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Ferdinand Apell.

Geschichte der Befestigung von Strassburg i.E. vom Wiederaufbau der Stadt nach der Völkerwanderung bis zum Jahre 1681 online

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Kiigler, Morschhausers und des Baumeisters Jakob Schmidt i Walljakob j
eingehend besichtigt. Man schlug am 11. August bei XIII. vor, die
Strasse um die Schanze zu fiihren und das Zollhaus zwischen letztere
und den Rheingiessen zu setzen, auch die Wache nach Kehl zu ver-
legen, was gutgeheissen wurde, wenn es ohne Beschwerung anderer
Kassen moglich sei. Das Blockhaus auf der Briicke, in dem wohl die
Wache untergebracht war, wurde abgebrochen, aber fiir vorkommende
Falle aufgehoben. Eine im Stadtarchiv befindliche Zeichnung *; gibt
ims ein genaues Bild des nunmehrigen Zustandes der Zollschanze, in
der das alte Zollhaus als Reduit erhalten blieb. Man hatte die beiden
Strassenbriicken vor demselben abgebrochen und als Zugang einen
Steg auf der Stadtseite angelegt. Ferner war die eine Briicke iiber
den ausseren Graben, hier aber auf der Stadtseite abgebrochen worden,
an Stelle des hier gelegenen ehemaligen Einganges, wie ebenso an
der entgegengesetzten Seite, wo das Thor erhalten blieb, aber ein
Vorsprung in der Brustwehr angeordnet, von dem aus eine, wenn auch
schwache Seitenbestreichung der anstossenden Linien moglich war.
Dann legte man das Glacis mit seinen Waffenpliitzen an, wozu man
den Boden wohl durch eine \^erbreiterung des Grabens gewann und
erbaute, wie man annehmen darf, auch das kleine Gebaude im Inneren
der Schanze am Rande des Reduitgrabens, das eine Kiiche gewesen
zu sein scheint. Der kleine Anbau diirfte eine Latrine vorstellen.
Die Strasse zur Rheinbrilcke fiihrte nun iiber das Glacis der Schanze,
und hier kig auch das neue Zollhaus, durch Vv^elches die Strasse wieder
hindurchfiihrte, Alles in Allem stellte der Umbau ja eine Verbesserung
des vorhandenen Zustandes vor, die Schanze blieb aber gleichAvohl
ein schwachliches Werk, weil sie in der Entstehung verdorben war.
Die Klagen horten deshalb auch nicht auf und fiihrten in der Folge
zu einer wahren Fluth von Um- und Neubauentwiirfen, in erster Linie
machte sich aber der Umstand geltend, dass es so gut wie ganz an
Unterkunft fiir die Besatzung fehlte.-i Man erbaute deshalb Baracken
fur dieselbe und zwar zwischen Schanze und Rheinbrucke.

Am 23. Mai 1636 fand wiederum eine Besichtigimg des ganzen
Rheinpasses durch die Xlll. im Beisein Morschhausers statt, der noch

') Strss. Stdt. Arch. PL 217 (IVb 12).
2) Prot. d. XIII. V. 7. XI. 1635, fol. 310b.



