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Ferdinand Apell.

Geschichte der Befestigung von Strassburg i.E. vom Wiederaufbau der Stadt nach der Völkerwanderung bis zum Jahre 1681 online

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die Schoffen begriffen. Indess blieb diese die Nothwendigkeit des
Baues verneinende Partei in der Minderheit, sodass „die Maiora bey
H. Rath vndt XXI. erkandt disc Fortification fort zu setzen". Die
Angelegenheit konnte nun endUch am 22. Februar vor die Schoffen
gebracht werden. ^^ Aber auch hier ging es nicht ohne Widerspruch
ab. Man machte geltend — wer? wird nicht gesagt - , dass der
Abriss von HartUeb in der Kunstkammer'^) dem Morschhauserschen
fast gleich ware, dass man aber alle Zeit abgehalten gewesen sei,
denselben auszufiihren, da man damit zu weit ins Feld kame. Die
Besatzung wtirde zu gross, man brauche zuviel Pulver u. s. w., der
Unterhalt der Soldaten sei zu theuer. Morschhauser sage zwar, der
Bau konnte in vier Jahren zu Stand gebracht werden, das werde aber
noch nicht in zwanzig Jahren der Fall sein, und wenn man die Werke
etwa nicht ummauern wollte, so wurden sie keinen Bestand haben.
Morschhausers Interesse sei es, die Stadt in die Lage zu bringen, dass
sie seiner nimmer entrathen konnte, sondern ihn mit ubergrosser Be-
stallung behalten musste. Grosse, volkreiche Stiidte wurden selten
mit Gewalt, meist durch Hunger bezwungen, weshalb es nutzlicher sei,
das Geld an einen Vorrath zu wenden. Da die Burgerschaft schon
so sehr beschwert sei, musste man beftirchten, dass sie erliegen wurde,



'j Strss. Stdt. Arch. Wencker II, i68 und Prot. d. XXI. v. 1634, fol. 34.

^) Die Kunstkammer befand sich bis zum Jahre 1741 im sogenannten ,,neuen Bau",
dem Stadthause am Gutenbergsplatz, dann wurde sie in das „Observatorium am Spitaltlior",
d. h. den Spitalthorthurm, verlegt. Seyboth, D. a. Strss. 131.



