Johann Ernst Oswald Schmiedeberg.

Grundriss der Pharmakologie in Bezug auf Arzneimittellehre und Toxicologie online

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OF THE

University of California.



Class



GRUNDRI8S

DER



PHARMAKOLOGIE



IN BEZUG AUF



ARZNEIMITTELLEHKE UND TOXIKOLOGIE



VON



O. SCHMIEDEBERG



ORD. PROF. D. PHARMAKOLOGIE UND DIREKTOR DES PHARMAKOLOGISCHEN INSTITUTS
AN DER KATSER-WILHELMS-UNIVERSITAT STRASSBURG



6. AUFLAGE





LEIPZIG

YERLAG VON F. C. W. VOGEL

1909






GEI^EIiAL



Druck von August Pries in Leipzig.




Vorwort



Der vorliegende GrundriE der Pharmakologie bildet die
Fortsetzung des in erster Auflage im Jahre 1883 und zuletzt
in dritter Auflage im Jahre 1895 erschienenen Grundrisses
der Arzneimittellehre.

Das Buch ist dazii bestimmt, dem studierenden Mediciner
die Erlangung pharmakologisclier Kenntnisse zu erleichtern und
dem pharmakologisch vorgebildeten Arzt die neueren Errungen-
schaften auf diesem Gebiete des Wissens zuganglich zu machen.
Es soil aber nicht dem Lernenden die Vorlesungen iiber Phainna-
kologie ersetzen. Das vermag ein Buch auf diesem Gebiete
ebensowenig, wie bei der Erlangung chemischer, physikalischer,
physiologischer und anderer Kenntnisse. Ein Lehrbuch im
Sinne autodidaktischen Unterrichts kann es also nicht sein.

So scharf einerseits der Weg vorgeschrieben ist, den die
streng wissenschaftliche pharmakologische Forschung einzu-
schlagen hat, um ihr Ziel zu erreichen, so schwierig gestaltet
sich andererseits die Aufgabe, die Erlangung pharmakologischer
Kenntnisse fiir praktische Zwecke zu vermitteln. Diese
Schwierigkeit tritt uns Pharmakologen schon im Horsaal bei
der Auswahl des so reichen und vielgestaltigen Stoffes, bei
seiner Gliederung und der Veranschaulichung der Tatsachen
durch Demonstrationen und Experimente entgegen. Noch
schwieriger ist die Abfassung eines Buches liber Pharmakologie.

Wer sich blofi dariiber zu unterrichten wiinscht, welche
Arzneimittel gegenwartig besonders beliebt sind, welche Vor-
stellungen sich die Praktiker von ihren Wirkungen und den
Erfolgen ihrer Anwendung machen und welche Recepte am



197398



jy Vorwort.

haufigsten empfohlen unci verschrieben werden, dem steht fur
diesen Zweck eine groBere Anzahl vom klinisclien Standpunkt
verfaBter Lelirbliclier zur Verfiigung.

Anders liegen die Verhaltnisse, wenn es sich um eine kurze,
zusammenfassende, auch dem Niclitfachmann verstandliche Dar-
stellung der pliarmakologischen Tatsachen handelt. Hier Jiegen
die Schwierigkeiten auf verschiedenen Seiten, teils in der Sache
selbst, teils in besonderen, die Ausbildung der Arzte betreffenden
Verhaltnissen.

Das Interesse fur die Bearbeitung pharmakologischer Fragen
hat allmahlich einen ungeabnten Aufschwung genommen. An-
gehende Physiologen, Hygieniker, jiingere Kliniker und prak-
tische Arzte entnehmen mit Vorliebe die Tbemata zu ibren
experimentellenErstlingsarbeiten diesem Gebiete. AuchPbarma-
ceuten, Drogenbandler iind Fabrikanten chemiscber Produkte
auCern sicb nicbt selten in ibren gescbaftlicben Circularen liber
die Wirkungen und die tberapeutiscbe Bedeutung der von ibnen
hergestellten und in den Handel gebracbten Praparate. Zu-
weilen ist zwiscben dem Inbalt solcber Circuktre und gewisser
tberapeutiscber Abbandlungen kaum ein merklicber Unterscbied
wabrzunebmen.

