Copyright
Ferdinand Apell.

Geschichte der Befestigung von Strassburg i.E. vom Wiederaufbau der Stadt nach der Völkerwanderung bis zum Jahre 1681 online

. (page 33 of 40)
Online LibraryFerdinand ApellGeschichte der Befestigung von Strassburg i.E. vom Wiederaufbau der Stadt nach der Völkerwanderung bis zum Jahre 1681 → online text (page 33 of 40)
Font size
QR-code for this ebook


2) Strss. Stdt. Arch. PI. i86, 184, 185, 198 (lid 13—16).

3) Prot. d. XIII. V. 2. II. bzw. 16. III. 1678, fol. 26 bzw. 79.

♦) Strss. Stdt. Arcli. PI. 85, 114, 115, 82, 93, 91 (lib 58—60, 66—68).



VERBESSERUNG DES HORNWERKS FINKMATT ; BAUTEN AM WEISSTHURMTHOR. 297

warf Heer vor alien ausspringenden AMnkeln des gedeckten Weges
kleine Redouten in Mauerwerk, die von einem Graben umgeben waren
und mit dem gedeckten Weg durch sogenannte Koffer in \>rbindung
standen, zu deren Herstellung es jedoch nicht kam; Heer nennt sie
,,Contreguarden" oder ,,steinerne Redouten".

Am 15. Mai 1680 wurde dann bei Rath und XXI. iiber die Ein-
nahmen und Ausgaben fiir 1679 Rechnung gelegt, wobei erstere auf
8821 Pfd. 12 p ' 2 ^, letztere auf 9038 Pfd. 8 p 7 ^ beziffert wurden, sodass
sich eine Mehrausgabe von 518 Pfd. 6 p 6' ., tf herausstellte. Im V'erlaufe
der Sitzung beschweren sich auch die Oberen Fortifikationsherren iiber
gehilssige Reden, die gegen sie gefiihrt wurden. Man sage, dass sie
dasjenige was sie den einen Tag bauten, den anderen wieder einrissen
und so etliche tausend Gulden umsonst verbauten. Auch gegen den
Ingenieur Heer und den Bauschreiber BuUian wiirden Reden gefiihrt.
Wohl sei im vorigen Jahre einiges dem Kaiser zu Gefallen gebaut
worden, das m;m hatte unterlassen konnen, doch sei dies nicht den
Oberen Fortifikationsherrn, sondern der Kaiserlichen Generalitat zu-
zuschreiben. Heer habe sein Amt zur Zufriedenheit versehen, des-
gleichen der Bauschreiber. Man beschliesst die betreffenden Personen
anzuklagen. In einem zweiten Protokolle vom 2. Oktober 1680 wird
dann eine Stiickrechnung fiir die Zeit von Ende 1679 bis zum 29. Sep-
tember 1680 gelegt, weil die Arbeit ganzlich hatte eingestellt werden
miissen. Die Einnahme betrug 1671 Pfd, 14 p 4 -^, die Ausgabe 1548 Pfd.
7 p 7*2 '^i. Dies Protokoll ist das letzte, welches die Akten des Archives
beziiglich der Befestigung aufweisen, denn bekannthch ist alles was
die Zeit vor und nach der sogenannten Kapitulation betrifft im Jahre 1686
verbrannt, wie man getrost annehmen darf, nicht von ungefiihr. Dieses
letzte Protokoll schliesst dann auch mit einem Missklange, aber es ist
nicht uninteressant, weil in ihm die kommenden Zeiten bereits ihren
Schatten vorauswerfen. Man ersieht aus den wenigen Worten des
Protokolles, wie die Ansichten der Burgerschaft getheilt waren, wie
man das sich langsam aber sicher vollziehende Geschick wohl voraus-
sah und sich hineinzufinden suchte, wenigstens theilweise. Es wird
geklagt ,,dass allerhand judicia gefallet wiirden, sintemalen etliche der
meinung seyen, man solte bey diesen gefahrlichen Zeiten nicht Viel
an die fortification wenden, weilen es doch alles Vergeblich seye,
andere aber schmalen, dass mann alles wieder Zu grund gehen lasse".
Es sei wohl noch manches zu thun, die Graben auch zum Theil so
verschlammt, dass man mit einer kurzen Leiter auf den Wall gelangen
konnte, man habe auch noch einige Mittel, aber sie langten nicht, um
damit etwas anzufangen und miisste erst Rath geschafft werden, wo
die nothigen Gelder herkommen sollten. Man erkannte, es solle Be-



