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Ferdinand Apell.

Geschichte der Befestigung von Strassburg i.E. vom Wiederaufbau der Stadt nach der Völkerwanderung bis zum Jahre 1681 online

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Jahren 1475 und 1476 zur Zeit des burgundischen Krieges, wenn er
nun auch eine den veranderten \^erhaltnissen entsprechende, vom alten
Bau abweichende Gestaltung erhielt. 'j



aber kurzer Hand zu behaupten ist. Man kann wohl vermuthen, dass Inseln in der 111 lagen,
beweisen lassen sich vorlaufig aber keine anderen als diejenigen, welche imterhalb des Fischer-
thores beim sogenannten Teich lagen und noch Mitte des 19. Jahrhunderts vorhanden waren,
nun aber in eine einzige grosse Insel zusamrhengezogen worden sind.

*) Strss. Stdt. Arch. AA. 2093. Demgegeniiber muss es auf einer Verwechslung mit
dem inneren Thorthurm beruhen, wenn Seyboth, D. a. Strss. 78, den Abbruch des ausseren
Zollthorthurmes ins Jahr 1782 setzt, wahrend der Abbruch der iibrigen Zwingerthiirme richtig
angegeben wird. Es mag bei dieser Gelegenbeit noch bemerkt werden, dass nach Seyboth
der aussere Zollthorthurm im Jahre 1329 Johanneses Turn von Dankratzheim hiess, der jiussere
Thurm des [ung St. Peters- oder Burgthores im Jahre 1562 aber vom Fiinfzehnerknecht be-
wohnt wurde, also jedenfalls der in den Protokollen der Oberbauherrn von 1607, 180 erwahnte
Fiinfzehnknechtsthurm war, der bei Jung St. Peter liegen sollte. Was den Thurm bei Stolzeneck
betrifFt, so ist es ein Irrthum, wenn v. Pollnitz anfiihrt, Piton gabe eine Abbildung desselben,
und ebenso ist es ein Irrthum von diesem, dass er den Band 11, F. 56 dargestellten Thurm
,,tour sur la pointe" nennt. Der betreffende Thurm ist vielmehr ein Thurm der vierten Er-
weiterung, an der ehemaligen rue salpetriere gelegen, heute Wallstrasse hinter der Artillerie-
kaserne. Auch die Erklarung, welche Piton fiir den Namen ,,tour sur la pointe" gibt: ,,a cause
des supports qui la soutenaient" ist irrig, denn der richtige Thurm auf dem Spitz hiess eben so,
well er am Ende, d. h. auf dem Spitz des Zwingers stand. Lage auch nicht die Verwechslung
beider Thiirme vor, so ware doch noch nicht einzusehen, wie der von Piton abgebildete Thurm
von den supports, d. h. den Kragsteinen seiner Machikulis, den Namen „Thurm auf dem
Spitz" hatte erhalten konnen. Den Thurm bei Stolzeneck ersieht man aus der Specklinschen
Zeichnung von 1564 hinter dem Bollwerk St. Clara im Worth, bei Seyboth D. a. Strss. und
Strss. u. s. B.

^) Kohler IW, 454, behauptet, dass Krieg von Hochfelden irre, wenn er sage, dass der
Zwinger ein bei stadtischen und burglichen Umfassungen nie fehlendes Werk in Deutschland
gewesen sei, bei Strassburg seien nur Thorzwinger nachzuweisen. Hier irrl also Kohler.
Allerdings war der Strassburger Zwinger insofern von anderen stadtischen und bunjlichen