Infolge dieser zablreicben Beteiligung ist die Menge der
VeroiFentlicbungen auf diesem Gebiete eine fast uniibersebbare
geworden. Nocb scbwieriger indessen als die Bewaltigung
dieses ^laterials nacb seinem Umfange ist die Sicbtung des-
selben und die Sonderung des Braucbbaren von dem ganzlicb
Wertlosen. Die Bescbaftigung mit pbarmakologiscben Unter-
sucbungen erfordert nicbt nur eine grofie Ubung in der Aus-
fiibrung der Versucbe und in der Beurteilung der Resultate,
sondern es gebort dazu aucb eine vollstandige Kenntnifi und
sicbere Beberrscbung des ganzen pbarmakologiscben Gebietes.
Das ergibt sicb von selbst und es bedarf kaum des Hinweises
darauf, daC z. B. niemand in wissenscbaftlicber Weise eine
Pflaiize zu bescbreiben im Stande ist, wenn er nicbt umfassende
botaniscbe Kenntnisse besitzt. Die wenigsten pbarmakologiscben
Arbeiten entsprecben aber diesen selbstverstiindlicben An-
forderungen.

Da nicbt alle Experimentatoren auf diesem Gebiete
Facbmanner, sondern im besten Falle Autodidakten sind oder



Vorwoit. V

in andereii Fallen die Ausfuhrung von Untersuchungen unter-
nehmen, obne sich vorher uberhaupt mit Pharmakologie be-
scbaftigt zu baben und daber die bekannten Tatsacben weder
voUig zu tiberseben nocb geniigend zu beberrscben und zu ver-
werten vermogen, so ist es leicbt erklarlicb, dafi nicbt immer
nacb streng wissenscbaftlicben Kegeln und Grundsatzen ver-
fabren wird, sondern daB jeder nacb seiner Art experimentiert
und argumentiert. Vor alien Dingen vermifit man in den
Arbeiten solcber Autoren eine sacbverstandige Kritik der Tat-
sacben. Wesentlicbes und Nebensacblicbes, Feststebendes und
Zweifelbaftes werden nicbt oder nicbt ausreicbend auseinander-
gebalten. Dinge und Folgerungen, die dem Facbmann als
selbstverstandlicb erscbeinen oder an sicb ganz nebensacblicb
und bedeutungslos sind, sucbt man durcb zablreicbe Experi-
mente und breite Scbilderungen und Discussionen nocb be-
sonders zu ervveisen. Sebr beliebt sind die Nacbprlifungen
bereits bekannter und feststebender Tatsacben. Dabei pflegen
die geringfiigigsten Abweicbungen von den Ergebnissen der
Originalarbeiten scbarf in den Vordergrund geriickt zu werden
und imponieren daber dem Unkundigen baufig als wicbtige
Bericbtigungen oder sogar als neue, alles vorber Bekannte in
Frage stellende Entdeckungen. Flibrt aber eine solcbe Nacb-
priifung aucb dem Wesen der Sacbe nacb zu ganz anderen
Ergebnissen als die friiberen Arbeiten, so ist man in der
Kegel geneigt, solcbe neuesten Angaben aucb fur die ricbtigsteii
anzuseben, was keineswegs zutreffend zu sein braucbt, weil
gerade mit Nacbprlifungen sicb gern Ungeiibte befassen.

Einige wertvolle Tatsacben baben in den letzten Jabr-
zebnten die in Kliniken und Krankenbausern mit Arzneimitteln
an Menscben ange stellten Versucbe geliefert. Docb ist die An-
zabl solcber Tatsacben gering im VerbaltniC zu den vielen
Tausenden von Kranken, an denen solcbe Versucbe angestellt
werden, wiibrend in den wenigen Instituten fur experimentelle
Pbarmakologie die fur diesen Zweck zur Verfiigung stebenden
Hilfsmittel sebr bescbrankte sind.

In zablreicben Veroffentlicbungen iiber Arzneimittel , in
denen der kliniscbe Zweck vorwaltet, werden nicbt selten ein
gunstiger Verlauf und Ausgang der Krankbeit obne Grund
auf Recbnung eines oft nur versucbsweise angewandten Arznei-
mittels gebracbt und dem letzteren wegen dieses angeblicben



VI Yorwort.

Heilerfolges Wirkungen zugeschrieben, die zuweilen geradezu
uninoglich sind.