262 GESCHICHTE DER BEFESTIGUNG STRASSBURGS.

sodass man nachher, ausser dem Schaden, auch noch den Schimpf
hatte. WoUte man bauen, so sollte man es nach innen thun, da die
Hauser in den Vorsttldten wenig- Werth besiissen, man mochte also
irregular bauen. Solches wurde Bestand haben, da man fremdes V^olk
dazu nicht bediirfe. Dazu sei Morschhauser aber nicht qualifizirt oder
er wollte es so nicht machen. Vor die Thore konnten Raveline gelegt
und an anderen Orten wohl auch kleine Aussenwerke erbaut werden.
Bei den Zeitlauften habe man alle Ursache, den Sackel der Biirger zu
schonen. — Aber auch hier drang diese nicht unbegriindete Anschauung
keineswegs durch, die Schoffen beschlossen vielmehr: „man solte
bawen, doch nicht mehr iedes mal anfangen als man in einem iahre
vollenden gebauwet, auch ihnen von iahr zu iahren von allem bericht
thun, vndt ohn ihr ferens einwilligung nicht fortfahren''. Das war
also ein Mittelweg, den die vSchoffen einschlugen, aber man kann nicht
sagen, dass er der beste war. Es war nichts Ganzes und nicht einmal
etwas Halbes, man nahm den umfassenden Umbauentwurf an und
machte alles doch wieder von der Beirathigkeit der Gelder abhangig.
Wurden diese nicht jahrlich von Neuem bewilligt, so blieb das ganze
Werk in seiner Entwickelung stecken. Dass man die Schoffen nicht
etwa gegen ihren Willen fortreissen konnte, dafiir sorgten sie durch
die Bestimmung, dass nichts begonnen werden durfte, bevor das An-
gefangene fertiggestellt war. Da ware es denn in der That verstandiger
gewesen, man hatte sich der Ansicht der Minoritat angeschlossen, sich
mit den nothwendigsten Verbesserungsbauten beholfen und im Uebrigen
die Sache auf sich beruhen lassen. Die Folge des Schoffenbeschlusses
war dann auch, dass der Morschhausersche Entwurf noch nicht einmal
im Jahre 1681 durchgefuhrt war und trotzdem eine ausserordentliche
finanzielle Belastung der Biirgerschaft zur Folge gehabt hatte. Ohne
dass ein Schuss von den neuen Wallen fiel, ging die Unabhangigkeit
der Stadt verloren ; ihren Zweck hatten sie also zweifellos verfehlt.
Nachdem man nunmehr mit den Schoffen ins Reine gekommen
war, ging man daran, sich mit den Konstofflern, dem Schirmgericht,
dem Landpfleger, dem Generalstatthalter, dem Rheingrafen Otto fwegen
des Amtes Dachstein und Molsheinii auseinanderzusetzen,' ) gleichzeitig
fand aber eine Umarbeitung des Morschhauserschen Entwurf es statt,
auf wessen Veranlassung bleibt unbekannt. Dieser umgearbeitete Ent-
wurf befindet sich ebenfalls noch im Stadtarchiv,-j und wenn auch
sonst nichts davon Kunde gibt, so miissen wir doch annehmen, dass
er ebenfalls von MOrschhauser herriihrt, weil sich im Verlaufe der
Zeiten mehrfach auf einen Morschhauserschen Plan berufen wird,



*) Prot. d. verordn. II. v. 26. 11. 1634, ful. 251'' u. 25:
2) Strss. Stdt. Arch. PL 19/545 (I. 20j.



MORSCHHAUSERS UMGEARBEITETER ENTWURF. 263

unter dem nur dieser Plan verstanden sein kann. Er unterscheidet
sich von Morschhausers Plan 3, abgesehen von einer sorgialtigeren
Duixharbeitung, nur in Einzelheiten, halt aber die allgemeinen Grund-
ziige fiir den Umbau durchaus fest. Dass er der Ausfiihrung zunachst
zu Grunde gelegt wurde, ist unzweifelhaft. Seine wesentlichen Ab-
weichungen gegen den ersten Entwurf bestehen darin, dass zwischen
Heidenbolhverk und Bolhverk Roseneck drei I'statt zwei) Bolhverke
eingeschoben werden, ebenso dass zwischen Roseneck und unterer 111
vier istatt drei), und zwischen Johannesgiessen und oberer 111 sechs
istatt fiinf ; Bolhverke zu liegen kommen. Es findet somit eine \^er-
mehrung um drei Bolhverke statt, sodass die Gesammtzahl von acht-
zehn fbzw. sechszehn neuen; auf einundzwanzig (bzw. neunzehn neue)
steigt. Dagegen kommen die vier halben Monde zu beiden Seiten des
Ein- und Ausflusses der 111 in Wegfall. Auch bezuglich der Thore
findet eine Aenderung gegen den ersten Entwurf statt, indem das
Weissthurmthor an seiner alten Stelle liegen bleibt und durch ein
Ravelin gedeckt wird. Ueber das Kronenburger, Fischer-, Metzger-,
Spital- und Elisabeththor lasst sich nichts sagen, da sie im Plan nicht
angedeutet sind, dass sie etwa sammtlich wegfallen sollten, ist aber
gar nicht anzunehmen. So deutet auch ein vor dem Fischerthor ge-
legenes Ravelin an, dass dieses Thor nun doch nicht eingehen sollte.
Wenngleich also das Weissthurmthor in diesem Entwurf nicht in die

