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Ferdinand Apell.

Geschichte der Befestigung von Strassburg i.E. vom Wiederaufbau der Stadt nach der Völkerwanderung bis zum Jahre 1681 online

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Befestigung eine den \^ertheidigungsinteressen angemessene Gestaltung
zu geben. Nach Silbermann und seinen Nachfolgern machte das aller-
dings kein Kopfzerbrechen, ihncn zufolge schob man die Befestigung
einfach bis an vorhandene W'asserlaufe vor, welche die Natur eigens
dazu geschaffen zu haben schien, um den sich folgcnden Erweiterungen
die Wege zu weisen. Im vorliegenden Falle wurde sie noch ganz
besonders weise gewaltet haben, da sie der neuen Befestigung eine
Gestaltung vorschrieb, Avie sie bei sorgfaltigster Prufung aller Umstande
vom militiirischen Gesichtspunkte nicht besser hatte entworfen werden
konnen. hidess ist dem nicht so gewesen, und cs muss fiir Bischof und
Stadtregiment das W'rdienst in Anspruch genommcn werden, eine sehr



1) Die Almende, welche sich liings der gaiizen Stadtmauer vom Waseneck beim heu'igen
Theater bis Alt St. Peter hinzog, war offenbar das Gelriiide, welches aus Riicksicht auf die
Befestigung nicht bebaut werden durfte, modern gesprochen also den Rayonbeschrankungen
unterworfen war. Diese wurden mit der Anlage der neuen Befestigung hinfallig. Es mochte
nun zweifelhaft sein, wem die eingehende Befestigung und ihr Rayon gehorte, dem Bischof
Oder der Stadt, man wird aber annehmen durfen, dass erslerer das grossere Recht auf seiner
Seite hatte, da er zur Zeit des Baues der Befestigung Herr der Stadt gewesen war, auch wohl
die Unterhaltung der Befestigung bewirkt hatte. Indess bleibt doch zu beachten, dass die
Biirgerschaft bereits um etwa I190 bis 1202 den Beschluss gefasst hatte, von einem Theile der
Almende Zins zu erheben (Strss. V. B. I, 119), was doch darauf hindeutet, dass der Stadt
ebenfalls ein gewisses Recht an die Almende zustand. Von dieser Zeit ab horten die Streitig-
keiten iiber die Almende zwischen Bischof und Stadt nicht auf, bis der Nachfolger des Bischofs
Walther von Geroldseck im Jahre 1263, wie erwiihnt, auf alle Rechte an der Almende zu
Gunsten der Stadt verzichtete.

•■ij Strss. G. u. H. N. v. 1871, 61 u. v. 1888, 65. Der Finkweiler wurde durch die Ring-
mauer der zweiten Erweiterung in den Finkweiler innerhalb und ausserhalb der Mauern getheilt.
Ersterer fiihrt noch heute den Namen Finkweiler, letzterer wird von den Hauservierteln
zwischen der Strasse „auf den Eisgruben" und der Elisabeth-Wallstrasse, sowie von den
Festungswerken eingenommen.

