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Ferdinand Apell.

Geschichte der Befestigung von Strassburg i.E. vom Wiederaufbau der Stadt nach der Völkerwanderung bis zum Jahre 1681 online

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hinter den Scharten zu bilden, deren
Sohle jetzt stark nach aussen geneigt
werden musste, um den Graben be-
schiessen zu konnen. Der untere Theil
der INIauer war diesem Durchschnitt
zufolge aus Hausteinen hergestellt, welche eine so umfa'ssende Anwen-
dungbis jetzt noch nicht gefunden hatten.




- o.6\



5 . A b s c h n i 1 1.

Durch das Vorschieben der Ringmauer der dritten und vierten
Erweiterung bis an die Wartthurme im Westen und Osten der Stadt,
wurde es nothwendig, neue Warten im weiteren Vorgelilnde zu erbauen,
von denen drei zuerst im sogenannten grossen Krieg des Jahres 1392
erwiihnt werden. Es waren dies die Warten bei St. Helena, bei Breusch-
eck und das Wighausel vor dem Spitalthore. Erstere stand auf der
Anhohe in der Nahe des heutigen Kirchhofes gleichen Namens und
gestattete das Geljinde vor der Nord- und \\"estseite der Stadt zu
iibersehen. Das Erbauungsjahr ist unbekannt, sie wurde aber bereits

gebrochen worden sein, da er dem langen, dem Walle benachbarten Gebaude im Wege stand.
Der Kasernenbau wurde 1852 beendet, der Abbruch des Thurmes muss also zwischen 1847
und 1852 fallen.



54 GESCHICHTE DER REFESTIGUNX. STRASSBURGS.

in dem erwjihnten Kriege zerstort, doch wieder auigcbaut. Wann sie
o-anzlich beseitigt wurde, wissen wir nicht, indessen darf man annehmen,
dass es zur Zeit des Umbaues der Befestigung wahrend des dreissig-
jahrigen Krieges geschah, wo sie iiberfliissig gcnvorden war. DieWarte
bei Breuscheck, im Westen des heutigen Judenfriedhofes bei Konigs-
hofen, an der Breusch gelegen imd von ihr umflossen, war bestimmt,
die Annaherung eines Feindes zu melden, der sich, gedeckt durch den
Abfall des Geliindes zur Breusch, der Stadt beim Weissthurmthor und
dem Thurme Lug-ins-Land niihern wollte. Architekt E. Salomon gibt
in den „Mittheilungen" XII eine Notiz iiber die weiteren Schicksale der
Warte, die als Breuscheck- oder Millionenschlosschen, w^enn auch um-
gebaut, noch heute besteht. Das Wighliusel vor dem Spitalthore endlich
lag am Uebergang der Baseler Landstrasse iiber den krummen Rhein
und konnte man von ihm aus das ganze Gelande im Siiden der Stadt,
insbesondere die Elz- und Metzgeraue beobachten. ') Es wurde im Jahre
1392 von den Feinden abgebrannt, aber wieder aufgebaut.^)

Wahrscheinlich erst nach 1392 und in Folge der viertenErweiterung
erbaut, erscheint das Wighausel vor dem Metzgerthor im Jahre 1427
beim Rheinziegelofen, am Ziegelwasser gelegen, etwa da, wo heute die
Eisenbahn nach Kehl dieses Gewasser iiberschreitet. Es diente zur
Beobachtung des Gelandes in der Nahe des Rheins und damit zur
Sicherung der zur Rheinbrucke fiihrenden Strasse, welche schon damals
vom Metzgerthor ausging. Wann es beseitigt wurde, ist nicht bekannt,
auf Joh. E. Meyers Plan vom Jahre 1617 ist es bereits nicht niehr
angegeben, wenigstens nicht als solches bezeichnet oder erkennbar.