Front Miiller Heidenbolhverk gelegt wird, so erhalt letztere trotzdem

ein Ravelin, jedenfalls deshalb, well sie Morschhauser etwas lang er-
schien. Ueberhaupt ersieht man aus dem ganzen Entwui'f das Bestreben,
die Fronten zu verkiirzen. Eine Verstarkung wird dann dem nicht
ganz zu beseitigenden scharfen Bruchpunkt beim Roseneck zu Theil,
indem vor der Spitze des Bolhverks ein halber Mond angelegt und
auch die Front Roseneck-Finkmatte mit einem Ravelin versehen wird.
Die Bolhverke erscheinen jetzt sammtlich rechtwinklig oder nahezu
rechtwinklig und mit einem Xiedenvall versehen, die ganze Befestigung
aber umgibt ein Vorgraben am Fusse des Glacis. Im Uebrigen ist der
Entwurf auf einen richtigen alten Plan gegrundet und sehr sorgfaltig
gezeichnet. Wie ein Protokoll der verordneten Herrn vom 30. Juli 1634
besagt, wurde Morschhausers Plan Seitens der Zunfte von neunzehn
auf achtzehn Bolhverke gebracht, und lasst sich diese Angabe nur so
erklaren, dass man wieder auf die zwei Bolhverke zwischen Heiden-
bolhverk und Roseneck zuruckkam, w^as allerdings eine Ersparniss
bedeutete. Insofern blieb die Sache aber gegenstandslos, als weder
zwei Bolhverke neben dem Kronenburger Thor noch eines an Stelle
der runden Wehre jemals angelegt wurden. An einer anderen Stelle
kann der Ausfall eines Bollwerkes nicht gut beschlossen worden sein,



264 GESCHICHTE DER BEFESTIGUKG STRASSBURGS.

da sowohl die allerdino-s unvoUendet oebliebene Befestig'ung" zwischen
Roseneck und unterer 111 aiif vier Bolhverke, als diejenige zwischen
Johannisgiessen und oberer 111 auf sechs Bolhverke veranlagt wurde.

Am 18. Juni 1634 begann derBau') und zwar mit dem des nach-
maligen Steinstrasser Bollwerkes ispiiter Bastion 11 , d. h. des Boll-
werks links vom gleichnamigen There, zuniichst als Ravelin in Erde,
am 28. Juli ting man die Werke zwischen Roseneck und unterer 111-)
an, beschriinkte sich hier aber zunachst ebenfalls auf einen Erdbau
und aut die beiden dem Roseneck benachbarten Bolhverke mit zu-
gehorigen Kurtinen, wodurch man bis in die Nahe der neuen Wehre
vor dem Judenthore gelangte. Dann baute man das Bollwerk Roseneck
um, indem man seine zuriickgezogene linke Flanke beseitigte. Um die
alte Pulverkammer zu erhalten, stellte man einen gewolbten Gang von
der Poterne zur Pulverkammer her, und brach Aon dieser eine Thiire
nach der Wendeltreppe durch, um diese weiter benutzen zu konnen,
fiihrte eine Mauer in \'erlangerung des Bollwerksfliigels auf und fullte
dann die ganze Flanke mit Boden aus.

Kaum hatte man die Arbeit begonnen, so erhoben sich die Klagen
iiber den ^Mangel an Mitteln. Schon am 17. Juli wurde den verordneten
Herrn berichtet, dass nur noch wenig Geld, und Friichte nicht mehr
als fur drei Wochen vorhanden seien, worauf am 26. Juli bei den XXI,
erkannt wurde, dass nichts Neues begonnen werden sollte, bevor das
Angefangene fertig sei, ,,da man den Gartnern nur den Boden weg-
nehme und das Leben erschwere". Am 2. August wiederholte sich
bei den verordneten Herrn dieselbe Klage, dass zuviel angefangen
wiirde, dem Schoffenschluss zuwider, am 15. September fehlt es an
Geld, am 4. Oktober an Fuhren. Aber auch die bereits am 1. ^larz
mit der Aufsicht iiber den Bau beauftragten Rathspersonen : der alte
Stettmeister und Dreizehner Georg Jacob AVurmbser, der Altammeister
und Dreizehner Heinrich Trausch, der Fiinfzehner Joachim Bracken-
hoffer, der Ledige Einundzwanziger Christian Schell und Jacob Kipss,
Beisitzer des Grossen Rathes, hatten Klage zu fiihren, weil sie bei
ihrem Geschaft fortgesetzten Unannehmlichkeiten ausgesetzt waren
imd besorgen mussten, dass sich der Unwille gegen sie immer mehr
steigern wiirde, besonders \on Seiten derjenigen, deren Aecker und
Garten eingezogen wurden. Sie erwirkten deshalb vom Rathe eine
Verordnung, die nicht etwa Bestrafung der sie Beleidigenden oder
Beschadigenden in Aussicht stellte, sondern ihnen Schadloshaltung fiir



