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Th. Ludw. Wilh. (Theodor Ludwig Wilhelm) Bischoff.

Entwicklungsgeschichte des hunde-eies online

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THE LIBRARY

OF

THE UNIVERSITY
OF CALIFORNIA

PRESENTED BY

PROF. CHARLES A. KOFOID AND
MRS. PRUDENCE W. KOFOID




ENTWICKLUNGSGESCHICHTE



DES



HUNDE-EIES.







ENTWICKLUNGSGESCHICHTE



DES



HUNDE - EIES.



VON



TH. LUDW. WILH. BISCHOFF,

DOCTOR DEH MEDICIN UND PHILOSOFHIE , ORDENTLICHEM PROFESSOR DER MEDICIN UND DIRECTOR DES ANATOM1SCHEN

CKD PHVSIOLOGISCHEN INSTITUTES AN DER UNIVERS1TAT GIESSEN, MITGLIED DER KAISERL. KOKIGL. GESELLSCHAFT DEH ARZTE ZU WIEK,

DER K.ONIGI,. MEDICIKISCHEN GESELLSCHAFT ZU K.OPEMHAGEN , DER KAISERL. LEOPOLD. AK.ADEMIE DER WATUHFORSCHER , DER MEDICIMISCH-

CHIRITRGISCHEN GESELLSCHAFT USD DER GESELLSCHAFT FUR GEBURTSHTJLFE ZU BERLIN, DER NATURFORSCHENDEN GESELLSCHAFT ZU HALLE,

DER GESELLSCHAFT FUR NATUR - UNO HEILKUNDE ZU HEIDELBERG, DEH SENKENBERGISCHEN NATURFORSCHEKDEN

BESELLSCHAFT ZU FRANKFURT AM MAIN UND DES MANNHEIMER VEREINS FUR KATURKUNDE.



MIT FUNFZEHN STEINTAFELN



BRAUNSCHWEIG,

DRUCK UND VERLAG VON FRIEDRICH VIEWEG UND SOHN.

1845.



Latent plerumque veluti in alta nocte prima naturae stamina
et subtilitate sua non minus ingenii quam oculorum aciem eludunt.

Harvey, Exercitationes de generatione animalium. Exercit. XIV.



DER



SENKENBERGISCHEN NATURFORSCHENDEN GESELLSCHAFT

ZU FRANKFURT AM MAIN



IN DANKBARER ANERKENNUNG DER IBM DURCH ERTHEILUNG DBS SOMMERINGISCHEN

PREISES GEWORDENEN AUSZEICHNUNG



MIT DEM GEFUHLE WAHRER HOCHACHTUNG UND VEREHRUNG



DIESE BLATTER



DER VERFASSER






Einleitung.



l)er Hund gehort zu denjenigen Saugethieren, deren Eier und Embryonen schon
von den friihesten Zeiten an Gegenstand vielfacher Beobachtungen und Untersuchungen
der Anatomen und Naturforscher gewesen sind. Vesalius, Columbus, Follopia,
Eustachius, Albinus, Arantius, Fabricius ab Aquapendente, Needham u. A.
stellten ihre Untersuchungen iiber die Eihaute und Placenta zum grofsen Theile an Hunde-
eiern an. Unter den Neueren waren es vorziiglicb Cuvier (Mem. du Museum. T. III. pag. 98.)
und Dut rochet (Mem. de la soc. med. d'emulat. Ann. VIII. 1817. p. 760.), welche zu
gleichem Zwecke auch den Hund beriicksichtigten, gleichwie auch Bo j anus (Observat.
anat. de fetu canino 24 dierum ejusque velamentis. Nov. Acta nat. curios. T. X. P. I. p. 139.)
vorzugsweise die Bildung der Eihaute im Auge hatte. Alle hatten immer nur Eier und
Embryonen spaterer Zeiten zum Gegenstande ihrer Untersuchungen, waren dagegen nicht
auf die erste Entwicklung und Bildung weder des Eies des Hundes noch eines anderen
Saugethieres gerichtet.