Zur Unterstutzung der Warte bei Breuscheck wurde dann im Jahre
1429 die sogenannte griine Warte amUbergang der Schir meeker Strasse
iiber einen Breuschabfluss erbaut. Sie brannte 1537 ab, ist aber wieder
aufgebaut worden und noch heute erhalten. Ebenso wurde als Ersatz
Oder vielmehr zur Unterstutzung des im Tahre 1392 verbrannten Wig-
hausels vor dem Spitalthor die sogenannte Hohe oder Illkircher Warte
erbaut, durch welche die Beobachtung nicht unbetrachtlich nach Siiden
ausgedehnt wurde. Sie lag da, wo sich heute die kleine Ortschaft
Hohwarth an der Baseler Landstrasse befindet, an einer Landwehr,
die sich von der 111 bis zum krummen Rhein erstreckte. Erbaut 1429
muss sie eine der festesten Warten gewesen sein, da sie in einem
Kupferstich von J. v. Heyden als ein hoher achteckiger Thurm, umgeben



1) Die Starke Bebauung dieser Gegend stammt aus neuester Zeit. Die jetzt Neiidorf
genannte Ortschaft war selbst 1870 noch im Entstehen begriffen, 1814 lagen hier erst einige
wenige Gartenhauser und dergleichen.

2) Es lag nach einem Plane Joli. E. Meyers vom Jahre 1617 auf der Ostseite der
Strasse, hart an derselben und am krummen Rhein. Strss. Stdt. Arch. PI. 575 (1, 14a).



BAU NEUER WARTTHURME IM V'ORGELANDE. 55

von einer ebenfalls achteckigen v^ertheidigungsfahigen Ringmaiier,
dargestellt wird; sie wurde erst im Jahre 1678 abgebrochen.

Als erster Verbesserungsbau an der Stadtbefestigung selbst w ird
von den Chronisten die im Jahre 1370 vorgenommene Erhohung der
Ringmauer der zweiten Erweiterung angegeben, die sich indess nur
auf das rechte Illufer erstreckt zu haben scheint; sie hatte auch ein
Hoherlegen des Wehrganges hinter den Zinnen zur Folge iind konnte
noch zu Ende der siebenziger Jahre des 19. Jahrhunderts an den bis
dahin erhaltenen Resten der Mauer am heutigen Waisenhause deiitlich
erkannt werden.

Im Jahre 1397 brach in der Nahe des Spitalthores ein grosses
Schadenfeuer aus, das bei heftigem Winde fast sammtliche Hiiuser
zwischen Metzgergiessen, 111 und Ringmauer bis in die Krutenau hinein
und auch den inneren Metzgerthorthurm zerstorte.') Letzteren baute man
im Jahre 1400 neu auf, und gleichzeitig auch den ausseren Thurm im
Zwinger, den Konigshofen als ein ,,alt gescheffede" bezeichnet, -) Von
der Beschaffenheit beider Thurme gibt eine Zeichnung im Stadtarchiv
Kenntniss, '') die vor Abbruch der Thurme im Jahre 1769 angefertigt
wurde, es bleibt aber zweifelhaft, ob in der Zwischenzeit am inneren
Thorthurme nicht W'randerungen vorgenommen waren, bei dem
ausseren ist dies, wenn man Konigshofens Bemerkung danel^jcn halt,
unzweifelhaft der Fall gewesen. Ich komme auf beide Thurme bei Ge-
legenheit derErbauung desBollwerks am Metzgerthorim Jahre 1543 noch-
mals zuriick und will hier nur bemerken, dass der im Jahre 1400 erbaute
aussere, nachmahge mittlere Metzgerthorthurm mit einer gewolbten
Thordurchfahrt und einer zinnengekronten Plattform versehen wurde,
wiihrend der altere Thorthurm ein Ziegeldach besessen hatte. Somit
diirfte der neuerbaute Thurm dem im darauffolgenden Jahre errichteten
ausseren (spater ebenfalls mittlerenj Spitalthorthurm gleich oder ahnlich
gewesen sein, den Piton und Seyboth abgebildet haben und den man
auch in der schon mehrfach erwahnten Specklinschen Zeichnung von
1564 sieht. Unzutreffend ist demnach die Angabe Silbermanns, dem
von Pollnitz und Seyboth folgen, dass dieser aussere (mittlerei Spital-
thorthurm vor Ummauerung der siidlichen Vorstadt vorhanden gewesen
sei und als Wartthurm an einem natiirlichen Wasserlaufe gedient
hatte. Dazu war er viel zu niedrig, da seine Plattform mit den Zinnen
unmittelbar iiber dem Thorweg lag. *j Hier hat Silbermann mit seiner