') Fragm. Wencker. 3157 u. 3161. Es ist unrichtig, we mi v. PiJlliiitz sagt, das Werk
habe schon vor 1633 bestanden; er verwechselt dasselbe offenbar mil dem auf der anderen
Seite des Steinstrasserthores gelegenen Bollwerk Roseneck.

2) Walther, 30.



MORSCHHAUSERS STELLUXG ZUR STADT. 265

jede Unbill oder Schadigimg versprach, die ihnen bei Ausilbimg" ihres
Amtes etwa zugefiigt werden wiirde'.'i

In welcher Weise sich eigentlich das Verhiiltniss der Stadt zu
Morschhauser gestaltet hatte, ist nicht recht ersichtlich, denn erstere
bat unter dem 11. August 1634 den Feldmarschall Gustav Horn, ihr
den Generalquartiermeister Morschhauser sobald als moglich zuriick-
zuschicken „dci das Fortifikationswerk kaum angefangen sei und die
Stadt in grosser Verlegenheit ware".'^j Wie es scheint, ist Morschhauser
jedoch vorlaufig nicht zuriickgekommen, denn er wurde in der Schlacht
bei Nordhngen am 6. September 1634 gefangen genommen und musste
sich mit einer hohen Summe Geldes loskaufen — ranzioniren. Auch
um den 17. November war er noch nicht nach Strassburg zuriick-
gekehrt, wie zwei von diesem Tage datirte Briefe des Schwedischen
Reich skanzlers Axel Oxenstiern bezeugen, in denen Letzterer die Stadt
ersucht, Morschhauser mit 1000 Reichsthalern beizuspringen, welche auf
die verfallene Krontribution der Stadt in Anrechnung kommen sollten.'^;
Am 22. Dezember 1634 ist Morschhauser dann in Strassburg, denn
der Stadtschreiber berichtet an diesem Tage bei den verordneten
Herrn, dass in einer Besprechung mit Morschhauser zwei Fragen
erortert worden seien, einmal, was im niichsten Jahre gebaut werden
solle, dann, w^oher die Mittel zu nehmen seien. Sehen wir hier von
den Vorschliigen Morschhausers beziiglich Kehl ab, so ist zu bemerken,
dass er fur die Stadt die Bollwerke zu beiden Seiten des Neuthores,
die Fertigstellung der angefangenen Werke, zwei Raveline zwischen
Elisabeth- und .Spitiillhor und eines beim Metzgerlhor fiir erforderhch
hielt. Man beschloss den Schoffen mitzutheilen, dass man mit dem
Bau fortfahren wolle, soweit die Mittel reichten, im Uebrigen waren
aber die Meinungen uber das was zu geschehen habe getheilt. Einzelne
freuten sich, dass man Morschhauser nicht gefolgt war, denn ware dies
geschehen, so ware alles aufgebrochen worden,^) eine Ansicht, die,
wenigstens Morschhausers erstem Entwurf nach, doch gar nicht zutraf.
Gleichwohl wurde Mcirschhiluser um Weihnachten 1634 auf drei Jahre in
Bestallung genommen, wie aus dem Protokoll der XXI. vom7.Januar 1635
und einer seiner spiiteren Denkschriften°) hervorgeht. Seine Bestallung
selbst scheint nicht mehr vorhanden zu sein, dagegen werden zwei
Entwurf e fur dieselbe noch im Stadtarchive Jiufbewahrt.*') Sie enthalten
die gewohnlichen Bestimmungen fiir die Annahme eines Baumeisters,

'j Siehe Nr. 13 der Anlagcn.

