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Th. Ludw. Wilh. (Theodor Ludwig Wilhelm) Bischoff.

Entwicklungsgeschichte des hunde-eies online

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primitiva); von diesem aus erheben sich zu seinen Seiten zwei Wiilste, wobei der Primi-
tivstreifen selbst unkenntlich wird und in seiner Mitte eine sehr diinne, aus dunkelen Kiigel-
chen bestehende Linie erscheint. Diese Linie ist die Wirbelsaite (Chorda spinalis), die
Axe des Stammes des Thieres. Die beiden Wiilste zu ihren Seiten sind die beiden Riicken-
halften, und er nennt sie Riickenplatten (Laminae dorsales), und sie haben daher an-
fangs zwischen sich eine Rinne oder einen Halbkanal. Ihre oberen Kamme erheben sich,
dann neigen sie sich von beiden Seiten gegen einander, verwachsen und bilden den Riicken.
Dabei bilden sie zwischen sich einen Kanal; dieser ist der Kanal der Wirbelsaule.
In ihm scheidet sich das Material fur Riickenmark und Gehirn aus, welches auch anfangs
als eine Rohre erscheint, die er die Medullarrohre nannte. Die aufsere Partie des oben
erwahnten Schildes ist bestimmt, spater die Brust- und Bauchwandungen zu bilden;
v. Baer nannte sie daher die Bauchplatteri (Laminae ventrales).

Dieser Schilderung der ersten Bildungsvorgange des Embryo und der dabei eingefiihrten

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Terminologie sind die deutschen Embryologen und Physiologen fast sammtlich gefolgt, ohne
wesentliche Abanderungen zu macheri, und ich kann mich damit begniigen, zu bemerken
dass R. Wagner in seinen Icones physiologicae. Tom. I. Tab. VI. Fig. 9. B. c. noch das
Ei eines Hundes mit dem sogenannten Primitivstreifen abbildet. Nur Hr. Dr. Rei chert
weicht nach seinen Untersuchungen beim Frosch- und Vogelei, die aber, wie aus dem Be-
richte der Koniglichen Akademie der Wissenschaften zu Berlin und seiner neuesten Schrift
hervorgeht, von ihm auch fur das Saugethierei bestatigt worden sind, von dieser
Schilderung betrachtlich ab, indem sich seine ferneren Angaben an das schon oben riick-
sichtlich seiner sogenannten Umhullungsbaut Gesagte anschliefsen. Nachdem niimlich diese
Umhiillungshaut (unsere Keimblase) gebildet ist, erfolgt nach Reichert an der Innenflache
derselben, da wo wir den Fruchthof fanden, die Bildung und Ablagerung einer Zellen-
schichte in Form eines langlichen Ovales, welches durch einen in der Langenaxe verlaufen-
den helleren, weifslichen Streifen in zwei Theile getheilt wird. Diese ovale Scheibe, welche
offenbar v. Baer's Schildchen und dem zukiinftigen Embryo entspricht, ist nach Reichert
die Uranlage des centralen Nervensystemes, welches daher anfanglich als eine
membranartige Zellenschichte erscheint. Der helle Streifen in ihrer Langenaxe, den v. Baer
Primitivslreifen nannte, ist keine erhabene Leiste, sondern eine seichte Rinne, die Primi-
tivrinne, entstanden in Folge der zu ihren beiden Seiten sich entwickelnden Urhalften
des centralen Nervensystemes. Bei der weiteren Entwicklung ziehen sich letztere beiden
gegen die Mitte hin zusammen, werden etwas dicker und erheben sich mit ihren aufseren
Randern. Die primitive Rinne gleicht sich aus und es entsteht eine Furche, die Riicken-
furche, umgeben von zwei Wallen. Diese Walle, die also dem Centralnervensystem an-
gehoren, sind v. Baer's Riickenplatten. Diese Walle umwachsen dann die Riickenfurche
und vereinigen sich iiber derselben mit ihren Randern und zwar von dem vorderen, dem
Gehirn entsprechenden Ende nach hinten fortschreitend, und das anfangs membranartig
ausgedehnte Centralnervensystem verwandelt sich so allmalig in eine Rohre. (Vgl. Reichert's
Entwicklungsleben Jm Wirbelthierreiche S. 117 und folgende.).

