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Th. Ludw. Wilh. (Theodor Ludwig Wilhelm) Bischoff.

Entwicklungsgeschichte des hunde-eies online

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Thier leben liefs. . Es erholte sich bald vollstandig und diente mir spater zu einer andern
interessanten Beobachtung.

Dieses fiinfte Ei war abermals in den verflossenen 12 Stunden ansehnlich gewachsen
und bildete schon eine starke Anschwellung am Uterus. Bei Eroffnung des letzteren ging
es iibrigens wie bei dem vorigen Male. Das Ei zerriss wegen seiner Befestigung an dem
Uterus, und ich hatte grofse Miihe, den Embryo mil seiner nachsten Umgebung herauszu-
bekommen, zumal, da er nicht an der Mesenterialseite lag, an welcher ich eingedrungen
war (Fig. 36. A. u. B.). Der Embryo war in seiner gestreckten Lage 2% P. L. grofs.
Die Primitivrinne war jetzt in ihrer grofsten Ausdehnung geschlossen, indem sich die
Riickenplatten mil ihren zur Nervenmasse enlwickelten Randern an einander gelegt hatten.
So war also aus der Rinne ein Rohr entstanden, dessen Wandungen von Nervensubstanz
gebildet wurden, welches wir mil v. Baer mil dem Namen des Medullarrohres belegen
konnen. Die Primitivrinne selbst wird dadurch der bekanntlich bei vielen Thieren perma-
nent bleibende, bei den meisten Saugethieren und dem Menschen schon ini Embryo ver-
schwindende Riickenmarkskanal. Nach oben bestanden noch die sich zum Gehirne ausbil-
denden Erweiterungen dieses Kanales. Die vorderste derselben, welche ich als vordere
primitive Hirnzelle bezeichne, war die bedeutendste. Sie war mit dem vordersten Theile
des Kopfes selbst bereits in einem ziemlich starken Winkel nach vorne iibergebogen. An
ihren beiden vorderen Ecken besafs sie ein Paar Ausbuchtungen, die Rudimente der Augen.
Auf sie folgten mehrere schwachere Erweiterungen, welche die mittlere primitive Hirnzelle
bildeten, und wohl nur durch die Einwirkung der zugesetzten Fliissigkeit aus einer einfachen
Erweiterung entstanden waren. Hieran schloss sich die dritte und hinterste unspriingliche
Erweiterung des Medullarrohres, oder Hirnzelle, welche nach oben offen steht und mit
ihren Randern und einem spitzen Winkel nach hinten in das Medullarrohr selbst iibergeht.
Das Schwanzende des Medullarrohres war noch nicht geschlossen. Die jetzt auch be-
reits zur Nervenmasse entwickelten Rander der Riickenplatten hatten sich bier noch nicht
ganz mit einander vereinigt, wodurch die bei Saugethieren allerdings nur voriibergehende
Bildung des sogenannten Sinus rhomboidalis entsteht. In den Riickenplatlen hatten sich
zu beiden Seiten des Medullarrohres 10 12 viereckige Plattchen, die Rudimente der
Wirbel, entwickelt. Die Aufsenrander des Embryonalkorpers, die Bauchplatten, waren jetzt
auch schon starker ausgebildet, verliefen aber unten und in der grofsten Ausdehnung des
Embryo noch ganz gerade und flach in die Ebene der Keimblase. Am vorderen Ende
des Kopfes dagegen hatten sie sich nach unten gegeii einander gelegt und durch ihre von
vorne nach hinten weiter schreitende Vereinigung sowohl eine Ablosung dieses ganzen
vorderen Endes des Embryo von der iibrigen Keimblase bewirkt, als sich auch eben da-
durch in diesem vorderen Korperende eine Hohle, der vordere Theil der Visceralhohle,
entwickelt hatte. Betrachtete man daher den Embryo von der Bauchseite, so konnte man
von hier aus in diese Hohle hineinsehen. Die Eingangsstelle in dieselbe wurde schon seit
lange nach C. F. \Volff die Fovea cardiaca, nach v. Baer der obere Eingang in die Vi-
sceralhohle genannt. An den Randern der Bauchplatten waren wiederum die abgerissenen