2) Strss. Stdt. Arch., AA. 1054.

■■') Ebenda, A A. 1055.

*) Fragm. Wencker 3161.

*) Strss. Stdt. Arch. G. U. P. 113,20.

^) Siehe Nr. 14 der Anlagen.



266 GESCHICHTE DER BEFESTIGUXG STRASSBURGS.

unterscheiden sich aber von den friiheren Bestallungen durch den
Zusatz, dass Morschhauser bei einer etwaigen Belagerung verbunden
sein sollte, auch Kriegsdienste zu thun, eine einfache Folge seiner
bisherigen militarischen Stellung. Dadurch erhielt sein Amt einen
anderen Charakter: aus dem einfachen Stadtbaumeister, dem beim
Entwerfen der Befestigungswerke Kriegsverstandige zur Seite standen,
war ein Militaringenieur geworden, der fiir seine Bauten noch der Hiilfe
des ausfiihrenden Baumeisters bedurfte ; das Verhiiltniss hatte sich also
gewissermassen umgekehrt. Am lb. Januar, b. und 25. Februar 1635
wurde dann bei den verordneten Herrn iiber Morschhausers Ranzion
verhandelt, ohne dass wii" Naheres dariiber erfahren, doch ist die
Angelegenheit wohl nicht gleich zum Austrage gekommen, da sie
spater nochmals auf die Tagesordnung gesetzt Avurde.

Bei der Einbeziehung der Landereien fiir die neuen A\^erke scheint
es nicht so ganz glatt hergegangen zu sein, besonders auf der Fink-
matte. Oberstleutnant Kiigler, der hier die Absteckungen geleitet
hatte, verwahrte sich namlich am 7. Januar 1635 bei den XXL wegen
der ihm — von welcher Seite ist fraglich — gemachten Vorwurfe.
Was auf der Finkmatte geschehen, sei dem vorgewiesenen Abriss
gemass ausgefiihrt worden. Kiigler verweigerte dann, sich ferner zu den
Absteckungen gebrauchen zu lassen. Ueber diese Landenteignungen
besitzt das Stadtarchiv vier Verzeichnisse, die insofern nicht ohne
Interesse sind, als sie uns einige Kenntniss iiber Flurbezeichnungen
geben, die zum grossen Theil durch die Einbeziehung der Landereien in
die Festungswerke getilgt Avorden sind. Die drei ersten \'erzeichnisse
tragen die Jahreszahl 1635, das vierte ist ohne eine solche, stammt
aber offenbar auch aus 1635, da es auf denselben Bogen geschrieben
ist.i)

Nicht uninteressant ist auch dieRechnung, welche am 7. Januar 1635
bei den XXI. iiber die Einnahmen und Ausgaben der Festungsbaukasse



