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Ferdinand Apell.

Geschichte der Befestigung von Strassburg i.E. vom Wiederaufbau der Stadt nach der Völkerwanderung bis zum Jahre 1681 online

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Familie Garten und Landereien beim Hause besass.

Stand nun die frankische Konigsburg, der Palas, '^) wohl im Innern
der ummauerten Stadt, so befand sich doch auch schon fruhzeitig ein
konigliches Hofgut — curtis regia — ausserhalb der Mauern, von dem
aus verschiedene Urkunden gezeichnet worden sind-^ und das dem
Ort und Rann Konigshofen den Namen gegeben hat. Durch den Um-
stand, dass der Staat von der alten Stadt Besitz ergriff, wird es auch
erklarlich, dass ihre Wiederbebauung langsamer vor sich ging als die der
\'orstadt, ein \"erhaltniss, das unter gewohnUchen Umstanden gerade
umgekehrt hatte sein mussen. Noch im Jahre 720 lag das Innere der
Stadt zum Theil unbebaut da,^ wahrend Strassburg doch schon zu
Ende des 6. jahrhunderts als eine ansehnliche Stadt gait, in der sich
nach Gregor A'on Tours im Jahre 590 Konig Childerich III. mit Gemahlin
und Mutter aufhielt. Da er das Elsass zu seinem gewohnlichen Aufent-
halte gewahlt hatte und hier verschiedene Pfalzen besass, so wird er
uberhaupt ofters zu Strassburg gewohnt haben, ausser dem es im ganzen
Elsass nur noch zwei Stadte gab: Breisach und Zabern.^i

Da alle offentlichen Gebaude zuniichst innerhalb der alten um-
mauerten Stadt errichtet wurden, so wird man wohl schliessen diirfen,
dass gleichzeitig auch die iSlauern der Stadt wiederhergestellt worden
sind. Dass man letztere nicht vollig dem Erdboden gleichgemacht hatte,
beweist das Vorhandensein zweier romischen Thurme noch im 18. Jahr-
hundert. Hatten die voruberziehenden Volkerschaaren sich bei Ein-
nahme der Stadt gewiss damit begniigt, deren Befestigung unbrauchbar
zu machen, indem sie vielleicht die Thore zerstorten und die Zinnen
der Mauern und Thurme herabwarfen, so fanden die neuen Besitzer
gewiss erst recht keinen Grund, sich mit einer so zeitraubenden Arbeit
aufzuhalten, als das voUige Einreissen der starken Mauern und Thurme



») Hegel I (VIII), 2.

-) Strss. U. B. I, 21: «actum publice in palatio regio Argentoraco-, in Konig Lothars
Immunitatsprivileg fiir das Kloster St. Stephan. Die Aechtheit der Urkunde ist umstritten
(Ztschr. f. d. Gesch. d Oberrhn. N. F. VI, 663 und IX, 389).

^j Strss. U. B. I, 3: «actum Stratburgo civitate in curte regia ville, que est in suburbano
civitatis novo, quam ego ex novo opere constru.\i». Herzog Adalbert im Jahre 722.

■») Hegel I (VIII), 9.

5) Strobel I, 88.



NA]MEN DER XEU£N STADT. 3

und die Ausfullung der Graben jedenfalls gewesen ware. Mit der Be-
festigung der staatlichen Verhaltnisse erwuchs nun aber die Noth-
wendigkeit oder wenigstens Zweckmassigkeit einer Wiederherstellung
der Mauern, die an sich feststeht, deren Zeitpunkt indess in ein gewisses
Dunkel gehiillt ist. Zweifellos fand aber diese \Mederlierstellung vor
der ersten Erweiterung der Befestigung statt, da auch die^Iauerzwischen
Alt- und Vor- oder Neustadt wiederhergestellt wurde, was nach Ein-
beziehung der letzteren in die Stadt doch keinen Sinn gehabt hiitte.