298 GESCHICHTE DER BEFESTIGUXG STRASSBURGS.

dacht genommen werden wie der Fortifikationskasse zu helfen sei. —
Alles in Allem ein unriihmliches Ende.

Es erubrigt nun noch den Zustand der ^^\■^ke im Jahre loso mil
dem zweiten Entwurfe ]Morschliausers kurz zu vergleichen, um zu
sehen, Avas denn in Summa und in den achtundvierzig Baujahren ge-
schaffen war. Wie die Befestigung im Jahre 1680 aussah, das \er-
anschaulicht uns der bis auf unwesentliche Kleinigkeiten sehr zuver-
lilssige „Grundriss der Statt Strassburg wie solche Anno 1580 im wesen
gestanden", welcher von J. A. Seupel gestochen und der Schilter-
Konigshofenschen Chronik beigegeben ist. Wir beginnen am Einflusse
der 111. Hier hat das Deutschaue-Bollwerk die von Heer vorgeschlagene,
vom ]\lorschhauserschen Entwurf abweichende Gestalt erhalten, ist
aber nicht an Lug-ins-Land angeschlossen worden, sodass es ein ab-
geriicktes ( detachirtes i Bolhverk vorstellt, was es bis zu seiner Ein-
ebnung nach 1876 auch geblieben ist. Das RaA'elin Morschhiiusers
zwischen Miiller- und Heidenbollwerk war wieder eingeebnet worden,
was erst gegen Ende der siebenziger Jahre geschehen sein kann, da
es noch auf den meisten Zeichnungen Heers zu sehen ist. Die beiden
Bollwerke ]\Iorschhausers zwischen Heiden- und Steinstrasser-Bollwerk
sind nicht zur Ausfuhrung gekommen, dagegen blieb die runde Wehre
erhalten und wurde zwischen ihr und Heidenbollwerk das erwahnte
kleine Hornwerk angelegt. Der Anschluss des Hornwerkes Finkmatt
kam ebensowenig zu Stande als die Fortsetzung dieser Befestigung zur
unteren 111. Statt dessen war das Judenthor mit einem Ravelin versehen
worden. Die Befestigung am Ausflusse der 111 wurde ganz abweichend
gestaltet, was wohl im Wesentlichen eine Folge der unterlassenen Fort-
setzung der Finkmattbefestigung war. Das Klapperthurm-Bollwerk kam
nicht iiber seine erste Ravelingestalt hinaus. Aus dem RaA'elin vor dem
Neuthor und dem Bolhverk am Johannisgiessen, das nicht an den Haupt-
wall angehangt wurde, war eine Enveloppe gemacht worden, der man
ein Ravelin auf der anderen Seite des Giessens nebengeordnet hatte.
\"on da ab bis zur oberen 111 kam Morschhausers Entwurf im Grossen
und Ganzen zur Ausfuhrung, doch hatte man darauf verzichtet aus dem
Ravelin vor dem Spitalthor ein Bolhverk zu machen, da dies einen Umbau
der langen Kurtine Metzgerbollwerk — SpitalboUwerk nothwendig ge-
macht hatte, den man als nicht dringlich A^ermeiden wollte. Von der
Anlage eines Vorgrabens rings um die Befestigung scheint man zeitig
Abstand genommen zu haben, da nur ein kurzes Stiick desselben vor
dem Ravelin des Steinstrasser Thores und dem halben Mond des Boll-
werks Roseneck zur Ausfuhrung gekommen ist.