Hieran kniipft nun Reichert auch eine veranderte Darstellung der Entwicklung der
iibrigen Gebilde des Embryo. Ich brauche aber dieselbe nicht weiter zu verfolgen, da sie
auf der Richtigkeit des von seinen Untersuchungon bis jetzt Mitgetheilten beruht und da-
her auch als Jrrig aufgefasst erscheinen muss, wenn ich das Erstere als irrig erwiesen habe.
Ich will nur noch erw'ahnen, dass die Herren Coste und Delpech in ihrem Memoire sur la ge-
neration des Mammiferes et la formation des Embryons. p. 66., wenn ich sie recht verstanden
habe, darin eine der Reichert'schen ahnliche Ansicht aufgestellt haben, dass sie ebenfalls die
gesammte erste Anlage des Embryo fur die Strange des Centralnerversystemes des zukunf-
tigen Embryo gehalten haben. In seinen spateren Untersuchungen, Embryogenie comparee,
hat Hr. Coste wenig oder nichts iiber die erste Entwicklung der Embryonen mitgetheilt.
Er beschreibt nur im Allgemeinen die Formveranderungen des Fruchthofes, seiner Tache em-
bryonnaire, und die Abschniirung derselben, indem sie sich zum Embryo ausbildet, von der
Vesicule blastodermique, wodurch diese in die Vesicule ombilicale umgewandelt wird. Genauere



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und hier durchaus nothige Details fehlen ganz. Kiirzlich habe ich noch aus den Gomptes
rendus, 1843, gesehen, dass auch Hr. Serres sich bei seinen Untersuchungen iiber das
Vogelei iiberzeugt hat, dass der sogenannte Primitivstreifen keine Substanzbildung, sondern
eine Spalte oder Rinne ist, welche die Erabryonal-Anlage in zwei Theile theilt.

Was Hr. Dr. Barry in der zweiten Reihe seiner embryologischen Untersuchungen
(Philosoph. Transactions. 1839. P. II.) von der ersten Entwicklung des Embryo, die er aus
einer Zelle ableitet, sagt, ist mir durchaus unverstandlich geblieben, und wahrscheinlich auch
ihra selbst nicht recht klar geworden.

Ich werde nun wieder meine eigenen Beobachtungen mittheilen, aus welchen mein
Urtheil iiber die Angaben meiner Vorganger eine abgeleitete Folge sein wird. Ich glaube
so, wie bei dera Kaninchen, so auch bei dem Hunde die erste Entwicklung der Embryo-
nen vollstandiger verfolgt und beobachtet zu haben, als irgend einer meiner Vorganger,
wenn gleich auch ich diese Beobachtungen in noch grofserer Zahl angestellt zu haben
wiinschen mochte. Das Hauptmittel, durch welches meine Beobachtungen in unmittelbarer
lleihenfolge angestellt werden konnten, war das auch schon bei dem Kaninchen angewen-
dete, namlich das successive Ausschneiden einzelner die Eier enthaltender Theile des Uterus
aus dem lebenden Thiere. Die Entwicklung schreitet, wenn der Embryo auftritt, so aufser-
ordentlich schnell fort, die Veranderungen folgen so rasch auf einander, und andererseits
ist die Zeitrechnung bei der Hiindin so unsicher, dass man hochst wahrscheinlich auch
durch eine zehnfach grofsere Zahl von Thieren, als mir zu Gebote standen, nicht so weit
kommen wiirde, als es mir durch dieses Mittel gelang. Ich erhielt durch dasselbe bei einem
und demselben Thiere zwei, drei und vier verschiedene Sladien in der Aufeinanderfblge
von 6 12 Stunden.