SPATERE ERGAXZUNX.S- UXD VERSTARKUXG.SBAUTEN. 37

Wie es scheint, bestand die Befestigung des Illeinflusses anfilnglich
nur aus den auf beiden Flussufern imd den Inseln erbauten Thiirmen
iind den dazwischen gelegenen holzernen sogenannten gedeckten
Brucken,') aber man wird wohl voraussetzen diirfen, dass die ver-
schiedenen Flussarme ini Falle der Gefahr noch in irgend welcher
Weise, etwa durch Ketten, geschlossen wurden. Im Jahre 1332, zur
Zeit der inneren Um-uhen, schritt man dann zur Befestigung der Insel-
spitzen vor den Thiirmen, indem man sie mit Mauern einfasste, von
denen aus die einzelnen Arme des Flusses kreuzend bestrichen werden
konnten. Sowohl Closener als Konigshofen, wie auch Specklin '^) sind
in der Beschreibung dieser Bauten etwas dunkel, sodass man nicht
mit Sicherheit erkennen kann, ob die von ihnen erwiilmten Erker an
den Brucken, den Thiirmen oder den Spitzen angebracht waren, Nach
Kohler bedeutete der Ausdruck Erker im 14. Jahrhundert den tiber die
iiussere Mauerflache vorspringenden, mit Gusslochern nach unten und
mit Scharten nach vorn und zur Seite versehenen Ausbau, der also
mit der Letze sachlich gleichbedeutend war. Da nun wohl die Thiirme
schon von vornherein mit solchen Ausbauten versehen waren, so muss
man sie an den sogenannten Spitzen oder den Briicken suchen. Dass
sie an ersteren angebracht gewesen wilren, ist bei der verhiiltniss-
massig geringen Hohe ihrer Mauern nicht wohl denkbar, somit bleiben
nur die Briicken iibrig, und man wird sich vorstellen miissen, dass sie
hier den Zweck hatten, gegen einen Feind zu wirken, der es versuchte
die unter den Briicken befindliche Sperrc zu beseitigcn. Vom Einfluss
der 111 mit den gedeckten Briicken, Thiirmen und Spitzen, gibt die
Specklin'sche Zeichnung von 1564 zwar ein schr anschauliches und
deutliches Bild, indess stellt dasselbe doch den Zustand dieses Theiles
der Befestigung nach seinem Umbau im Jahre 1468 dar, der fiir das
Jahr 1332 keine sicheren Schltisse erlaubt.

Zu den Befestigungsanlagen der zweiten Erweiterung miissen
auch die im \'orge]iinde angelegten A\'artthiirme oder AMghausel ge-
rcchnet werden, die im Bau und Aussehen den Stadtthiirmen gleich
oder doch sehr iihnlich waren. Solche Warten standen an den Aus-
gangen der Hauptstrassen der nicht in die Stadt gezogenen Vorstiidte,



Zwingern abweicliend gestaltet als er vor dem eigentlichen Stadtgraben lag, wahrend der
Zvvinger sonst den Raum zwischen Ringmauer und Graben einzunehmen pflegte, der bei
Strassburg eben fehlte. Da bei der zweiten Erweiterung die Ringmauer gleichzeitig Bekleidungs-
mauer des Grabens war, so hatte man sich beim Bau des Zwingers anderweitig helfen und
einen zweiten Graben ausheben miissen. Das anderte jedoch an der Sache selbst nichts, da
die Bestimmung des Strassburger Zwingers dieselbe war als anderwiirts, sein Nutzen war hier
nur noch grosser als unter gewohnlichen Umstanden.

') Im Jahre 1300 zum ersten Male urkundlich erwalml (Strss. (i. u. II. N. v. 1871, 34, 35).

2) Hegel I (VIII), 124 imd II (IX), 779; Fragm. Specklin 1329.



38 GESCHICHTE DER BEFESTIGUN'G STRASSBURGS.

am westlichen Ende der Stein- und W'eissthurmstrasse, sowie in der
Krutenau bei St. Johann und St. Xikolaus in undis ' ;. Sie dienten dazu,
das Herannahen eines Feindes moglichst friihzeitig zu entdecken und
waren offenbar schon von vornherein duroh eine sogenannte Landwehr
verbunden. Teh komme hierauf bei der dritten und vierten Erweite-
rung zurijck.