2*



20 GESCHICHTE DER BEFESTIGUNG STRASSBURGS.

sachiiemasse Losuno- der Frage gefunden zu haben. Um die Zweck-
massigkeit der Gestaltung" der neuen Hefestlgung wtirdigen zu konnen,
geniigt eigentlich ein Hlick aiit die Planskizze der zweiten Erweiterung,
die uns diese als ein wohliiberlegtes, durchaus pkmmassiges Werk
erkennen kisst. Sie niihert sich einem Kreise, als der bei gleichem
Flilcheninhalte der \'ertheidig"iing vortheilhaftesten Figur, behielt den
am gesichertsten liegenden Theil der altstiidtischen Befestigung bei,
legte sieh wie ein Briiekenkopf vor die Illbrucken und bezog die Inseln
an den nachmaligen gedeckten Briicken in die Umwallung ein, sodass
der Einfluss der Breusch (Illi in die Stadt in zweckmiissigster Weise
beherrscht werden konnte; die wenig gangbaren Briiche blieben vor
den Nordwestfronten liegen und dienten ihnen als Annaherungs-
liinderniss. Durch das Hiniibergreifen auf die andere Flussseite wurde
nun jede Befestigung am Tllufer iiberfliissig und beide Staden der Be-
nutzung zu gewerblichen und sonstigen gemeinniitzigen Anlagen frei-
gegeben. Dass die \'orstadt an der Oberstrasse ganz, die an der Stein-
strasse grosstentheils ausserhalb der Ringmauer gelassen werden musste,
war gewiss nicht erwiinscht, aber nicht zu umgehen, da zwischen
beiden die ausgedehnten Briiche lagen, die man sonst mit in die Stadt
hatte Ziehen mussen.

Dass auch bei der zweiten Erweiterung die Griiben der neuen
Umwallung keine natiirlichen Wasserliiufe waren, geht gerade wie bei
der ersten Erweiterung aus Konigshofens Beschreibung unmittelbar
hervor. Auch hier bemerkt er ausdriicklich, dass man sowohl den
Graben auf dem linken als auf dem rechten Ufer der Breusch (Jilt
,,machte", was er doch unmoglich gesagt haben konnte, wenn man
diese Graben als Flusslaufe angesehen hiltte. Da er der Sache zeitlich
um jahrhunderte niiher stand, so muss seiner Auffassung ein entschieden
grosseres Gewicht beigelegt werden als der Silbermanns und seiner
Nachfolger, die filr ihre Annahme keinerlei Beweis beibringen konnen.

Wie Konigshofen, so betrachte auch ich die in Rede stehende
Erweiterung als eine einzige, wahrend Silbermann und alle ohne weitere
Prilfung ihm folgenden Schriftsteller, bis in die neueste Zeit hinein,
zwei Erweiterungen daraus machen, indem sie die des rechten Ufers
als dritte bezeichnen, lediglich aus dem Grunde, well die Erweiterung
auf zwei raumlich getrennten Seiten der Stadt erfolgte und die Um-
mauerung der rechten Illseite etwa achtundzwanzig Jahre spater wie
die der linken begonnen wurde. Wenn Konigshofen von letzterem
Umstande auch nichts erwj'ihnt, sondern sich nur ganz allgemein dahin
ausspricht, dass die Vorstadt auf dem rechten Ufer ,,zu denselben Zeiten"
ummauert Avorden sei, so soil doch die Nachricht Specklins und anderer
Chronisten nicht in Zweifel gezogen werden, dass man die begonnene