Unter Denjenigen, welche letzteren Zweck verfolgten, haben dagegen die Herren
Prevost und Dumas ihre beriihmten Untersuchungen: De la generation des Mammiferes,
et des premiers indices du developpement de 1'Embryon. (Annales des Sc. nat. T. III. 1824.
p. 113.) vorziiglich an Hunden angestellt, und wichtige Beitrage zu dieser dunkeln und
schwierigen Materie geliefert. Ilinen folgte vorziiglich v. Baer, dessen erste Arbeiten



De ovi mammalian] et homiriis genesi Epistola etc. Lipsiae, 1827, und Heusinger's
Zeitschrift fiir organische Physik. Bd. II. S. 125 ebenlalls vorziiglich den Hund betrafen,
und durch die Entdeckung und entschiedene Nachweisung des Eierstockeies zuerst die
Moglichkeit einer vollstandigen Entwicklungsgeschichte eines Saugethieres begriindeten. Auch
in dem zweiten Bande seiner Entwicklungsgeschichte der Thiere, Konigsberg 1837, findet
sich das Ei und der Embryo des Hundes beriicksichtigt. Auch Hr. Coste hat in seiner
Embryogenie comparee, Paris 1837, p. 395, eine Ovologie du Chien gegeben, von welcher
er indessen selbst sagt, dass dieselbe: moins complete que celle de la brebis et du lapin
sei. Hierauf hat der Verf. nachfolgender Blatter bei der Naturforseherversammlung zu
Freiburg im Jahre 1838 und in der ersten Auflage von R. \Vagn er's Lehrbuch der
Physiologic, 1838, mehrere der wichtigsten Resultate seiner Untersuchungen iiber die erste
Entwicklung des Hundeeies mitgetheilt, wodurch er seine Anspriiche auf Prioritat gegen
spiiter erschienene Arbeiten auch in Riicksicht auf den Inhalt nachfblgender Blatter fiir
gesichert halt. Endlich hat auch Hausmann Ueber die Zeugung und Entstehung des
wahren weiblichen Eies bei den Saugethieren und dem Menschen, Hannover, 1840, p. 69
die Entwicklung des Hundes verfolgt, so weit dies von Jemandem, welcher die Existenz des
unbefruchteten Eies im Eierstocke laugnet, moglich war.

Wenn man indessen die Arbeit der Herren Prevost, Dumas und Coste und vor
Allen die des Hrn v. Baer ausnimmt, so muss man gestehen, dass iiber die ersten Zeiten,
namentlich wahrend des Durchganges der Eier durch den Eileiter, in welchem allein
v. Baer einmal Eier sah, noch das grofste Dunkel herrschte. Ich darf mich auf das
Bewusstsein und Urtheil jedes Naturforschers und Arztes beziehen, dass man bis vor
wenigen Jahren die erste Entwicklungsgeschichte nicht nur des Hunde-, sondern auch jedes
Saugethiereies, fiir ein ungelostes, ja wohl selbst ganz unauflosliches Rathsel hielt, welches
dem menschlichen Forschungsgeiste wahrscheinlich fiir immer verborgen sei. Hieriiber haben
uns nun sowohl die Arbeiten des Hrn. Dr. M. Barry iiber Embryologie in den Philoso-
phical Transactions for the years 1839, 40 u. 41, als auch die von mir gelieferte Schrift:
Entwicklungsgeschichte des Kanincheneies, Braunschweig, 1842, welche das Gliick hatte,
von der konigl. Akademie der Wissenschaften in Berlin mit einem Preise gekront zu werden,
eines Anderen belehrt. Es ist Hrn. Dr. Barry gegliickt, das Ei des Kaninchens auf alien
Stufen seiner ersten Entwicklung bis zurn Auftreten des Embryo im Eileiter und in den ersten