Da nach Herstellung der Ringmauer der zweiten Erweiterung
die dahinter gelegene alte Befestigung keinen Zweek mehr hatte, viel-
mehr nur dem Verkehre hindernd im Wege stand, so liess man die-
selbe eingehen, den Graben vom heutigen Eisernenmannsplatz bis
zu seiner \'ereinigung mit dem Graben der zweiten Erweiterung beim
Judenthore aber weiterbestehen. Um in demselben kein stehendes
Wasser zu erhalten, hob man einen Zuleitungsgraben aus, -j der sich
mit der heutigen Strasse Gerbergraben deckt, und nannte nun den
Graben seiner ganzen Ausdehnung nach Riintsiiter- oder Gerbergraben,
nach der Zunft, die bis in unsere Zeiten hier ihr Gewerbe betrieb. Er
wurde langs des Broglieplatzes im Jahre 1830, von da bis zur Lang-
strasse in den Jahren 1836 und 1837, zwischen Langstrasse und 111 aber
sogar erst 1876 und 1877 in einen iiberwolbten Kanal verwandelt.
Spcitestens zur Zeit der zweiten Erweiterung wird auch mit der Be-
seitigung der ^lauer zwischen Alt- und Neustadt begonnen worden
sein, da in der Folge von einem Unterschied beider Stiidte nicht mehr
die Rede ist. Dass man indess die eingegangene Befestigung der Alt-
und Neustadt nur nach und nach wegraumte, wo sie gerade im Wege
stand, geht aus dem Umstande hervor, dass einzelne Ueberreste der-
selben sich sogar bis in das 18. Jahrhundert erhalten hatten.



*) Ersteres lag an der Stelle des heutigen Zeughauses, letzteres an der der heutigen
Nikolauskaserne, ersteres blieb ausserhalb der vierten Erweiterung und wurde im burgundischen
Kriege 1475 abgebrochen, letzteres fiel bei der vierten Erweiterung in die Stadt und soil nach
den Strss. G. u. H. N. v. 1888, 107 im 16. Jahrhundert ebenfalls abgebrochen worden sein.
Gleichwohl erscheint es noch auf zuverljissigen Planen aus den' achtziger Jahren des 17. Jahr-
hunderts, was ich mit vorstehender Angabe der Strssb. G. u. H. N. nicht zu vereinigen weiss.

-) Nach Fragm. Wencker 2800 wurde dieser Zuleitungsgraben im Jahre 1292 angel^gt,
was auch Silbermann 191 angibt. Die Strss. G. u. H. N. v. 1888, 143 erklaren dies als einen
Irrthum, da man sicher nicht beinahe ein ganzes Jahrhundert gewartet hatte, um den neuen
Kanal zu graben. Das lasst sich aber auch wieder nicht behaupten, da man nicht bestimmt
weiss, wann der obere Theil des Stadtgrabens einging. Halten wir die Urkunde vom Jahre 1262
(Strss. U. B. I, 369) daneben, in der von der „rehten rincmure, da die turne ane stant" die
Rede ist, und wonach zu damaliger Zeit die Mauer und wohl auch der Graben der ersten
Erweiterung noch bestanden hat, so erscheint es keineswegs unglaubwUrdig, dass der obere
Theil des Grabens erst nach 1262 eingegangen und der neue Kanal angelegt worden ist.
Indess kann dies nicht erst im Jahre 1292 gewesen sein, da der neue Kanal nach dem Strss.
U. B. Ill, 76 bereits im Jahre 1289 erwahnt wird.