'j Strss. Stdt. Arch. G. U. P. 8, 43. Das erste Verzeichniss umfasst diejenigen Landereien
welche zwischen Weissthurm- und Kronenburger Thor, also wohl vornehmlich zum Bau des
HeidenboUwerks, in Abgang gekommen sind und in den Gewannen „im Schuhbuss" (Konigs-
hofener Bann), „an der Galggasse", ,,auf der Almendgass", „uf Schuhbussweg", „alter Weg'',
„auf die Breusch stossend" und ,,auf die Werbe stossend" gelegen waren. Das zweite Ver-
zeichniss bezieht sich auf die Landereien zwischen Kronenburger und Steinstrasser Thor und
nennt als Gewann: „im Zurwikh, Zurnickh, Ziirnickh" (wohl fiir das Steinstrasser Bollwerk),
„st6sst auf den Breuschgraben", „Gansweide" (wohl fiir den halben Mond vor dem Roseneck).
Das dritte Verzeichniss umfasst Landereien zwischen Steinstrasser- und Judenthor, betraf also
jedenfalls das nachmalige Hornwerk Finkmatt. Wir finden hier folgende Gewanne: „Finkmatte",
,,beim Roseneck", ,,auf die Hirtzgass stossend", ,,auf dem Schiesrain", ,,im Rosengarten", ,,gegen
die Hirtzlache", „Hirtzgarten", sowie einen Almendpfad, der dem Hirtzgraben etwa parallel
gelaufen sein muss. Das vierte Verzeichniss umfasst nur wenige Grundstiicke vor dem Elisabeth-
thor und am Einfluss der III und bezieht sich wohl auf den Bau des Elisabethbollwerks und
die Anlage der Schanze vor dem Scharfen Eck.



GERIXGE GELD:MITTEL FUR DEN BAU. 267

im Jahre 1634 gelegt wurde. Danach wurden im Ganzen 17162 Pfd.
16 p 4"2 '^z eingenommen und 16550 Pfd. 13 p 10 -i ausgegeben, sodass
noch ein Bestand von 604 Pfd. 4 p 6' ,, ^ auf das neue Baujahr vor-
getragen werden konnte. Dass man mit solchen Mitteln, trotz des
damals viel hoheren Geldwerthes, nicht weit langen konnte, liegt auf
der Hand, und das urn so mehr, als aus der Summe jedenfalls auch
die Ausgaben fur die Befestigung von Kehl bestritten worden sind.
Man versuchte zwar auf jede mogliche Weise die Gelder zu vermehren,
konnte sich aber noch nicht zu einer durchgreifenden Steuerreform
aufschwingen, die allein im Stande gewesen ware, das Erforderliche
rechtzeitig herbeizuschaffen. Einstweilen behalf man sich mit kleinen
Mitteln, die dem Burger mogUchst wenig wehe thaten, wozu auch die
Einziehung feindlichen Gutes gehorte, dessen Ertrag man dem Zeughof
zu Beschaffungen und Bezahlung der Handwerker iiberwiess.' ) Und
dann liess man sich von Schweden das Amt A\^anzenau schenken,
was dieses leicht verschenken konnte, da es ihm nur kraft Kriegs-
und Eroberungsrechtes gehorte, auch damit nicht viel anfangen konnte.
Man verhandelte vielfach bei Rath und XXI. iiber die Frongelder,
dass aber etwas Wesentliches erzielt worden sei, ist nicht ersichtlich, es
sei denn, dass man sich nun entschloss, zur reinen Geldfron iiberzugehen.'- )

Wie oben erwahnt wurde, hatte Morschhiiuser bereits im De-
zember 1634 die Frage aufgeworfen, was und mit welchen Mitteln im
Jahre 1635 gebaut werden sollte, jetzt wiederholte cr am 10. Februar
die Frage, worauf sich die verordneten Herrn zu dem Beschluss
aufrafften, dass zunilchst Augenschein zu nchmcn ware. Zu etwas
Weiterem als zur Fortsetzung der begonnenen Bauten gelangte man
jedoch nicht,=\i offenbar aus Mangel an Geld, uber den bereits am
8. und 10. Juni bei XXI. Klage gefuhrt wurde. Ebenso beschwerte
man sich am 20. Juli bei XXL, dass trotz des Schriffenbeschlusses:
nichts Neues anzufangen, bevor das Alte vollendet sei, vor dem Spital-
thor Aussteckungen vorgenommen wurden,welche das Spital schildigten,
indess konnte man erwidern, das es sich hier nur darum handle, die
Unterlagen fur Plan und Abriss zu erhalten.