Ueber die bauhche Beschaffenheit der Werke gibt uns der ,,Eigent-
liche Bericht von Befestigung der so weitberiihmten Stadt Strass-



BAULICHE BESCHAFFEXHEIT DER BEFESTIGUXG. 299

burg u. s. w." Frankfuit a. M. 1683, Kenntniss, dessen Inhalt audi in
V. Pollnitz-Kraus — nicht ohne einzelne Irrthiimer — ilbergegangen ist.
Dagegen geben die Zeichnungen des Archives hieriiber nur wenig
Kunde, da sie fast ausnahmslos nur Grundrisse darstellen. Fast iiberall
bestand der Hauptwall aus einem Niederwall — faussebraie — und
einem hohen Walle, ersterer fehlte nur auf einem Theil der Kurtinen,
deren Mauer als alte Stadtmauer wohl zu schwach war, die Ueber-
schiittung mit einem ^^'alle zu tragen; auch die Aussenwerke besassen
keinen Niederwall, abgesehen von denjenigen, deren spilteres Anhiingen
an den Hauptwall im Entwurf vorgesehen war. Sammtliche Werke
w^aren an der Eskarpe mit Mauerwerk bekleidet, mit Ausnalime des
kleinen Hornwerks der Westfronten, der Raveline vor dem Kronen-
burger und dem Steinstrasser Thor, des halben Mondes vor dem
Roseneck, des Hornwerkes Finkmatt, der Raveline vor dem Juden-
und dem Fischerthor, der Aussenwerke am lllausfluss, des Klapper-
thurm-Bollwerks und des Ra\elins vor dem Spitalthor. Ob die Enveloppe
vor dem Neuthor und das Ravelin auf der anderen Seite desjohannis-
giessens ummauert waren, bleibt ungewiss, Aveil der franzosische Plan
von 1682, dem diese Angaben entnomm.en sind, die Werke der Ost-
front nur noch punktirt angibt. Die Wallbekleidungsmauern waren
im Grossen und Ganzen iiberall gleich gestaltet und weichen hochstens
in der Hohe und in unwesentlichen Nebendingen von einander ab.'j
Es waren einfache Mauern ohne Strebepfeiler mit in der Regel zwei
Absatzen an der Riickseite und von der Grabensohle 18 bis 22 Schuh,
d. h. rund 5 bis 6 m hoch und auf Pfahlrost gegriindet. Ihre Beschaffen-
heit bietet also nichts Eigenthumliches und ist im Uebrigen im „Eigent-
lichen Bericht'' und bei v. P()llnitz schon iibermassig breit behandelt
worden.

Die Kontreskarj-te der neuen Werke war iiberall in Erde her-
gestellt und Bekleidungsmauern fanden sich nur an denjenigen Stellen,
die noch von der alien Stadtbefestigung herriihrten, so in der Kehle
des Deutschaue-Bollwerks, vor den Kurtinen der Westfronten, in der
Kehle des Hornwerks Finkmatt und voi der alien Befestigung am
Judenthor. Mit Ausnahme der Gniben des kleinen Hornwerks der
Westfroni und derjenigen der vorderen Aussenwerke am lllausfluss,



') PollniLz, 34, gibt die Hohe der allerdings aus alterer Zeit stammenden Mauer beim
Rausch zu 40 — 50 Schuh an, was unter alien Umstanden iibertiieben ist, wie ebenso, dass die
Kontreskarpe 24 Schuh hoch gewesen sei. War der Strassburger Schuh auch nur 0,28 m lang,
so stimmen diese Angaben doch ganz und gar nicht mit zuverlassigen Zeichnungen franzosischen
Ursprunges, es ist auch gar nicht einzusehen, wie man zu so unmassigen Abmessungen ge-
kommen sein sollte, die jedes Bediirfniss iiberstiegen und bei den flachen Griiben geradezu
in den Himmel geragt hatten. Pollnitz folgt hier kritiklos dem ,,Eigentlichen Bericht", der
allerdings sonst ziemlich zuverlassig ist.