Zeiten im Uterus in einer sehr grofsen Zahl zu verfolgen. Der Verf. glaubt nun zwar
sowohl durch seine schon im Jahre 1838 gemachten 6'ffentlichen Mittheilungen die Prioritat
und Selbststandigkeit seiner Beobachtungen gesichert, als in genannter Entwicklungsgeschichte
des Kanincheneies ausfiihrlich und gewissenhaft nachgewiesen zu haben, dass Hr. Dr. Barry
sehr vielen Tauschungen und Irrthiimern unterworfen gewesen ist. Dennoch sind die Ar-
beiten desselben von grofser Bedeutung fur die erste Entwicklungszeit und manche bis
dahin ganz unbekannte Punkte. Meine Entwicklungsgeschichte des Kanincheneies verfolgt
dasselbe von dem Augenblicke der Begattung an bis zur Entwicklung aller wesentlichen
Theile des Eies und des Embryo in einer Reihenfolge und Vollstandigkeit, die bisher noch
von Niemandem erreicht worden ist.

Meine Arbeiten in diesem Gebiete, die mich nun schon iiber 10 Jahre beschaftigen,
gingen urspriinglich von dem Hunde aus. Ich ging spater zu dem Kaninchen iiber, weil
mir hier ein grofseres Material zu Gebote stand, und war dadurch im Stande, die Ent-
wicklungsgeschichte des letzteren friiher zu liefern. Ich liefs unterdessen den Hund nicht
aus dem Auge, und bin nun, wie ich glaube, im Stande, die Entwicklungsgeschichte des-
selben nicht nur ebenso vollstandig, sondern namentlich was den Embryo betrifft, noch
vollstandiger zu geben, als die vom Kaninchen. Der Glaube, dass die Literatur keines
Landes bis jetzt eine gleich vollstandige Entwicklungsgeschichte eines Saugethieres aufzu-
weisen hat, und dass dadurch ein Fortschritt in der Wissenschaft gegeben wird, liefs
mich lebhaft wunschen, auch diese Monographic durch den Druck veroffentlichen zu konnen.
Allein die bedeutenden durch die Untersuchungen, durch die Zeichnungen und deren
Lithographirungen herbeigefiihrten Kosten, fur welche durch eine solche Publication kein
Ersatz zu hoffen war, machten diese bis jetzt unmoglich, und schon seit l l / 2 Jahren lag
das Manuscript unbenutzt in meiner Schublade.

Da wurde mir das Gliick zu Theil, dass mir die hochgeehrte Senkenberg'sche natur-
forschende Gesellschaft in Frankfurt am Main in ihrer Sitzung vom 5ten und 7ten April
dieses Jahres in Anerkennung, namentlich meines Werkes iiber die Enwicklungsgeschichte
des Kanincheneies" den Sommering'schen Preis, bestehend in einer silbernen Preisdenkmiinze
und dreihundert Gulden zuertheilte. Diese ganz unerwartete, ebenso ehrenvolle als hochst
dankenswerthe , meinen Arbeiten gewahrte Unterstiitzung glaubte ich nun nicht besser

beniitzen zu konnen, als indem ich die Herausgabe dieser Monographic iiber das Hundeei

1*



zu verwirklichen suchte, wozu sich unter den nun moglichen Bedingungen jetzt auch der
Verleger, Hr. Vieweg, mil grofser Uneigenniitzigkeit bereit erklarte.

Mochten daher nun die hochverehrten Manner der Senkenberg'schen Gesellschaft in
den nachfolgenden Blattern den besten Dank fur die raeinen Arbeiten ertheilte Anerken-
nung erblicken; mSge das gelehrte Publicum diese Schrift ebenso wohlwollend aufnehmen
wie die friiheren und dieselbe so zu einer immer sicherern Basis fernerer Forschung werden.



Erstes Kapitel.

Von dem unbefruchteten Hunde-Ei.