Gegen Ende des Jahres am 13. November — verlangte Oberst-
leutnant Kugler bei den XIII. dringend eine bessere Befestigung der
Stadt. Vor alien Dingen sei der Einfluss der 111 besser zu befestigen.
Auf St. Johanns Wehre seien Streichen iFlankirungsgeschiitze) zu
stellen, die Baume und Reben beim Elisabeththor miissten abgehauen
werden, das Schnockenloch ware mit Streichen zu versehen und, weil



») Stvss. Stdl. Arch. (J. U. P. 05, 17".
2) Prot. d. XX[. V. 5. I. 1635, f^'l- 282.
•*) Fragm. Wencker 3161.



268 GESCHICHTE DER BEFESTIGUNG STRASSBURGS.

dus Wasser am Rechen sehr seicht, eine Wache aiisserhalh der Stadt
einzudchten ; an der 111 mussten zwei Raveline erbaut werden, die
2000 Thaler kosten wiirden und die man mit Wachen besetzen sollte.
In derselben Sitzung- der XXI. wurden audi Erinnerungen Morsch-
hilusers verlesen, ohne dass ersichtlich wilre, ob sie sich auf dieselbe
Oder eine andere Sache bezogen. Thatsache ist, dass die von Kiigler
beantragten ^^\'rke in (iestalt zweier provisorischer Erdwerke zur
Ausfiihrung gelangten. Dieselben nahmen den Einfluss des Wassers
unter kreuzendes Feuer und gingen erst durch die Erbauung der
permanenten Werke an dieser Stelle ein.

Am 6. Februar 1636 kam bei den Herrn Rathen und XXI. der
Bauplan fiir das laufende Jahr zur Sprache, ohne dass wir aus dem
betreffenden Protokoll irgend welehe Einzelheit ersehen konnten, und
am 13. desselben Monats wurde abermals gefragt, ob und was gebaut
werden sollte und was fiir Mittel vorhanden seien. Das Erkenntniss war
noch kiirzer und beschninkte sich auf die drei Worte: „Wird Bedacht
gefolgt". Wenn Walther unter dem Datum des 16. Februar anfuhrt:
,, . . . hat man den burgern ahngezeygt, weilen die statt sich nuhmehr
resolvirt die fortification fortzusetzen darzu sie dann auff dieses mahl
den schwedischen general Morsshiiuserahngenommenzu einemingenier,
welcher dann einen abriss der gantzen statt, undt wie solche zu forti-
ficiren were, verfertigt . . .", so ist ersteres richtig, letzteres aber
nicht so zu verstehen, als ob Morschhauser erst jetzt angenommen
worden sei und seinen Abriss verfertigt habe. Um was es sich nun
bei den vorerwahnten Besprechungen der XXI. gehandelt haben muss,
konnen wir aus den drei Denkschriften — den ,,]Memoria Paulus Mors-
hausers" — ersehen, die vom 25. Januar 1636 datirt sind und im Stadt-
archiv aufbewahrt werden.' i In dem ersten dieser Memoria „die Mittel
betreffend", beruft er sich auf eine im Jahre 1634 eingereichte Denk-
schrift und bemerkt, dass es sich jetzt nur um ein Insgediichtnissrufen
handle, da bekanntermassen mancherlei in Vergessenheit kame, wann
der Bau erst begonnen sei „insgemein auch bey dem Meisten theil
der Anfang hitzig Vnd eyferig, das Mittel lawlicht, das endt gar Kalt
erscheint, Also AVill es auch mit Vnserm fortifications Wesen sich
ansehen lassen". Besonders sei dies mit den Mitteln der Fall. Man
solle auch eine Sache nicht eher angreifen als bis man sich des
Gelandes zum Bau vollig versichert habe, da gar viele Leute ihres eigenen
Nutzens halber Schwierigkeiten machten. Es solle deshalb jedermann,
der sich so verhalte, nicht als ein Freund, sondern ,,als ein Verhinderer
gemeiner Stadt Wolfarth erk;mndt xnd gehalten werden". Dann



V Stiss. Stdt. Arch. G. U. I'. 113, 20.