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Partien des mil der aufseren Eihaut und dem Uterus vereinigten animalen Blaltes zu sehen,
welches bei der Losung des Embryo zerrissen worden war. Ueber dem Kopfe des Embryo
markirten sich auf gleiche \Veise einige kleine bogenformige Fallen, aus welchen sich der-
selbe zuriickgezogen zu haben schien. An dem Schwanzende des Embryo zog es sich, ehe
es abgerissen war, in einer bogenformigen Falte iiber dieses Ende heriiber. Diese Fal-
len sind die Anfange einer zuerst jetzt iiber den Kopf und Schwanz des Embryo her-
iiberriickenden Falte des animalen Blattes, welche bestimmt ist, das Am n ion zu bilden,
wovon noch weiter unten die Rede sein wird.

Bei diesem Embryo war ferner schon das Herz und ein peripherisches Gefafsnetz
entwickelt. Das Herz hatte sich in der vorderen oder unteren \Vandung des vorderen
Theiles der Visceralhohle entwickelt, der Lage nach zwischen dem animalen und vegetati-
ven Blatte. Es bestand aus einem schon stark gekriimmten Kanale, welcher, wenn man sich
den Embryo, auf dem Riicken liegend, vor sich denkt, zuerst nach links und hinten, dann
stark umbiegend nach rechts und vorne, und zuletzt in einem eben solchen Bogen umbiegend,
nach dern Kopfe zu sich wendet. Hier spaltete er sich in zwei Aeste, welche unter dem
vorniibergebogenen Kopfende verlaufend, nicht weiter verfolgt werden konnlen. Nach dem
Schwanze zu lief er an der Stelle, bis zu welcher bereits die Schliefsung der Visceralhohle und
die Abschniirung des Embryo erfolgt war, ebenfalls in zwei Arme aus, welche nun mil dem
peripherischen Gefafsnetze in Verbindung standen. Dieses schien eben in seiner ersten Ent-
wicklung begriffen, doch zeichneten sich die Gefafsrinnen schon durch eine schwach gelb-
liche Farbung aus. Indessen konnte ich das ganze peripherische Gefafsnetz nicht iiber-
sehen, da die Keimblase zu dicht um den Embryo herum abgerissen war. Wahrschein-
lich war indess schon jetzt dieses peripherische Gefafsnetz in einer eigenen Schichte oder
Lage zwischen dem der aufseren Eihaut dicht anliegenden animalen und dem vegetativen
Blatte entwickelt, obgleich ich dasselbe nicht als solches in diesem Falle getrennt praparirt
habe.

Aus vorstehenden Beobachtungen geht, wie ich glaube, Folgendes hervor:

Die erste Spur des Embryo ist, wie v. Baer richtig bemerkte, eine scheibenformige
Massenansammlung in dem Centrum des animalen Blattes der Keimblase und des Frucht-
hofes in Form eines langlichen Schildchens, welches die Anlage des zukiinftigen Korpers
des Embryo ist. Ich glaube, dass hieriiber die Reihenfolge meiner Beobachtungen keinen
Zweifel lasst, und dass Dr. Rei chert irrt, wenn er dieses Schildchen fiir die Uranlage
des Centralnervensystems halt.

Dieses Schildchen wird gleich von Anfang seiner Ausbildung an durch eine Rinne
in zwei gleiche Halften getheilt. Ich muss Dr. Rei chert gegen v. Baer beistimmen, dass
sich hier nicht ein Primitivst reifen, sondern eine Primitivrinne findet. Der Irrthum ist
leicht erklarlich, da die Rander der Rinne sich leicht bei Zusatz einer heterogenen Fliissig-
keit beriihren, und daher eine dunkele Linie hier erscheint. Dr. Rei chert ist zwar in
seiner letzten Schrift (BeitrageS.il.) bemiiht, diese meine Bestatigung seiner Angaben zuriick-
zustofsen, indem er behauptet, was ich Primitivrinne nenne, sei die Ruckenfurche (s. oben).



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Ich kann ihm aber nicht helfen, darauf zu bestehen, dass ich seine Primitivrinne meine,
und glaube auch, dass meine Abbildungen das ganz entschieden darthun. Wahrscheinlich
wird er dieses nun selbst anerkennen, da ich mich allerdings iiberzeugt habe, dass das Ru-
diment des Centralnerversystems auf andere W'eise entsteht, als ich dieses friiher geglaubt
und geschildert habe.