L)ie Eierstocke des Hundes liegen auf beiden Seiten dicht an den oberen Enden der
Horner des Uterus, durch ein kurzes Band, als Fortsetzung des Mesometriums, an dem
Riicken befestigt. Sie liegen hier ganz in einer fast immer reichlich mit Felt versehenen
Kapsel eingeschlossen , welche von dem Bauchfelle gebildet wird und als eine Fortsetzung
des serosen Ueberzuges der Eileiter angesehen werden kann. Diese Kapsel ist beinah
vb'llig geschlossen, mit Ausnahme einer schmalen, langlichen Oeffnung an der hintereu
oder oberen Seite, gerade da, wo sich der Eileiter mit seinen Fimbrien an den Eierstock
ansetzt, dnrch welche die Hohle der Kapsel mit der Bauchhohle in Verbindung steht.
Aber auch diese Spake ist durch die Aneinanderlage der Theile so geschlossen, dass sich
eine ansehnliche Menge von Fliissigkeit in der Kapsel ansammeln kann, wie zur Zeit der
Brunst und im Anfange der Trachtigkeit , und diese doch nicht ausfliefst. Der Eierstock
selbst wird von dieser Kapsel ganz bedeckt, so dass man ihn, besonders wegen des
vorhandenen Fettes, erst nach Eroffnung der Kapsel sehen kann. Der Eileiter lauft in
Wmdungen um den Eierstock innerhalb der Wandungen dieser Kapsel hernm, so dass
auch er nicht sogleich gesehen und erkannt werden, sondern nur mit einiger Miihe, Sorgfalt.
und Zeitaufwand herauspraparirt werden kann.

Es hat mich aber nur lacheln machen konnen, wenn jiingst Hr. Raciborski in
Paris (L'Experience Nr. 331, 1842 und De la Puberte et de 1'age critique chez la femme etc.
Paris 1844, pag. 381, Note) die Meinung aufsert, die Anordnung des Eileiters des Hundes
sei bis zu seiner Entdeckung derselben iiberhaupt und auch mir unbekannt gewesen, man
habe die Horner des Uterus mit den Eileitern verwechselt u. dgl. m. Hr. Raciborski
muss in der vergl. Anatomic dieser Theile nicht weit gekommen sein. Dank unserer
deutschen Bildung in dieser Disciplin kann ich sagen, dass mich die erste Eroffnung einer
Hiindin als Student nicht mehr in diesen Irrthum gefiihrt hat. Die Lange des Eileiters
ist nach der Grb'fse der Hiindin verschieden. Bei sehr grofsen fand ich ihn u'ber 5 P. .Z



lang, bei kleinen 3. Wenn Hr. Raciborski seine Lange auf 45 50 Millim = 1,75 -
1,8333 P. Z. angiebt, so hat er die Windungen desselben eben nicht genau auspraparirt.

Betrachtet man den Eierstock einer weder trachtigen noch brunstigen Hiindin an seiner
Oberflache, so erkennt man an demselben eine grofsere oder geringere Zahl etwas hervor-
stehender wasserheller Blaschen, die Graaf'schen Blaschen oder Follikel, jedoch fast immer
weniger deutlich und zahlreich als bei anderen Saugethieren, z. B. Kaninchen, Kiihen,
Schaafen, Schweinen etc. In der That ist die Zahl derselben indessen nicht kleiner als
bei den meisten dieser genannten Thiere. Sie sind gewohnlich so klein, dass man sie
nur, wenn man Stiickchen der Oberflache des Eierstockes unter die Loupe oder das
Mikroskop bringt, erkennen kann. Betrachtet man aber die mil unbewaffnetem Auge
erkennbaren, und gerade die kleineren, recht genau, so kann man meistentheils in
jedem ein gegen die helle Beschaffenheit des iibrigen Blaschens abstechendes weifses Piinkt-
chen, das Eichen, erkennen. Dieses hat schon v. Baer in seiner Epistola p. 12 ange-
geben, und es wundert mich, wie Hr. Coste diese Angabe in seiner Embryogenie com-
paree p. 397 hat bezweifeln konnen. Es ist dieses Erkennen des Eichens im GraaPschen
Blaschen im Eierstocke iibrigens nicht blofs beim Hunde, sondern anch bei anderen Thieren
moglich, obgleich immer eine durchsichtige Beschaffenheit der Decken und besonders auch
der Fliissigkeit des Graaf'schen Blaschens erforderlich ist.