NEUE VORSCHLAGE MORSCHHAUSERS, BETR. DEN ANSCHLUSS DER ZOLLSCHANZE. 315




316 GESCHICHTE DER BEFESTIGUNG STRASSBURGS.

am selben Tage eine Denkschrift dariiber aiifsetzte imd demnachst
noch eingehender berichtete. \) Man ging vom Neuen Thore aus und
fand es fiir nothig, die Baume, Hecken und Dielenwande bis zur Briicke
aus dem Gesichte zu riiumen, unter welcher Briicke jedenfalls die iiber
den Rhein und nicht etwa die in der Nachbarschaft des Neuen Thores
gelegene Briicke uber den Rheingiessen gemeint ist, denn man wollte das
ganze Gelilnde bis zur Zollschanze ubersehen und beherrschen konnen.
Um eine sichere \"erbindung zwischen Stadt und Rheinbriicke lierzu-
stellen, schlug die Kommission vor, eine doppelte Verschanzungslinie
bis zur Zollschanze aufzuwerfen, die aus zwei Brustwehren mit vor-
gelegenem Graben bestehen sollte, also eine Art doppelten Koffer
gebildet hatte. Im ersten Jahre wollte man nur die Graben ausheben
und die Brustwehren jmschiitten und letztere erst spiiterhin aufsetzen,
d. h. mit Faschinen bekleiden und wohl audi mit Pallisaden und
Sturmpfahlen versehen. Morschhauser gab ein Profil fiir diese Linien,
das jedoch einen todten Winkel auf der Kontreskarpe zeigt. ]\Ian
kann deshalb mit ziemlicher Sicherheit schliessen, dass die Linien eine
Flankirung bekommen sollten, durch welche die todten Winkel fort-
geschafft worden waren, oder dass sonst in irgend welcher \\^eise
Abhiilfe A^orgesehen war. Diese Anschlusslinien sind jedenfalls auf
Morschhauser zuriickzufiihren, in dessen modifizirtem Entwurf fiir die
Stadtbefestigung wir ein Stiick derselben angedeutet finden. Hier sind
zur Flanku-ung der Linien kleine Liinetten iiber den Graben vor-
geschoben und der Rheingiessen durch den einen Graben hindurch-
geleitet. Weder Letzteres noch die Anordnung der Liinetten kann als
besonders zweckmilssig betrachtet werden. Die Erdarbeit berechnete
man zu 3000 bis 3200 Thl., die Faschinenbekleidung der nordlichen
Anschlusslinie zu 700 Thl. x\ls Stiitzpunkt in der Anlage sollte am
Ziegelofen-) eine Schanze nach wesentlich starkeren Profilen erbaut
und mJt Reisswerk und Sturmpfahlen versehen werden und 2500 Thl.
kosten. Die Zollschanze wollte man ringsum pallisadiren und durch
zwei Linien an den Rheingiessen und den kleinen Rheiii anschliessen.
Zum unmittelbaren Schutze der langen Rheinbriicke beabsichtigte
man zwei Redouten aufzuwerfen „wan Aber der Weg vff einer Werbe
soil gemacht werden gleich Angefangen Ist da eine genugsamb".



^) Strss. Stdt. Arch. G.U. P. 113. 115. Es sind also zwei beziigliche Denkschriften Morsch-
hausers vorhanden, die in der Sache iibereinstimmen, im Wortlaut aber ein wenig von einander
abweichen. Der Bericht iiber den Augenschein gibt nur die einzelnen zur Berathung gestandenen
Punkte an, der andere ist etwas mehr ausgefiihrt und enthalt auch die Kostenangaben, die im
ersten Bericht noch nicht ermittelt sind.

^) Dieser Ziegelofen lag gerade halbwegs zwischen Neuem Thor und Zollschanze und
zwischen dem diese beiden Punkte verbindenden Wege und dem Johannis- oder Rheingiessen,
da wo nachmals die Zitadelle erbaut wurde.