Ich war namlich friiher der Ansicht v. Baer's beigetreten, dass sich der zwischen
den Riickenplatten befindliche Halbkanal, also die Primitivrinne, friiher zu einem Kanale
umwandle, ehe die Bildung der Nervenmasse in diesem durch neue Ablagerung oder Dif-
ferenzirung der inneren Lage dieses Kariales erfolge (v. Baer, Entwicklungsgeschichte. II.
S. 102 u. 103.). Hiergegen spricht der Bericht der Koniglichen Akademie der Wissen-
schaften zu Berlin, Juli 1842, S. 218. iiber meine Entwicklungsgeschichte des Kaninchens,
Zweifel aus, welcher sich darauf griindet, dass bei dem Frosche die oberflachliche schwarze
Dotterschichte, welche iiber die die Primitivrinne bildenden Leisten hinweggeht, beim
Schliefsen der Rinne zum Kanale rait abgeschniirt werde und sich hernach im Inneren des
hohlen Ruckenrnarkes finde. Eben deshalb halte auch Hr. Dr. Rei chert geschlossen, dass
jene die Rinne zwischen sich lassenden Leisten schon die Anlage des Centralnervensystems
selbst seien. Meine oben mitgetheilten Beobachtungen vermitteln nun alle diese \Vider-
spriiche auf das Vollstandigste. Es geht daraus hervor, dass zwar jene Uranlagen zu bei-
den Seiten der Rinne nicht von Anfang an und in ihrer ganzen Ausdehnung Nervensub-
stanz sind, dass aber doch ehe die Rinne sich schliefst, ihre diese Rinne zunachst begren-
zende und auskleidende Schichte sich zu Nervensubstanz entwickelt oder differenzirt. Da-
durch geschieht es dann allerdings, dass, wenn nun die Rinne sich schliefst, eine sie etwa
auskleidende, besonders gefarbte, oberflachliche Schichte in's Innere des Riickenmarkes zu
liegen kommt, die Rinne also Riickenmarks-, nicht, wie es nach meiner friiheren An-
sicht erfolgt sein wiirde, Riickgrats-Kanal wird. Dieses Stadium, in welchem diese
DifTerenzirung der die Primitivrinne begrenzenden inneren Schichte zu Nervensubstanz
erfolgt, geht schnell voriiber, und die Beobachtung muss so genau und an so frischen
Embryonen, bei welchen das verschiedene Ansehen der Theile diese Differenzirung allein
erkennbar macht, angestellt werden, dass ich mich nicht sehr wundere, dasselbe friiher
ubersehen zu haben. Unzweifelhaft war aber bei Fig. 53. meiner Entwicklungsgeschichte
des Kanincheneies diese Differenzirung schon eingetreten, wurde aber bei ihrer geringen
Ausbildung von mir ubersehen, wahrend ich die erfolgle Schliefsung der Rinne richtig er-
kannt hatte, und erst auf dem folgenden Stadium Fig. 54. die Nervenmasse bei ihrer jetzt
starkeren Entwicklung erkannte. Das durch die Primitivrinne in zwei Halften getheilte
Schildchen im Centrum des Fruchthofes und des animalen Blattes der Keimblase ist anfangs
ganz indifferente Kb'rperanlage des Embryo. Ihre die Rinne begrenzende Lage wird durch
weitere Entwicklung und Differenzirung Nervenmasse; die diese zunachst begrenzende Par-
tie Ru'cken, die aufsere Partie vordere Korperwand. Will man die Primitivrinne dann,
wenn sich ihre Umgebung starker entwickelt und zu Nervenmasse differenzirt hat, Riicken-
furche nenneii, so habe ich nichts dagegen, halte es aber fur unnothig, da das Gebilde

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dasselbe bleibt, bis die Schliefsung zum Kanale erfolgt ist, wo es dann auch einen andern
Namen, Riickenmarkskanal, verdient. Endlich will ich noch bemerken, dass ich auch bei alien
diese Vorgange betreffenden Beobachtungen nichts von Dr. Rei chert's Umhiillungshaut,
welche iiber den Embryo heriibergehen miisste, bemerkt babe. Alle Bedenken, Zweifel
und Unmoglichkeiten, welche er (a. a. 0. S. 13.) gegen meine, diese Umhiillungshaut aus-
schliefsende Darstellung dieser bier besprochenen Vorgange erhebt, exisliren fiir mich nicht,
da sie durch das factisch Vorliegende beseitigt werden.