DIE BEFESTIGUXG PER WESTLICHEX VORSTADTE DURCH SOG. LANDWEHREX. dV

3. Abschnitt.

Bei Besprechung der zweiten Erweiterung wurde gesagt, dass
am Avestlichen Ende der Stein- und der Oberstrasse zeitig Thiirme
erbaut worden seien, welche als Thore und Wartthiirme dienten und
offenbar an einer sogenannten Landwehr lagen. Das eine dieser
Thore, das nachmalige Steinstrasser- oder Steinthor, hiess urspriinglich
Fulburgethor und wird vom Jahre 1278 an in verschiedenen Urkunden
erwahnt, M spater wurde der Thurm, ebenso wie der an der Ober-
strasse, weisser Thurm genannt, letzterer aber meist als Thurm oder
Thor bei St. Aurelien bezeichnet. Als solcher erscheint er bereits
im Kriege der Stadt mit dem Bischof Walther von Geroldseck im
Jahre 1262 und ist durch den in seiner unmittelbaren Niihe ausgefochtenen
Kampf zu einer gewissen Beruhmtheit gelangt.

Derartige durch Thurme verstiirkte Landwehren finden sich
schon im friihen Mittelalter bei vielen Stiidten, denen es nicht moglich
war oder nicht angezeigt erschien, ihre vor den Thoren entstandenen
Vorstadte in die Ringmauer der Stadt einzuschliessen, die aber
gleichwohl diesen Vorstadten wenigstens einen ersten Schutz gegen
feindliche Ueberfjille gewahren wollten. Ein anschauliches Bild einer
solchen Landwehr finden wir im Theatrum Europaeum, ^) in der
Darstellung der Belagerung von Eger durch die Schweden im
Jahre 1647, und die Aehnlichkeit mit der Strassburger Landwehr ist
hier geradezu augenfallig. Wie gebniuchlich diese Landwehren bis
in die neuere Zeit waren, beweist auch der Umstand, dass Specklin
in seiner ,,Architektura"'*j es fur erforderlich hielt, die \"or- und
Nachtheile derselben zu besprechen. Seiner Meinung nach waren sie
wohl ftir den Frieden gut, im Kriege jedoch eher schfidlich, weil sie
auf die Dauer doch nicht zu halten seien und dem Feinde nach ihrer
Wegnahme eine gute Verschanzung abgaben, eine Ansicht, der man
fiir Specklins Zeit beipflichten muss. Indess batten sich damals die
Verhatnisse durch Einfiihrung der Pulvergeschutze gegen friiher
wesentHch geandert, und es kann nicht in Abrede gestellt werden, dass
die Landwehren in den illteren Zeiten ihren Zweck : Fernhaltung eines
ohne besondere Belagerungsmittel erscheinenden Gegners, wohl zu
erfiillen im Stande waren,

Zu welcher Zeit die Strassburger Landwehr nun angelegt worden
ist, lasst sich mit Bestimmtheit nicht angeben, sie muss aber jedenfalls



») Strss. U. B. Ill, 39; IV", 274 u. 281. Vergl. auch Strss. G. u. H. N. v. 1888, 179,
sowie Silbermann 73.

-) Theatr. Europ. V zwischen 1068 u. 1069.
») „Architektui-a" Th. I, cap. XXI.