Die neue Ansiedelung an der alten romischen Heerstrasse, der
nachmaligen strata superior, Oberstrasse, heutigen Langstrasse und
Weissthurmstrasse, ' i erhielt nun bald den Namen ,,Strataburgum, Stra-
tiburg u. s. w.'*, den wir zuerst im Jahre 589 bei Gregor von Tours
antreffen, ein Name, der anscheinend Stadt oder Burg an der Strasse
bedeutet und aus dem unser heutiges „Strassburg" hervorgegangen
ist. Ueber die Entstehung des Namens Stratiburg gibt Strobel-j eine
eigenthiimliche Erklarung. Danach soil einer alten Handschrift in der
Bibliothek der Konigin Christine in Rom zufolge das Wort ,, Strati"
ein fninkisches \A'ort sein und Silber bedeuten, sodass Stratiburg eine
Uebersetzung des — nach Strobel — falsch verstandenen Wortes Ar-
gentoratus ware und Silberstadt hiesse. Nach neuerer Forschung '^ i
ware diese Uebersetzung nun keineswegs falsch, insofern als das
keltische Argentorate, der \"orlaufer des romischen Argentoratum,
Silberburg oder Schatzburg bedeuten soil. vSchon friiher, um das Jahr
530 treffen wir auf die Bezeichnung ,,Argentina",*i die ebenfalls eine
Uebersetzung von Argentoratum sein sollte. Alle diese verschiedenen
Bezeichnungen und ihre \^ariationen kommen in den lateinischen Ur-
kunden zeitlich nebeneinander vor, wahrend als deutsche Form lediglich
„Strataburg, Strassburg" gebriiuchlich war. Seltener findet sich die
Bezeichnung ,,x\rgentaria" und ,,Silbertina", letztere, wie es scheint,
iiberhaupt nur bei einigen Chronisten.^ Indess sprach schon Ermoldus



') Die strata superior oder Oberstrasse fiihrte ihren Xamen zweifellos von ihrer Lage
oben auf dem Hiigelriicken, an dessen nordostlichem Ende die alte Stadt lag; sie zog sich
der ganzen Lange nach iiber seine hochste Erhebung hin — siehe: ,, Argentoratum, Ein Beitrag
zur Ortsgeschichte von Strassburg i. E., von F. v. Apell", in den ,,Mittheilungen" XII, auch
Sonderabdruck unter demselben Titel bei E. S. Mittler und Sohn. Berlin 1884, sowie : ,.Die
Gelandegestaltung und die Bodenbeschaffenheit im Bereiche des romischen Argentoratum von
F. v. Apell", im Jahrbuch fiir Geschichte u. s. w. Elsass-Lothringens, XVI. — Noch 1580 begriff
man unter dem Namen Oberstrasse nicht bios die Langstrasse, sondern auch die Weissthurm-
strasse, also noch lange nachdem die Vorstadt „unter Wagnern", das heutige Weissthurmviertel,
in die Stadt bezogen worden war (Strss. (}. u. II. N. v. 1888, 130).

2) Strobel I, 79; Anm. I.

') Henning, „ Argentorate", im Jahrb. f. (jesch. u. s. \v. E.-L., XVI.

*) Mone, Quellen I, 12.

5) Strss. U. B. I, 21 u. 28 bzw. J.J. Meyer 143.

I*



4 GESCHICHTE DER BEFESTIGUNC; STRASSRIRCS.

Ni.uellus ' ) zu Anfang des 9. Jahrhunderts die Ansicht aus, dass Argen-
toratum nun Strassburg heisst, wegen der grossen Strasse, an der
es liegt.