Derartig ist ein groBer Teil des Materials beschafFen, das
der Pharmakologe keniien lernen, sichten, sondern und kritisch
verarbeiten mufi, wenn er ein moglichst klares und getreues
Bild von dem jeweiligen Stande des pharmakologischen Wissens
entwerfen will. Die Schwierigkeiten einer solchen Arbeit, fur
die dcr Autor wie fur jede andere Originalarbeit die Verant-
Avortlichkeit iibernimmt, sind gegenwartig nicht annahernd in
vollkommener Weise zu iiberwinden. Sie konnen zum Teil um-
gangen werden, wenn man sich darauf beschrankt, die Unmasse
von Angaben, Beobachtungen, Untersuchungsresultaten, An-
sichten, Meinungen und Urteilen aus den betreffenden Ab-
handlungen zu excerpieren und dann in Form eines Hand-
oder Lelirbuchs einfach aufzuzahlen. Derartige mit Literatur-
angaben versehene Werke bilden oft wertvolle Hilfsmittel
zur Orientierung liber einzelne Fragen und Untersucbungen.
Ein Nachschlagebuch solcher Art ist ein Grundrifi nicht, und
diesem Umstande ist bei seiner Benutzung Rechnung zu tragen.

Die Pharmakologie soil dem Arzt eine WafFe bieten, nicht
nur zur Bekampfung von Krankheiten und Vergiftungen, sondern
auch zur Abwehr gegen Kurpfuscherei. Da der Arzt an
Kranken fur Heilzwecke durch Arzneimittel pharmakologische
Wirkungen hervorruft und bei Vergiftungen mit solchen zu
tun hat, so erscheint es selbstverstandlich, dafi er einige
pharmakologische Kenntnisse besitzen muB. Das ist auch in
der neuen Priifungsordnung fur Arzte mehr als bisher anerkannt,
obgleich solche Kenntnisse immer noch recht gering geschatzt
werden, was sich dadurch documentiert, daB die pharma-
kologisclie Priifung einen bloBen, zifFermaBig sehr gering be-
werteten Anhang zu dem Priifungsabschnitt fur innere Medicin
bildet und nicht von einem Sachverstiindigen, d. h. von einem
Pharmakologen von Fach, abgehalten zu werden braucht. Auch
der Unterricbt in der Pharmakologie wird bei uns inDeutschland
noch nicht an alien Universitiiten von einem Fachmann erteilt.

Die Kurpfuscherei kann nur seitens der Arzte selbst mit
Erfolg bekiimpft werden. Es handelt sich bei derselben nicht
um Vorurteile, die durch Bildung und Aufkliirung bekampft
werden konnen, denn unter den Personen, die regelmaBig oder
gelegentlich bei Kurpfuschern Hilfe suchcn, sind alle Bevolke-



Vorwort. VII

ruiigskreise, alle Stande und alle Bildungsgrade vertreten.
Wenn aber Bildung und Auf klarung nicht im Stande sind, vor der
Zuwendung ziir Kurpfuscherei zu schutzen, so folgt daraus, dafi
es nur von der nattirlichen Intelligenz und der anerzogenen
Klugheit abhangt, objemand sich an einenArzt oder Kurpfuscher
wendet. Diese Umstande machen den Kampf gegen die Kur-
pfuscherei zu einem besonders schwierigen. Die letztere hat zu
alien Zeiten gerade in der Anwendung der Arzneimittel mit den
Arzten zu wetteifern gesucht und beruft sich dabei immer wieder
auf die sogenannte Erfahrung und Erprobung. Wenn der Arzt
sich nicht in vollem Umfange auf die wissenschaftlichen Grund-
lagen stiitzt, sondern ebenfalls auf seine eigenen, Erfahrung ge-
nannten, subjectiven Uberzeugungen das Hauptgewicht legt,
so verwischt er selbst die Grenze zwischen wissenschaftlicher
Arzneimittellehre und pfuschermafiiger Anwendung meist ganz
unwirksamer oder schadlicher Substanzen.

Fast taglich werden neue, als Arzneimittel empfohlene
chemische Verbindungen auf den Markt gebracht. Ohne di©
Hilfe der Pharmakologie steht der Arzt denselben ratios gegen-
uber. Auf Grund einer eingehenden, sachverstandigen pharmako-
logischen Untersuchung laBt sich in den moisten Fallen mit
geniigender Sicherheit erkennen, ob eine Substanz gtinstige
Erfolge als Arzneimittel verspricht und ob sie uberhaupt bei
Menschen angewendet werden darf. Nach der pharmakologi-
schen Priifung kann die Anwendung an Kranken dann von
jedem, auf diesem Gebiete geiibten Arzt vorgenommen^ werden,
ohne daC dazu eine Centralstelle erforderlich ist, die nur
hemmend auf die Bereicherung des Arzneischatzes wirken
wiirde, ohne im mindesten eine grofiere Biirgschaft fur die
Zuverlassigkeit der Beobachtungen zu bieten, als z. B. die in
einem gut geleiteten Krankenhause ausgefuhrten Untersuchungen
und Beobachtungen dieser Art.