NEUE VORSCHLAGE MORSCHHAUSERS, BETR. DEN ANSCHLUSS DER ZOLLSCHANZE. 317

Auch diese Schanze sollte ringsum mit Reisswcrk aufgesetzt werden
und 450 Thl. kosten. Zu Kehl wollte man ,,Die Briicke Neben Hotops-
Schantze vmbrichten", die Tenaille in ein Hornwerk umbauen, „die
Bey den flugel die Battria unnd Hornwerckh anhenckhen, A lies mit
Reisswerckh Nach dem Profiil) Nr. 3", die Kontreskarpe auf der
rechten Hand an Hotops-Schanze ,,machen", die alte auf der linken
repariren und den Weg „vff den Damm bringen", den Goldscheuer-
Weg ,,und die facie" verfertigen, „dass Thor beym Kirchsteig hinauss-
machen oder die Bruckhe vber die Schmutter be3'm Kinzig Thor".
Fill" silmmtliche Kehler Bauten wurden 2550 Thl. berechnet, wobei
jedoch fur den Umbau der Brucke neben Hotops-Schanze und fiir das
Thor beim Kirchsteig" bzw. die Brucke iiber die Schmutter (Schutter)
Betriige nicht ausgeworfen sind. Morschhauser fiigt hinzu, man moge
alles noch diesen Sommer (1636) machen, da das Wetter gut, die Tage
king und ini Winter nicht so bequem zu fronen sei.

M^as die Arbeiten zu Kehl anlangt, so liegt ein gewisses Dunkel
iiber denselben, weil wir zur Zeit nicht mit Bestimmtheit Avissen,
welches die Hotops-Schanze war, auch der Text der Denkschrift stellen-
weise deutungsfiihig ist. Mit der Tenaille ist dagegen zweifellos das
Werk vor der Brucke gemeint, dessen Anschlusslinien tenaillirt waren
und das durch den Umbau dersclben in bastionirter Manier ein Horn-
werk geworden wiire. Als Hotops-Schanze konncn wir wohl nur die
Schanze rechts von diesem Briickenkopf ansprechen und mochte ich
fast glauben, dass es sich nicht um eine Brucke neben Hotops-Schanze
handelt, die umgerichtet werden soil, sondern dass man den Briicken-
zugang aus dem Bruckenkopf weg und neben die Hotops-Schanze
legen wollte. Ebenso wissen wir nicht, welcher Weg auf den Damm
gebracht werden sollte, vermuthlich ist es aber doch derjenige nach
der Hotops-Schanze gewesen, da er unter derselben Nummer wie die
Reparaturen an derselben aufgefuhrt wird. Das mochte dann wieder
dafiir sprechen, dass die Schanze rechts vom Bruckenkopf „da wo
sich der Rhein theih" (siehe oben) die Hotops-Schanze gewesen wiire,
und kann man sich sehr wohl vorstellen, dass sich zwischen Briicken-
kopf und Schanze, das Rheinufer entlang, ein Damm hinzog. Fiihrte
der Weg am Fusse des Dammes her, so war er zweifellos der Ueber-
schwemmung ausgesetzt, wenn er ausserhalb desselben lag, wahrend
er innerhalb des Dammes vielleicht durch Druckwasser zu leiden hatte.
Recht dunkel ist die Stelle, wo von dem Anhangen der beiden Flugel,
der Batterie und des Hornwerks die Rede ist und wird man sich
dieselbe wohl so erklilren miissen, dass die beiden Rheinanschliisse
der Umwallung des Dorfes an den Bruckenkopf angehangt, mit anderen
Worten, dass man die Kehle der Umwallung langs des Rheines ab-



318 GESCHICHTE DER BEFESTIGUXG STRASSBURGS.

schliessen wollte, denn die Batterie lag', wie wir wissen, am Gold-
scheuer-Weg" und war jetzt cin Theil des Goldscheuer-AWn-kes ge-
worden, das den Anschluss an den oberen Rhein vcmiittclte. Unter
der „facie" am Goldscheuer-Weg werden wir uns die noch fehlende
rechte Face des letztgenannten Werkes vorzustellcn haben, ohne welche
die linke Face von den Rheininseln aus von der Seite gefasst werden
konnte. Das Thor am Kirchsteig war zweifellos dasjenige der Front
Marbachswerk — St. Martinswerk, denn die Kirche lag ja ganz in der
Niihe desselben im Mitteldorfel.