300 GESCHICHTE DER BEFESTIGUNG STRASSBURGS.

in wclchen wohl nur bei besonders hohem Stande das Grundwasser
aiifstieg, waren alle Graben mit Grundwasser gefullt, die der West-
fronten auch mit dem fliessenden Wasser des Muhlgrabens. Ebenso
scheint im Graben der Siidfronten von der oberen 111 bis zum Johannis-
giessen \ Rheingiessen i eine Stromung des Wassers vorhanden gewesen
zu sein, da man hier gelegentlich Staiuvcrke entwarf, die anderen
Graben scheinen dagegen lediglich Grundwasser besessen zu haben.
Moglicherweise hatte das Wasser der Graben vor der Ostfront vom
Johannisgiessen nach der unteren 111 einigen Abfluss, von den Graben
zwischen Roseneck und unterer 111 ist dies jedoch nach Lage der Vcv-
hiiltnisse nicht anzunehmen. Die Tiefe des Wassers war bei dem
wechselnden Grundwasserstand nattirlich sehr verschieden, scheint
aber fiir gewohnUche Zeiten nicht gross gewesen zu sein, sie war
aber auch auf den einzelnen Fronten verschieden, in Folge ungleich
tiefer Ausschachtung der Graben, bei der man sich anscheinend der
Bagger nicht bedient hat und deshalb von dem jeweiligen Wasserstande
bei der Arbeit abhiingig war. Daher wird in den Chroniken auch so
oft berichtet, dass man trockene Sommer mit niedrigen Wasserstanden
zur weiteren Vertiefung der Graben ben.utzt habe. ^^'odurch die mehr-
fach betonte Verschlammung der Graben eigentlich verursacht wurde,
ist nicht ersichtlich, denn die Graben waren iiberall gegen den Fluss
durch Bare abgeschlossen, man kann also nur annehmen, dass die
Abzugskanale der Stadt grossentheils in die Graben mundeten und
dass man auch sonst vielleicht alien moglichen Unrath in dieselben
schiittete. Dass Ersteres wenigstens in illteren Zeiten der Fall war,
geht im Uebrigen aus den Berichten Joh. E. Me\'ers hervor, und es
wird sich daran wohl auch spater nicht viel geilndert haben, Ftigen
wir dann noch hinzu, dass der Graf v. d. Arch eine Reihe von „Aus-
f alien" nach dem Graben hatte anlegen lassen (aus dem Georgen- und
dem griinen Thurm, rechts vom steinernen Wehrel, neben dem Thurm
im Sack, aus dem Thurm zwischen Spitalthor und Spitalbollwerk und
aus der rechten Flanke des Spitalbolhverks, wo der ]\Iausethurm stand),
sowie dass der ganze gedeckte Weg pallisadirt, die in Erde hergestellten
Aussenwerke iiberdem noch auf der Grabensohle oder auf der Berme
pallisadirt und in der Brustwehr mit Sturmpfahlen versehen waren,
so konnen wir uns wohl ein zutreffendes Bild der Strassburger Be-
festigung im Jahre 1681 machen, die an sich wohl geeignet war einem
machtigen Gegner die Spitze zu bieten.

Auch an dem nothigen Geschutz zur Vertheidigung der Walle
fehlte es nicht und ebensowenig war die Bewaffnung der Besatzung
eine mangelhafte, sodass von einer schlechten Armirung der Werke,
wie V. Pollnitz meint, nicht wohl die Rede sein kann. Wenn er dann