In der vorstehend angedeuteten Weise gestaltet sich die
Stellung der Pharmakologie zur praktischen Medicin, wenn die
letztere die Hilfe der ersteren in Anspruch nehmen will. Die
pharmakologische Forschung aber verfolgt, wie jede andere
Wissenschaft, unabhUngig von jedem unmittelbaren praktischen
Nutzen rein wissenschaftliche Ziele.

Den Umfang des Buches durch die Aufnahme neuer
Gruppen zu erweitern, lag diesmal keine Veranlassung vor.



YJII Vorwort.

Dagegen wurden neue Tatsachen nach Mogliclikeit beriick-
sichtigt und an manchen Satzen und Abschnitten ist eine scliar-
fere Begriindung angestrebt.

Manche der im folgenden entwickelten Anschauungen und
Begriindungen stutzen sich auf Tatsachen, die unter Leitung
des Verfassers seit vier Decennien von einer grofieren Anzahl
jungerer Mitarbeiter aus alien Zonen gewonnen sind. Ihnen
alien sei auch hier wieder in freundlicher Erinnerung der
Dank fur die getreue Mitliilfe an den gemeinsamen Zielen
ausgesprochen.



Inhaltsverzeichnifi.



Seite

Eiuleitung 1

1. Begriff, Inlialt unci Umfang der Pharmakologie ... 1

2. Die Natur der pharmakologisclien Wirkungen .... 2

3. tjber das YerhaltniB der Arzneimittellehre, Toxikologie

und GenuBmitteldiatetik zur Pharmakologie .... G

4. Die Quellen der Arzneimittellelire 8

5. Die Auswalil der Arzneimittel nacli rationellen Grund-

satzen 11

6. Die Einteilung der pharmakologisclien Agentien und der

Arzneimittel 14

I. Die Nerven- und Muskelgifte 16

A. Nerven- und Muskelgifte der Fettreihe 18

1. Gruppe des Chloroforms und Alkohols 18

2. Gruppe des Amylnitrits G8

3. Gruppe des Kohlenoxyds 75

4. Gruppe des Ammoniaks und der Ammoniakbasen der

Fettreihe 84

5. Gruppe der Blausiiure 88

6. Gruppe des Coffeins 93

B. Nerven- und Muskelgifte der Alkaloid- oder Pyri-

din- und Chinolinreihe 110

7. Gruppe des Curarins 110

8. Gruppe des Strychnins 117

9. Gruppe des Samandarins 1-6

10. Gruppe des Morphins 1-7

11. Gruppe des Pellotins und Anhalonins 138

12. Gruppe des Chelidonins und Hydrastins 140

13. Gruppe des Adrenalins 14&

14. Gruppe des Cocains 148

15. Gruppe des Atropins 161

16. Gruppe des Muscarins 176



X InhaltsverzeichniK.