Das Graaf'sche Blaschen ist beim Hunde wie bei alien anderen Saugethieren
gebaut. Es besteht aus einer gefafsreichen Hiille, die sich in mehrere zarte Schichten zer-
legen lasst, deren mikroskopisches Element die Bindegewebfaser ist. An der inneren Flache
dieser Theca befindet sich eine hautartige Zellerilage, v. Baer's Membrana granulosa. Sie
lasst sich im Zusammenhange recht wohl aus der Theca herausbringen, und dadurch als
Haut darstellen. Ihr Element erscheint bei schwacher Vergrb'fserung als ein Kornchen;
bei starker, und unter Anwendung von Essigsaure, kann man erkennen, dass dasselbe eine
Zelle rait einem Kerne und einem punktformigen Inhalte ist (Fig. 1, B); ungefahr 0,0005
P. Z. im Durchmesser.

An einer Stelle dieser Membrana granulosa, meisl an der freien, der Oberflache des
Eierstockes entsprechenden Seite des Graaf'schen Blaschens, befindet sich nun jenes oben
schon erwahnte weifse Piinktchen, das Eichen. Dasselbe ist in die Membrana granulosa
eingebettet und zu diesem Zwecke von den Zellen derselben (Fig. l.A.c) umgeben und ein-
gehiillt. Bei einer Hiindin, deren Eier ganz reif waren, iiberzeugte ich mich vor Kurzem,
dass die Eier in einer kleinen kegelformigen Masse von Zellen der Membrana granulosa
eingebettet waren, welche nach Innen in den Follikel wie ein kleiner Zapfen hineinragte.
(Vgl. mem Memoire in den Ann. des sc. nat. 1844. Tom. II. PI. II. Fig. 13.) In der Ebene,
in welcher die Membrana granulosa das runde Eichen umfasst, liegen diese Zellen dichter,
und es wird dadurch von ihnen ein Ring urn das Eichen gebildet, der gerade bei dem reifen
Hundeei sich sehr scharf und deutlich durch seine grofsere Dunkelheit bei durchfallendem
Lichte markirt (Fig. 1. A. b). v. Baer hat denselben, freilich nicht ganz passend, Discus
proligerus genannt, welche Bezeichnung wir indessen als allgemein bekannt (Andere nennen



ihn Discus oophorus), beibehalten wollen. Die Zellen haften in ihra und ebenso auf
der Oberflache des Eichens fester aneinander, so dass, wenn auch bei Eroffnung des
Follikels die Membrana granulosa zerstort wird, das Eichen dennoch von den Zellen
des Discus proligerus umgeben und theilweise durch sie verdeckt bleibt, wie ich dieses
in Fig. 1. A dargestellt babe. Dadurch wird der Durchmesser dieses ganzen, das Eichen
ausmachenden Punktchens vermebrt (ich habe denselben meisten 0,0085 0,0090 Pariser
Zoll gefunden), und das Auffinden des Eichens als eines weifsen Piinktchens bedeulend
erleichtert.