Die Operation ist leicht, fast schmerzlos und, wenn die Thiere nicht zu unruhig sind,
aufserst schnell abgemacht. Ich offne die Bauchhb'hle in der unteren Bauchgegend, gerade
in der Linea alba, um Blutung zu vermeiden, durch einen etwa 2 3 Zoll langen Schnitt.
Wenn die Harnblase nicht gefiillt ist, gelingt es dann leicht, ein ein Ei enthaltendes
Stuck des Uterus vorzuziehen, ohne dass irgend ein anderes Eingeweide vortritt. Ich
fiihre dann eine doppelte Ligatur durch das Mesometrium und schniire die eine unter, die
andere iiber der das Ei enthaltenden Stelle des Uterus um denselben in nicht zu grofser
Nahe von dem Eie zu, nnd schneide hierauf mit der Scheere das Stuck des Uterus aus.
Die Thiere aufsern dabei nur sehr wenige Schmerzen. Nun bringe ich Alles in die Bauch-
hohle wieder zuriick und lasse eine der Ligaturen zu der Yaunde heraushangen, die durch
die Naht geschlossen wird. Nach 6 12 Stunden offne ich die Naht wieder, entferne
die durch das Exsudat verklebten Wundrander so schonend als moglich von einander, ziehe
an der Ligatur den Uterus mit einem zweiten Eie hervor und verfahre mit diesem wieder
ebenso. Wenn die Thiere ruhig waren, so habe ich dieses Verfahren, falls Eier genug
vorhanden waren, viermal wiederholt, ohne dass die Entziindung zu heftig wurde. Inimer
gelingt dieses freilich nicht, die Thiere strauben sich, es tritt die Harnblase, eine Darm-
schlinge, mehr von dem Uterus als man wiinscht, aus der Wunde hervor; dann wird die

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Entziindung heftiger und dann muss man sich mil zwei oder drei Stadien begniigen. Nur
so lange das Ansehen des Uterus und der Eier ganz normal war, setzle ich das Ver-
fahren fort. Sobald ich die geringste Spur von Entziindung an ihnen merkte, so schnitt
ich nun entweder sogleich den ganzen Uterus aus, oder liefs das Thier tb'dten. Es ist
daher nicht zu befiirchten, dass ich pathologische Zustande untersucht habe. Solche \ r er-
anderungen entwickeln sich in diesen zarten Gebilden sogleich so deutlich und stark, dass
gewobnlich an gar keine weitere Beobachtung mehr gedacht werden kann, so wie sie nur
eingetreten sind.

Ich habe oben die Entwicklung des Eies so weit verfolgt, dass sich die Zona pellucida
als aufsere Eihaut, nachdem noch die ersten Anfange der Zottenbildung auf ihr bemerkbar
geworden, so innig an den Uterus angelegt hatte, dass sie nicht mehr von dessen Schleim-
haut entfernt werden konnte. Wenn sie daher bei Eroffnung des Uterus mit zerrissen
war, so erschien dann die Keimblase noch ganz frei in der Zelle des Uterus, besteherid
aus zwei Blattern, dem aufseren animalen und dem inneren vegetativen. An einer Stelle
bemerkte man den Fruchthof, welcher entweder noch rund oder schon elliptisch und eifor-
mig gestaltet, eine hellere Mitte und eine dunkelere Peripherie wahrnehmen liefs.

Auch noch auf dem nachslen Stadium, welches kaum einige Stunden spater sein kann,
ist das Verhnltniss im Allgemeinen dasselbe.

XLV. Sonnabend, am 19ten Juni 1841, offnete ich einer Hiindin den Unterleib, von
welcher mir der Verkaufer versichert hatte, dass sie Montag, am 30sten Mai, zum ersten
und am 5ten Juni zum letzten Male belegt worden sei. Allein der Uterus zeigte noch
nirgends bemerkbare Anschwellungen und ich n'a'hte daher die \Vunde wieder zu. Frei-
tag, am 24sten, Morgens 10 Uhr, nahm ich die Hiindin wieder vor und fand nun, nach
Eroffnung des Unterleibes, den Uterus an mehreren Stellen leicht angeschwollen (Fig. 32. A.),
worauf ich ein Ei mit dem entsprechenden Stiick des Uterus ausschnitt und die Wunde
wieder schloss. Bei der Eroffnung des Uterus unter wasserigem Eiweifs floss eine wasser-
helle Fliissigkeit aus, die Uteruszelle sank zusammen und in ihr zeigte sich die Keimblase
citronenformig gestaltet und in ihrem langsten Durchmesser gegen drei Linien grofs
(Fig. 32. B.) noch ganz frei mit diesem langsten Durchmesser im Langendurchmesser des
Uterus. Schon mit unbewaffnetem Auge bemerkte man an ihr eineri birnformig gestalteten
Fruchthof mit seinem Langendurchmesser im Querdurchmesser des Eies und also auch des
Uterus. Unter dem einfachen Mikroskope (Fig. 32. C.) zeigte sich der Fruchthof als be-
stehend aus einer dunkeleren mehr ovalen Peripherie und einer helleren Mitte. In letzterer
aber machte sich jetzt eine dunkelere birnformige Figur sehr bemerkbar, in deren Langen-
axe ein heller Streifen verlief, welcher mit seinem einen Ende das zugespitzte Ende dieser
birnformigen Figur fast erreichte, von dem abgerundeten aber ziemlich weit abstand. Zu
beiden Seiten des hellen Streifens, besonders an dessen unterem Ende, herrschte die meiste
Dunkelheit. Sammtliche Unterschiede von hell und dunkel scheinen grb'fstentheils nur durch
die verschiedene Vertheilung des Materials hervorgebracht zu werden, so dass dasselbe in
dem erwahnton hellcri Axenstreifen am sparsamsten, zu seinen beiden Seiten am reichlich-