Seite

17. Gruppe des Pilocarpins und Nicotins 179

18. Gruppe des Coniins und Lobelins 188

19. Gruppe des Physostigmins 195

20. Gruppe des Apomorphins 200

21. Gruppe des Emetins . 204

22. Gruppe des Sepsins . . ' 207

23. Gruppe des Aconitins 209

24. Gruppe des Veratrins 214

25. Gruppe des Colchicins 221

26. Gruppe des Solanins 224

27. Gruppe des Chinins . 229

28. Gruppe des Antipyrins 244

C. Nerven- und Protoplasmagifte der aromatischen

Reihe 258

29. Gnippe der Salicylsaure 259

30. Gruppe des Carbols 265

D. Nerven-undMuskelgifte der Campher- und Terpen-

reihe 274

31. Gruppe des Camphers 275

E. Nerven- und Muskelgifte der Toxinreihe .... 285

32. Gruppe des Pikrotoxins 285

33. Gruppe des Digitalins und Digitoxins 288

34. Gruppe des Sapotoxins 313

35. Gruppe der Helvellasiiure 318

36. Gruppe des Sphacelotoxins (Mutterkorn) 319

37. Gruppe des Cannabinols 326

38. Gruppe der Agaricinsaure 330



II. Nutritive Reizung (Itzung) und locale Erregung verur-

sachende organische Yerbindungen 331

I. Einhiillende Mittel 333

II. Specifische Geruchs- und Geschmacksmittel . . 337

1. GenuBmittel und Geschmackscorrigentien 337

2. Teespecies 340

3. Kiechmittel 340

4. tjbelrieehende Substanzen als Nervenmittel 342

111. Aromatisch und bitter schmeckende Magenmittel 342

1. Aromatische Gewiirze und gewiirzhafte Magenmittel . 346

2. Scharf schmeckende Kiichen- und Arzneigewiirze . . 348

3. Bittere Magenmittel 350



InhaltsverzeicbniB. XI

Seite
IV. Den verschiedensten Zwecken dienende, zum
groBen Teil veraltete und obsolete Drogen

und Priiparate 353

Y. Desinfections- undReizmittel fiir die Harnorgane 355

VI. Hautsalben und Pflaster 358

VII. Hautreizmittel 364

1. Gruppe des Terpentinols 369

2. Gruppe des Senfols 371

3. Gruppe des Cantharidins und Euphorbins oder der

Phlog-otoxine 373

VIIL Abfiihrmittel 377

1. Gruppe des Crotonols und Eicinusols 379

2. Gruppe des Jalapins und Elaterins 381

3. Gruppe des Chrjsarobins und Cathartins 383

IX. Mittel gegen Darmparasiten, Anthelminthica . . 389

X. Adstringentien 396

Gruppe der Gerbsauren 397



III. Unorganische Yerbindungen als NerFcn-, Muskel-, Stoflf-

wechsel- und Atzgifte 401

A. Wasser und neutrale Alkalisalze ... J ... . 404

1. Gruppe des Wassers und der leicht resorbierbaren neu-

tralen Salze 405

1. Die Wasserwirkung 408

2. Die Salzwirkung 414

3. Die lonenwirkungen der Salze 423

1. Die specifische lonenwirkung der Kaliumsalze . . 423

2. Das Calcium 424

3. Die Wirkungen des Lithiums, Rubidiums, Caesiums,
Magnesiums, Baryums und Strontiums 425

4. Die Wirkungen der Jodide 426

5. Die Wirkungen der Bromide 431

6. Die Wirkungen der chlorsauren Salze 434

7. Die Wirkungen des Fluornatriums 437

8. Das schwefligsaure Natrium 438

9. Die Borsaure und der Borax 439

10. Phosphorsaure 441

2. Gruppe des Glaubersalzes oder der schwer resorbier-

baren, abfiihrenden Salze der Alkali- und Erdalkali-

metalle 443



XII InhaltsverzeichniB.

Seite

B. Alkalien, Sauren, Halogene und Oxydationsmittel 451

3. Gruppe der Alkalien 454

4. Gruppe der Schwefelalkalien 467

5. Gruppe der Sauren 472

Die Mineralwiisser 484

6. Gruppe der Halogene (Gruppe des Chlors) 487

7. Gruppe der Oxydationsmittel (Gruppe des Sauerstoflfs) . 491

C. Die Verbindungen der schweren Metalle und der

Tonerde 494

1. Abhangigkeit der Wirkungen von der Natur der
Metallverbindungen 494

2. Die locale Wirkungsweise der Metallsalze . . . 495

3. Atzung und Adstringierung 495

4. Verlialten der einzelnen Metalle bei der Atzung
und Adstringierung 497

5. Die therapeutische Verwertung der Atzung und
Adstringierung 500

6. Die Metallsalze als Desinfectionsmittel .... 501

7. Die Resorption der schweren Metalle 502

8. Ausscheidung der Metalle durch den Darm und
durch die Nieren 503

8. Gruppe des Arsens 504

9. Gruppe des Antimons 518

10. Gruppe des Eisens 522

11. Gruppe des Platins und Nickels •. . 541

12. Gruppe des Silbers 547

^3. Gruppe des Quecksilbers 551

14. Gruppe des Kupfers und Zinks • . 564

15. Gruppe des Bleis 569

16. Gruppe des Zinns 574

17. Gruppe des Wismuts 575

18. Gruppe des Aluminiums 577

Der Phosphor 579



Einleitiing.