') Hegel II (IX), 754.

^) Ebenda, 720.

*) Strss. Stdt. Arch. AA. 2089.

*) Nach der Specklinschen Zeichnung sieht es aus, als ob sich zwischen Thorweg und
Plattform noch ein Stockwerk befunden hatte. Das ist angesichts der zuverlassigen Darstellung
Pitons und Seyboths offenbar nur ein Zeichenfehler.



56



GESCHICHTE DER BEFESTIGUNG STRASSBURGS.



willkiirlichen Annahme argen Schiffbruch gelitten, da der Augenzeuge
Konigshofen die Erbauung des iiusseren (mittleren) Spitalthorthurmes:
„des usser nyder turns" in seiner bis ziim jahre 1414 i^eichenden






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Chronik im Jahre 1401 ausdriicklich erwahnt. ' ) Diesej Chronik war
Silbermann nicht bekannt, er benutzte lediglich die von Schilter
veroffentlichte, welche nur bis zum Jahre 1386 reicht. Leider haben
neuere vSchriftsteller, welche Silbermann blindlings folgen, ihm diese
und andere unbegrundete Angaben einfach nachgeschrieben. '-')

') Hegel II (IX), 721.

2) Seyboth, D. a. Strss. 189, wirfi hitr ini Uebrigen alles bunt durcheinander. Eiii
Wartthurm war also nicht vorhanden; 1770 wurde der 1401 erbaute Thorthurm abgebiochen,
dieser war nicht der aussere, sondern der miitlere. 1586 wurde der jiussere Thorthurm gebaut
und ebenfalls im Jahre 1770 abgebrochcn.



XEUBAU VOX THIRMEX UXD MAUERTHEILEX IX FOLGE EIXSTURZES U. S. W. 57

Wie Konigshofen dann weiter berichtet, wurde gleichzeitig mit
dem ausseren Spitalthorthurm die Kontreskarpe des Grabens vom
vSpitalthor bis zum Finkweilerthoiiein ausgebessert und erhoht, sodass
wir hieraus schliessen diirfen, sie sei von Anfang an gemauert
gewesen.

Das Jahr 1422 ' i brachte Strassburg ein ganz ungewohnliches Hoch-
wasser, das sich mit Macht in die Graben der Sudfronten sturzte, hier die
Mauer zwischen Elisabeth- und Spitalthor unterwuhlte und sammt zwei
Thiirmen zu Falle brachte. Man baute alles wieder auf, die Thiirme
aber in sofern in veranderter Gestalt, als man sie mit einer Zinnen-
kronung versah, welche die alten nicht mehr besassen oder iiberhaupt
nicht besessen hatten. Auf der Specklinschen Zeichnung von 1564
haben sie ausserdem ein Dach; es ist aber zu vermuthen, dass dies
erst eine spatere Zuthat ist und dass die Zinnen urspriinglich eine
Plattform umgaben, auf der man im Kriegsfalle Geschiitze aufstellen
konnte. Eine derartige Einrichtung wurde der Zeit der Wiederaufrichtung
der Thiirme durchaus entsprochen haben, und man kann daran um so
weniger zweifeln, als wu" dem darauf gerichteten Umbau anderer
Thtirme noch weiterhin begegnen werden. Dies Hochwasser des
Jahres 1422 hat den Chronisten zufolge noch an anderen Orten Schaden
gethan und die Mauern in den Graben geworfen, ohne dass gesagt
wird, wo dies der Fall gewesen sei. Vielleicht diirfen wir die oben
erwilhnten stuckweisen Wiederherstellungsbauten an der Mauer der
zweiten Erweiterung damit in V^erbindung bringen.

