dieses Planes erhalten: PI. 4
(T, 17).

") Ebenda, PI. 56S (I, 19).



MORSCHHAUSER KOMMT NACH STRASSBURG U. S. \V. 255

sich kiinftiger Gefahr widersetzen und Entsatz abwarten konnte. Ein
solch niitzliches Werk wiirde der Stadt bei ihren Nachkommen zum
Ruhme gereichen. — Als Erganzung zu dieser Denkschrift befindet
sich ferner im Stadtarchiv ein Memorial Morschhausers, in dem er
sich iiber die Art des Baubetriebs ausspricht.') Auch hier fasst er
seine Meinung in fiinf Punkte zusammen. 1. Das Werk zwischen
dem Weissthurm- und dem Kronenburger Thor bekmgend, findet er
das Schanzen mit dem gemeinen Mann, d. h. die Fronarbeit, gar nicht
gut; wenn das so fort ginge, so wiirde man zu seiner Fertigstellung
wohl ein ganzes Jahr brauchen. 2. Es wiire zweckmassig, wenn man
die Bauern aus den Dorfern zur Arbeit herbeiholte und ihnen die
Arbeit ruthenweise gegen Bezahlung austheilte, auf solche WeisQ^
habe er das Werk zu Mainz verfertigt und wollte er wohl berechnen,
wie theuer eine jede Ruthe zu stehen kiime. 3. Es ware nothig, dass
der Rath veranlasste, dass taglich mit hundert Pferdekarren geschanzt
wiirde, dazu gehorten hundert Mann, welche die Karren fiillten, damit
jederzeit fiinfzig Karren fiihren und fiinfzig geladen wilrden. Auch
diese Leute soUten gegen Bezahlung angenommen werden. 4. Diese
hundert Karren sollten auf hollandische Art in zehn Parthien getheilt
werden, rund um das Werk, und sollte man Morgens um 6 Uhr die
Arbeit beginnen und tagsiiber zweimal 1^2 Stunden rasten, also drei
Mai an die Arbeit gehen. 5. Ferner brauche man zum Abladen der
Karren und zum Ebnen der Erde eine Anzahl Leute, damit die Karren
rasch befordert wiirden und das Werk seinen guten Fortgang nahmc.
Betrachten wir nun Morschhausers Entwurf , und zwar seinen Plan 3,
der die Befestigung nach ihrer Vollendung zeigt, ehe wir danach sehen,
wie sich der Rath zur Sache stellte. Im Grossen und Ganzen schloss
sich der Entwurf der alien Befestigung an, ohne sich doch sklavisch
daran zu binden, d. h. er behielt von der alten Befestigung bei, was irgend
beizubehalten war, ohne dadurch den Gesichtspunkt einer wirklichen
Verbesserung aus dem Auge zu verlieren. Eine solche war besonders
fiir die beiden Eckpunkte der Westfronten angezcigt und diese beiden
gefahrdeten Stellen beseitigt der Entwurf dadurch, dass er einerseits
zwischen Lug-ins-Land und Elisabeththor, andererseits zwischen Rosen-
eck und Fischerthor eine ganz neue Befestigung ins Feld vorschiebt.
Ebenso sollte zwischen Johannisgiessen und Spitalthor eine gerade
Linie hergestellt und dadurch die unregelmiissige Befestigung beim
Metzgerthor beseitigt werden. Das alles war gewissermassen schon



1) Siehe Nr. lo der Anlagen. Das Memorial triigt zwar. nicht die Unterschrift Mursch-
hausers, stammt aber jedenfaHs von ihm, da er darin auf seinen Bau bei Mainz — die (Justavs-
burg — Bezug nimmt.