1. BegTiff, Iiihalt und Umfang der Pharniakologie.

Pliarmakologie ist die Lehre von den im lebcnden
tierisckeii Organismus diirch cliemiscli wirkende Substanzeu,
mit Ausnalime der assimilierbaren Nahrstoffe, hervorgebrachten
Veranderungen, die man im wabren Sinne des Wortes als pbysio-
logiscbe Reactionen bezeicbnen kann.

Die cbemischen Agentien, mit denen es die Pharmakologie
zii tun bat, komien scblecbtweg Gifte genamit werden. Der
populare BegrifF dieses Wortes, der die Scbadlicbkeit mit um-
lalk, wird durcb eine derartige Erweiterung uicbt beeintracbtigt,
da es wenige wirksame Substanzen gibt, die nicbt gelegentlicb
llir den Mens cb en scbadlicb Averden konnten.

Das Wort Phavmaka, welches ursprung-lich Zaubermittel und spiiter
heilsame Kriiuter becleutete, konnte ganz zweckmaBig zur Bezeichnung der
im pharmakologischen Sinne wirksamen Substanzen dienen. Xur klingt
es fiir unsere moderne Terminologie etwas selnverfallig.

Die im lebenden Organismus durcb die Gifte bervorgerufenen
Veranderungen lassen sicb als pharmakologische Wirkungen
oder aucb kurz als Gift wirkungen bezeicbnen. Es sind dar-
unter die von der Norm abweicbende BescbafFenbeit der mor-
pbologiscben, cbemiscben und molecularen Zusammensetzung
und die davon abbangigen Funktionsstorungen der betroffenen
Organe zu versteben. Was man tberapeutiscbe und toxiko-
logiscbe Wirkungen nennt, sind nur die Folgen solcber Ver-
anderungen. Diese letzteren bleiben sicb gieicb im pbysiolo-
giscben wie im patbologiscben Zustande des Organismus, wenn
nur die Organgebilde liocb vorbanden sind, auf welcbe das
Gift wirkt. Die Folgen dagegen verbalten sicb allerdings unter
veriinderten Bedingungen verscbieden: sie konnen gleicbgiiltige,
beilsame und scbadlicbe sein; sicb anders im normalen als im
patbologiscben Zustande des Organismus gestalten.

Schmiedeberg, Pharmakologie (ArzneimittsUehre) 6. Aufl. 1



2 Einleitung.

Das Digitalin z. B. verursacht durch seine Wirkung auf das Herz
eine stiirkere Fiillung der Arterien und dadurch eine Steigerung des arte-
riellen Blutdrucks. Diese Veranderungen kommen sowohl an gesunden
wie an kranken Individuen zustande. Bei ersteren sind die geringeren
Grade dieser Wirkung meist ohne greifbaren EinfluB auf die Funktion
anderer Organe und auf das Allgemeinbefinden. Sind dagegen, wie in
gewissen Herzkrankheiten , die Fiillung der Arterien und der Druck in
denselben abnorm gering und veranlassen eine Beeintrachtigung der
Harnsekretion und das Auftreten von Wassersuchten, so gelingt es nicht
selten durch die stiirkere Fiillung der Arterien, die man durch die
Wirkung der Digitalisbestandteile auf das Herz herbeifiihren kann, die
Harnsekretion zu verstarken und die Wassersucht zum Schwinden zu
bringen. Die Folgen konnen sich dann weiter auf andere Organe und
auf das Allgemeinbefinden erstrecken,

Statt pharmakologische Wirkungen wird haufig auch die Bezeichnung
physio logische Wirkungen gebraucht, die nichtssagend ist oder
allenfalls auf alle Wirkungen, auch physikalische und mechanische, paBt.

Die Pliarmakologie bildet mit der Physiologie und Patlio-
logie cine besondere Gruppe der biologischen Wissenschaften.
Die letzteren zerfallen in zwei Hauptgruppen, von denen die
eine alle praktischen Facher, also die eigentliche Medicin, um-
faCt, die andere die reinen biologiscben Disciplinen enthalt.
Diese teilen sicliwieder in descriptive und in exacte Wissen-
schaften. Zu den ersteren gehoren die Anatomic und alle ihre
Abzwcigungen, zu den letzteren die Physiologie, Phannakologie
und die pathologische Physiologie.