Im Jahre 1427 oder 1428 schritt man dazu, die Thore der West-
fronten besser zu sichern. Was eigentlich geschah, dariiber gehen
die Nachrichten in etwas auseinander, indem einerseits angegeben
wird, dass alle drei Thore mit \^3rbauten und Fallwerken versehen
worden seien, Specklin - 1 aber, abgesehen von den Fallwerken an alien
drei Thoren, nur einen X'orbau am Weissthurmthor erwahnt. That-
silchlich sind aber - wenigstens im Jahre 1474 — auch \'orbauten am
Kronenburger- und Steinstrasserthor vorhanden gewesen, denn in dem
Geschtitzaufstellungsplan von 1474 wird nicht nur die „brustgewer"
am Weissthurmthor, sondern auch das ,,vorgewer" am Kronenburger-
thor, und in einer X'erhandlung von 1473") das ,,gewer" vor dem
Steinstrasserthor erwahnt. Auch iiber den von alien Chronisten
gemeldeten Vorbau am Weissthurmthor, seine Gestaltung und
Beschaffenheit fehlte bis zu Ende der siebenziger Jahre des 19. Jahr-



1) J. J. Meyer, 122. — Fragni. Specklin 1970 und nach ihm Silbermann u. s. w. gibt

das Jahr 1421 an.

-) Fragm. Specklin 2010.

3) Strss. Stdt. Arch. IV, 29.



58



GESCHICHTE DER BEFESTIGUNG STRASSBURGS.



hunderts jede Nachricht, bis auf einmal die Einebnunosarbeiten der
letzten Stadterweiterung" denselben iiberraschender ^^>ise zu Tage
forderten. Nach Abtrag des Bastionswalles stellte es sich namlich




heraus, dass die Umfassungsmauer des Zwingers zwischen innerem
und ausserem Thor, wenigstens in ihrem vorderen Theil, die Mauer
jenes alten Vorbaues war, die man bei Schiittung des Walles auf der
Innenseite verstarkt hatte, um dem Druck der Erdmassen widerstehen
zu konnen. Dagegen waren auf der ausseren Seite der Mauer sowohl
das Thor wie auch die alten Schiesslocher noch deutlich zu erkennen.
Der Vorbau war danach nichts weiter als eine einfache Tambour-
mauer vor der Briicke, seinem Grundriss nach ein Rechteck mit
abgestumpften vorderen Ecken, durch welches die Strasse in gerader
Richtung hindurchftihrte. Auf jeder Seite des Thores befand sich ein
ovales Schiessloch fiir ein kleines Geschiitz und dicht daruber ein
Schiessschlitz fiir einenSchutzen oder zur Beobachtung,beide Oeffnungen
selbstredend nicht zu gleicher Zeit zum Schiessen benutzbar. Eben-
solche Schiesslocher zeigten die Abstumpfungen und die Seitenmauern
des Vorbaus, denn wh* durfen wohl annehmen, dass die linke Seite



SICHERUNG DER THORE DER WESTFRONTEN DURCH VORBAUTEN. 59

desselben, welche bei Erbaimng des ausseren Weissthurmthores
beseitigt werden musste, gerade so wie die rechte Seite gestaltet war.
In der Zwingermauer, beim Hinausgehen aus dem Thore, gleich rechter
Hand, befand sich folgende Inschrift :

Gottes barmhertzikeit

Der pfaffen grytikeit

Und der bauern bosheit

Durchgrundet niemanss

Uf minen eit. 1418.
welche eine ganze Litteratur hervorgerufen hat. ' »