40 GESCHICHTE PER BEFESTIGUNG STRASSRURGS.

schon im jahre 1262 vorhanden liewesen sein, d;i in dcm Kjimpfe an
der Aurelienpforte die Bischof lichen durch el i esc in die \^orstadt
einzudringen suehten. Ware keine Landwehr \orlianden gewesen, so
hiitte sie der Thurm allein an ihrem \^orhaben nieht hindern konnen.
Im Uebrigen setzt das im Thurme vorhandene Tlior auch eine
Umwilhrung der Vorstadt voraus, die in mehr als einem gewohnliehen
Zaun Oder dergleiehen beslanden haben muss. Man wird annehmen
durfen, dass die Umsehliessung der \\>rstridte dureh die Landwehr
bald nach der zweiten Erweiterung stattgefunden hat, als vorlaufig
jede Aussicht geschwunden war, die Vorstiidte in die Ringmauer
cinzubeziehen. Zweifelhatt erseheint es aber, ob beide \^orstadte in
eine einzige Landwehr eingefasst waren, weil es ausser Frage steht,
dass der Kronenburgerthorthurm erst spater, im Jahre 1369, nach dem
ersten Einfall der sogenanntcn Englander erbaut worden ist. Da
zwischen beiden \'orstadten die ausgedehnten Briiche lagen, in denen
es zur Zeit der zweiten Erweiterung wohl nur A^ereinzelte Wohnstatten
gab, so war auch kein Grimd vorhanden, jene mit in die Landwehr
zu Ziehen, so dass wohl jede der beiden Vorstiidte fiir sich mit einer
solchen umgeben wurde. Unter diesen Landwehren — Specklin nennt
sie auch Lauf — haben wir uns nun einen Graben mit Erdboschungen
und dahintergelegenem Erdwall und mit einer Pallisadirung oder Hecke
darauf vorzustellen, also eine Feld- oder provisorische Befestigung,
wie wir heute sagen wilrden.

In diesem Zustande befanden sich die Vorstiidte, als im Jahre 1365
das Heer der sogenannten Englander zum ersten Male nahte. Obgleich
sie nur in Konigshofen einige Gebiiude in Brand steckten, in die
Vorstiidte aber nicht eindrangen, ' ) so scheint dieser feindliche Einfall
doch den Anlass gegeben zu haben, die Befestigung der Vorstiidte zu
verstiirken, denn Konigshofen meldet, dass man im Jahre 1369 den
Kronenburger Thurm erbaut habe, ^) der am Ende der Kronenburger-
strasse lag. Weshalb der Thurm diesen Namen trug, ist mit Bestimmtheit
nicht zu behaupten, man kann aber doch nicht ohne Weiteres von der
Hand weisen, dass er nach dem allerdings einige Wegstunden entfernten
Kronenburg genannt worden sei. Die ,,Strassburger Gassen- und
Hausernamen" verneinen im Gegensatze zu Silbermann^j diese An-



') Hegel I (VIII), 486. Strobel gibt an, \\ohl auf Specklin, Fragni. 1613, fussend, sie
seien auch in die Vorstadt bei St. Aurelien — unter Wagnern — gekommen.

-) Ebenda II (IX), 893. Seite 720 sagt dann Konigshofen von diesem Thurme, und
zwar im Jahre 1374, er sei, wie die beiden andereri Thurme, schon lange vorher erbaut worden.
Es liegt hier offenbar eine Fliichtigkeit im Ausdruck Seitens des Chronisten vor, der das,
was fiir die Thurme bei Steinstrasse und St. Aurelien gait, auch auf den allerdings schon
einige, aber nicht lange Jahre bestehenden Thurm bei Kronenburg iibertrug.

3) Strss. G. u. H. N. v. 1888, 103 bzw. Silbermann 74.



VERSTARKUNG DER BEFESTIGUXG. 41

nahme, es darf aber wohl darauf hingewiesen werden, dass eines
der heutigen Strassburger Thore, das Schirmecker Thor, nach einer
noch entlegeneren Stadt benannt worden ist, well die von ihm
ausgehende Strasse dahin fiihrt. Derartige anscheinend unbegriindete
Benennungen kommen vielerorts vor, weshalb sollte gerade Strassburg
hier eine Ausnahme machen? Auf alle Falle erhielt hier die Strasse
den Namen nach dem Thore, nicht umgekehrt, da Erstere noch im
Jahre 1390 einfach als ,,steinin Weg, y'vd directa de porta Bischovis-
burgetor ad Kronenburg" bezeichnet wurde.