Die Tierphysiologie hat es mit demLeben unter gewohnlichen,
daher normalen A^erhaltnissen, die pathologische Physiologie mit solchen
Lebenserscheinungen zu tun, die unter auBergewohnlichen oder abnormen
Bedingungen der verschiedensten Art, nach der heutigen Lehre insbeson-
dere unter dem EinfluB von Mikroorganismen, auftreten. DiePharma-
kologie vermittelt die KenntniB von der Gestaltung und dem Ablauf
der Lebensvorgange unter dem EinfluB der Gifte, gleichgiiltig woher
diese stammen. Es handelt sich bei dieser Einteilung, wie bei der ver-
wandter Wissenszweige iiberhaupt, im Grunde nur um eine Arbeitsteilung.
Fiir das Endresultat ist es gleichgultig, ob schlieBlich die Pathologic in
die Pharmakologie aufgeht oder umgekehrt und ob dann beide mit der
Physiologie zu einer einheitlichen Lebeiislehre zusammenflieBen.

2. Die Natur der pharniakologisclien Wirkungen.

Die Veranderungen, welche die lebcnden Organ elemente
unter dem EinfluB der pharmakologischen Agentien erleiden,
sind chemischer Natur und bestehen oft nur darin, daB die



Xatur der pharmakologischen Wirkungen. 3

Bestandteile des Korpers die gleichen Umwaiidlungen^
Spaltungen uiid Umsetzungen erfahreu, den en sie unter
ahnlichen Bediugungen bei der Einwirkung desselben Agens
nach ihrem Absterben unterworfen sind. Die concentrierte
Schwefelsaure wirkt nicht anders auf die Bestandteile leben-
der Organe ein als auf die toter. In beiden Fallen hat man
es mit der gleichen Zerstorung zu tun, nur kommen bei einem
lebenden Individuum vor alien Dingen die Folgen fur den
Gesamtorganismus in Betracht.

Diesen zerstorenden Wirkungen stehen solche gegeniiber^
in denen sich die Natur der chemischen Veranderung, nament-
lich an den Nerven und ]\ruskeln, nicht naher feststellen lafit.
Zuweilen gelingt es allerdings, das Vorhandensein von Ab-
weichungen in der BeschafFenheit derartiger Gebilde wenigstens
im allgemeinen nachzuweisen^ z. B. in Form von Gerinnungen
des Muskelfaser- und Zelleninhalts. Meist ist auch das nicht
moglich, und die vergiftete Zelle bleibt scheinbar unverandert.
Dali eine Veranderung dennoch eingetreten ist, schlieBen wir
aus den Abweichungen in der Funktionsfahigkeit der betroffenen
Gebilde.

Die Integritiit der chemischen Zusammensetzung der Organe ist die
notwendige Bedingung fiir die normale Beschaffenheit ihrer Funktion.
Jede Storung der letzteren iJiBt daher auf chemische Veranderungen
jener schlieBen.

Man darf aber den Begriff „chemisch" in diesem Falle nicht zu eng
fassen und nicht bloB die gewohnlichen chemischen Reactionen dahin
rechnen, sondern hat vor alien Dingen auch solche Vorgange zu beriick-
sichtigen, welche in das Gebiet der physikalischen Chemie fallen. Eine
Xerven- oder Muskelzelle enthalt EiweiBstofte , Lecithin, Salze, Wasser
und andere chemische Yerbindungen. Sie selbst kann als eine physika-
lisch-chemische Verbindung angesehen werden, in welcher zusammen-
hjingende Moleciilgruppen, durch Losungsmittel voneinander getrennte
Moleciile und ihre Dissociationsprodukte sich in einem pliysikalisch-
chemischen Gleichgewichtszustand befinden, welcher die Grundbedingung
fiir die Lebensfahigkeit solcher Gebilde ist.

Die eigentlichen oder aktiven Lebensvorgange, z. B. Xerven- und
Muskeltatigkeit, Entwickelung und Wachstum, sind aber an das Proto-
plasmaeiweiB gebunden, von dem wir nur wissen, daB es ungemein leicht
verjinderlich und deshalb der Untersuchung im lebenden Zustande bis-
lier unzuganglich geblieben ist.

Diese normale, untibersehbar verwickelte physikalisch-
chemische Constitution der Elementarorgane kann sehon durch

1*



^ Einleitung.

geringfiigige EingrifFe erliebliche Storungen erleiden^ von clenen
dann die Abweichungen der TatigkeitsaiiCerungenabliangigsind.

Diese Anscliauung wird durcli die Beobachtung gestiitzt,
daii derartige Elementargebilde durch eineii geriugen Wasser-



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