Etwa um das jahr 700 hatte sich nun die ausserhalb der um-
mauerten Stadt gelegene X'orstadt derart ausgebreitet, dass sie den
Raum zwischen der 111 einerseits und der heutigen Studentengasse,
Markthalle und der Kinderspielgasse andererseits, nach Westen bis
Alt St. Peter ausgreifend, bedeckte und somit an Ausdehnung der Alt-
stadt gleichkam, an Einwohnerzahl dieselbe aber wohl iibertraf. Her-
mann gibt das Jahr 750 als dasjenige der ersten Erweiterung an, da
diese aber nach dem Zeugnisse Konigshofens unter der Regierung des
Herzogs Adalbert, \^aters der hi. Attala, stattgefunden haben soil,
Herzog Adalbert aber bereits im Jahre 722 gestorben ist, so kann die
Angabe Hermanns und Derjenigen, auf die er sich stiitzt, nicht richtig
sein. Albertus Argentinensis, und mit ihm Schopflin, setzt diese Er-
weiterung gar in das Jahr 1250, was Silbermann bezw, Obrecht aber
glaubt auf einen Schreibfehler bei ersterem zuriickfiihren zu diirfen,
um so mehr als Albertus Argentinensis an einem anderen Orte bezeuge,
dass diese Erweiterung lange vor Karls des Grossen Zeiten statt-
gefunden habe. Letzteres geht thatsachlich aus einigen Urkunden aus
der Zeit Karls des Grossen hervor, in denen bereits der Neustadt Er-
wahnung geschieht, - 1 ja sogar aus der bereits erwahnten Urkunde
Herzog Adalberts vom Jahre 722. Aufschlagers Annahme, dass die
erste Erweiterung im Jahre 845 stattgefunden habe, kann also nach
dem Angefiihrten ebenso wenig richtig sein, und wird man bei dem
Jahre 700 stehen bleiben miissen.

Konigshofen beschreibt die erste Erweiterung folgendermassen :
„Darumb herzoge Adelbreht sant Atteln vatter, herzoge und herre iiber
„Strosburg und dis lant, der wart mit dirre stat zu rote, das men die
,,Oberstrosse mit iren htisern und gebu solte umbemuren und zu der
„stat in eine ringmure begriffen. dovon mahte men die stat witer
,,und mahte ein ringmure und graben von der steynen brucken bi
,,dem Rossemerkete hyngonde ussewendig an den bredigern und an
,,den Pf ennigturn ^ ) wider den Winmerket, also der selbe grabe noch
,,ist und nu heisset der Riintsiitergrabe. Doch ging der selbe grabe
,,nut dozumole bi den gerwern hin durch die steynen brucke^i an die



') Strobel 1, 140.

'■*) Strss. U. B. I, 16 u. 17.

') Der Pfennigthurm wurde im Jahre 1321 an Stelle des noch zu erwahnenden Rint-
burgethores erbaut nnd im Jahre 1768 abgebrochen. Er stand am Ende der heutigen Strasse
„an den Gewerbslauben", dicht neben der Hauptwache.

•*! Jedenfalls die ehedem am Eisernenmannsplatz gelegene Briicke iiber den Gerbergraben.



LAGE DER RIXGMAUER ZUR HEUTIGEX STADT. O

„Oberstrossen, also er ignoten dut, sunder er gie von dem Pfennigturn
,, wider die ellende herberge*) fur sich us untz zdm alten sant Peter und
„von dem alten sant Peter durch die zolbrucke-/ untz in die Briisch. sus
„wart die Kirche ziim alten sant Peter und die Oberstrosse mittenander
,,begriffen zu der stat mit einre nuwen r3'ngmuren und graben zii der
„siten wider die almende^ und bleip die almende und der Winmerket
„dozumole ussewendig der stat. zu der andern siten hette die Oberstrosse
„zii schirme das wasser von der bedecketen brucken untz an die
,,Schintbrucke, do der alte stettegrabe in das wasser get. Dise erste
„witterunge der stette, das die Oberstrosse, das dozumole ein vorstat
„was, wart umbmuret und zii der alten stat begriffen, geschach von
„herzoge Adelbreht noch gotz geburte uf syben hundert jor."