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sten vorhanden war, jeuer Streifen selbst daher nichts Anderes, als erne Vertiefung oder
Rhine war. Es gelang mir auch, beide Blatter der Keimblase von einander zu trennen.
Beide bestanden unter dem Mikroskope deutlich aus kernhaltigen Zellen, welche im anima-
len Blatte schon mehr mil einander verschmolzen und mit Moleciilen gefiillt, im vegetativen
noch isolirter und heller waren.

Am Abend desselben Tages, um 10 Uhr, also nach zwb'lf Stunden, wurde das ganze
rechte Horn des Uterus dieser Hiindin ausgeschnitten , welches noch zwei Eier enthielt,
welche ich des andern Tages um 11 Uhr untersuchte. Das Verhaltniss der Eier zum
Uterus war noch dasselbe (Fig. 34. A.), die Keimblase aber ansehnlich gewachsen, voile
vier Linien im Langendurchmesser, ihre Gestalt citronenformig und die Poole stark ausge-
zogen (Fig. 34. B.). Der Fruchthof war auch grbfser, leicht mit unbewaffnetem Auge er-
kennbar und bisquit- oder guitarrenfdrmig gestaltet. Unter der Loupe (Fig. 34. C.) zeigte
er einen fast runden, ziemlich ausgedehnten dunkelen peripherischen Hof. Dieser umschloss
einen ovalen, fast ganz hellen, und in diesem erschien wieder der helle Streifen, aber viel
deutlicher entwickelt mit einem oberen, rundlichen Ende und einem unteren, lancettformig
zugespitzten. Die dunkele Partie um diesen herum war jetzt viel bestimmter und mit
scharfen Grenzen in dem hellen Fruchthofe entwickelt 5 sie hatte eine bisquitformige Ge-
stalt. Wenn ich das Ei in einem Uhrglaschen mit Fliissigkeit so drehte, dass ich den
Fruchthof in einer Profilansicht zu sehen bekam, so erkannte ich unter der Loupe sehr
deutlich, dass derselbe Streifen in der Langenaxe des Fruchthofes eine Vertiefung, die dun-
kele Partie zu seinen Seiten eine Erhohung bildete; jener also eine Rinne zwischen dieser
war (Fig. 34. D.). Das zweite Ei war noch zuriick und kaum weiter als das vom vorher-
gehenden Morgen.

Am Morgen nach der letzten Operation, um 8 Uhr, crepirte diese Hiindin. Es zeigte
sich eine ziemlich starke Entziindung, besonders der Harnblase; der linke Uterus dagegen
war nicht afficirt und enthielt noch drei Eier. Das unterste Ei in ihm war das grofste.
Ich offnete den Uterus unter Fliissigkeit von der Mesenterialseite aus, und als ich dabei
zuletzt die Schleimhaut iiber dem Eie auf das Vorsichtigste trennte, bemerkte ich, dass
jetzt die Keimblase in dem grb'fsten Umfange des Eies nicht mehr frei war, sondern sich,
mit Ausnahme der Stelle, wo ich den Uterus offnete und wo der Fruchthof sich befand,
dem Uterus und also auch der aufseren Eihaut auf das Innigste angelegt hatte. Nur
mit der grofsten Mu'he und mit Verletzung des aufseren oder animalen Blattes gelang es
mir noch, die Keimblase zu losen. Als ich sie sodann unter die Loupe brachte, zeigte
sich der Fruchthof nicht ganz genau mit seiner Langenaxe in der Queraxe des Eies, son-
dern etwas schief stehend. Er bestand aus einem aufsoren rundlichen, dunkeleren Hofe,
der sich bedeutend iiber die Flache des Eies ausgedehnt hatte. Dieser umschloss einen
ganz hellen durchsichtigen, ovalen Hof, und in diesem zeigte sich nun die Figur des vori-
gen Eies schon ganz deutlich zum Embryo entwickelt. Anstatt der Rinne erschien in der
Langenaxe dieses Hofes das Centralnervensystem in seiner bekannten ersten Erscheinung,
d. h. es bestand aus zwei schmalen, parallel neben einander laufenden, sich durch ihre helle