256 GESCraCHTE DER BEFESTIGUNG STRASSBURGS.

durch die Anwendung' regelrechter bastionirter Fronten geboten, die nach
niederlandischer Art gestaltet werden sollten. Von den vorhandenen
Thoren will Morschhiiuser das Kronenburger-, Fischer- und Metzger-
thor eingehen lassen, das Weissthurmthor in die Front Weissthurm —
Heidenbolhverk verlegen, auch das Elisabeththor etwas nach rechts
verschieben. AUe Thore werden durch Raveline gedeckt und vor den
vier Bolhverken am Aus- und Einfluss der 111 sogenannte halbe Monde
angelegt. Ein gedeckter Weg mit Waffenpliltzen auf denjenigen Fronten,
die keine Raveline erhalten, sollte die ganze Befestigung umgeben.
Bei dieser Gestaltung des Umzuges ergab sich die Lage einer Anzahl
Bolhverke von selbst, so bei Lug-ins-Land, am Weissthurmthor, am
Gelben Eck und am Johannisgiessen ; das Heidenbolhverk und das am
Roseneck waren vorhanden. Zweifelhaft konnte es also nur sein,
wie viel Bolhverke man zwischen die festliegenden einschieben wollte,
und hierum drehte sich dann auch der Streit der Meinungen. Im
Plan 3 ]\iorschhausers sind nun zwei Bolhverke zwischen Heidenbolhverk
und Roseneck, vier Bolhverke zwischen Roseneck und Gelbem Eck
und sechs Bolhverke zwischen Johannisgiessen und Lug-ins-Land vor-
gesehen, sodass die Befestigung inSumma achtzehn Fronten mit achtzehn
Bolhverken ziihlte, von welchen letzteren zwei bereits vorhanden waren.
Was die Liinge der Fronten betraf, so schwankte sie zwischen SO und
105 Ruthen, blieb also in den Grenzen des Avirksamen Kartatschschusses.
Abgesehen von den an den schiirfsten Ecken geiegenen Bolhverken
Lug-ins-Land, Gelbes Eck und Johannisgiessen, sollten die Bolhverke
recht- Oder stumpfwinklig werden. Man muss anerkennen, dass der
Entwurf durchaus zweckmiissig ist und sich in den Grenzen des Noth-
wendigen und Niitzlichen bewegt, abgesehen von den vier halben
Monden an der 111, die man wohl als entbehrlich bezeichnen kann.
Die Ausfiihrung dachte sich Morschhiluser nun so, dass alles von den
neuen Werken, was ausserhalb der vorhandenen Befestigung zu liegen
kam, zuniichst in Erde hergestellt werden sollte, abgesehen von den
Ravelinen und halben ]\Ionden, die er iibcrhaupt erst spiiter erbauen
wollte; demnachst sollten dann die Werke nach und nach mit Mauer-
werk bekleidet, mit der hinterliegenden Befestigung verbunden, sowie
die Raveline, halben Monde, der gedeckte Weg und das Glacis angelegt
werden. Auch dieser Vorschlag erscheint durchaus sachgemiiss. Den
Zustand nach dem ersten Baujahre vergegenwartigte Morschhilusers
Plan L\ in den verschiedene Aenderungen mit Bleistift — wohl nach-
traglich — eingetragen sind, von denen der halbe ]\Iond \or dcm
Roseneck aber thatsiichlich zur Ausfiihrung gekommen ist. Im Uebrigen
erlitt MorschhJiusers Entwurf, wie wir spiiter sehen werden, imch sonst
noch mehrere Abanderunoen.



BERATHUXGEX UBER MORSCHHAUSERS EXTWURF. 2v37

Bereits am 4. Januar 1634 kamen Morschhitusers Vorschlage bei
den verordneten Herrn zur Sprache ' i und wurde die Frage aufgeworfen,
ob Morschhauser in Bestallung zu nehmen und die Stadt durch ihn
neu zu befestigen sei. Es sei fiir eine sonderbare Schickung Gottes
zu halten, dass der ]\Iann eine solche Begicrde zur Fortifikation trage,
Avo der Feind innerhalb 8 Tagen unter die Geschiitze kommen konnte.
Den Bau wiirde man mit Hiilfe der benachbarten Reichsstande aus-
fiihren konnen. Melleicht mochte sich jNlorschhauser ganz und gar
in Strassburg niederlassen. Man beschloss ihn zu verpflichten, den
Umbau fortzufuhren, zunachst aber sollte die Sache in die grosse Stube
(d. i. vor Rath und XXI. i und vor die Schoffen gebracht werden,
besonders wegen Bereitstellung der benothigten Mittel, Morschhauser
begehrte dann Unterhalt fiir acht Pferde, alio Quartal zelm Sacke
Weizen oder Korn, ein Fuder W'ein, 400 Thaler, ferner freie Wohnung
und Beheizung, was indess den Herrn doch etwas zu viel schien. Es
sollte ein anderer\^orschlag von ihm gefordert werden, 1000 Thaler seien
genug.-) Dann mochte er sich aussern, wo zu beginnen sei, da man
doch nicht an alien Orten zugleich anfangen k()nnle. Die Angelegenheit
sei vor die XIII. zu bringen. Am 1:5. Januar land eine weitere Be-
sprechung bei den verordneten Herrn statt, in der vor alien Dingen
die Frage erwogen wurde, ob und wic die Besitzer zu entschadigen
seien, welche Grundstiicke u. dergl. hergeben mussten, und ferner,
w^as man den Schoffen sagen wollte. Man beschloss, ein Konzept zu
diesem Schoffenvortrage aufzusetzen und alsdann weiter iiber die
Frage zu verhandeln. Am 17. januar erorterte man ebendaselbst,
dass es unmoghch sei, alles auf einmal zu beginnen, wie es Morschhauser
fiir das erste Baujahr in Aussicht genommen hatte, da es an den
Mitteln fehle. Man musse auch jedem freistellen, mit (Jeld oder dem
Leib zu fronen. Es wurde beschlossen, die Sache mit Morschhauser
zu besprechen, den \'ortrag aufzusetzen und „das Werk bei Meinen
Herrn auszumachen", d. h. die Sache beim Rathe zum Austrage zu
bringen.