Trotz dieser anscheinend so eingehenden Ortsbeschreibung ist die
genaue Lage der Befestigung gegen die heutige Stadt nicht kurzer
Hand festzustellen, da Ueberreste der Stadtmauer, welche mit Bestimmt-
heit als solche erkannt worden waren, nicht auf uns iiberkommen sind,
keine weiteren Aufzeichnungen von denselben berichten und auch die
von Konigshofen angegebenen Oertlichkeiten zum Theil nicht mehr
genau festgestellt werden konnen. Das einzige Ueberbleibsel der alten
Befestigung war ein Theil des Grabens, der als Runtsiiter-, dann als
Gerbergraben bis in die neuere Zeit fortbestand und deshalb in seiner
Lage genau bestimmt werden kann. An dem Ausgange der Miinster-
gasse auf den heutigen Broglieplatz, wo sich die von Konigshofen
erwahnte, im Zuge der romischen Heerstrasse nach Brocomagus bezw.
Saletio gelegene steinerne Brucke am Rossmarkt befand, vereinigte
sich der Graben der Neustadt mit dem der Altstadt, folgte der heutigen
Studentengasse und zog unter der Markthalle hindurch zum Eisernen-
mannsplatz. Zwischen der Studentengasse und der Strasse ,,An den
Gewerbslauben" deckte er sich mit den Hofr;iumen der Hauser an der
Meisengasse, wahrend er durch die Hauser zu beiden Seiten der Markt-
halle und durch diese selbst ilberbaut wurde.

\'om Eisernenmannsplatz ab ist die Lage des Grabens unbestimmt,
da das nun folgende Stiick desselben nach der zweiten Erweiterung
zugeschiittet wurde. Silbermann, die „Strassburger Gassen- und Hauser-
Xamen", v. Pollnitz und Seyboth nehmen an, dass der Graben und die
heutige Strasse ,, Alter Weinmarkt" zusammengefallen wiiren, eine
Annahme, die aber mit der Angabe Konigshofens, dass die Almende



^) D. h. Herberge der Elt-nden, Pilger. Dieselbe wurde im Jahre 1543 in das leer-
stehende Auguslinerkloster verlegt. Fragm. Specklin, Nr. 2342.

^) Heutige Weisslhurmbriicke, am eliemaligen Zollthor.

3) Almende hiess alles Gelande, das sich nicht in Privatbesitz befand, also offent-
liches Eigenlhum war.



6 GESCHICHTE DER BEFESTIGUNG STRASSBURGS.

iind dcr Weinmarkt ausserhalb dcr Stadt li'eblieben seien, nichl in
Einklan.ii' zu brinti'en ist. .\lmende war imd hiess noch nach der zweiten
Erweiterunii" ein breiter unbebauter Gelandestreifen, der sich Itings des
Grabens der Alt- und Neustadt, vom heutigen Theater bis Alt St. Peter
hinzog" und iiber dessen Besitz im 13. Jahrhundert ein Streit zwischen
Bischof und Stadt ausbrach, der erst im Jahre 1263 durch den Verzicht
des Bischofs auf die Almende zu Gunsten der Stadt entschieden wurde.
Dieser Streifen wurde eine Zeit lang im Norden \'on der siidlichen
Hauserfront des heutigen Broglieplatzes, der Meisengasse, des Hohen
Steges und der Alten Weinmarktstrasse begrenzt und erst nach und
nach mit den verschiedenen Hauservierteln besetzt, durch welche die
genannten Strassen sowie der Broglie-, Eisernemanns-, Kinderspiel-,
Alter Weinmarkt- und Alt St. Peterplatz entstanden sind. Daher kam
es auch, dass die mit dem heutigen Alten Weinmarkt gleichlaufende
Kinderspielgasse erst im 18. Jahrhundert ihre heutige Bezeichnung
erhielt. Nach dem Stadtplan von 1577') waren in diesem Jahre die
Hauserviertel zwischen Alte Weinmarktstrasse und Kinderspielgasse
zwar schon vorhanden, beide Strassen fiihrten aber noch den gemein-
samen Namen Weinmarkt, und zum Unterschied von einander den Zu-
satz , .grosser" und „kleiner". Hieraus diirfte folgen, dass die Alte
Weinmarktstrasse dem Graben der erstenErweiterung nicht entsprochen
haben kann. Dieser Ansicht ist auch Hermann, der den Stadtgraben
an die Stelle der Hauserviertel zwischen Alter Weinmarktstrasse und
Kinderspielgasse setzt und damit das Richtige getroffen haben diirfte,
sowie Hegel, der die Mauer der ersten Erweiterung so in den Stadt-
plan von 1577 eingetragen hat, wie er deren Lage nach der Konigs-
hofen'schen Chronik giaubt annehmen zu miissen, d. h. in der Kinder-
spielgasse.