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glasartige Beschaffenheit auszeichnenden Streifen. Nach unten an dem leicht erkennbaren
Schwanzende des Embryo liefen dieselben lancettformig aus einander. Nach oben gegen
das Kopfende zeigten sie drei hiriter einander liegende Ausbuchtungen, deren beide hinter-
sten klein, die vordere grb'fser war. In dieser vordersten war das Kopfende des Embryo
etwas vorniiber gebeugt und also jene Streifen ebenfalls, so dass man ihren vorderen
Uebergang in einander nicht vom Riicken aus, sondern nur von der Bauchseite sehen
konnte. Bei dieser Ansicht gingen die beiden hellen Streifen durch eine in der Mitte etwas
vorspringende Spitze in einander iiber, wodurch die beiden vorderen Ecken dieser Ausbuch-
tung etwas starker vorragten und so den Kundigen schon die erste Anlage der Augen er-
kennen liefsen. In der Mitte des ganzen Embryo, wo die beiden Streifen des Riickenmar-
kes dicht an einander lagen, bemerkte man drei bis vier dunkele viereckige Plattchen zu
beiden Seiten, die Anfange der Wirbel.

Der Korper des Embryo hatte im Ganzen noch die Form der Anlage in dem gestern
untersuchten Eie, war aber doch schon viel bestimmter und starker ausgebildet. Nach
vorne war der zukiinftige Kopf durch eine Einbiegung an den Seiten angedeutet, ebenso
das hintere Ende. In der Mitte trat die Masse weiter heraus. Mit seinen aufseren Ran-
dern verlief der Korper an den Seiten und unten noch unmittelbar in das animale Blatt
der Keimblase. Das Kopfende aber hatte sich so stark eritwickelt, dass es iiber die Ebene
dieses Blattes erhoben war und sich gleichsam von ihm schon abgeschniirt hatte, wobei
sich eine Hohle in ihm zu entwickeln begonnen, welche wir als den vorderen Theil der
Visceralhb'hle bezeichnen wollen. Bei genauerer Zerlegung zeigte es sich, dass der
ganze bis jetzt gebildete Embryo nur dem oberen oder animalen Blatte der Keimblase an-
gehorte, und dessen verdickte und entwickelte Central -Partie ausmachte. Das innere oder
vegetative Blatt ging dagegen an der unteren oder inneren Fla'che der Embryonal- Anlage,
ihr allerdings dicht anliegend, vorbei, ohne einen wesentlichen Antheil an der Bildung aller
beschriebenen Theile zu nehmen. Nur nach oben zog es sich in die in dem Kopfende
sich bildende Visceralhohle mit hinein und kleidete diese innerlich aus. Von einem
Herzen- und Gefafssysteme bemerkte ich noch keine Spur, obgleich ich nicht zweifle, dass
solche schon vorhanden war, allein meine Aufmerksamkeit wurde zu sehr durch die Ermit-
telung der genannten Verhaltnisse in Anspruch genommen, als dass ich sie auch noch auf
diesen Punkt hatte richten konnen. Noch ist zu erw'ahnen, dass bei dieser Hiindin der
rechte Eierstock vier, der linke ein Corpus luteum zeigte, wa'hrend doch beide Hb'rner des
Uterus vier Eier enthielten. Es musste daher nicht nur abermals eine \Vande-
rung der Eier von einer Seite auf die andere stattgefunden haben, sondern
auch ein Zwillingsei vorhanden gewesen sein.