In der Sitzung der verordneten Herrn vom 21. Januar wurde dann
der Vortrag an die Schoffen verlesen. Dieser etwas langathmige\'ortrag



',) Prot. d. verordn. Herrn v. 4. I. 1634, fol. 233. — Ich muss hier bemerken, dass die
Protokolle der XIII. an vielen Stellen liickenhaft oder beschiidigt sind und gerade im Jahre 1634
beziiglich der Entwickelung der Befestigungsfrage ganz aussetzen; auch sonst fehlen ganze
Biinde. Ausser den Protokollen der XIII. benutzte ich dann noch die der XXL, der verord-
neten Herren und der Oberhauherren. Alle diese Protokolle lassen aber vieles dunkel, schon
deshalb, weil sie meist in kiirzester, stichwortartiger Form abgefasst sind. Ich habe versucht,
aus den verschiedenen Bruchstiicken ein einigermassen anschauliches Bild der Entwickelung
der Befestigung zu entrollen, kann aber natiirlich nicht mehr geben, als vorhanden ist.

2j D. h. jahrlich, statt der geforderten 1200 Thaler.

V. Apell, Befestigung Str.issburgs. I 7



258 GESCHICHTE DER BEFESTIGUNO STRASSBURCS.

ist gliicklicher Weise noch vorhanden'i und zeigt uns in erster Linie die
Schwierigkeiten, die es machte, die Sache ins Werk zu setzen. Man
berathschlage, so fuhren die verordneten Herrn aus, seit mehreren
Wochen, habe aber wegen der Wichtigkeit der Sache noch zu keinem
Schhisse kommen konnen. Nun zweifle man ja nicht, dass ein jeder Patriot
es von Herzen wiinschen wurde, dass die Stadt aufs Beste befestigt
werde, und dass die Biirgerschaft, wenn man ihr die Nothwendigkeit
einer Verstarkung der Befestigung klar mache, Anfangs mit Rath und
That beispringen wiirde, die Erfahrung lehre aber auch, dass man bald
,,mud, massleidig und trag" zu werden pflege und den Muth zu friihe
sinken lasse, wie man das genugsam beim Bau des neuen Bollwerks
zwischen Weissthurm- und Kronenburger Thor sehen konnte. Nun
wiiren aber unmoglich die vielenErmahnungen, die der Stadt zugegangen
seien, sich in bessern Stand zu setzen, in den Wind zu schlagen, da
die Gegner alles zum \^erderben der evangehschen Christen und zu ihrer
Ausrottung anlegten. Es wiirde deshalb den lieben Mitbiirgern hier-
durch berichtet, dass der KonigHch schwedische Herr Feldmarschall
Gustav Horn aus Zuneigung gegen das Gemeine Stadtwesen seinen
Generalquartiermeister Paul Morschhauser zur \^erfugung gestellt habe,
der in Fortifikations- und Kriegssachen, beides in Theorie und Praxis,
sehr geiibt und erfahren und ein tapferer Mann sei; seines Gleichen
wiirde man vielleicht in Deutschland nicht finden. Der habe nun die
Befestigung besichtigt, ihre Mangel nachgewiesen und einen Entwurf
fur den Um- bzw. Neubau der Werke aufgestellt. Hierauf wird der
Morschhausersche Entwurf mit seinen drei Planen vorgelegt und ein
Nr. 4 bezeichnetes Bedenken Morschhausers vorgelesen, in dem er den
Geld-, Material-, Arbeiter- und Zeitbedarf berechnet. Mit diesem Be-
denken Nr. 4 kann wohl nur der Punkt 4 seiner Denkschrift gemeint sein,
in dem Morschhauser uber die erforderlichen Mittel handelt. Demnachst
tragen die verordneten Herrn ihre Bedenken gegen Morschhausers
Entwurf vor, die sie in „vier schweren Betrachtungen" zusammenfassen :
Erstens seien die Geldmittel gar zu hoch gesetzt, da sie des Jahrs,
wenn man die Bestallungen und nothwendigen Auslagen fur die Mate-
rialien mit einrechne, sich weit tiber eine Tonne Goldes belaufen wurden;
Zweitens miisste eine ziemliche Anzahl guter Giiter, Matten, Garten u. s. w.
weggenommen werden ; Drittens ware die Sache doch undurchfiihrbar,
selbst wenn man die Werke nur mit Fronen bauen wollte, und Mertens
miisste bei den weitlauftigen A\^erken zur \'ertheidigung derselben
stiindig eine grosse Garnison unterhalten werden. Indess, so schwer
dies auch in die Wagschale falle, so miisse man doch ,,die Discours und