Was nun die Fallwerke der drei westHchen Thore anlangt, so
Averden darunter wohl Fallgatter verstanden sein. Silbermann macht
aus den Fallwerken Zug- oder Fallbrucken, gestutzt auf Specklin, der
hier offenbar selbst irrt, wenn er sagt : ,, . . . man machte an alien porten
fallwerke, damit man geschwind vor dem iiberfall aufziehen konnte".
Er hatte statt ,, aufziehen" wohl sagen miissen ,, fallen lassen". Biiheler -j
sagt namlich vom Jahre 1566 : ,,Da haben die Herren der Stadt Strass-
burg angefangen alhie n.'imlichen an der Steinstrosser thor und um
die Statt zu ring umbher an alien porten usswendig der Statt uff oder
an den brucken fallbrucken zu machen, dan zu vor do ist an keiner
brucken oder thor kein fallbruck gewesen, dan allein an dem neuen
bau vor dem Judenthurn", welcher 1552 angelegt wurde. Hier spricht
Biiheler aus eigener Anschauung. Wenn er friiher das Gegentheil
sagt, indem er vom Jahre 1439 meldet : ,> . . . tmd die fallbruck an
dem Cronenburgerthor ward auch gemacht", so beweist dies nur wie
die Chronisten hiiufig gedankenlos einer von dem imdern abzuschreiben
pflegten.

Der Einfall der Armagnaken im Jahre 1439 hatte eine zweite
Neuanlage beim A\"eissthurmthor zur Folge, der Avir noch mehrfach
begegnen werden, da sie eine grosse AMchtigkeit fur die Stadt besass.
Bei diesem Einfalle machte sich namlich, ahnlich wie schon im Jahre
1392, der Mangel an Miihlen in der Stadt in empfindlichster Weise
geltend. Es bestanden zwar verschiedene Miihlen auf der 111, innerhalb
und ausserhalb der Stadt, sie geniigten aber offenbar nur dem Friedens-
bediirfnisse, nicht aber der beim Ausbruche von Feindseligkeiten in
die Stadt fliichtenden Masse des LandA'olkes. Man erbaute deshalb



*) Siehe hieriiber Kraus, I, 550 und Schneegans, 68. Der ,, Pfaffen Grytikeit" mag ver-
schiedenen Leuten nicht gefallen haben, weshalb einzelne Schriftsteller daraus „Giitikeit"
machten. Diese verschiedenen Lesarten gaben den Anlass zu den bei Kraus erwahnten
Schriften. Man wird sich hier auf Schneegans zu verlassen haben, der vollig unparteiiscli
erscheint.

^) Fragm. Biiheler 429.



60 GESCHICHTE DER BEFESTIGUNG STRASSBURGS.

im Tahre 1439 ' ) gleich unmittelbar rechts vor dcm Weissthurmthor
Liber dem Stcidtgraben die sogenannte Achtnidermiihle und sicherte
sie geg-en Ueberfalle durch einen Zwinger, der sich wahrscheinlich in
Gestalt einer vertheidigungsfahigen Mauer an den kurz vorher
errichteten Vorbau des Thores anschloss. Silbermann gibt als
Erbauungsjahr der Achtradermiihle das Jahr 1449 an, R. Reuss 2) ist
aber der Meinung, dass dies moglicherweise nur ein Druckfehler sei,
da die Miihle in Folge des ersten Einfalles der Armagnaken erbaut
worden ware, es muss aber doch darauf hingewiesen werden, dass
die Miihle „iif den acht Riidern" nach den „Strassburger Gassen- und
Hauser-Namen" zum ersten Male im Jahre 1449 urkundlich erwahnt
wird. Moglicherweise fusst Silbermann auf derselben Urkunde, der
dieses Datum entnommen ist. ^)

Bereits zu Anfang des 14. Jahrhunderts war ein neues Kampf-
mittel, das Schiesspulver, aufgetaucht, das berufen war, mit der Zeit
eine vollige Umwiilzung auch in der Befestigungskunst herbeizufiihren.