VERSCHIEDENE ZAHLUXG DER ERWEITERUXGEX. 21

Befestigung dieses Ufers wieder habe liegen lassen und mit der Cm-
mauerung derselben erst im Jahre 1228 vorgegangen sei. ' ) Das ist audi
durchaus nicht autfiillig oder unwahrscheinlich. Unter alien Umstanden
war die vollige Neubefestigung der ganzen Stadt - denn darauf kam es
doch heraus — ein fur die damaligen \'erhaltnisse grossartiges Werk. Ab-
gesehen von dem im Unizuge der Befestigung weiterbestehenden Theil
der alten Befestigung vom Riintsutergraben bis St.Stephan, den man aber
auch noch ausbaute und durch neue Thurme verstarkte, wurden auf
dem linken Ufer der 111 nicht weniger als 1400—1500, auf dem rechten
1600— 1700 m Yollig neue Befestigung hergestellt, d. h. ein tiefer Wasser-
graben ausgehoben und dahinter eine hohe und starke Mauer mit
Wehrgang und lliiirmen erbaut. Dazu kam die Befestigung des 111-
einflusses, an sich schon ein erhebliches \A'erk. Alles das setzte nicht
nur eine bedeutende Arbeitsleistung, sondern auch einen betrachtlichen
Auf wand an Material und Geldmitteln voraus. und es ist deshalb leicht
einzusehen, dass man eine so umfangreiche Unternehmung nic-ht an
alien Orten und Enden zugleich beginnen konnte. Man wird deshalb
wohl annehmen diirfen, dass man sich auf dem rechten Illufer zunfichst
mit einer provisorischen Befestigung, d. h. einem Erdwall mit Graben,
einer sogenannten Landwehr, begntigt und dann die Sache auf sich hat
beruhen lassen, bis man mit der Herstellung der Mauern und Thurme
auf dem linken Illufer fertig geworden war. Dass dies nicht so rasch
ging, lag ebenfalls in den N'erhaltnissen begrundet, denn man arbeitete
sicherlich fronweise, und die Herstellung der ungezahlten Millionen
Ziegel, welche man benothigte, war auch nicht in kurzer Frist zu be-
wirken. So diirfte es sich ohne Schwierigkeit erkliiren lassen, dass ein
aus einem einheitlichen Plan hervorgegangenes Werk einen uns heute
lange vorkommenden Zeitraum zu seiner Vollendung bedurfte,-) doch
gibt dies noch keine Berechtigung, aus der einen Erweiterung deren
zwei zu machen. Mit denselben Grunden konnte man unsere letzte
Erweiterung von 1876 als drei verschiedene Erweiterungen ansehen:
von der oberen 111 bis zum Steinthor, von da bis zur unteren 111, und
von hier bis zur Zitadelle. Auch hier lag ein einheitlicher Plan zu
Grunde, der aus verschiedenen Ursachen in drei Absch'nitten ausgefuhrt



') Fragm. Specklin 893: ,,1228. Da man sich eiiies scharfen Krieges musste besorgen,
da hob man tapter an zu Strassburg, wie schon vonnalen angefangen aber liegen gel)liebun
war, zu bauen vom Finkweiler . . ."

-) Es ist eine schiefe Auffassung, wenn gesagt wird, es sei iiber hunderl Jahre an der
zweilen Erweiterung gebaut worden. So lange, und noch langer, zogen sich zwar die \'er-
slarkungsbauten hin, den Abschluss der Erweiterung selbst bildete aber doch die Fertigstellung
der Ringmauer mit Graben, die viel friiher erfolgt ist, auf dem linken Ufer um das Jahr 1220,
auf dem rechten um die Mitle des 13. Jahrhunderts, wenn man hier denselben Massstab wie
dort anlegt.



22 GESCHICHTE DER BEFESTIGUNG STRASSBURGS.

wurde. \\'enn ich in nuincm ,,Argentonitum" die verschiedenen Er-
weiterungen noch nach der Silbermann'schen Weise gezahlt habe, so
findet dies seine Erklarung darin, dass ich damals der Priifung dieser
Frage noch nicht nilher getreten war, dort auch nicht der Platz
gewesen ware, eine abweichende Ansicht zu begrunden.

Die Lage der Ringmauer ziir heutigen Stadt lasst sich aiif dem
ganzen Umzuge mit hinreichender Genauigkeit bestimmen, wie denn
die Mailer an einzelnen Stellen sogar noch heiite zu erkennen ist,
wenn sie auch nicht mehr ihre voile Hohe besitzt und ausserlich um-
gestaltet erscheint. Da indess diese Reste fortgesetzt in Abgang
kommen, so will ich nur derjenigen Erwahnung thun, deren Weiter-
bestehen durch die W^rhiiltnisse noch liingere Zeit gewiihrleistet er-
scheint. Fiir die Festlegung der Ringmauer und ihrer Thiirme gegen
die heutige Stadt habe ich neben der Besichtigung an Ort und Stelle
alle erreichbaren Plane sowie das IModell der Stadt und Festung
Strassburg, welches sich im Zeughause zu Berlin bcfindet, zu Rathe
gezogen.