^) Siehe Nr. 1 1 der Anlagen.



scHOFFExvoRTRAG, :m6r.schhauser.s vorschlag betreffexd. 259

Erinnerung derjenigen anhoren, so sich auf das Fortifikations- und

Kriegswesen verstehen". Diese sagten, die Stadt habe an etlichen

Orten so grosse Fehler, dass ein machtiger Feind, „nach heutiger Art

zu kriegen", die Stadt in wenigen Tagen erobern konnte. Nun sei ja

zwar jede Festung, so stark und wohlversehen sie auch wiire, mit

Macht und List zu iiberwinden, man bedurfe aber eine starke Befestigung

„dass man sich eine Zeit lang aufhalten, den Feind abmatten, und

des Freundes succurs abwarten konne". Das hiabe Strassbui'g als

Grenzstadt noch mehr zu beachten als andere Stadte. Alle anderen

vornehmen Stadte, wie Niirnberg, Frankfurt, Ulm, Augsburg, Hamburg

hatten ihre Befestigung innerhalb weniger Jahre ansehnlich verbessert,

sodass es befremdlich sein wiirde, wenn Strassburg solches langer

anstehen lassen wurde, wo es doch von so vielen Wohlmeinenden

gewarnt und auf die Herstellung einer besseren Befestigung hingewiesen

worden sei. Es ware auch zu bedenken, dass in einem Ungliicksfalle

— wobei an Magdeburg erinnert wird — in einer Woche mehr verloren

ginge, als die ganze Befestigung kosten konnte. Deshalb sei es als

ein besonderes Gliick zu erachten, dass man jetzt einen solchen Mann

wie Morschhiluser haben konnte, den man so lange gewiinscht und

mit grossen Unkosten gesucht hatte, der keine iibermiissigen Anspriiche

mache und bei dem man sicher sei, dass er keine Stumperarbeit leisten

wiirde. Es bleibe auch bei dem Morschhauserschen Vorschlag die Stadt

in den zwei ersten Jahren geschlossen und wiirden die neuen Werke

von der alten Befestigung aus derart unter Feuer gehalten, dass sich

der Feind ihrer nicht bemiichtigen und darin festsetzen konnte. Dann

wird auf das \'erhalten der Stadt im Jahre 14/v) hingewiesen und der

bereits erwahnte Hericht verlesen, der auf Grund der alten Protokolle und

Register aufgestellt worden sei.': Das Beipiel der Stadt im genannten

Jahre und die A^orstellung der Bau- und Kriegsverstandigen habe nun

die verordneten Herrn iiberzeugt, dass es rathsam und wohlgethan

ware, die Stadt nach Morschhilusers Entwurf zu befestigen, wenn nur

die Mittel aufzubringen waren, was diese aber anlange, so hatten sie

dahin gedacht, einerseits die Stadtkasse, andererseits die Arbeitskriifte der

Biirger in Anspruch zu nehmen. Die Kasse und Geldmittel betreffend,

seien zwar Seitens der Ziinfte unlangst allerhand gute Vorschlage

gemacht worden, auch ware bekannt, dass bei anderen Stadten zu

solchem Zwecke ein Wallgeld eingefordert, die Zolle erhoht, das

Ungeld vermehrt, die Licentien angestellt und sonstige extraordinaire

Mittel praktizirt wiirden, die verordneten Herren erachteten es aber fiir

besser, wenn die Stadt ihren alten Pfad wandle und bei der durchgehenden



') Siehe Nr. 12 der Anlagen.