Aus den oben mitgetheilten Beobachtungen geht ferner hervor: dass das Centralnerven-
system von alien Organen des Embryo das zuerst als solches erkennbare ist. Seine Schei-
dung in Gehirn und Riickenmark ist auch eine urspriingliche, indem man zu jeder Zeit
die zum Gehirn werdenden Theile von dem fiir das Riickenmark bestimmten unterschei-
den kann. Die erste Form, in welcher jenes auftrilt, sind drei hinter einander liegende
Erweiterungen der Medullarrb'hre, Vorderhirn, Mittelhirn und Hinterhirn. Aus ersterem
bilden sich die Augen schon sehr friih, als zuerst zu unterscheidende Sinnesorgane, und von
Anfang an getrennt, als ein Paar vorne und an den Seiten hervorwachsende Ausstiilpungen
hervor. Gleich nach dem Centra Inervensysleme entsteht das Herz und ein peripherisches
Gefafssystem in den Eihauten. Die Entstehung beider ist gleichzeitig; die fruheste
Form des Herzens auch bei Saugethieren die eines Kanales. Schon sehr friih fa'ngt das
Blut an sich zu farben, namentlich ehe noch irgend eine auch riur indirecte Gefafsverbin-
dung mil der Mutter entstanden ist. Ueber die Bildung und Natur der Blutkorperchen
werde ich noch sp'a'ter Beobachtungen mittheilen.

XL VI. An die Eier und Embryonen der letzten Beobachtung schlossen sich diejeni-
gen an, welche ich am 12ten Ma'rz 1838 bei einer grofsen Hiindin untersuchte. Obgleich
sie indessen nicht viel weiter waren, so fand sich doch hier der bemerkenswerthe Unterschied,
dass es verhaltnissmafsig leicht gelang, die ganzen Eier unverletzt aus dem Uterus heraus-
zubringen, wahrend dieses bei alien zuletzt beobachteten ganz unmoglich war. Nur an
einer Stelle, namlich dicht iiber dem Riicken des Embryo, gelang dieses immer nur mit
einer kleinen Zerreifsung, ein Verhaltniss, welches mir erst spa'ter klar wurde. Diese Eier
waren ungefa'hr 3 / 4 Zoll grofs im Langendurchmesser und hatten eine citronenformjge Ge~
stalt. Sie hatten aufserlich ein zartes korniges Ansehen, welches durch die die aufsere Ei-
haut besetzenden Zotten hervorgebracht wurde, welche sich aus ebenso vielen kleinen Lb'cher-
chen der arigeschwollenen Schleimhaut des Uterus herauslosten. Die aufsere Eihaut iiber-
zog den Embryo nicht ganz, sondern lag an dessen Riicken wie in einer Ellipse ausge-
schnilten lose auf ihm, schlug sich hier nach innen um und ging nun als ein sehr feines
durchsichtiges Hautchen, besonders iiber das Kopf- und Schwanzende des Embryo heriiber,
um sodann an den Randern seines Korpers in ihn iiberzugehen. Es war, als wenn der
Embryo hier nackt und unbedeckt an der Schleimhaut des Uterus angelegen ha'tte; aber
gerade hier war auch, wie ich oben bemerkte, bei der Loslosung der Eier aus dem Uterus
immer eine Zerreifsung bemerkbar geworden. Es kostete mir sehr viele Miihe, alle diese
Verhaltnisse durch genaue Untersuchung der Eier unter der Loupe mit feinen Nadeln zu



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ermitteln, aber erst spater, als ich die friiheren und nachfolgenden Stadien kannte, gelang
es mir, iiber dieselben in's Reine zu kommen.