DER FALL DER STADT. 301

ferner sagt, class die vielen Opfer an Zeit, Material unci Geld, welche
die Stadt gebracht hiitte, aiich durch die Undisziplin der Besatzun.o-
und die Muthlosigkeit der Bevolkeruno- nutzlos gemacht worden seien,
so ist dies ein schiefes und unbilliges und mit nichts zu belegendes
Urtheil. Der Biirgerschaft in ihrer Allgemeinheit fehlte es keineswegs
an Muth, wohl aber an der nothigen Organisation und Fiihrung, und
dass man mit einer Hand voll Soldner ~ es waren nur 400 Mann ! —
eine Festung wie Strassburg nicht vertheidigen konnte, lag wohl auf
der Hand, Dass die Besatzung den Gehorsam verweigert oder sonst
wie durch ihr Betragen eine \'ertheidigung unmoglich gemacht hiitte,
wird nirgends gemeldet. Aber alles dies war ja gar nicht die Ursache,
weshalb die Stadt zu Falle kam, die Grtinde lag'en da viel tiefer. Ihnen
nachzugehen, ist hier nicht der Platz, rein militarisch betrachtet kann
man aber wohl sagen, dass es zweckmassiger gewesen ware, die in
den Umbau der Befestigung gesteckten Gelder auf die Unterhaltung
einer tuchtigen Besatzung zu verwenden, denn so lange die AVelt steht,
sind es nicht die todten Hiilfsmittel gewesen, welche bei einer Festungs-
vertheidigung den Ausschlag gaben, sondern die lebendigen Kriifte,
welche Wall und Mauern beschirmten.



5. Abschnitt.

Von jeher war ein gesicherter Rheiniibergang eine der wesent-
lichsten Bedingungen fur die Machtstellung vStrassburgs am Oberrhein,
fur seine Verbindung mit dem Reich und fiir das Gedeihen seines
Han dels.

Urspriinglich befanden sich in der Niihe Strassburgs zwei Fiihren
tiber den Rhein : die obere Fiihre zu Hundsfelden und die untere oder
niedere Fahre in der Ruprechtsaue; beide waren jedenfalls uralt. Die
Fahre zu Hundsfelden lao- bei dem eleichnamioen Dorfe ^ ) oberhalb



') Das Dorf Hundsfelden ist noch auf Specklins Landkarte des Elsass angegeben, die
bekanntlich 1577 fertiggestellt wurde, es wurde aber im Jahre 1580 von den Grafen von Hanau abge-
brochen, da es wegen verschledener Mordthaten seiner Einwohner verrufen war (Silbermann, 222).
Noch auf Karten jiingeren Datums als die Specklinsche ist die Stelle bezeichnet, wo Hunds-
felden lag, so z. B. auf der Carte du Rhin, 7"ne edition, 1857, zwischen dem Schneckenkopf
und dem Sundheimergrund, dem Ruchauegrund gegeniiber. Es ist unzutreffend, wenn in der
Zeitschrift fiir die (leschichte des Oberrheins, N. F. XVI, 129, gesagt wird, Hundsfelden habe
an der Stelle von Kehl gelegen und sei mit Iringheim zur Stadt Kehl vereinigt worden
(ebenda 130). Iringheim lag zwischen dem Kehler Mitteldorfel und dem Rhein und wurde
von diesem nach und nach weggespiilt (Silbermann, 231), das Kehler Mitteldorfel aber stand
an der Stelle des mittleren Theiles des heutigen Kehl, wahrend sich der nordwestliche Theil
des Letzteren etwa mit dem alten Dorf Kehl deckt, dessen Einwohner sich im heutigen
siidostlichen Theil anbauen mussten, als Ludvvig XIV. nach 1681 an Stelle der alten Strass-
burger Befestigung den neuen Briickenkopf erbauen liess.