Wenn nun irgend etwas in der Beschreibung Konigshofens klar
und unzweideutig ist, so ist es die wiederholte Angabe, dass man den
Stadtgraben „machte'S dass man ihn ebenso „machte" wie die Stadt-
mauer und dass man den Graben ,,bis in die Breusch" (d. i. Ill)
fuhrte. Ich verweise dieserhalb auch auf die Ausfiihrungen in meinem
,,Argentoratum" und meinem Aufsatze ,,die Gelandegestaltung u. s. w."
und betone an dieser Stelle nur nochmals, dass dem obigen unver-
dachtigen Zeugnisse Konigshofens ledighch die willkiirliche und auf
nichts gegrundete, durch nichts bewiesene Angabe Silbermanns gegen-
iiber steht, der etwa 400 Jahre spater als Konigshofen lebte und sich
durch die Phantasieplane Specklins verleiten liess, an Stelle der kiinst-



') EnthaUen in Hegel II (IX) und lieiHrtstelll nacli dem Modell Specklins, das 1870
mil der Strassburger Bibliothek zu (Jrundc ging.



LAGE DER RIXGMAUER ZUR HEUTIGEX STADT. 7

lich hergestellten vStadtgraben natiirliche Wasserlaufe anzunehmen.
Bei Silbermann entstehen diese Wasserlaufe zum Theil sogar nach
unci nach und bereiten so gewissermassen die Erweiterungen der Stadt
allmalig vor.

Fiir die Bestimmung der Lage der Stadtmauer ist nun noch ein
anderer Umstand massgebend. Weder im Alterthum noch im fruhen
Mittelalter war es gebrauchlich, den Graben unmittelbar an die Stadt-
mauer zu legen, sodass diese mit ihrem unteren Theil gleichzeitig die
Bekleidung lEskarpo des Grabens gebildet hatte, vielmehr stand die
Mauer aut dem gewachsenen Boden, und der Graben lag — wenn ein
solcher iiberhaupt vorhanden, was nicht immer der Fall war — in
angemessener Entfernung von der Mauer, meist mit einfachen Erd-
boschungen versehen. Dies \^erhaltniss finden wir auch bei der Be-
festigung von Argentoratum, und dart man wohl annehmen, dass es
auch auf die anstossende Befestigung der ersten Erweiterung iiber-
tragen worden ist. Erscheint diese Annahme nicht zu gewagt, so
wird man also die Stadtmauer in angemessener Entfernung hinter dem
(iraben und in ihiem miitlcren Theile etwa mit der siidlichen Hiluser-
front der Kinderspielgasse zusammenfallend annehmen diirfen. Setzt
man jedoch voraus, dass diese Hiluserfront in ihrer heutigen Lagc
schon zur Zeit bestanden hat, als die Stadtmauer erbaut wurde, und
nimmt man ferncr an, dass sich hinter letzterer wcnigstens eine schmale
Gasse befand, so wird man die Mauer ctwa in der Mitte der Kinder-
spielgasse gelegen annehmen miissen.