Ich beginne auf dem linken Illufer unterstrom. Hier schloss sich
die Ringmauer dicht oberhalb der St. Stephansbriicke — heute AMlhelms-
briicke — an das Illufer an, umzog das Kloster St. Stephan und folgte
dann der alten Romermauer bis zum ehemaligen Riintsiiter- oder
Gerbergraben, dem heutigen Theater gegeniiber. Dieser Theil der
Mauer wurde auf den Fundament en der Romermauer neu erbaut und
zeigte nach Silbermann dieselbe Beschaffenheit als die iibrige neu-
erbaute Ringmauer. In welcher Weise der Anschluss an die Mauer
jenseits des Gerbergrabens vor Erbauung des ehemaligen stadtischen
Kornspeichers, d. h. vor dem Jahre 1441 stattfand, liisst sich nicht
mehr feststellen, da entsprechend alte Plane nicht vorhanden und
Ueberreste nicht aufgefunden worden sind. Die Ansichten XIV" und
Xyi bei Silbermann zeigen bereits Veranderungen, die man an diesem
Stiicke der Mauer im Laufe der Zeit vorgenommen hatte. Ueberreste
der Mauer waren in den siebenziger Jahren des 19. Jahrhunderts noch
hinter den Gebiiuden am Lezay-Marnesiastaden zu sehen, da wo ehe-
mals die Biirger-Holzscheuer stand.') Am Gerbergraben sprang die
Mauer nach dem Judenthor iiber, das an der Stelle des heutigen Theaters
gelegen war, und fallt von hier ab bis zu dem noch an der Schlacht-
hausbrucke stehenden Thurm mit der Frontmauer der Hauser u. s. w.
am Staden zusammen ; sie ist noch erkennbar (mi Artilleriedepotgebaude,
an der (iartenmauer desselben und am Kaiserlichen Telegraphenamt.
In den siebenziger Jahren des 19. jahrhunderts war sie noch neben



1) Silbermann, Plan XIV", 1.



LAGE DER RIXGMAUER ZUR HEUTIGEX STADT. 23

der heutigen Schopflinschule, am damaligen Civilkasino an der Ecke
der Blauwolkengasse und an verschiedenen Stellen des Kellermann-,
Pariser- und Desaixstaden deutlich zu sehen. Von dem an der
Schlachthausbrucke stehenden Thurm zog sie sich in gerader Linie
gegen den Thurm, der bis zum Jahre 1869 dicht neben der gedeckten
Briicke stand,',) welche den linksseitigen Arm der 111, den sogenannten
Schifffahitskanal uberspannt.

Jenseits der Inseln, also auf dem rechten Illufer, begann die Be-
festigung mit dem sogenannten franzosischen Thurm am ehemaligen
Militararresthaus, jetzt kleine Schleusenkaserne, und liess sich von
hier noch Ende der fiinfziger Jahre des 19. Jahrhunderts bis zum Spital-
thor verfolgen. Zuniichst am franzosischen Thurm dient sie noch heute
der Nordost-, d. h. innern Front der kleinen Schleusenkaserne zum
Fundament, von da bis zum Spitalthor war sie fast auf ihre ganze
Lange, wenn auch theilweise nur in ihrem unteren Theil erhalten, als
Abschlussmauer der Garten und Hofe u. s, w. benutzt und auch der
bis zu einer gewissen Hohe aufgefiillte Stadtgraben noch erhidten.
Dazwischen diente sie einer Anzahl Gebiiude zum Fundament, so
dem, Landgestute und einem Theil des Spitals, Xoch in den siebenziger
Jahren war hiervon viel vorhanden, der Neubau der verschiedenen
Universitatsgebaude u. s. w. hat aber sehr damit aufgeriiumt, doch ist
immerhin noch manches Stiick zu erkennen. Von dem links des Spital-
thors stehenden Thurm ab, fallt die Stadtmauer mit der Sudseite der
Gasse„Hinter den Mauern" zusammen, zog dann iiber den Metzgerplatz,
wo das (innere) Metzgerthor stand, durch die kleine Metzgergasse,
iiber den Waisenplatz zum Grundstiick des \\'aisenhauses, das sie
gegen Siidosten abschloss, und von hier zur Ziiricherstrasse, welche
sich mit dem Johannis- oder Rheingiessen-; deckt. Hier war noch