17^



260 GESCHICHTE PER BEFESTIGUNG STRASSRURGS.

Fron bleibe, da dies der schleunigste, beste und am wenigsten be-
schwerliche Weg sein mochte. Das sei indess so zii verstehen, dass
derjenige Burger, welchcr die Fron in C'.eld zahlen konnte, nicht mit
dem Leib zu fronen brauche. Wer dies sein wiirde, das hiitten die
Ziinfte festzustellen, und sei es erwunscht, wenn moglichst alle Zunft-
genossen das Geld an Stelle der Fron erlegten, da dies dem Werke
nur forderlich sein konnte. Wenn nun jedermann wochentlich wenigstens
einen Tag frone und die Fron zu 2 Schilling gerechnet wurde, so mache
dies auf das Jahr, bei 52 Wochen, 10 Gulden 4 Schilling. Da es aber
vermuthlich Mele gabe, die aus patriotischem Gemuth und aus rechter
Treue und Liebe gegen die Stadt aus freien Stiicken ein Mehreres
thiiten, so ware ihnen wohl zuzumuthen, dass sie die Betriige auf ein
Jahr Oder doch ein halbes, und wenn es nicht anders sei auf ein Mertel-
jahr vorausbezahlten „damit man gleich Anfangs einen nervum habe,
und die Bau Cassa mit einer erkleckUchen Summe gefasst sein moge."
Aehnlich solle mit den Schirmsverwandten verfahren werden, desgleichen
mit den Unterthanen auf dem Lande. Dazu sollten dann vier Herrn
aus den vier Regimentsstuben geordnet werden, welche nicht nur
uber das Bauwesen Befehl und Gewalt erhalten, sondern auch die
Aufsicht iiber die Kasse fiihren mochten. Im Uebrigen ware die Bau-
kasse wie bisher Herrn Johann Friedrich von Gottesheim anzuvertrauen,
der gehalten sein sollte, um Johannes Baptista und um die Weihnachten
vor den verordneten Herrn und den Rathen und XXI. gebuhrliche und
spezifizirte Rechnung zu legen. ^^'as nun die Aussteckung derWerke
betrafe, so musste man Alorschhauser und dessen Kondukteuren und
Angestellten, sowie den vier verordneten Herrn vertrauen, doch zusehen,
dass die nothigsten Werke zuerst vorgenommen und nicht zu viel auf
einmal angefangen wurde; vor alien Dingen sei aber das neue BoU-
werk zwischen AVeissthurm- und Kronenburger Thor fertig zu stellen.
Soweit irgend moglich, ware im \>rding Akkordi zu arbeiten, im
Uebrigen zu hoffen, dass die niichsten Xachbarn der Stadt, besonders
diejenigen, die im Kriegsfalle in der Stadt Schutz suchten, sich zu
einer freiwilligen Fron ihrer Unterthanen herbeilassen wiirden, sodass
man die von Morschhauser verlangten 800 Mann, wenn auch nicht ganz,
so doch nahezu zusammenbringen wiirde. Dabei sollten dann aber
keine jungen Leute unter 18 Jahren, auch keine alten unvermogenden
Manns- oder Weibspersonen zugelassen werden. Schliesslich wird Der-
jenigen gedacht, welche ihre Giiter und Aecker hergeben mussten. Da
man indess noch nicht wisse, wer dies sein wiirde, so wird vorgeschlagen,
die Frage bis nach der Aussteckung der Werke zu vertagen.

Am 17. Februar fand nochmals eine Sitzung der verordneten
Herrn statt, in der berichtet wurde, dass sich Morschhauscr mit dem



SCHOFFENVORTRAG, MORSCHHAUSERS VORSCHLAG BETREFFEXD. 261

Kronen zwiir einverstanden erklilrt habe, jedoch dafiirhalte, dass man
beim Roseneck das Feld nicht schonen konnte, da sonst die halbe
Steinstrasse draufginge. Es wurde nun festgestellt, wie die Sache vor
die Schoffen zu bringen sei. Offenbar liatte sich eine Stromung gegen
das Herausrucken der Befestigung auf die Finkmatte geltend gemacht,
die indess nicht die Oberhand behielt und auch mit triftigen Griinden
leicht zuriickgewiesen werden konnte.

Demnachst gelangte die Angelegenheit zur Beschlussfassung an
die Herrn Rath und XXI, bei denen unter dem 19. Februar die Frage
aufge^Yorfen wurde, ob man mit dem Umbau der Befestigung nach
Morschhausers \"orschlage fortfahren solle. Hier wurde nun mancherlei
gegen den Bau geltend gemacht. Man fiihrte aus, dass der Umbau
zur Zeit nicht nothig sei, da man iiber den allgemeinen Frieden ver-
handle, man kame doch zu spat, wenn der Bau auch jetzt wirklich
begonnen wtirde, es sei unmoglich, die vielen Werke auszufiihren, die
Biirgerschaft sei ausgesogen, unerfahren und unfleissig, der neue Bau
erfordere eine bestandige grosse Garnison. W'ann die Ausfiihrung
nothig, niitzlich, riihmlich und erschwinglich sei, ware im \'ortrage an



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