Silbermann, v. Pollnitz und Seyboth sind der Ansicht, dass die
Stadtmauer als Fundament fiir die Frontmauer der auf der Siidseite
der Alten A\'einmarktstrasse gelegenen Hiiuser benutzt worden sei
und fiihrt Silbermann als angeblichen I^eweis hierfur den Umstand
an, dass beim l>au des grossen Eckhauses mit den zweiErkern zwischen
Kinderspielgasse und Alter A\Y'inmarktstrasse eine Treppe unter dem
Pflaster gefunden worden sei, die nach der Alten Weinmarktstrasse
in die Tiefe fiihrte. Diese Bemerkung Silbermanns macht im Ver-
gleich zu seinen sonstigen sehr genauen Angaben den Eindruck, als
ob hier nicht nach cigenem Augenschein, sondern nur nach Horen-
sagen berichtet wurde, denn Silbermann sagt gleichzeitig, dass jenes
Haus — das heute il897i noch vorhanden ist - hart an der Elenden
Herberge gestanden hiltte. Nun lag letztere aber in der heutigen Kindei"-
spielgasse und zwar an deren Sudseite, das grosse Eckhaus mit den
zwei Erkern steht aber am Kinderspielplatz und nimmt dessen ganze
Breite zwischen Kinderspielgasse und Alter Weinmarktstrasse ein. Es
erscheint deshalb gar nicht ausgeschlossen, dass jene Treppe an der
Kinderspielgasse lag, wobei sie sehr wohl in der Richtung nach der



8 GESCHICHTE DER BEFESTIGUXG STRASSBURGS.

alten A\'emmarktstrasse in die Tiefe fuhren konnte unci dann g,anz unJ
£>ar zu dem Graben passte, wie er von Hermann, Hegel und mir angc-
nommen wird. Die Bemerkung" v. Pollnitz's, dass man an dem in Rede
stehenden Hause auch Ueberreste einer alten Stadtmauer gefunden habe,
ist lediglich eine freie Auslegung der etwas dunklen Angabe Silbermanns.

Was den Theil der Stadtmauer vom westlichen Ende der Kinder-
spielgasse, also von Alt St. Peter ab bis zur 111 betrifft, so muss man
nach Konigshofens Beschreibung der zweiten Erweiterung i siehe 2. Ab-
schnitt) annehmen, dass die Mauer der ersten Erweiterung von der
heutigen A\'eissthurmbrucke bis zur 111 mit der Mauer der zweiten
Erweiterung, d. h. der Frontmauer der Hauser des heutigen Tiirkheim-
stadens raumlich zusammengefallen sei, wie dies z. B. auch v. Pollnitz
und Seyboth'i annehmen. Da indess der Graben der zAveiten Er-
weiterung unmittelbar vor der Stadtmauer lag, so hat hier bei der
zweiten Erweiterung offenbar ein Xeubau in der A\'eise stattgefunden,
dass die ]\Iauer bis an den Graben der ersten Erweiterung vorgeriickt
worden ist. Es wird deshalb die Mauer der ersten Erweiterung um
das }*lass des freien Raumes zwischen Graben und Stadtmauer hinter
der heutigen Hauserfront des Turkheimstadens zuriickgelegen haben,
wie dann auch Silbermann meint, dass die Mauer hinter der Bieker-
gasse, heute Biichergasse. hergefiihrt habe. Eine so geringe Ver-
schiebung der Mauer der zweiten Erweiterung mag Konigshofen nicht
erwahnenswerth erschienen sein. Specklin hat offenbar obige Ansicht
ebenfalls gehabt, wenn er in seinen Kollektaneen schreibt: ,,Im
Jahre 1201 . . . huben sie an bei den gedeckten briicken am einfluss
des wassers, zu bauen, dem Wasser nach und fuhren zum Zollthor
zu . . . Das Zollthor, Spe3"erthor, Burgthor, baute Bischof Conrad,
weil er den Zoll da hatte . . ." Man sieht hieraus, dass nicht nur die
Mauer der zweiten Erweiterung von der heutigen 111 ab, sondern auch
das Zollthor neugebaut wurde, denn dass sich hier schon bei der ersten
Erweiterung ein Thor befand, kann nicht in Frage gestellt werden.