302 GESCHICHTE DER BEFESTIGUNG STRASSBURGS.

Kehl, noch etwas oberhalb Sundheim scegen Marlen zu, und gelangte
man vom Johannisthor wohl durch die heutige ^[usaue dahin. Zu dem
Zwecke musste man eine zweite Fiihre benutzen ,,ad undis", oder
A'erderbt ,,zu den Hunden" genannt, welche zweifellos iiber den
johannis- oder Rheingiessen fiihrte, deren Lage wir aber nur vermuthen
konnen, und zwar an der Stelle, wo sich nachmals die sogenannte hohe
Briicke, gleich rechterhand vor dem Johannisthore befand. Diese
beiden Fiihren, die zu Hundsfelden und ad undis, gehorten nicht der
Stadt Strassburg, sondern den Herren von Lichtenberg und anderen
Mitbesitzern und wurden erst um 1374 ^on der Stadt erworben, ^) die
dann bald darauf den Bau einer stehenden Briicke iiber den Rhein
unternahm, durch die jene Fiihren ersetzt wurden. Schon vorher —
im jahre 1371 — hatte die Stadt in der Fehde mit dem Graf en Bechtold
von Kyburg und Herrn Reinhard von Windeck eine Schiffbrucke iiber
den Rhein geschlagen, vermuthlich an derselben Stelle, an der sie nun
im Jahre 1388 die erste stehende Brucke erbaute. Der Anlass zur
Herstellung dieser Briicke war die Fehde mit dem Margrafen von
Baden in letztgenanntem Jahre, an welche Fehde sich der sogenannte
grosse Krieg anschloss, der erst im Jahre 1392 beendet wurde. In
diesem Kriege spielte die Rheinbrucke eine hervorragende Rolle,
wurde von den Strassburgern siegreich behauptet und im Friedens-
schlusse des Jahres 1393 vom romischen Konig Wenzel der Stadt gegen
Zahlung von 32000 Gld. fiir ewige Zeiten bestatigt — sehr gegen den
Willen der benachbarten Herrn, die darin nicht ohne Grund einen
erheblichen Machtzuwachs Strassburgs erblickten.

Die nunmehrige stehende Briicke lag etwas oberhalb der heutigen
Strassenbrucke, und man gelangte auf zwei Wegen dahin, einniid
mittels der Strasse, welche vom Niklaus-, spater vom Neuen Thor
dahinfiihrte, dann mittels der sogenannten Rheinbriickenstrasse (heute
Rheinstrasse V" ) welche vom Metzgerthor ihren Ausgang nahm. Letztere
iiberschritt zunachst den Johannis- oder Rheingiessen auf der kleinen
Rheinbriicke, so genannt zum Unterschied von der grossen Rhein-
briicke, welche am linken Ufer des heutigen kleinen Rheins begann
und in einem Zuge iiber die Inseln und Sandbanke bis zum rechten
Ufer des Hauptstromes, des sogenannten grossen Rheines fiihrte. Die
heutige kleine Rheinbrucke war also damals ein Theil der grossen
Rheinbriicke. Nach 1636 ^ trug man den westlichen, auf dem langen



'j Strss. Stdt. Arch. AA. 1691.

^) Diese Strasse ist in den Uebersichtsplan der 2. Erweiterung eingetragen, wenngleich
es fraglich bleibt, ob sie schon in der zweiten Halfte des 13. Jahrhunderts vorhanden war.

3) Hermann I, 361 gibt nur eine eininalige Verkiirzung der Briicke im Jahre 1772 an,
indess beweisen sammtliche im Stadtarchiv befindliche Zeichnungeu des Rheinpasses, dass der



STEHEXDE BRUCKE UBER KLEINEN UND GROSSEN RHEIN. 303

Worth gelegenen Theil der grossen Rheinbriicke ab unci iiberschiittete
die stehengelassenen Joche mit einem Strassendamme. Der bestehen-
bleibende ostliche Theil der BrCicke wurde dann nochmals im Jahre 1772
verkiirzt als das lange Worth durch Einbeziehung- einer grossen
Sandbank nach Osten zur sogenannten Sporeninsel verbreitert worden
war, der Rest wurde schliesslich nach 1814 durch eine Schiffbriicke
ersetzt. Auch die kleine Rheinbrucke war ein Pfahljochbriicke.

Insbesondere die grosse Rheinbrucke hat nicht selten von Hoch-
wasser zu leiden gehabt, ja im Jahre 1566 wurde sie ganzlich fort-
gerissen, um dann dicht oberhalb der Stelle neu aufgebaut zu werden,
an der bis vor Kurzem die Schiffbriicke iiber den Strom fuhrte. Diese
Schiffbrucke ist nun durch die im Jahre 1897 hart unterhalb von ihr
erbaute stehende Strassenbrucke ersetzt worden. Wenige Schritte von
der grossen Rheinbriicke vereinigten sich die A^om Johannis- (spiiter
Neuem) bzw, vom Metzgerthor ausgehenden beiden Strassen und an
dieser Stelle lag nachmals das Zollhaus und die Zollschanze.