Wahrend das Pulver ursprunglich nur als Treibmittel fiir kleine
Biichsen, sogenannte Lothbiiclisen, benutzt wurde, welche Bleikugeln
schossen und hinter den Zinnen der Mauern und Thiirme bequem
gebraucht werden konnten, traten um das Jahr 1360 Steinbiichsen oder
Bombarden auf, d. h. kurze Geschiitze, deren Kaliber sich rasch ver-
grosserte, sodass sie bereits um 1380 Steinkugeln im Gewichte von
50—70 Pfund schleuderten. Mit diesen Geschossen versuchte man die
Mauern umzuw^erfen, konnte jedoch bei der mangelhaften Beschaffen-
heit der Geschutze und dem noch minderwerthigen Pulver Erfolge nur
bei schwachen Mauern erzielen, an die man noch dazu sehr nahe
herangehen musste. Es lag also noch kein Grund vor, die Befestigung
Strassburgs nach irgend welcher Richtung zu andern. Dagegen ent-
wickelte sich zu Ende des 14. Jahrhunderts aus den kleinen Buchsen
durch Vergrosserung des Kalibers und Verlilngerung des Rohres eine
zweite Art von Geschiitzen, welche bis 15 Pfund schwere Eisen- oder
Bleikugeln schossen und deren Verwendung wie beim Angriff so auch
bei der Vertheidigung von grossem Vortheil erschien. So lange diese



1) J. J. Meyer, 13 und Frasjni. Biiheler 174.

^) J. J. Meyer, 144.

5) Die Achtradermiihle besland bis zum Jahre 1870, wo sie bei der Belagerung vollig
ausbrannte mid niclit wieder aufgebaut wurde. Es war dies aber nicht der alte Bau, sondern
ein Neubau des 19. Jahrhunderts. Im Uebrigen durfte die Achtradermiihle doch wohl im
Jahre 1439 und nicht erst 1449 erbaut worden sein, denn ich iinde ersteres Jahr auch bei
Mone, Quellen III, 545 (Fortsetzung des Konigshofen) angegeben, wo es heisst: „Item die
iisser porte vnd die gewere vnd der twingolffs vnd die vallbrucke vnd die miilen vor dem
wissen thurne wurdent gemaht in dem jore, do man zalte von gottes geburte MCCCCXXXVIIII
jor, vnd wart vollenbroht in der nehsten wochen nach ostern (28. III. bis 2. IV.) MCCCCXL
jore. Item dis geschach von der Armcn Gecken wegen, also die in dem lande worent."



ENTWICKELUXG DER PULVERWAFFEX.



61



Geschiitze nur in geringer Zahl vorhanden waren, boten die Thiirme
genugenden Platz fiir ihre Aufstellung, und erst als ihre Zahl wuchs,
war man genothigt, noch anderweite Aufstellungsplatze zu schaffen.

Der erste Bau dieser
Art scheint der Umbau der
sogenannten Spitzen an den
gedeckten Briicken imjahre
1464 ' ) geAvesen zu sein, von
dem uns Specklins Zeich-
nung von 1564 ein anschau-
liches Bild gibt, wenn das-
selbe auch nicht ganz dem
Zustande von 1464 ent-
spricht, indem z. B. der
Zwinger mit den eckigen
Thiirmen auf dem rechten
Illufer damals noch nicht
vorhanden war.