Wie zu erwarten, kam nicht alles zur Ausfuhrung, in erster
Linie nicht die etwas fragwurdigen Anschlusslinien vom Neuthor zur
Rheinbrucke. Dagegen erscheint die Ziegelofenschanze auf den meisten
spateren Planen und zwar iibereinstimmend als quadratische Redoute.
In welchem Jahre sie erbaut wurde, bleibt dahingestellt. Ebenso wurde
die Zollschanze pallisadirt und durch zwei Linien an den Giessen und
den kleinen Rhein angeschlossen. Diese Anschlusslinien werden unter
dem 7. Dezember 1636 als vorhanden, die Pallisadirung als noch aus-
zufiihren gemeldet, in der Folge aber — wie feststeht — auch her-
gestellt. \'on den beiden Redouten an der langen Rheinbrucke kam
die eine zur Ausfuhrung und zwar auf dem langen \A"orth, am Ufer
des Hauptstromes. Auch dies war eine quadratische Redoute, in deren
Innern ein Blockhaus gestanden zu haben scheint. Vorhandene Plane
lassen uns dann ersehen, dass die Rheinkehle der Umwallung von
Kehl durch eine Palhsadirung gesichert wurde, man also von der An-
lage einer Brustwehr mit Reisswerk Abstand nahm, und dass man
auch das Thor beim Kirchsteig anlegte, an derselben Stelle wo schon
vor Umschanzung des Dorfes eine Briicke iiber den todten Kinzigarm
gefiihrt hatte. Dieser V^erbindung mit dem Mitteldorfel gab man also
den Vorzug vor der bedingungsweise in Vorschlag gebrachten Briicke
iiber die Schmutter, Avelche man vor der Spitze des Marbachs werkes
hatte erbauen miissen; letztere Verbindung ware aus Griinden der
Sicherheit wohl vorzuziehen gewesen, da man ein Thor weniger gehabt
hatte. Ueber die Ausfiihrung der anderen Arbeiten ist nichts bekannt,
doch ist es sicher, dass die rechte Face des Goldscheuer-Werkes nie-
mals erbaut wurde, man begniigte sich mit einem Stiick Brustwehr,
das nicht langer als der Wall breit war, also gewissermassen nur
eine Traverse vorstellte.

Am 7. Dezember 1636 reichte dann Morschhauser abermals eine
Denkschrift ein/j in der er besonders die Wichtigkeit der Kehler Be-
festigung hervorhob. Es konne sich — sagt er — nicht bios um die



») Strss. Stdt. Arch. G. U. P. 113. 115.



WEITERE DENKSCHRIFT MORSCHHAUSERS, KEHL BETREFFEND.



319




320 GESCHICHTE DER BEFESTIGUNG STRASSBURGS.

Befestigung- der Stadt Strassburg handeln, sondern auch der Rheinpass
sei zu bedenken „welchcr nicht vnfiiglich Euer Rechter Arm und
Schwert dauon die Gantze Statt Ihren Respect vnnd Hochheit hat,
vnnd In Mangel dessen gewisslich nichts Anderes 1st, als ein Vmvehr-
haffter Zerstiimpelter Mann ohn ein Rechten Arm". Er wiederholt
seine Vorschlage wie er sie Theils vor zwei Jahren und seither unter-
schiedlich gemacht habe. Ausserdem will er jetzt noch das Gold-
scheuer-Thor veriindern. Abgesehen von den Anschliissen bei der
Zollschanze ist nach dieser Denkschrift noch nichts von den Vor-
schlagen des 23. Mai 1636 zur Ausfiihrung gekommen und diirfen wir
die oben erwiihnten Herstellungen wohl in das Jahr 1638 setzen, wo
ausweislich der Protokolle der XIll.'j der Rheinpass besser verwahrt
wurde, nachdem Morschhiluser am 22. Januar dieses Jahres bei XXI.
abermals auf die bessere Versorgung von Kehl gedrungen hatte, da
man vielfach beziiglich Anschliigen auf dasselbe gewarnt worden sei.
Auch 1640 baute man an der Zollschanze,-; doch lasst sich Naheres
hieriiber nicht angeben.