Das Eichen selbst ist nun bekanntlich zuerst von Hrn. Carl Ernst v. Baer im
Jahre 1827, und zwar gerade bei dem Hunde entdeckt worden. Die Ehre dieser seit
Jahrhunderten vergebens gesuchten Entdeckung, deren Folgen fur das Thatsachliche und die
Theorie der Entwicklungsgeschichte der Saugelhiere unermesslich sind, kann weder von irgend
eineni Anderen in Anspruch genonnnen, noch dadurch verkleinert werden, dass Hr. v. Baer
nicht sogleich alle Verhaltnisse dieses so kleinen und wichtigen Eichens richtig erkannte.
Vergebens hat in Deutschland Hr. Plagge (Meek el's Archiv, 1829, p. 193) sich diese
Entdeckung zuschreiben wollen; er hat nur dadurch bewiesen, dass selbst nach erfolgter
Entdeckung der Gegenstand ihra unbekannt war. Ebenso vergebens wird man in Frank-
reich die Herren Prevost und Dumas als Entdecker nennen, wenn es gleich gewiss ist,
dass sie ebenfalls bei Hunden zweimal ein Eierstockeichen sahen. (Ann. des sc. nat. T. III.
p. 135.) Denn sie haben diese zufa'llige Beobachtung selbst nicht gehb'rig gewiirdigt,
noch ihr irgend eine Folge gegeben; vielmehr ist und war es der Hauptmangel Jhrer sonst
vortrefflichen Untersurhungen, dass sie das Eierstockeichen nicht kannten. Auch wird wohl
kein unterrichteter Naturforscher mehr an der Existenz dieses Eichens zweifeln, wenn
gleich Hr. Ma gen die diese Frage in seiner Physiologic. Bd. II. noch fur nicht hinreichend
aufgeklart halten musste; und in Deutschland selbst in neuester Zeit noch einige Zweifler
(Willbrand, ,,Physiologie" und Hausmann, ,,Erzeugung des wahren weiblichen Eies")
als Laugner auftraten. Wir miissen es fur eine Kleinigkeit erklaren, jeden Zweifler und
Laugner sogleich thatsachlich zu iiberfiihren. Die naheren Verhaltnisse und genaue Be-
schaffenheit dieses Eichens sind freilich erst nach und nach durch raehrere Beobachter
ermittelt worden, und in der That ebenso schwierig als von der grofsten Wichtigkeit,
ganz genau festzustellen. Ich werde Diejenigen, die hierzu vorziiglich beigetragen, nennen,
wenn ich jetet zur Beschreibung dieses Eichens iibergehe.

Zunachst ist es die geringe Grdfse, welche uns an dem Hunde- und Saugethiereie
iiberhaupt auffallt, und auf welche vor Allem Jeder gefasst sein muss, welcher dasselbe
aufsuchen und untersuchen will. Ich habe den Durchmesser des reifeu Eies ohne seinen
Discus bei dem Hunde gewohnlich 0,0068 0,0070 P. Z. oder V 13 % 2 P. L. oder
l / fi 19 / 10 o Millim. gefunden. Der Eierstock enthalt aber immer auch noch viel kleinere
Eichen bis herunter zu V 30 P. L. und noch weniger.

Dieses Eichen stellt immer eine kleine Kugel dar, nie eine biconvexe Linse, wie
Hausmann (die Zeugung etc. p. 25) behauptet, wovon man sich leicht iiberzeugen kann,



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wenn man dasselbe in einem Tropfen Wasser auf dem Objecttrager rollen lasst, wa'hrend
man es unter dem Mikroskope beobachtet.

Der erste Blick auf das Eichen (Fig. 2) unter dem Mikroskope unterscheidet sodann
an demselben eine dunkle Kugel, welche von einem bellen durchsichtigen Ringe umgeben
ist. Die dunkle Kugel ist der Dotter, welcher bei dem Hunde aus einer dichten Anhau-
fung kleiner dunkler Kornchen, der Dotterkornchen, besteht, die vielleicht auch kleine
Blaschen sind, sich aber selbst bei den starksten Vergrb'fserungen nicht bestimmter als
solche erkennen lassen. Je reifer das Ei Jst, je grb'fser ist ihre Zahl und desto dunkler
sieht der Dotter aus. Bei auffallendem Lichte erscheint er rein weifs. An dem Dotter
des Hundeeies lasst sich nie eine kuglige Gruppirung dieser Dotterkornchen, wie zuweilen
bei dem Kaninchen und der Kuh, erkennen; noch weniger eine bestimmte Zellenbildung.
Immer fiillt die Dottermaasse das Innere des hellen Ringes vollkommen aus und stellt daher
selbst auch eine Kugel dar, wa'hrend dieses bei dem Menschen, dem Schweine und einigen
anderen Thieren nicht immer der Fall isi, sondern der Dotter oft eine kleinere Kugel, oft
eine biconvexe oder biconcave oder plane Scheibe bildet, zwischen der und dem hellen
ihn umschliefsenden Ringe sich ein grofserer oder kleinerer mit einer durchsichtigen Fliis-
sigkeit erfiillter Raum findet.