XL VI. Die Reihenfolge, welche die vorige Beobachtung darbietet, wurde wesentlich
erganzt und vervollstandigt durch eine andere, welche ich am 19ten und 20sten Januar
1843 anstellte. An ersterem Tage, um 9 Uhr Morgens, bffnete ich einer Hiindin den Un-
terleib, von welcher mir der Verkaufer nur sagen konnte, dass sie vor drei Wochen belegt
worden sei. Der Uterus zeigte Anschwellungen von 6'" La'nge und 4 l /2 lj Breite (Fig. 33. A.).



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Ich schnitt eine derselben aus. Bei der Eroffnung des Uterus sank die von ihm ge-
bildete Zelle wie friiher zusammen, ohne dass das Zerreifsen der aufseren Eihaut zu be-
merken oder zu verhiiten war. Frei in derselben flottirte die citronenformig gestaltete
Keimblase (Fig. 33. B.), welche sich bei der Beriihrung mil der heterogenen Fliissigkeit
alsbald stark zusammenzog. In ein Uhrglaschen gebracht, war der Fruchthof schon mit
unbewaffnetem Auge zu erkennen, und unter der Loupe (Fig. 33. C.) zeigte sich seine
Beschaffenheit zwischen der der ersten und zweiten vorausgehenden Beobachtung stehend.
Zu aufserst markirte sich ein etwas dunkeler eiformiger Hof, der sich nur wenig von der
iibrigen Keimblase abgrenzte. Er umschloss einen helleren Raum, in welchera sich aber-
mals eine birnfb'rmig gestaltete Mitte durch starkere Massenansammlung wie ein Schildchen
auszeichnete. In der Langenaxe der letzteren zeichnete sich ein sehr heller, gegen das breite
Ende abgerundeter, gegen das schmale lancettfbrmig zugespitzter Streifen aus, dessen nachste
ihn umgrenzenden Rander wieder etwas dunkeler waren. Das untere Ende dieses birnfor-
mig geslalteten Schildchens war von einem schmalen ganz durchsichtigen Streifen umgeben.
Wenn ich das Ei im Profil betrachtete (Fig. 33. D.), so erkannte ich ganz deutlich, dass
der helle Streifen eine Vertiefung, eine Rhine, zwischen den beiden ihn zunachst begren-
zenden Ansammlungen war, welche das birnfdrmige Schildchen bildeten, und die auch
etwas iiber die Ebene der Keimblase hervorragten. Die Rhine selbst mochte % 3 / 4 Linien
lang sein. Ihr lancettfb'rmiges Ende erreichte den Rand des schmaleren Endes des Schild-
chens fast, ihr abgerundetes stand von dem entgegengesetzten weiter ab. Unter dem zu-
sammengesetzten Mikroskope waren die Rander der Rhine und ihr Boden, so wie ihr
Offenstehen nach oben durch die Stellung des Mikroskopes sehr bestimmt zu unterscheiden.
Die beiden Blatter der Keimblase gelang es mir auch hier wieder recht deutlich von ein-
ander zu trennen und zu unterscheiden, wobei es sich abermals herausstellte, dass die oben
beschriebenen Bildungen bis jetzt sammtlich nur dem oberen oder animalen Blatte ange-
horten, unter welchem das vegetative noch ganz glatt vorbeilief.

Desselben Abends, 9 Uhr, also nach 12 Stunden, nahm ich ein zweites Ei mit einem
Stuck Uterus aus der Hu'ndin heraus. Allein die Ligatur vom Morgen hatte demselben zu
nahe gelegen. Ich fand, als ich es am andern Morgen untersuchen wollte, dass es zu
Grunde gegangen.

Ich schnitt also jetzt abermals nach 12 Stunden, Morgens 9 Uhr, ein drittes Ei aus
dem linken und noch eins aus dem rechten Uterus aus. Jetzt hatte sich auch die
Keimblase mit ihrem aufseren Blatte rundherum, mit Ausnahme der na'chsten Umgebung
des Fruchthofes, so innig an den Uterus und die aufsere Eihaut angelegt, dass es ganz
unmoglich war, denselben zu b'ffnen, ohne das Ei zu zerreifsen. Dieses ist das Stadium,
wo alle friiheren Beobachter so ungliicklich waren, nie etwas zu sehen, weil in der That,
nach Zerreifsen der Eihaute, nichts mehr vorhanden zu sein scheint, und man ganz bewan-
dert sein muss, um dann doch noch den Embryo zur Untersuchuug auffmden und heraus-
fordern zu konnen. Meine friiheren Erfahrungen machten es mir indessen auch dieses Mai
mbglich, den Fruchthof und Embryo wohlerhalten zur Untersuchung auf ein Glasplattchen