Es folgt nun ein langer Zeitraum, wahrend dessen wir nicht das
Geringste liber den ganzen Rheinpass erfahren. Erst aus dem Jahre 1667
wird gemeldet, dass man die Zollschanze in bessere Defension gesetzt
habe, dass aber die Bauern, die schanzen sollten, Schwierigkeiten
machten.^j Dagegen bedankte man sich bei der badischen Regierung,
welche bei den Arbeiten am Rheinpass hiilfreiche Hand geleistet hatte.^)
Man schlug auch vor, eine Schanze vor der Rheinbrucke zu Kehl zu
erbauen, weil derRhein das halbeDorf Kehl sammt der Front St. Martins-
werk— Goldscheuer-Werk, den Bruckenkopf und einen Theil des untern
Rheinanschlusses fortgerissen hatte.") Die Befestigung Kehls hatte
nun cine ganz andere Gestalt erhalten und entschieden an Widerstands-
fiihigkeit eingebiisst, da sie auf der Landseite nur noch eine Front
besass und der Ueberrest des St. Martinswerkes, welches jetzt der



') Prot. d. XIII. V. 1638, fol. 172.

2) Ebenda v. 1640, fol. 231.

3) Ebenda v. 1667, fol. 3ioi>.

*) Strss. Stdt. Arch. A A. 1259.

5; Es ist mir bis jetzt nicht moglich gewesen, das Jahr festzustellen, in welchein diese
Katastrophe eintrat, und es ist auffallig, dass derselben in den Geschichtswerken, auch in den
Protokollen des Stadtarchivs keine Ervvahnung geschieht — ich habe zum Wenigsten nichts
gefunden. Die Linie, nach welcher der Rhein einen Theil des Dorfes Kehl sammt dem ent-
sprechenden Theil der Befestigung fortriss, ist in einen Plan des Stadtarchivs — Nr. 269
(in, 9) — mit Blei eingetragen, ein Plan, der alteren Datums sein muss, da er z. B. die An-
schlusslinien der Zollschanze noch nicht enthalt und wohl bios benutzt worden ist, um den
angerichteten Schaden zu veranschaulichen. Der alteste Plan mit Datum, der den neuen Zu-
stand der Werke darstellt, ist vom Jahre 1667 und von A. Kerman angefertigt, man wird
deshalb vielleicht schliessen diirfen, dass die Katastrophe nicht lange vor dem angegebenen
Jahre stattgefunden hat.



DER RHEIN SPULT EIXEN THEIL VOX KEHL FORT.



m




V. Apell, Befestigung Strassburgs.



322 GESCHICHTE DER BEFESTIGUXG STRASSI5URGS.

natiiiiiche Angriffspunkt geworden war, fast ganz der seitlichen Unter-
stiitzung- entbehrte. Audi die Rheinbriicke war nun ein ganzes Stuck
kinder geworden, an ihrem Ausgange in das Dorf Kehl kig eine neue
Zollstelle und dicht dabei ein U'achtgeb;iude/) das man mit einer im
Grundriss sternformigen Pallisadirung umgeben hatte. Die Rheinkehle
war ohne jede \'ertheidigung. Als eine \'erbesserung ist dagegen die
Schliessung des Kinzigthores und die Verlegung der Kinzigbrucke an
das Mitteldorfel anzusehen, wodurch die Bewachung Kehls nieht un-
wesentlich erleichtert wurde.-i