Der helle den Dotter umgebende Ring bietet zwei Contouren , eine aufsere und eine
innere, dar, und ist bei dem Hunde gegen 0,0006 0,0008 P. Z. dick. Ueber seine
Natur sind die Beobachter keinesweges einig. v. Baer erklarte sie fur eine dicke, durch-
sichtige Membran, deren innere und aufsere Flache man unter dern Mikroskope im Durch-
schnitte als zwei concentrische Kreislinien, welche durch die Dicke der Membran von ein-
ander getrennt sind, erblickt. Er nannte sie Zona pellucida, auch Membrana corlicalis.
Wharton Jones (British and foreign med. Review. Nro. XXXII. 1844. . 7.) glaubt, dass
ich v. Baer diese Ansicht mit Unrecht zuschreibe. Es ist zwar nicht leicht, v. Baer's
Meinung mit Entschiedenheit zu ermitteln, wenn ich aber Epistola p. 13 u. p. 11 und
manche Stellen in dem Commentar in Heusinger's Zeitschrift, z. B. p. 157 unten und
p. 177 lese, so halte ich meine Ansicht fur gerechtfertigt und finde wenigstens nirgends
einen Beweis fur die von Wharton Jones v. Baer zugeschriebene Meinung. Jedenfalls
haben sich fur jene Ansicht erklart Coste (Recherches sur la general, des Mammiferes
p. 27 und Embryogenie p. 79.), Wharton Jones (Lond. arid Edinb. philos. Mag. VII.
1835. p. 209.), Bernhard und Valentin (Symbolae ad ovi mammalitim historian! ante
praegnationem Vratislav. p. 17.), Barry (Philosoph. Transact, for the year t838. T II.
p. 316), R. Wagner (Lehrbuch der Physiologic S. 36) und Henle (Allgem. Anatomic
S. 966). Dagegen halt Krause (Miiller's Archiv. 1836, p. 27.) beide Contouren fiir beson-
dere Membranen, zwischen denen sich Eiweifs befmde, und Valentin hielt spater das Ganze
fiir eine Schichte Eiweifs (Repertorium III. p. 190) Ich muss mich nach sehr vielen und
genauen Untersuchungen dieser wichtigen Frage ganz entschieden fur die Ansicht v. Baer's
erklaren, von deren Richtigkeit mich die mannichfachste Behandlung des Eies, Spalten des-
selben mit einer freien Nadel unter der Loupe, Zerquetschen unter dem Compressorium etc



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auf das Bestimmteste iiberzeugt hat. Gegen die Annahme, dass diese Zona pellucida eine
Schicht Eiweifs sei oder enthalte, spricht aufserdem auf das Entscbiedenste die Analogic,
welche nachweiset, dass das Ei keines eirizigen Thieres schon in seiner urspriinglichen Bil-
dungsstatte Eiweifs umgebildet besitzt, sondern letzteres immer eine secundare Umlagerung
um das Ei nach seiner Losung von seiner primaren Bildungsstatte ist. Endlich habe ich
auch noch nachgewiesen , dass das Ei des Kaninchens, welches dieselbe Zona besitzt, erst
im Beginne seiner Entwicklung im Eileiter von einer Schichte Eiweifs umgeben wird, die
Zona daher unmoglich schon als solches betrachtet werden kann. Dagegen entspricht die-
selbe in alien Verhaltnissen der Dotterhaut anderer Eier. Sie besteht aus einem homogenen
Gewebe ohne Gefafse, Fasern, Zellen, und mil Recht hat ihr deshalb auch Hr. Coste
den Namen Membrane vitelline gegeben. Ihre verhh'ltnissmafsige Dicke und Elasticitat ver-
leiht dem kleinen Eichen eine gewisse Festigkeit, so dass man dasselbe leichter und sicherer
behandeln kann, als es sonst ein so kleiner Korper ertragen wiirde.