MORSCHHAU.SERS VORSCHLAGE FUR DAS BAUJAHR 1636. 269

widerrath er die Fronarbeit von Neuem und schlagt behufs Bezahlung
der freien Arbeiter vor, eine Steuer auszuschreiben, die sich nach dem
X^ermogen der Burger richten soil. ^Nlorschhauser nimmt nun an, dass
5000 Burger jahrlich 51500 fl. aufbringen konnten und berechnet:

400 Burger zu 30 fl. = 12000 fl.



600


„ 20 „ - 12000 „


2000 „


„ 10 „ = 20000 „


1000 „


„ 5 „ = 5000 „


1000 „


91 = O^OO


5000 Burger


= 51500 fl.



Die zweite Denkschrift betrifft die A^'erke. Es wiirde im Friih-
jahre zu beginnen sein mit:

A u. B. Elisabeth und Spital 'd. h. Bolhverke bzw. Raveline^ = 6600 fl.
C u. D. St. Johannisgiessen und Xeuthor = 5400 ,,

E u. F. Kronenburg (d. h. 2 Bolhverke bzw. Raveline danebeni = 6400 „
G. Bolhverk vor dem Steinstrasser Thor idort fehlt noch der

Kalk I = 10000 „

H. Roseneck-Bolhverk -= 800 „

I. Kontreskarpe = 4000 ,.

33200 fl.,
sollte aber mehr Geld vorhanden sein, so k()nnte mun nodi beginnen:
K. das Werk gegen die Ruprechtsaue d. li. das Klapper-

thurmbolhverk )
L. das Werk vor demTiirkenwall i d. h. dasKatharinenbolhverk ;
M. das Ravelin vor dem Kronenburger Thor
N. dergl. vor Clara im Worth
O. desgl. vor dem Fischer-Thor

alles zusammen

Da bei dieser Winterszeit besser in trockener Erde als im AA'asser
zu arbeiten sei, so hielte er es fur gut, dass jetzt die beiden Raveline
vor dem Kronenburger Thor angefangen wurden, damit sich inzwischen
die neue Schiittimg setzen mochte und Anfang April „die Setzer" an
die Arbeit kommen konnten. Es scheint also, dass man doch wieder
auf den Bau der beiden Bolhverke neben dem Kronenburger Thor
statt eines einzigen an der Stelle der rimden Wehre zuriickgekommen
war, Oder dass wenigstens jNIorschhauser an dieser Idee festhielt; unter
,,Setzer" sind hier aber offenbar die Leute verstanden, welche die
Boschungen mit Strauch und Rasen aufsetzten, nicht etwa die Maurer
Oder Steinsetzer. Bei einer Bausumme von 6000 fl. fur zwei Raveline



=


2600 fl.


, =


1800 „


=


3000 „


=


3600 „


=


2000 „




13000 fl.


1


46200 fl.



270 GESCHICHTE DER BEFESTIGUXO STRASSBURGS.

konnte natiirlich noch keine Rede von Mauerbau sein, der ganz andere
Summen beanspruchte, wic das Bollwerk vor dem Steinstrasser Thor
(G) zeigt, das in der Erdarbeit im Grossen und Ganzen nun wohl
ziemlich fertig" gestellt war.

Was den \"orschlag Morschhausers betriftt, die Kosten des Baues
durch eine Steuer aufzubringen, so fand er jetzt beim Rathe gute
Aufnahme und iiberraschend schnelle \^erwirklichung", denn kaum drei
"Wochen darauf war die Steuer bereits ausgeschrieben. Walther sagt
im Anschluss an die oben wiedergegebene Nachricht dariiber: ,,Den
16. Februarii .... weilen aber solches eine grausame summe geltes er-
fordern wurde undt der statt ararium solches zu ertragen nicht vermag,

alss hatt man die Burgerschaft ahngesprochen dass sie willig



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