Auf den vorigen Stadien sahen wir schon, dass das ariimale Blatt der Keimblase
sich mit seiner ganzen Peripherie an die aufsere Eihaut und durcb diese an den Uterus
angelegt hatte. Dieser Process war nun noch weiter auf den Embryo zu fortgeschritten. Allein
dieser als centraler Theil des animalen Blattes hat keine Bestimmung, sich an die aufsere
Eihaut anzulegen. Wenn der peripherische Theil sich daher dennoch atich iiber ihm an
die aufsere Eihaut anlegen will, so muss er sich zuerst iiber den Riicken des Embryo her-
iiberziehen. Dieses war in der vorigen Beobachtung schon so weit geschehen, dass dadurch
Kopf und Schwanz des Embryo von einer sich iiber sie heriiberziehenden Falte des anima-
len Blattes bedeckt worden waren. An den Randern dieser Fallen war das animale Blatt
bei der Lb'sung des Eies zerrissen. Jetzt nun hatte sich dieser Process noch weiter ent-
wickelt. Die Falte des animalen Blattes war noch weiter iiber den Kopf und Schwanz
des Embryo und auch schon etwas von den Randern aus iiber ihn heriibergeriickt , hatte
dabei natiirlich den Embryo iiberzogen und sich nun iiber seinem Riicken an die aufsere
Eihaut angelegt. Nur in jenem ovalen Ausschnitt iiber dem Riicken des Embryo war die-
ses noch nicht erfolgt; daher lag er hier nackt. Indem sich aber ferner die aufsere Ei-
haut nun mit dem animalen Blatte vereinigt hatte und durch dieses verstarkt worden war,
so gelang es jetzt wieder, beide von ihrer durch die Zotten der ersteren bewirkten Ver-
bindung mit dem Uterus zu losen. Nur in jener ovalen Stelle iiber dem Riicken des
Embryo war diese Vereinigung der aufseren Eihaut mit dem animalen Blatte noch nicht
erfolgt. Daher wollte es auch nicht gelingen, erstere hier von dem Uterus zu losen. Die
Eier erschienen hier wie angewachsen und liefsen sich erst nach einer Zerreifsung der au-
fseren Eihaut trennen.

Auf dem folgenden Stadium, welches ich in dieser Beziehung sogleich hier mit erwahnen
will, werden wir sehen, dass das animale Blatt sich rund herum um den Embryo so weit
iiber seinen Korper heriiber gezogen hat, dass die vorderen, hinteren und seillichen Rander
der heriiberriickenden Falte sich iiber seinem Riicken in einem Punkte beriihren und ver-
einigen. Dass innere Blatt der Falle liegt dann der ganzen oberen Fl'ache des Embryo,
ihn dicht bedeckend, an, und bildet eine Hiille fur ihn, welche man das Am n ion
genannt hat. Das aufsere Blatt aber hat sich dann gleichmafsig von der Peripherie gegen
diesen Schliefsungspunkt fortriickend, ganz mit der aufseren Eihaut vereinigt. Jetzt gelingt
es, diese auch an dieser Stelle von dem Uterus zu losen. Das Ei ist rund herum von
einer zottigen Eihaut umgeben, der Embryo liegt in keinem Theile auch nur scheinbar un-
bedeckt. An dem Schliefspunkte der Falle bleiben aber die beiden Blatter derselben noch
eine Zeit lang vereinigt. Der Embryo erscheint an seinem Riicken mit einem Punkte seines
ihm dicht anliegenden Amnions mit der aufseren Eihaut verwachsen. Endlich lost sich auch
dieser Punkt. Der Embryo im Amnion ist ganz frei, und der iibrige peripherische Theil
des animalen Blattes ganz von ihm getrennt, hat sich mit der aufseren Eihaut vereinigt.
Diesen so sich abhebenden und trennenden peripherischen Theil des animalen Blattes hat



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v. Baer die serose Hiille genannt. Indem sie sich mit der urspriinglichen Eihaut
vereinigt, wird diese zum Chorion, oder der bekannten zottentragenden aufseren Eihaut
fur den ganzen Rest des Eilebens.