Erst die am 14. November 1672 in. Stj mitten im Frieden erfolgte
Zerstorung der Rheinbrucke Seitens der Franzosen brachte einigen
Wandel in diese wenig giinstigen Verhiiltnisse. Die zerstorte Briicke
ersetzte man zunilchst durch eine fliegende Fiihre, baute dieselbe dann
aber wieder auf und beschloss am 8, Februar 1673 bei XITI. sie durch
zwei Blockhauser gegen einen abermaligen Ueberfall zu sichern.^) Heer
ent\Yarf die Blockhauser zuerst dreiseitig,-*) sie wurden aber in recht-
eckiger Form und zwar je eines auf den beiden Sandbiinken erbaut,
iiber welche die Rheinbrucke hinwegfuhrte, sodass sie in \>rbindung
mit der auf dem langen Worth bereits befindHchen, mit einem Block-
haus versehenen Schanze die beiden Hauptrheinarme unter kreuzendes
Feuer nehmen konnten. Eine von Heer am rechtsufrigen Brucken-
ausgang entworfene quadratische Schanze, welche den dritten, langs
des rechten Ufers fiihrenden Nebenarm des Stromes bestreichen soUte,
kam nicht zur Ausfiihrung, dagegen schloss man diesen Arm durch
ein Uferdeckwerk nach Oberstrom ab,^i sodass von hier nichts mehr
fur die Brucke zu besorgen war. Durch diese und andere Damm-
schiittungen beabsichtigte man gleichzeitig zu verhindern, dass sich
der Rhein weiter nach Kehl in das Ufer einfrass. Statt der Schanze
am rechtsufrigen Briickenausgang stellte man, nachdem Heer die ver-
se ]iiedensten Entwiirfe bearbeitet hatte, einen Abschluss der unteren
Rheinkehle her, der aus einer tenaillirten Brustwehr mit vorgelegenem
Graben bestand. Indess wurde die Stadt von Ludwig XI\'. gezwungen,
die Rheinbrucke in dem Umfange, in welchem sie zerstort worden war,
wieder abzudecken, sodass nur ein Steg fiir zwei Personen verblieb
und man genothigt war, fiir den grosseren Verkehr abermals zu einer
fliegenden Fahre seine Zuflucht zu nehmen. Zur selben Zeit stellte



>) Kerman bezeichnet dasselbe als Cortegat, was zweifellos Corps de garde heissen soil.

2) Wir ersehen aus dem Plane von 1667 und spjiteren Planen dann auch, dass man die
im Mitteldorfel abgebrochene Kirche innerhalb der Kehler Befestigung wieder aufgebaut hatte.

3) Prot. d. XIII. V. 8. II. 1673, fol. 65. Es ist also unrichtig, wenn Silbermann, 229,
diesen Beschluss in das Jahr 167 1 setzt.

*) Strss. Stdt. Arch. PI. 434 u. 456 (III, 10 u. II).
^) Beschlossen bei XIII. am 30. VIII. 1673, fol. 487.



NEUBAUTEN IX FOLGE ZERSTORUNG DER RHEINBRUCKE DURCH DIE FRANZOSEN. 323



Heer eine Anzahl Entwiirfe auf, welche die bessere Sicherimg- des
oberen Rheinanschlusses der Kehler Befestigung zum Zwecke hatten.
Man erbaute dann auch auf der Sandbank neben dem Scharfen-Eck,
wie das St. Martinswerk jetzt genannt wurde, eine Schanze mit Block-
haus, von der aus der Rest der rechten Face des Scharfen-Ecks be-
strichen Averden konnte,\) und versah die ganze Kehler Befestigung







mit einer Pallisadirung. Der Graf von Hanau erkliirte sich bereil,
jeden seiner Unterthanen von beiden Rlieinufern einen Tag fronen
zu lassen.-)

Auch der Zollschanze wandte man in Folge der Ereignisse wieder
einige Aufmerksamkeit zu, nachdem Heer bereits im Jahre 1672 eine



') Diese Schanze und der untere Rheinkehlabschluss sind offenbar die beiden Schanzen,
von denen Strobel V, 41 spiicht.

2) Prot. d. XIII. V. 25. IX. 1673, fol. 573.