^) Seyboth, D. a. Strss. 91 gibt irriger Weise an, dieser Thurm — der Wasser-,
Mahzen- oder Almosenthurm — sei schon gegen i860 abgebrochen worden, er stand bis 1869.
Vergleiche weiter unten.

2) Der Johannis- oder Rheingiessen hiess zur Zeit der zvveilen Erweiterung auch
Zollersgiessen (V. Stadtrecht vor 131 1. Strss. U. B. IV", 33 u. 35), weil sich hier eine der
Zollstellen und zwar fiir diejenigen Waaren befand, die zu Schiff auf dem Rhein nach
Strassburg kamen. Die anderen Zollstellen lagen am Alt St. Peters- oder Zollthor, am
Bischofsburge- oder Speyerthor, am Jung St. Peters- oder Burgthor, am St. Stephansthor, an
der Kalcahe oder dem krummen Rhein, wohl da, wo ihn die Baseler Strasse iiberschritt (bei
der heutigen Schachenmuhle), am Einfluss der Breusch (111) in die Stadt. Fiir die Ausfuhr
befand sich die Zollstelle im Zollkeller auf dem Rossmarkt (Strss. U. B. IV", 218). Nach
Strss. u. s. B. 607, soil die Bezeichnung als Rheingiessen erst seit 1475 gebrauchlich sein.
Ich lasse dahingestellt, ob der Abbruch des Klosters St. Johann in undis im Jahre 1475- "^^h
dem der Giessen offenbar benannt wurde, auch die Aenderung des Namens im Gefolge halte.
Der Giessen wurde in den Jahren 187 1 bis 1873 in einen iiberwolbten Kanal verwandelt und
die hierdurch gewonnene Strasse Zuricherstrasse genannt, zur Erinnenmg an die Fahrt der
Ziiricher mit dem warraen Hirsebrei im Jahre 1576, die durch den Rheingiessen in die Stadt kamen.



24 GESCHICHTE DER BEFESTIGUNG STRASSBURGS.

Ende der siebenziger Jahre des IQ. Jahrhunderts ein Stuck der Maiier
in seiner vollen Hohe iiber dem ocwachsenen Boden zu sehen. Vom
Garnisonverwaltungsgebaiide bis zur 111 steht die Frontmauer der Hiiuser
der Ziiricherstrasse auf der Ringmauer, die an der 111 mit dem im
Jahre 1873 oder 1874 abgebrochenen Guldenthurm endete.