Man wird schhessen diirfen, dass mit der Erbauung des Kronen-
burger Thorthurmes auch die Landwehren der beiden Vorstadte
vereinigt worden sind, sodass nunmehr eine zusammenhangende
Verschanzung die westlichen Vorstadte umschloss. Vorlaufig handelte
es sich aber immer noch um eine feldmassige Befestigung, denn
Konigshofen, der als Augenzeuge hier auf unbedingte Glaubwiirdigkeit
Anspruch machen kann, sagt ausdrticklich, dass die Erweiterung mit
Mauer und Graben im Jahre 1374 stattgefunden habe. Indessen muss
doch bereits fruher wenigstens mit der Ausschaclitung des Grabens
begonnen worden sein, da Konigshofen selbst ' ) bei Gelegenheit des
ersten Brandes bei St. Aurelien im Jahre 1373 bemerkt, dass das
Feuer die Hauserreihe langs des ,,neuen" Grabens bis zu den deutschen
Herren zerstort habe. Das Strassburger Urkundenbuch setzt dann
auch in seiner Zeitbestimmung die dritte Erweiterung auf das Jahr
1366'^) an; aus dem Texte der Urkunde ist aber nicht mit Bestimmtheit
zu schhessen, dass es sich dort schon um die eigentliche Stadt-
erweiterung handelt. Da nur von ,,letzen", dem ,,buwe" und dem
,, graben" die Rede ist, so kann sehr wohl auch nur die Landwehr
gemeint sein und dies wird zur Gewissheit, wenn man beriicksichtigt,
dass in der Urkunde die Burger der Vorstadte angehalten werden,
die auf ihrem Eigenthum befindlichen Letzen und Graben in gutem
Bau zu erhalten, und ferner angeordnet wird, dass die Vorstadte zwei
Drittel der Kosten, das andere Drittel aber das Ungeld tragen solle.
Eine derartige Kostenvertheilung kann man aber nicht annehmen,
w^enn es sich um die Herstellung der Mauern und Tliiirme gehandelt
haben wiirde. Allerdings erhob sich, wie eine andere Urkunde
bezeugt, ^) auch eine starke Opposition gegen die Kostenvertheilung,
doch muss es dahingestellt bleiben, ob sich dieselbe schon jetzt oder
erst bei der Ausschreibung der Steuer fiir den Bau der Mauern und
Thiirme geltend machte, denn einer der Steuerverweigerer sagte :



>) Hegel II (IX), 755.

2) Strss. U. B. V, 567.

3) Strss. U. B. V, 577.



42 GESCHICHTE DER BEFESTIGUNG STRASSBURGS.

„sie buwcnt turne dort inne". Da in der erst crwahnten Urkunde dann
noch bestimmt wird, dass derjenige, welcher die Letzen u. s. \v.
abbrechen wiirde, Jahr und Tag und 5 Pfd. bessern sollte, so kann es
sich hier wohl nur um die provisorische Befestigung auf Privat-
eigenthum gehandelt haben. Diese Bestimmung ist im Uebrigen auch
deshalb nicht unwichtig, weil sie beweist, dass Letzen auch bei anderen
als permanenten Befestigungen vorkommen und also wohl iiberhaupt
eine Befestigungsanlage bezeichnen, von der aus man den Feind mit
der Armbrust beschiessen konnte, durch die betreffende Anlage aber
selbtst gedeckt war.

Konigshofen ' i beschreibt die dritte Erweiterung wie folgt :
.,Donoch in dem jore also men zalte noch gotz gebiirte 1374 jor,
,,umb sant Martins naht, -i do mahte men die stat Strosburg ein micliel
„teil witer und begreif die vorstette an Steinstrosse und Underwagener
,,und das bruch bi bischofes biirgetor allesamt zii der rehten stat. und
,,men ving ane an der Steinstrossen bi dem wissen turne. doch was
,,der selbe Avisse turn und der turn bi sant Aurelien der ouch heisset
„der wisse turn, und der turn zii Cronenbm-g in dem briiche bi der
,,capellen"i lange vor gemaht. an disen drigen tiirnen wart ein nuwe
„ring"mure und ein guter grabe umb gemaht von Steinstrosse untz in
„die Brusch bi den diitschen herren * i, und etwie manig gut turn wart
„uf der selben ringmuren ouch gemaht. und wurdent die mure und der
, , grabe mit den turnen und zynnen vollebroht noch gotz geburte
,,1390 jor."