324 GESCHICHTE DER BEFESTIGUNG STRASSBUROS.

ganze Anzahl unauscefiihrt o'ebliebcner Entwiirfe fiir einen grossercn
Neubau derselhen bearbeitet hatte. Man stcllte Pallisadirunuen ini
Graben iind an der Glaciskrete auf, umiiab das Zollhaus mit einer
solchen und legte einen Abschnitt zwischen Schanze und Rheingiessen
an,') begniigte sich also mit moglichst einfachen und billigen Mass-
regeln, die dann natiiiiich die Sachlage aiich nicht wesentlich jinderten.
Dem Drangen der kaiserlichen Generalit;it im Jahre l67o auf eine
X'erbesserung der Zollschanze, antwortete Heer wieder mit einer
wahren Fluth von Entwiirfen, welclie noch heute im Stadtarchiv auf-
bewahrt werden. Auch der Oberstleutnant Scheither legte den Ent-
wurf fiir einen Umbau der Zollschanze vor. Dieser Entwurf unter-
schied sich von den in bastionirter Manier gehaltenen Entwurfen
Heers dadurch, dass er aus der Zollschanze eine quadratische Redoute
mit halbfreistehender krenelirterEskarpenmauer undKaponierflankirung
und einem vierstockigen zur Crewehr- und Geschiitzvertheidigung ein-
gerichteten Reduitthurm machen wollte, ein Entwurf, der wie ein Vor-
kiufer der Montalembertschen Befestigungsmanier aussieht. Kam nun
weder der eine noch der andere der umfassenden Umbauentwiirfe
zur Ausfiihrung, so erbaute man doch auf der Mitte der Seiten der
Schanze, mit Ausnahme derjenigen, in welcher sich der Eingang be-
fand, eine Kaponiere in Holz, in Gestalt eines etwa quadratischen
Blockhauses, errichtete grosse Blockhiiuser in den Waffenpliitzen des
gedeckten Weges, schloss den Raum hinter der Schanze durch eine
Pallisadirung ab und stellte auch noch eine Pallisadirung an den
iiusseren Fuss des Walles, sodass nun drei Pallisadirungen hinter-
einander lagen: auf der Glaciskrete, in der Mitte der Grabensohle
und am Fusse der Wallboschung. Dann baute man noch eine Anzahl
Baracken zwischen Schanze und Rheingiessen, um die gesammte Be-
satzung des Rheinpasses dauernd in der Niihe desselben unterbringen
zu konnen. Demnilchst wurden ausgedehnte Verschanzungen auf dem
langen oder grossen Worth angelegt. Dieselben bestanden aus zwei
im Grundriss unregelmassig gestalteten Linien, welche — die An-
naherung an die Strasse verhindernd — vom rechten Ufer des kleinen
zum linken Ufer des grossen Rheins reichten und langs des letzteren
durch eine Pallisadirung verbunden waren. Wie es scheint, bestand die
unterstrom gelegene Linie urspriinglich bios aus einer Pallisadirung,'-';
war jedoch bereits im Jahre 1675 durch eine Brustwehr mit vor-
gelegenem Graben ersetzt.



'j Wie wir wissen, war schon im Jahre 1636 hier eine AnsLhlussIiiiie hergestellt worden,
es scheint sich also nur um einen Umbau gehandelt zu haben, die Zeichnungen des Sta 40).



BAU DER RHEINSCHANZE.



325




32t) GESCHICHTE DER BEFESTIGUXG STRASSBURGS.

Xach verschiedenen Entwurfsbcarbeitungen erhielten die Ver-
schanziingen auf dem langen Worth cine wesentliche \>rstarkung
Nr. 109. diirch den Bau eines bastionirten Vierecks, das in der Mitte der Insel
siidlich der Strasse — in die \'erschanzungslinie eingeschoben — er-
richtet wurdc. Ausgesteckt am 28. Janiiar 1676,' 1 wurde der Bau am
31. desselben Monats begonnen-' und lediglidi in Erde ausgefiihrt.
Indess war doch das Profil ein verhaltnissmiissig starkes und vor
alien Dingen der Graben mit Wasser gefiillt. Kaum war die Schanze
fertig, so begannen auch hier die Entwui-fsbearbeitungen ftir ihre
\'erstarkung durch Raveline und dergleichen, denen jedoch niemals
Folge gegeben worden ist, auch Meibt es fragHch, ob nunmehr — wie
beabsichtigt — die beiden \'er.sehanzungslinien eingeebnet wurden oder
weiterbestanden.