Wie Konigshofen in seiner Beschreibung der ersten Erweiterung
angibt, besass die Neustadt auf der anderen Seite das AA'asser als
Schutz, womit er wohl sagen wollte, dass die Stadt auf der Flussseite
keine Mauer gehabt habe. Pollnitz findet diese Angabe befremdlich,
da sich auf dem stadtischen Archiv eine Zeichnung Specklins befindet, '^)



') Seyboth, D. a. Strss. 92. Hier wird der Thurm links vom Zollthor irriger Weise
der ersten Erweiterung zugetheilt; er gehorte, ebenso wie die Thiirme an den gedeckten
Briicken, der zweiten Erweiterung an. Die Thiirme der ersten Erweiterung — wenn dieselbe
iiberhaupt welche besass — waren sicher nicht so stattlich als diejenigen der zweiten Er-
weiterung; das lag durchaus in den Verhaltnissen begriindet.

'^) Strss. Stdt. Arch. PI. 515 u. 516 (I, 9 u. I, 10).



BEFESTIGUNG LAENGS DER ILL. 9

wclche cine Mauer liings des Flusses angibt, welche Zeichnung offenbar
auch der Topographia Alsatiae JMerians vom Jahre 1644 zu Grunde gelegt
worden ist. In der That ist es wenig wahrscheinlich, dass die Stadt
gegen den Fluss bin gar keine Befestigung gehabt haben sollte. War
derselbe auch ein nicht zu verachtendes Hinderniss, so konnte er doch
auch nicht als ein unter alien Umstanden uniiberschreitbares betrachtet
werden, ganz abgesehen davon, dass er unter gewissen Verhaltnissen
geradezu als Weg fiir Ueberfillle dienen konnte, die sich zu Schiff
von Ober- oder auch von Unterstrom gegen die Flussseite der Stadt
Avandten. Dass thatsiichlich irgend eine Befestigung langs des Flusses
vorhanden gewesen sein muss, geht aus dem Umstande hervor, dass
in den alten Stadtartikeln zweier Thore gedacht wird, welche nur auf
der Flussseite gestanden haben konnen. Aller ^^'^ahrscheinlichkeit nach
haben diese Thore unmittelbar an den Briicken gelegen und den Zu-
gang iiber dieselben vertheidigt, wiihrend sich im Anschluss an die
Thore kings des Ufers eine Pallisadirung oder dergleichen hinzog, wie
man dies bei vielen Stildten im Mittelalter findet. Wie dem nun sei,
Reste einer Mauer sind hier bis jetzt nicht gefunden worden, sodass
die Frage, ob die Neustadt kings des Flusses eine Mauer besass, eher
verneint als bejaht werden muss, Derartige Reste wiirde man aber
auch nicht am heutigen llhifer suchen dtirfen, da es nachmals in den
Fluss vorgeruckt worden ist, auch wird eine .\hiuer lund ebensowenig
eine Pallisadirung i iiberhaupt nicht hart am Ufer gestanden haben,
sodass zwischen ihr und dem Fhisse ein R;ium blieb, fiir den man
wohl die verschiedenste Verwendung hatte, z. B. als Stapelplatz fiir
Holz, als Schiffszimmerplatz u. s. w. Hierauf deuten auch die erwahnten
Stadtartikel hin, in denen von einer Schweineweide zwischen den beiden
Thoren die Rede ist; sie hat sich also vermuthlich an der 111, zwischen
dieser und der Mauer oder Pallisadirung befunden. Die von v. PoUnitz
angegebene Lage der INlauer zur heutigen Stadt beruht zwar lediglich
auf Vermuthung, abgesehen \on allem Uebrigen ist es aber nicht wahr-
scheinlich, dass sich die Mauer vor derjenigen der Altstadt bis St. Stephan
hinzog; man wird annehraen miissen, dass sich Mauer oder Pallisadirung
an die wiederhergestellte Mauer der Altstadt einfach anschloss. Die
Ausfuhrungen v. Pollnitz's sind auch insofern nicht zutreffend, als Silber-
mann sich gar nicht auf Konigshofens Seite stellt, die Frage, ob Mauer
Oder nicht, vielmehr often lasst, und auch den Specklin'schen Plan
thatsachlich gekannt hat, wie er Seite 25 seiner Lokalgeschichte aus-
driicklich anfiihrt. ' )