Urspriinglich waren zwei Zollhauser vorhanden, welche auf der
Hrticke selbst standen und gleichzeitig zu ihrer Vertheidigung dienten,
also wahrscheinlich an den beiden Enden der grossen Rheinbrucke
lagen. Eins dieser Zollhauser wird schon im Kriege des Jahres 1392
erwiihnt und war gegcn den Bruckcnzugang durch eine Fallbriicke ')
abgesperrt. Im jahre 1524 fiel ein Zollhaus in den Rhein, das andere
verbrannte, '•^j sodass man im Jahre lv"y26 bei XIII. in Erwilgung zog,
ob das Zollhaus nicht tiberhaupt an eine andere Stelle zu legen sei.
Gleichzeitig beschloss man jedoch das Zollhaus mit einem ,,Schirme"
zu umgeben, ^) woraus vielleicht geschlossen werden darf, dass das
eine der beiden Gebiiude zur Vertheidigung erh;dten bleiben, das
andere lediglich als Zollhaus dienen soIUe. Auf alle Fiille finden wir
das eigentliche Zollhaus im jahre 159:5 an der oben nilher bezeichneten
Stelle vor der grossen Rheinbrucke, da wo sich die Strassen vom
Neuen und Metzgerthor vereinigten, wahrend es ungewiss bleibt ob
beim Wiederaufbau der Briicke nach dem Jahre 1566 das zweite Block-
haus wieder errichtet wurde. Es ist dies in der That rccht un wahr-
scheinlich, da der jNlarkgraf Ernst Friedrich von Baden im Jahre 1595
auf eine bessere Sicherung der Briickenzugilnge drang. Er liess der



Ersatz der Briicke auf dem eigentlichen langen Worth durch eine Strasse schon bald nach
1636 stattgefunden hat, wie er am 23. Mai 1636 von den XIII. in Vorschlag gebracht worden
war (Strss. Stdt. Arch. G. U. P. 113. 115.).

'j Es war dies keine Zugbriicke, sondern eine nach unten aufklappende Briicke, mittels
welcher man die Feinde in den Rhein fallen lassen wolltc (Hegel II [IX], 689).

2) Imlin, 30.

■*) Strss. Stdt. Arch. G. U. P. 114, 6. Unter dem Schirme wird eine vertheidigungs-
fahige Bohlwand oder dergleichen zu verstehen sein.



304 GESCHICHTE DER BEFESTIGUXG STRASSBURGS.

Stadt mittheilen, dass er die Zugiinge selbst befestioen lassen wiirde,
wenn der Rath der Stadt diese \^orsichtsmassregel noch liinger ausser
Augen setzen wollte. ' i ^