Am 3, Februar 1677 wurden bei XIII. die \'orschlage fur den
Baubetrieb des laufenden Jahres berathen und dabei anerkannt, dass
die Zollschanze dringend einer Verbesserung bediirfe. Man erorterte
einen Entwurf Heers, der aus der Zollschanze ein bastionirtes Fiinfeck
machen woUte, dessen Bau die theilweise \'erlegung des Rheingiessens
zur Folge gehabt hatte. Die Zollschanze fiel dabei in eines der ncuen
Bastione und sollte bis zur Fertigstellung der vier andern erhalten
bleiben. Der Entwurf^) zeigt verhaltnissmassig grosse Bastione bei
kurzen Kurtinen, einen durchlaufenden Nieder- und Oberwall, Graben-
boschungen in Erde bei nassem Graben, einen gedeckten Weg mit
ein- und ( zangenformig gestalteten 1 ausspringenden AA'affenplatzen, ein
Ravelin vor dem der Stadt zugekehrten Thor und Pallisadinmgen
auf der Glaciskrete und mitten im Graben. In den Bastionen und
hinter den Kurtinen sind schmale Gebaulichkeiten vorgesehen, die
man jedenfalls als Baracken ftir die Besatzung ansprechen darf. Das
Werk sollte nicht weniger als 20000 Thl. kosten und in sechsmonat-
licher Bauzeit beendet werden. Gleichzeitig erneuerte Heer den Morsch-
hiiuserschen Vorschlag des Baues zweier \'erbindungslinien zwischen
Stadt und Zollschanze, fiir die er mehrere Parallelentwiirfe vorlegte,
welche jedoch noch in derselben Sitzung im Prinzip verworfen wurden.
Dagegen beschloss man, die Ziegelofenschanze zu verbessern und das
Wasser des Rheingiessens in ihren Graben zu leiten, uberhaupt nur
das Nothigste auszufiihren.

Der Beschluss wegen eines Neubaues der Zollschanze scheint
einstAveilen nur ausgesetzt worden zu sein, denn erst am 14, Febiiiar
wird bei XIII. entschieden, dass von demselben abgesehen werden



») Strss. Stdt. Arch. PI. 266 (R'b 60).

-) Silbermann 230.

3) Strss. Stdt. Arch. PI. 202 (IVb 50).



HEERS ENTWURI'E FUR DEN UMBAU DER ZOLLSCHANZE. 327

musse, da die Zeit nicht dazu angethan sei, dagegen solle die Kontre-
skarpe (d. h. der gedeckte Wegj erweitert, das Glacis verbessert imd
ein Vorgraben [im Fusse desselben angelegt werden. Am 17. Fe-
bruar 1677 Avenden sich dann Rilth und XXI. an die Ziinfte ' i und
tragen vor, dass die Zeit heranrucke, wo mit der Arbeit an der Zoll-
schanze wieder begonnen werden miisste. Sie erwahnen die am
14. Februar bei XIII. beschlossenen Arbeiten und meinen, dass alles
in drei Wochen erledigt werden konnte, wenn die Burgerschaft Hand
anlegen oder taugliche Spotter (Stellvertreten stellen wollte. Heer
bearbeitete nun im Marz 1677 einen neuen Entwurf, welcher der Aus-
fuhrung auch zu Grunde gelegt wurde, wenigstens soweit er die
Sehanze selbst betrifft, wiihrend es ungewiss bleibt, ob das Zollhaus
aus dem kleinen Flornwerk an die kleine Rheinbriieke verlegt und
dureh eine Pallisadirung an die Sehanze angeschlossen wurde. Es



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