Die unter dem Namen Chorion oder Lederhaut in der Ovologie bekannte Eihaut
Jst daher bei den Saugethieren eine zusamraengesetzte Bildung. Sie entsteht dadurch, dass sich
das animale Blatt der Keimblase, indem es sich unter Bildung des Amnions, als sogenannte
Hiille, rait der urspriinglichen Eihaut, der Zona pellucida, welche als Dotterhaut bezeichnet
wurde, verbindet und mit ihr verschmilzt. Sie ist daher keine dem Eie von aufsen, vom
Uterus her, umgebildete Eihiille, sondern ein Product seiner eigenen Entwicklung Wo
indessen das Chorion spater Blutgefafse besitzt, da ist seine Bildung hiermit noch nicht
beendet. Aus sich und in sich entwickelt dasselbe niemals Blutgefafse. Diese werden ihm
erst durch die spater zu erwahnende Allantois zugefiihrt, welche alsdann auch noch mit
den genannten Theilen verschmilzt. Dieses geschieht, wie wir noch sehen werden,
auch bei dem Hunde. Da es aber nicht u'berall erfolgt, z. B. bei dem Menschen nicht,
auch nicht bei den Nagern, wo das Chorion seine Blutgefafse durch Vereinigung mit der
Nabelblase erhalt, so betrachte ich dieses nicht als wesentlich zu seiner Bildung.

Es ist aber diese Bildung des Chorions und Amnions in ihrem Zusammenhange zuerst
von Hrn. v. Baer bei dem Vogelei entdeckt und beschrieben, aber auch fiir das Sauge-
thierei bestatigt worden (Entwicklungsgeschichte II. S. 184.). Bei den Saugethieren be-
schreibt indessen v. Baer die Bildung des Chorions, was den Antheil der aufseren Eihaut
betrifft, etwas anders als ich. Er glaubt namlich, wie ich oben schon angegeben habe,
dass das Ei der Sa'ugethiere u'berall im Uterus urn die urspriingliche Zona pellucida oder
Dotterhaut Eiweifs umgebildet erhalte. Er nimmt dann an, dass die aufsere Schichte des-
selben zu einer Membran erstarre, welche dann die aufsere Eihaut bilde, wahrend die un-
ter ihr liegende Zona oder Dotterhaut sich auflose und verschwinde. Erstere vereinigt sich
dann mit der serb'sen Hiille und stellt mit Jhr und der Allantois das Chorion dar. Nun
habe ich in meiner Entwicklungsgeschichte des Kanincheneies gezeigt, dass dasselbe nicht
in dem Uterus, sondern schon in dem Eileiter Eiweifs umgebildet erhalt; dass dieses sich
spater mit der Zona zur Bildung der aufseren Eihaut und dann erst diese wieder mit
dem peripherischen Theile des animalen Blattes oder der serosen Hiille zur Darstellung des
Chorions vereinigt. Das Hundeei erhalt gar kein Eiweifs umgebildet, und ich gestehe, dass
ich es auch fur die Eier der Wiederkauer und Pachydermen in der von v. Baer angegebenen
Weise bezweifle, obgleich derselbe es hier am bestimmtesten angiebt (a. a. 0. S. 185.).
Erhielten sie Eiweifs, so glaube ich, dass sie es, wie beim Kaninchen, im Eileiter erhalten
wu'rden, und dass es sich wie bei diesen verhalten werde. Dass dieses nun wenigstens
beim Schweine nicht geschieht, davon hat mich die Beobachtung von eben in dem Uterus
angelangten Schweineeiern uberzeugt. Gewiss aber passt seine Lehre nicht fur den Hund
und das Kaninchen, und ich kann daher nicht zugeben, dass das Eiweifs einen wesentlichen
Antheil an der Bildung des Chorions nimmt, da es bei mehreren Thieren fehlt, wo sich das Cho-
rion iibrigens auf gleiche Weise entwickelt. Riicksichtlich der Bildung des Amnions und der Um-



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wandlung des animalen Blaltes in die serose Hiille driickt sich Hr. v. Baer auch etwas anders
aus. Er betrachtet namlich die Bildung der Aranionfalte durch den peripherischen Theil des
animalen Blattes als den primaren uud, wenn ich so sagen soil, selbststandigen Vorgang.
Indem dadurch das Amnion gebildet wird, bleibt der iibrige Theil des animalen Blattes als
serose Hiille iibrig, die sich nun an die aufsere Eihaut anlegt. Ich glaube dagegen, durch die
Beobachtung zu der Ansicht gefuhrt worden zu sein, dass das Anlegen des peripherischen
Theiles des animalen Blattes an die aufsere Eihaut das Primare ist, und dass eben hier-
durch das Ueberziehen des Embryo durch die Amnionfalle herbeigefuhrt wird. Auch ist
es wohl gewiss, dass man die Bildung der Amnionfalte solcher Gestalt begreiflicher
fmdet, als wenn man ihre Entstehung rund herum um den Embryo und das Heriiber-
riicken iiber denselben als einen durch eine unbekannte Triebfeder bewirkten Vorgang be-
trachtet. -