') Ich habe den Abschluss der Stadt auf der Flussseite im Plan langs der Pilanzbad-,
Spitzen-, Munz-, Knoblauclis- und Rindsfussgasse eingezeichnet, weil diese Strasseu in der Ver-



10 GESCHICHTE DER BEFESTIGUNC; STRASSBURGS.

Bevor wir uns zu den Thoren der ersten Erweiterung" wenden,
miissen wir einen Blick auf diejenigen der Altstadt werfen, welche —
abgesehen von den Thoren in der Mauer zwischen Alt- und Neustadt
— aiich nach der ersten Erweiterung- als Thore der Gesammtbefestigung
dienten und deshalb nicht abgesondert behandelt werden konnen. Im
Grossen und Ganzen decken sie sich mit den Thoren des romischen
Argentoratum, indess sind doch einige Aenderungen zu verzeichnen,
die auf die Umgestaltung des Innern der Altstadt zuruckzufiihren sind.

Die im Zuge der Strasse nach Brumath, am Ende der heutigen
.Miinstergasse gelegene Porta septentrionalis lag noch an ihrer alten
Stelle, fiihrte jetzt aber den Namen Porta lapidea oder Steininburgetor.
Die ,,Strassburger Gassen- und Hauser-Namen" werfen die Frage auf,
weshalb gerade dieses Thor Steininburgetor hiess, wo doch alle Thore
der Stadt von Stein erbaut gewesen seien, und sie beantworten die
Frage dahin, dass man annehmen konne, das Thor sei deshalb so
genannt worden, weil nicht weit davon die Steinstrasse befindlich war.
Ohne diese Begriindung geradezu von der Hand weisen zu wollen,
glaube ich doch, dass eine andere Erklarung mehr Wahrscheinlichkeit
fiir sich hat. Man beachte Folgendes: Keines der anderen Thore der
Altstadt wird Burgethor genannt, alle werden entweder einfach mit
Porta, ohne den Zusatz lapidea, oder deutsch als Pforte bezeichnet.
Zwischen einem Burgthor — Stadtthor — und einer einfachen Porta
oder Pforte besteht aber offenbar ein baulicher Unterschied. Ich suche
ihn nun darin, dass ersteres in einem Thurme lag, die Pforte aber eine
einfache, durch Thorfliigel geschlossene Oeffnung in der Mauer dar-
stellte. Die ,,Strassburger Gassen- und Hauser-Namen" nehmen ja audi
einen Thorthurm in der Miinstergasse an, ein solcher ist aber bei
sammtlichen iibrigen Thoren der Altstadt nicht nachgewiesen, denn
der einzige Thorthurm, den die Altstadt sonst noch aufzuweisen hatte,
der an der St. Stephansbriicke, gehort zweifellos seiner ganzen Bauart
nach der Periode der zweiten Erweiterung an. Es ist aber auch sehr



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