Das grosste Interest
bei diesem Neubau beansprucht
die mittlere Spitze oder Wehre
und zwar wegen ihrer eigenthiim-
lichen sageformigen Grundrissg
stalt, die der Absicht.denFluss kni
zu bestreichen, ihre Entstehung
dankt. AW'iin die Zeichnung verlii
so konnten auf der rechten ^
Wehre sechs, auf der linken vier
hinter der Mauer aufgestellt werden, da jeder
Knick in der Mauer ein Schiessloch zeigt. '-) In
der Spitze, wo es an Raum zur Geschiitzauf- o.

stellung mangelte, war nur eine Art Schilderhaus angebracht, das auf
jeder seiner drei Aussenseiten einen Schiessschlitz fiir Kleingewehr
besass. Man sieht in der Zeichnung zwar nur zwei derselben, es ist
jedoch wohl kein Zweifel, dass auch die dritte Seite damit versehen
war. Wie wir spilter sehen werden, hatte dieser Bau doch sehr seine




:hiitze



1) Fragm. Specklin 2iig. Silbermann, co, setzt den Bau ins Jahr 1468, gemass S. Biiheler
Fragm. 183. Es muss dahingestellt bleiben, welche Zahl die richtige ist.

-) Es ist auffallig, dass diese neue Wehre im Geschiitzaufstellungsplan von 1474 nicht
mit Geschiitz besetzt wird, wohl aber die beiden anderen Wehren vor dem Maltzen- und
Hans von Altheims Thurm. Man muss annehmen, dass sie noch nicht vollendet war, eine
andere Erklarung ist kaum moglich. Die linksufrige und die mittlere Briicke werden als neue,
die rechtsufri^e als alte bezeichnet.



62 GESCHICHTE DER BEFESTIGUNG STRASSBURGS.

Bedenken, da er dem Wasser zuviel Angriffsflache bot. Die beiden
seitlichen Wehren wurden der Hauptsache nach in ihrem Zustande
A-on 1332 erhalten und nur zur Geschiitzvertheidigung eingerichtet.
In der linksseitigen, dem sogenannten Wtirthel, beschrankte man sich
darauf, Schiesslocher fur Geschutze einzubrechen, bei der rechtsseitigen
nahm man an der Spitze die Zinnen fort und setzte ein Wachthaus
dahin, von dem aus das Wasser nach oberstrom mit einem Geschiitz
aus dem unteren Scliiessloch, und mit zwei Handrohren aus den dariiber
gelegenen Schiessschlitzen beschossen werden konnte. Wir miissen
uns diese Einrichtung ahnlich der beim Vorbau des Weissthurmthores
vorstellen und diirfen nicht etwa an zwei iibereinander gelegene Stock-
werke denken, weil die Laffetten der damaligen Geschiitze noch sehr
unvollkommen waren und eine ganz geringe Kniehohe besassen. Auch
die linke, in der Abbildung sichtbare Seite zeigt eine Scharte fur Klein-
gewehr, woraus sich schliessen lasst, dass auch auf der andern Seite
eine solche vorhanden war.

Nach J. J. Meyer ') und anderen Chronisten wurden dann im
Jahre 1468 die bisher in Holz erbauten Brucken an den Spitzen,
die sogenannten gedeckten oder bedeckten Brucken, durch massive
„mit schwibogen, zinnen und gewehren", d. h. durch gewolbte mit
Zinnen und Wehren ersetzt und 1469 oder 1470'^) vollendet, sodass der
Einfluss des Wassers auf das Beste versorgt erschien. Nach Specklin^)
wurden nur zwei von den drei Brucken in Stein umgebaut, wie dies
auch der Geschiltzaufstellungsplan von 1474 erkennen lasst, sodass
man versucht ist anzunehmen, dass die eine derselben bereits in
Mauerwerk erbaut w^ar, da man sich nicht gut den Grund vorstellen
kann, weshalb die Massregel nur auf zwei Brucken beschrankt worden
sein sollte.