Durch diese Erweitenmg kamen mehr unbebaute Grundstucke
als Wohnstatten in die Stadt, da fast das ganze Gelande zwischen
beiden \"orstadten an Stein- und Oberstrasse, die sich im Wesent-
lichen nur langs dieser Strassen hinzogen, aus Garten, Aeckern und
Bruchland bestand. Diesen landlichen Charakter hat die Gegend so-
gar bis in den Anfang des 19. Jahrhunderts bewahrt. Indess liess sich
die neue Ringmauer nicht wohl anders fiihren als dass man sie bis an
das Westende der beiden \'orstadte vorschob, wo sich die Landwehr
befand, und dass man sie durch gerade Linien mit der Befestigung
der zweiten Erweiterung in \>rbindung setzte. Es ist nicht zu leugnen,
dass die Gesammtbefestigung durch diese neue Erweiterung eine un-



t) Hegel II (IX), 720.

2) D. i. der lo. November.

^) Hiermit ist die „Elende Kreuzkapelle" gemeint, die innerhalb der Stadt, rechts vom
Kronenburger Thor, nahe an der Stadtmauer stand.

*) Das Deutschherrenkloster lag in der Siidwestecke der Stadt, hinter dem Thurme
Lug-ins-Land, sUdlich von St. Aurelien, westlich von St. Margaretha. Danach hiessen die
Wiesen ausserhalb der Stadt zwischen 111 und Breuschabfluss (Miihlgraben) Deutschaue. Diese
bildet seit 1876 den siidwestlichen Theil der Neustadt und wird noch ofter erwahnt werden.



GESTALTUXG DER DRITTEN ERWEITERUXG U. S. \V. 43

giinstigere Gestalt erhielt, da zwei scharf hervortretende, also dem
Angriff besonders ausgesetzte Punkte geschaffen wurden, doch fiel
dies damals, wo sich der Angriff vorzugsweise in Gestalt von Ueber-
fallen gegen die Thore richtete, nicht so ins Gewicht als in der Folge.
Nachmals bereiteten diese beiden ausspringenden Winkel bei der An-
lage der Bollwerke ernstliche Schwierigkeiten und blieben bis in unsere
Zeiten die wahrscheinlichsten Angriffspunkte der ganzen Strassburger
Befestigung. Dass man denselben damals keine sonderliche Bedeutung
beimass, geht daraus hervor, dass man es nicht einmal fur erforderlich
hielt, die Ecke rechts vom Steinstrasser Thor, das Roseneck, abzu-
stumpfen, was doch zweifelsohne moglich war.

Die Lage der Ringmauer gegen die heutige Stadt ist nun mit
grosster Genauigkeit festzustellen, da die alte Befestigung in den Kur-
tinen des nach 1876 beseitigten Hauptwalles fortbestanden hat. Hier-
durch war auch die Lage der nicht mehr vorhandenen kurzen Stticke
Ringmauer in den Bastionen gegeben. Xur die Befestigung rechts vom
Steinstrasserthor, wo nachmals das Roseneckbollwerk ispater Bastion 12)
lag, hat eine mehrmalige Aenderung erfahren, doch gestatteten die
noch im Stadtarchiv vorhandenen alten Plane auch hier den urspriing-
lichen Zustand der Befestigung festzustellen. Da Zweifel iiber die Lage
der Ringmauer gar nicht bestehen konnen,'; so verweise ich einfach
auf den beziiglichen Plan.