Was zunachst die Beschaffenheit der Ringmauer im engeren Sinne
betrifft, so scheint dieselbe, soweit sich dies nach ihren Ueberresten
und den vorhandenen Nachrichten beurtheilen liisst, auf dem ganzen
Umzuge im ^^'esentlichen die gleiche gewesen zu sein. Das M;iterial
waren Ziegelsteine grossen Formats, 0,34 m lang, 0,15 m breit und
0,07 m dick, vermauert mit grobem Mortel, d. h. unter \^er\vendung
grobkornigen Sandes, und entsprechend breiten Fugen, ohne sorg-
faltiges Einhalten des Verbandes. Gleichwohl muss das Mauerwerk
als ein gutes bezeichnet werden, da die Steine hartgebrannt, der Mortel
nicht gespart und gut abgebunden war. Auf der Aussenseite, die in
den \^'assergTaben hinabreichte, ' i war die Mauer geboscht, innen senk-
recht aufgefiihrt. Offenbar haben im Laufe der Zeit mehrfach stuck-
weise Wiederherstellungen stattgefunden, wobei dann theilweise der
ganze, uber dem gewachsenen Boden freistehende Theil der Mauer,
theilweise bios die Zinnenmauer, auch auf der Aussenseite senkrecht
aufgefiihrt worden ist. Eine derart verschiedene Bauweise zeigen die
Abbildungen in den ..^littheilungen der Gesellschaft fur die Erhaltung
der historischen Denkmaler des Elsass (Bulletin)" \" und X und bei
Piton II, sie ist aber auch an den noch vorhandenen Ueberresten der
Mauer wohl zu erkennen. Die in den „Mittheilungen" II, 206 und IX, 35
erwahnten Zeichnungen der Ringmauer bei Alt St, Peter und am
Landgesttite sind leider nicht vervielfaltigt worden, wie beabsichtigt
war, und konnten Ende der siebenziger Jahre nicht aufgefunden werden
als ich sie einsehen wollte. Die erst erwahnten Zeichnungen der
,,Mittheilungen", welche die Mauer beim Waisenhaus darstellen, weichen
nun nicht nur in der ausseren Gestaltung der Mauer, sondem auch
in der Darstellung des hinter den Zinnen herlaufenden AVehrganges
von einander ab. Letzterer war bei Anfertigung der bezuglichen Auf-
nahmen nicht mehr vorhanden und zeigten sich nur noch die Spuren
der ihn tragenden Bogen, welche ihr Widerlager auf Hausteinen fanden,
die in die Mauer eingelassen waren. Beide Zeichnungen stellen nun
diesen Unterbau des Wehrganges in einer offenbar nicht zutreffendcn



1) Heute befinden sich hier die verschiedenen Staden, die in den Jahren 1831 und 1832
angelegt wurden; gleichzeitig beseitigte man den sogenannten falschen Wall, um das Kanal-
profil niclu zu verengern. Nur zwischen Gerbergraben und St. Stephan reichte die Ring-
mauer nicht in den Graben hinab, da hier zwischen Mauer und Graben das alte romische
Vorland lag.



BESCHAFFENHEIT DER RINGINIAUER. 25

Weise dar, indem der Schnitt in Band V die Hausteine wohl zu lang,
die darauf ruhenden Bogen jedenfalls zu kurz angibt, der Schnitt in
Band X aber nur Ivragsteine als Trager der Flatten des Wehrganges
zeigt, obgieich im zugehorigen Text die Abmessungen der Bogen an-
gegeben werden. Die Starke der Mauer unterhalb der Zinnen betrug
1,44 m, die der Zinnen 0,70 m, die Starke der 1,35 m hohen Briistungs-
mauer zwischen den Zinnen 0,30 m,'i sodass 0,40 m tiefe, 1,04 m breite
Nischen zwischen den 2,20 m breiten Zinnen entstanden, deren Holie
bis zur First der sattelformigen Abdeckung sich auf 3,10 m belief.
Der Wehrgang der nachAveisbar an dieser Stelle im Jahre 1370 er-
hohten Mauer lag 4,20 m iiber dem gewachsenen Boden und wird in
den ,,Mittheilungen'' X, 195 nach einem mir ebenfalls nicht bekannt
gewordenen Plan des Guldenthurmes zu 2,50 m Breite angenommen.
Da auf der Mauer hinter den Zinnen 0,74 m freier Raum blieb, so
miissten bei 2,50 m Breite des Wehrganges die ihn tragenden Bogen
etwa 1,70 m ausgekragt haben, was in Riicksicht auf die Zuverlassigkeit
des Baues etwas zuviel zu sein scheint, auch iiber das Bediirfniss —
Raum fiir den W-rkehr von Schildwachen, Ronden und Schiitzen —
hinausgehen diirfte, denn fur die Aufstellung derselben kamen noch
die 0,40 m tiefen Nischen zwischen den Zinnen in Betracht. Auf die
.\hiuer gelangte man mittclst Treppen, welche aussen an den Thiirmen
angebracht waren und gleichzeitig zum ersten Stockwerk derselben
fuhrten. Im jahre 1332, wiihrend des Streites der Geschlechter der
Zorn und der Miillenheim, verlegte man dieselben in die Thiirme selbst,
um den Zugang zum Wehrgang der Mauer, wenn n()thig, verhindern
zu konnen. Zwischen den Zinnen stehend, konnte ein Schtitze nicht
nur in das \"orfeld wirken, sondern auch den Graben unter Feuer
nehmen, da die diinnc I Jriistungsmauer ein Hinauslegen des Oberkorpers
gestattete, wenngleich bei der Hohe der Mauer der Schiitze hierzu
eines Auftrittes bedurfte. Um fiir gewohnlich die Deckung der Brustungs-
mauer voll ausnutzen zu konnen, werden derartige Auftritte, aus Holz
hergerichtet, bereitgestellt worden sein.