Einen heftigen Gegner hat aber meine Darstellungsweise der Bildung des Chorions
beim Kaninchen an Dr. Reich ert erhalten (Beitrage etc. S. 7.). Derselbe wirft mir vor,
dass ich das Chorion als ein Entwicklungsproduct des Eies und nicht des Uterus bezeichne,
wahrend ich doch sage, dass das Eiweifs vom Eileiter geliefert, sich mit der Zona verei-
nige und auch die Zotten der aufseren Eihaut als einen Ansatz von aufsen entstehen lasse.
In Beziehung auf das Eiweifs hat er mir dabei untergeschoben, dass ich sage, es ver-
wachse mit der Zona. Dieses habe ich, wie ich schon oben erwahnte, nirgends gesagt,
sondern nur, dass es sich mit ihr zur Darstellung einer einzigen diinnen Haul vereinige.
Sodann kann ich dieses Eiweifs nicht als wesentlich zur Bildung der aufseren Eihaut und
des Chorions erkennen, well es sich, wie schon gesagt, bei dem Hunde und wahrscheinlich
auch noch bei anderen Thieren, gar nicht fmdet. Die Zona findet sich aber uberall und
ist ein wesentlicher und zwar urspriinglicher Eitheil. Was die Zotten betrifft, so erschei-
nen sie allerdings zuerst als ein Ansatz an die aufsere Eihaut von aufsen; ein Vorgang,
dessen Natur auch mir dunkel ist, insofern Jch keinen analogen kenne. Allein meine An-
gabe ist Resultat der unmittelbaren Beobachtung. \Venn Hr. Dr. Reich ert diese wider-
legt, so bin ich zufrieden. Will man daraus einen Antheil des Uterus an der Bildung
des Chorions ableiten, so habe ich nichts dagegen. Mir scheint es unwesentlich. Die
Hauptsache ist das Gebilde, worauf die Zotten stehen, und dieses ist ein Eitheil, die
Zona.

Zweitens wirft mir Hr. Dr. Reich ert die Behauptung der Persislenz dieser Zona
aus einem zweifachen Gesichtspunkte vor. Erstens, indem ich dabei behaupte, dass sich
das feste homogene, structur- und texturlose Gebilde der Zona in Zellen verwandle, Cy-
toblastem werde und sich mit einer andern aus Zellen bestehenden Membran, der
serosen Hiille, vereinige und verwachse, und daraus doch wieder ein Chorion werde,
welches nur aus einer einfachen Zellenschichte bestehe. Nun erdichtet es aber Hr. Dr.
Re ich ert, dass ich irgendwo sage, die Zona verwandle sich in Zellen. Dieses ist mir
nirgends eingefallen, sondern ich habe gesagt, dass die Zona, welche immer ein homo-
genes Gewebe bleibt, so lange man sie als solche unlerscheiden kann, sich mit der aus



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Zellen gebildeten serosen Hiille vereinige. "Warum dieses nicht erfolgen konne, sehe ich
nicht ein, besonders nicht, wenn es factisch ist, denn Niemand hat erwiesen, dass ein
solcher Vorgang gegen irgend ein Bildungsgesetz anstofst. Warum soil sich nicht eine
Zellenlage an ein anderes ha'utiges Gebilde anlegen kb'nnen, welches nicht aus Zellen be-
steht? Dann findet es Hr. Dr. Rei chert zweitens gegen die Analogic, dass ich die Zona
als Dotterhaut wenigstens ideal persistiren lasse, da dieses sonst nirgends erfolge, sondern
sich die Dotterhaut im Verlaufe der Entwicklung immer auflose. Nach dem Berichte der
Kb'niglichen Akademie der \Vissenschaften S. 221. lasst deshalb auch Hr. Dr. Reichert
die Zona sich ganz auflosen und das Chorion entstehl allein aus seiner Umhiillungshaut
(d. h. nieiner, dem animalen Blatte der Keimblasse angehbrenden, serosen Hiille), welche
durch Zellenproduction hohle Zotten abschickt. Nun lehrt man allerdings, dass die Dotter-


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