Aus der Beschreibung Konigshofens ersehen wir, jeden Zweifel
ausschliessend, dass es sich auch hier nicht darum handelte die neue
Befestigung an einen vorhandenen Wasserlauf vorzuschieben, wie
Specklin - 1, Silbermann, v. PoUnitz, Se3"both und Andere angeben, son-
dern dass man einen Graben von der Steinstrasse ,,bis in die Breusch"
bei den deutschen Herren „machte". Kcinigshofen, als Augenzeuge
dieser Erweiterung, hiitte solches niemals sagen konnen, wenn der
Graben ein Breuscharm gewesen ware ; was fiir einen Grund hatte er
haben sollen, dies zu verschweigen? AUerdings leitete man nunmehr
den nachmaligen Mtihlgraben in den neuen Stadtgraben, um diesen



') Der seiner Zeit bei den Reichseisenbahnen in Elsass-Lothringen angestellte Haupt-
mann a. D. Schreiber hat bei Gelegenheit der Einebnung der Festungswerke auf den West-
fronten zum Zwecke der Bahnhofsanlage nach 1876 eine im Umdruck vervielfaltigte Schrift
verfasst, die er der Gesellschaft fiir die Erhaltung der historischen Denkmaler des Elsass
iibergab und von dieser mit Dank entgegengenommen wurde. Ein Exemplar dieser Schrift
befindet sich auch in der Kaiserlichen Universitats- und Landesbibhothek zu Strassburg i. E.
In derselben wird an der Hand von irgend welchen aufgefundenen Mauerresten eine Be-
testigung auf den Wesifronten konstruirt, die nie bestanden hat. Auch sonst enthalt diese
Schrift eine ganze Anzahl Irrthiimer und schiefe Anschauungen, sodass ich es mir versagen
muss, naher darauf einzugehen. Ich habe dies aber seiner Zeit gethan und meine Entgegnung
der GeseUschaft iibergeben, bei der sie sich vielleicht noch befinden wird.

2) Fragm. Specklin 1613.



44 GESCHICHTE DER BEFESTIGUNG STRASSBURGS.

mit fliessendem Wasser zu versehen unci dadurch rein halten zu konncn,
hierdurch wurde letzterer aber doch noch kein Breuscharm, wie dies
ebensowenig' der Graben der letzten Erweiterung vom Jahre IS/O ist,
durch den man ebenfalls den alten Muhlgraben fliessen lasst. Um dem
neuen \^'asserlal^f das nothige Gefiille zu geben, liess man das Wasser
nicht durch den Graben des rechtsseitigen Anschlusses der dritten Er-
weiterung in den der zweiten abkiufen, sondern setzte den neuen
Stadtgraben beim Roseneck mit einem kleinen Wasserkiuf in Verbin-
dung, der aus der Nahe des heutigen Kirclihofes St. Helena zur 111
unterhalb Strassburg floss. ') Hierdurch gewann man betrachtlich an
Gefiille. Ebenso wie der Graben vorwarts der Vorstadte, war der des
rechtsseitigen Anschlusses ein kiinstliches Werk, den linksseitigen An-
schluss dagegen schob man bis an den untersten Breuschablauf vor,
der am Fusse der Lossterrasse, d. h. des zur 111 streichenden Hiigel-
riickens fliessend, '^) den Inseln gegeniiber in die 111 miindet. Einzig
und allein hier wurde ein vorhandener Wasserlauf als Stadtgraben
benutzt.

Ausser den schon erwahnten drei Thorthurmen besass die Be-
festigung der dritten Erweiterung nachstehende Thiirme:

den Butzbach- auch Siebenerknechtsthurm ^ j in der rechtsseitigen
Anschlusslinie, am sogenannten Rauscher-, spjiter inneren Dreizehner-
graben, an der Stelle der alten Finkmattkaserne, in der Nahe der
heutigen Spatzengasse, 1843 abgebrochen, 1388 bezeichnet: „bedeckter



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