Spatestens um diese Zeit, d. h. urn 1470, ist auch der halbacht-
eckige Thurm am Spital erbaut worden, der heute noch, wenn auch
etwas verandert, erhalten ist. Er steht vor dem noch erkennbaren
Spitalthurm der zweiten Erweiterung, rechts vom Spitalthor, und wird
von manchen Leuten als das erste Strassburger Bastion, ja als eines
der ersten Bastione tiberhaupt, oder doch als eine Art Bastion an-
gesehen, aber durchaus mit Unrecht, da er schon seiner Grundriss-
gestalt nach gar nichts mit einem Bastion gemein hat und uberhaupt
nichts weiter als ein niedriger Thurm ist. Dagegen hat man ihn unter
die Streichwehren zu rechnen, welche bereits um die JNIitte des 15. Jahr-



1) J. J. Meyer, 13.

-) Die kl. Strss. Chr., 2, sagt : 1468, vollendet 1469.

*) Fragm. Specklin 21 19.



BAU DES HALBACHTECKIGEN THURMES AM SPITAL.



63



hunderts in vielen Stadten vorkommen*) und nun auch zu Strassburg
Eingang fanden, da sich die Herstellung einer niederen Graben-
bestreichung, an der es bis dahin ganzlich mangelte, in Folge der ver-
anderten Angriffsweise, mit gebieterischer Nothwendigkeit lieraus-
gestellt hatte. Dass diese erste Strassburger Streichwehr nicht spiiter
erbaut ist, ergibt sich aus dem Geschiitzaufstellimgspkm von 1474, in




dem sie als ,,die Schnecke vor dem Spitalthurm" erwiihnt wird. Die

Abbildungen stellen sie in Grundriss, Ansicht und Durchschnitt dar,

unter Weglassung der spater eingebrochenen Fenster. Auch die

Briistungsmauer ist neueren Da-

tums, da an ihrer Stclle ehedem

eine Zinncnmauer stand. Ob das

jetzt vorhandene Kellergeschoss

schon in alten Zeiten vorhanden

war, muss dahin gestellt bleiben,

da aus dem Geschutzaufstellungs-

plan von 1474 nur ein Stockwerk

ersichtlich ist und die Fenster des

Kellergeschosses nicht mehr er-

kennen lassen, ob ehemals an ihrer

Stelle Schiesslocher befindlich wa-

ren. ^) Die Gestaltung der Schiesslocher des Erdgeschosses ist die




1) Nach Loffler kommen Streichwehren bereits in der Milte des 15. Jahrhunderts in
einem Berathschlagungsprotokolle zu Ulm vor. Es waren hier lediglich runde, vor die Mauer
vorspringende Thiirme, die mit einer Sehne, kleiner als der Durchmesser, in der Mauer standen,
wie wir sie ganz ahnlich gestaltet spater auch zu Strassburg finden warden.

-') Descharrieres (Observations sur les anciennes fortifications de la ville de Stras-
bourg u. s. w. Ohne Jahreszahl) gibt an, dass der Thurm am Spital zwei mit Schiesslochern
versehene Stockwerke besasse, sodass also das Kellergeschoss zur Vertheidigung eingerichtet
gewesen ware. Die Specklinsche Zeichnung von 1564 gibt nur eine Reihe Schiesslocher an.
Da Descharrieres wenig verlassig ist, so lasse ich die Frage auf sich beruhen.



64



GESCHICHTE DER BEFESTIGUNG STRASSBURGS.




der altesten Anlagen fiir Geschiitzvertheidigung-: cin einfaches rundes
Loch, je zur Halftc in zwei iibcreinander liegenden Hausteinen aus-

gearbeitet, sehr nahc
iiber dem Fussboden,
entsprechend der nie-
drigen Kniehohe der
damaligen Geschiitze.
Seine Anbringung in
einer Nische der Mauer
verfolgte den Zweck,
die Miindung des Ge-
schiitzrohres vor die
iiussere Oeffnimg des
■? Schiessloches zu brin-

gen, damit der Pulverdampf nicht in die Kasematte dringen und den
Aufenthalt daselbst unleidlich machen mochte. Fiir die Abfiihrung des
Pulverdampfes aus dem Ziindloche war durch Anbringung eines kreis-
runden Loches im Scheitel des Gewoibes gesorgt. Es muss dahin



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