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zu briugen. Derselbe war in den abgelaufenen vierundzwanzig Stunden bedeutend fort-
geschritten und stand zwischen der zweiten und dritten Beobachtung des vorigen Fal-
les. Die genaueste Untersuchung belehrte mich iiber neue und wichtige, mir bis dahin
unbekannt gebliebene Verhaltnisse der ersten Bildung des Centralnerversystemes (Fig. 35-
A. u. B.)-

Das Schildchen in der Mitte des Fruchthofes der vorigen Beobachtung hatte jetzt
schon ganz unverkennbar die Form des Korpers des Embryo angenommen und sich durch
Massenzunahme, besonders an dem Kopfende, bedeutend verdickt, so dass dieses ansehn-
lich iiber die Ebene der Keimblase hervorstand, sich auch ganz vorne schon etwas im Winkel
vorniiber gebeugt hatte. In der Langenaxe des Embryonalkb'rpers verlief noch die nach
oben ofFenstehende Primitivrinne. In der Mitte hatten sich ihre Piander schon fast an ein-
ander gelegt, doch so, dass man noch in die Rinne hineinsehen konnte. Nach vorne stan-
den dieselben in drei in zunehmender Weite auf einander folgenden Buchten weit aus ein-
ander und gingen in dem vorniiber gebogenen Ende des Kopfes mil einem in eine mittlere
Spitze auslaufenden Rande in einander iiber. Nach hinten liefen diese Rander in einer
lancettformig gestalteten Figur allmalig in den Korper aus. Die die Rinne zu beiden Sei-
ten begrenzende Korpermasse war in gleicher Weise nach vorne am starksten, hinten
schwa' cher entwickelt. Sie bildet das, was v. Baer die Riickenplatten nannte. Das
Bemerkenswertheste aber war, dass die innersten Rander dieser beiden, die Rinne zwischen
sich fassenden Kamme bereits jenes, die Centralnervenmasse im frischen Zustande auszeichnende
glasartig durchscheinende Ansehen angenommen hatten, so dass daher entweder die innerste,
die Rinne zwischen den Riickenplatten bildende Lage von Zellen sich in Nervenzellen me-
tamorphosirt hatte, oder eine besondere Schicht neuer solcher Nervenzellen in der Rinne
abgelagert worden war. Nach hinten an dem lancettfdrmigen Ende der Rinne, wo deren
Rander weniger entwickelt waren, war auch diese Entwicklung von Nervenzellen noch nicht
erfolgt. In der Tiefe der Rinne konnte ich einen der Lange nach in ihr verlaufenden
etwas dunkeleren Streifen unter dem Mikroskope erkennen, von welchem ich vermuthete,
dass er der Chorda dorsalis entspricht. In der Mitte des Embryonalkorpers waren in den
Riickenplatten auch bereits 6 8 dunkelere, viereckige Plattchen, die Anfange der Wirbel,
entwickelt. An den Aufsenrandern des Embryonalkorpers, welche nach v. Baer die
Bauchplatten heifsen, war das animale Blatt rund um diese herum abgerissen. Sein
ganzer peripherischer Theil war an dem Uterus sitzen geblieben; nur sein centraler Theil,
eben der Korper des Embryo, war auf dem vegetativen Blatte und mil diesem vereinigt
geblieben. Endlich war der ganze Korper des Embryo, von der Riickenseite betrachtet,
etwas gewolbt, von unten concav, kahnformig ausgehb'hlt. Von einem Herzen oder Gefafs-
systeme entdeckte ich keine Spur.

Desselben Tages, Abends 9 Uhr, schnitt ich der Hiindin das fiinfte und letzte Ei mil
einem entsprechenden Stiicke des Uterus aus. Das Thier hatte daher die Operation
viermal iiberstanden , war aber nichts destoweniger noch ganz munter, so dass ich jetzt,
unter Zuriicklassung der Eileiter und Eierstocke, die Wunde sorgfaltig schloss und das


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