Fine wesentliche Verstiirkung crhielt die Ringmauer durch eine
Reihe stattlicher A'iereckiger Thiirme, von denen einige, als Wahrzeichen
langst vergangener Zeiten, bis auf uns iiberkommcn sind, an einzelncn
Stellen war sie auch mit Erkerausbauten versehen, von denen uns im
Jahre 1388 der Erker bei „Herrn Hetzel Marx Garten" in der Niihe
des St. Andreas-Thorleins, „Kunz MuUers Frker" bei den bedeckten
Briicken und „des Nellesheims Frker", etwa hinter dem auf dem
Zwinger gelegenen Katharinenthurm genannt werden. -i Abgesehen



1) Genauer wohl 0,34 in, d. h. ein Stein stark. — ^) Strss. U. B. VI, 264, 265, 262.



26 GESCHICHTE DER BEFESTIGUNG STRASSBURGS.

von den beiden Thiirmen, welche an dem Theile der Maiier standcn,
der hinter dem heutigen Lezay-Marnesiastaden auf den Fundamenten
der Romermauer errichtet worden war, sprangen diese Thurme wenig
Oder gar nicht vor die Mauer vor, gestatteten in Folge ihrer betracht-
lichen Hohe aber den Graben gleichwohl einzusehen. Im Uebrigen
bildeten sie Abschnitte in der Befestigung, bestrichen den zwischen
ihnen gelegenen Theil der Mauer und verhinderten so ein Festsetzen
des Feindes auf derselben ; schliesslich dienten sie als Unterkunftsraum
fur die Wachen, Avie auch als Warten, von denen aus das vielfach
mit Gebiluden, Giirten, Bilumen und Buschwerk bedeckte Vorfeld weit-
hin einzusehen war. Die Gesammthohe der Thurme vom gewachsenen
Boden bis zum Dach betrug nach den noch vorhandenen Thiirmen
an den gedeckten Brucken zu scliliessen, etwa 25 m, einzelne Thurme
sind nach einer Zeichnung Specklins entweder von vornherein niedriger
gewesen oder im Laufe der Zeit aus irgend w^elchen Griinden, meist
wohl wegen BaufaUigkeit, niedriger gemacht worden. Ausser einem
Kellergeschoss, dessen Sohle dicht iiber dem gewohnlichen Wasser-
stand lag, besassen die Thurme bis zu sechs Stock werken, von denen
das erste, welches iiber dem in gedriicktem Bogen iiberwrUbten Erd-
geschoss lag, mit dem Wehrgang der Mauer in Verbindung stand.
Die Zwaschendecken der anderen Stockwerke waren aus starken Balken
mit Dielenbelag, die Treppen aus Holz hergestellt. Die Starke der
Thurmmauern war schon wegen der betrilchtlichen Hohe der Thurme
eine verhiiltnissmassig grosse, betriigt z. B. bei den Thiirmen an den
gedeckten Briicken im Keller- und im Erdgeschoss 2,20 m, setzt sich
dann auf 1,75 m ab und geht mit den oberen Stockwerken auf 0,80 m
herunter. Wohl ursprunglich mit einer Plattform und Zinnen zur Auf-
stellung von Schiitzen und Wurfmaschinen versehen, erhielten sie
spilter Ditcher und sogenannte Letzen, d. h. aus Holz hergestellte
Ausbauten, welche mit ]\Iachikulis zur Bestreichung des Thurmfusses
und mit Schiessschlitzen und Scharten fiir Bogen- und Armbrustschiitzen
zur Beherrschung des Vorfeldes, der Graben und ^Nlauern versehen
waren. Diese Ausbauten kamen naturgemiiss mit der Zeit in Abgang
und hatten sich nur am Guldenthurm, hier aber bis zu seinem Abbruch
im Jahre 1873 74 erhalten. Viollet-le-Duc fiihrt dieses seltene Ueber-
bleibsel alter Befestigungskunst in seinem Dictionnaire d'Architecture
an, nennt aber den Guldenthurm irriger Weise, wie schon in den
„Mittheilungen" IX, 22 hervorgehoben ,,Tour des Deniers", welche
Bezeichnung dem Pfennigthurm zukommen wiirde, den er aber keines-
falls gemeint haben kann. Diese Letzen des Guldenthurmes unter-
schieden sich von denen der Thiirme an den gedeckten Briicken dadurch,
dass sie auf der Mauer des Thurmes aufsassen und mit der Bedachung