Wenn wir der Zona aber den Namen und Charakter der Dotterhaut beilegen, so
schliefst dieses die Behauptung ein, dass der Dotter aufser ihr keine weitere Hiille besitzt.
Hierbei stofsen wir aber abermals auf einen Streitpunkt, welcher von Wichtigkeit ist, und
mit Sicherheit erledigt sein muss, wenn die folgenden Erscheinungen der ersten Entwick-
lung des Eies richtig verstanden und beurtheilt werden sollen. Ich habe daher demselben
in meiner Entwicklungsgeschichte des Kanincheneies eine ausfuhrliche Erorterung gewidmet,
und mich mit v. Baer, W hart on Jones und Coste auf das Entschiedenste gegen die
von Valentin, Krause, Barry, Bruns, H. Meyer und Reichert angenommene
besondere Dotterhaut erklart. Whartori Jones 1. c. . 12. schreibt, gegen meine Aus-
sage, v. Baer die Annahme einer besondern Dotterhaut zu. Die deutlichste Stelle fur
meine Angabe fmdet sich im Commentar p. 177. Dagegen habe ich allerdings mit Unrecht
friiher \Vharton Jones unter Diejenigen gezahlt, welche eine besondere Dotterhaut an-
nehmen. Er hat sie stets bestritten. Ihre Annahme ist besonders durch die Fa'lle veran-
lasst worden, in welchen der Dotter das Innere der Zona nicht ganz ausfiillt. Dann glaubt
man zu seiner Begrenzung durchaus eine besondere Hiille annehmen zu miissen. Allein
gerade in diesen Fallen habe ich mich sicher iiberzeugt, dass sich keine solche fmdet, son-
dern dass die Dotterkornchen nur durch ein Bindemittel zu einer Kugel zusammengehalten
und geklebt werden, wie etwa eine Brot- oder Wachskugel auch nur durch die Adhasion
ihrer Elemente unter einander zusammengehalten wird. Unmittelbar beobachtet kann eine
solche den Dotter umgebende Hiille nie werden, und nur allein Krause schreibt ihr selbst
eine bestimmte Dicke von l / WQ P. L. bei der Katze zu. Allein auch durch jede andere
Behandlung des Dotters, nach Erb'ffnung der Zona mit einer feinen Nadel, mittelst des
Compressoriums, oder durch chemische Agentien, kann man sich von dem Mangel einer
solchen Hiille iiberzeugen. Bei dem Hunde habe ich iiberdem, wie ich schon oben be-
merkte, bis jetzt noch nie ein Ei gesehen, bei welchem nicht der Dotter das Innere der
Zona vollkommen ausfiillfe, er also der Innenflache derselben unmittelbar und dicht anliegt,
so dass hier selbst die Annahme einer solchen besonderen Hiille durch nichts veranlasst wird.

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Von grbfster Wichtigkeit ist nun ferner ein kleines mikroskopisches Blaschen oder
eine Zelle, welche sich in dem Innern des Dotters eines jeden Eierstockeies eingeschlossen
fmdet. Ein solches wurde zuerst von Purkinje in dem Vogeleie, und sodann von ihm
und v. Baer in den Eiern aller eierlegenden Thiere nachgewiesen, und mit Piecht hat man


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