Um diese Zeit bestand das Zollhaus, wie uns einige im Stadt-
archiv befindliche Zeichnungen ersehen lassen, - ) aus einem lediglich
aus Holz errichteten Gebilude, das auf einem Pfahlwerk inmitten einer
mit Wasser gefiillten Ausschachtung ruhte. Durch das Gebaude fiihrte
die Strasse wie in einem iiberdeckten Thorweg hindurch und konnte
durch Fallbriicken in den das Wasseiioch iiberspannenden Holzbriicken
unterbrochen werden. Rings um das Wasserloch lief eine Erdbrust-
wehr, auf deren an der Feuerlinie Avagerechten Krone eine PalUsa-
dirung stand; ein ilusserer Graben war nicht vorhanden. Die Diirftigkeit
der ganzen Anlage ist nicht zu verkennen und war zweifellos der
Grund, weshalb der Markgraf auf eine bessere Sicherung der Briicken-
zugiinge Werth legte. In Folge dessen wurde Johann Enoch Mej^er
beauftragt, einen Entwurf fiir die bessere Befestigung des Rheinpasses
zu bearbeiten, welcher Entwurf '-) noch im Stadtarchiv aufbewahrt
wird. Derselbe sah zwei Doppelblockhauser auf der Briicke ^or, das
eine dicht am rechten Ufer, das andere iiber dem Hauptstrom, daneben
das bereits bestehende Zollhaus vor dem linksuf erigen Bruckenzugang ;
zwischen diesen drei Gebaulichkeiten sollten noch je zwei Wacht-
hauschen aufgestellt werden. Um die Annaherung an denjenigen Theil
der Briicke zu erschweren, der iiber die Insel zwischen grossem und
kleinem Rhein — das sogenannte lange Worth — und eine am rechten
Ufer des Hauptstromes gelegene Sandbank fiihrte, wollte I\Ie3^er Insel
und Sandbank auf beiden Seiten der Briicke mit Wassergriiben
versehen, die Briicke also von Insel und Sandbank giinzlich abtrennen.
Wiihrend es unsicher bleibt, ob man die Blockhauser in der Folge
errichtete, kann dagegen mit Bestimmtheit behauptet werden, dass
die Graben auf dem langen Worth und der Sandbank nicht hergestellt
wurden, obgleich dies ein einfacher und guter Schutz der Brucke
gewesen ware. Vielleicht fiirchtete man, dass die Graben den Ueber-
schwemmungen nicht lange Stand halten und hiiufige Wiederherstel-
lungen nothwendig machen wurden. Der Entwurf fiir die Doppel-
blockhauser ist nicht uninteressant, indem dieselben aussen auf den
Pfahljochen der Briicke sich derart gegeniiber stehen, dass die
Briickenbahn zwischen ihnen frei bleibt. Eine Art Tambour aus
Bohlwanden mit Schiessscharten umgibt die Blockhauser, welche mit
Schrankwanden erbaut und mit einem einfachen, nach aussen abge-



1) Strss. Stdt. Arch., AA. 847.

-) Ebenda, PI. 432 u. 433 (IVb i u. 2).

») Ebenda, PI. 423, 552, 44i u. 454 (HI, 3, 4, 5 u. 6).



ZOLLHAUS AM LIXKEN UFER DES KLEIXEX RHEIXS. 305

schragten Pultdach versehen sind. Ueber dem Dach hilnot in einem
Holzgerust eine Glocke, die von der Wachtstube aus gezogen werden
kann. Ausserhalb des Tambours befinden sich Fallbrucken in der
Briickenbahn, sodass die ganze Vertheidigungsanlage vollig abge-
schlossen werden kann. Zum ]\Iindesten muss eine dieser Fallbrucken
hergestellt worden sein, denn aus dem Jahre 1600 wird ihre Wieder-
beseitigung gemeldet. \i Schirme i Tambours i werden auch vor dem
bereits bestehenden Zollhause vorgesehen, dessen Wasserloch durch
Graben mit dem Rheingiessen bzw. kleinen Rhein in \^erbindung
gebracht werden soil, sodass eine Art Bruckenkopf vor dem links-
ufrigen Bruckenzugang entsteht.

Im Jahre 1607 wird der etwas sonderbare Bau des Zollhauses
am 24. August bei XIII. als baufallig gemeldet, indem die Joche, auf
denen er stand, von Faulniss ergriffen waren. Man beschloss, djis
Haus mit Boden und Kies zu unterfiillen und die Schwellen auszu-
wechseln, den Bau im Uebrigen aber so zu erhalten wie er Avar. -)
Im niichsten Jahre fertigte man dann ein Modell und beschloss am
8. August bei XIII., dass der Bau danach ausgefiihrt werden soUte,
jedoch unter vorliiufiger Weglassung der PaUisadirung und Fall-



Online LibraryFerdinand ApellGeschichte der Befestigung von Strassburg i.E. vom Wiederaufbau der Stadt nach der Völkerwanderung bis zum Jahre 1681 → online text (page 33 of 40)