BESCHAFFENHEIT DER THURME. 27

desselben in \'erbindung- standen, also Ausbauten des Dachhelmes
Avaren, welchem Umstande sie wohl auch ihre Erhaltimg- verdankten,
wahrend diejenigen der Thiirme an den gedeckten Brilcken um das obere
Stockwerk des Thurmes herumliefen, wie an den hier vorhandenen
Balkenlochern und den Ausgangen nach den Letzen — vier auf jeder
Thurmseite — noch deutlich zu erkennen ist, Im Uebrigen scheinen
diese Letzen unter Umstiinden auch an den unteren Stockwerken der
Thiirme angebracht worden zu sein, wie beziiglich des Thurmes hnks
neben dem Spitalthor i RoulenderUns Thurmi aus der SpeckHnschen
Zeichnung von 1564 ' i hervorgeht. Alle Stock werke zeigen in bunter
Abwechslung schmale hohe Schiessoffnungen, deren nur 10 cm breite
Enge in der iiusseren Mauerflucht liegt, oder kleine Fenster, deren
Sturz durch zwei in das Fensterlicht auskragende abgerundete Hau-
steine und einen den Zwischenraum derselben deckenden Backstein
gebildet wird. Aber auch flache, Rund- und Spitzbogen, ungefahr im
rechten \Mnkel gegeneinander gestellte scheitrechte Bogen, sowie Hau-
steinplatten kommen als oberer Abschluss der Scharten, Thiir- und
Fensteroffnungen vor. Ilier haben sich offenbar die verschiedenen
Jahrhunderte A'crewigt. - 1

Tn diesen Thiirmen befanden sich auch die Stadtthore, von denen
die eigentlichen Landstrassen ausgingen, wahrend kleinere Pforten in
einzelnen Thurmen und der Ringmauer bios zum Graben fiihrten oder
den X^erkehr mit der niichsten Umgebung forderten. Hauptthore linden
wir folgende:

Das St. Stephanslhor, am heutigen ,,breiten Stein" gelegen, mit
der St. Stephans-, heute Wilhelmsbriicke, in der zweiten Halfte des
vorigen Jahrhunderts, vor 1/05 abgebrochen ;

das judenthor, urspriinglich turris dicta Wasenecke^ genannt,
an der Stelle des heutigen Theaters, 1783 abgebrochen (Hermann 1,



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