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Th. Ludw. Wilh. (Theodor Ludwig Wilhelm) Bischoff.

Entwicklungsgeschichte des hunde-eies online

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haut bei dem Vogeleie schwindet, nachdem die serbse Hiille den Dotter umwachsen hat;
auch Jst mir dieser Punkt keineswegs entgangen, wie S. 119. meiner Entwicklungsgeschichte
des Kaninchens beweiset. Ich habe dort selbst die Erscheinung (nicht blofs die Analogic)
angegeben, welche mich vermulhen liefs, dass die Zona schwinde und die serose Hiille
allein die aufsere Eihaut bilde, namlich weil man bei dem Kaninchen sowohl als Hunde
zu einer gewissen Zeit an den Polen des Eies ein schleimiges hautiges \Vesen bemerkt,
welches die sich auflbsende Zona sein kbnnte. Ich habe aber ferner auch bestimmt angegeben,
was mich veranlasste, diesen Glauben aufzugeben, d. i. namlich, weil ich die erste Bildung
der Zotlen auf der Zona, wenn sie noch bestimmt als solche existirt, beobachtet hatte, worin
mir v. Baer und Dr. Barry beistimmen. Ist dieses aber der Fall, so kann die Zona
sich iiberall, wo Zotten das Ei bleibend bedecken, nicht auflosen, denn eine Substituirung
derselben durch neue ist mir in der Art nicht denkbar. Bei dem Hunde aber bleiben die
Zotten, sowie auch bei dem Menschen; hier ist es also nicht moglich, die Theilnahme der
Zona an der Bildung des Chorions aufzugeben, bis Hr. Dr. Reichert die Bildung der
Zotten auf andere \Veise wird erwiesen haben.

Es ist gewiss, der ganze Streit ist factisch hbchst unbedeutend. Es wird in der Er-
scheinung auf Eins hinauslaufen, ob die serose Hiille sich mit der Zona so verbindet, dass
beide ein Gebilde darstellen, oder ob die Zona aufgelbst und durch die serose Hiille
substituirt wird. Auch sind wir in der Hauptsache einig, dass namlich das Chorion ein
Entwicklungsproduct des Eies ist und nicht von aufsen acquirirt wird. Durch directe
Beobachtungen, wenn die meinigen nicht so genannt werden kbnnen, halte ich es fur un-
mbglich, die Sache auszumachen. Ich bin aber auf den Streit eingegangen, weil Hr. Dr.
Reichert ein grofses Aufsehen daraus macht, und weil dieses Beispiel sehr gut den Un-
terschied in unserer beiderseitigen Verfahrungsweise darlegt. Er richtet seine Beobachtun-
gen und Angaben nach der Analogic und theoretischen Ansichten; ich glaube, dass sich
letztere stets nach ersteren richten mu'ssen. Ich gebe die Theorie sogleich auf, sobald
sie sich nicht mit den Factis vereinigen lasst, und halte die Natur nicht in so enge Gren-
zen eingeschlossen, wie sie unser auf wenige Erkenntnisse gestiitzter kurzsichtiger Blick
iiberall gerne ziehen mb'chte.



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Die Lehre des Hrn. v. Baer iiber die Bildung des Amnions und die damit in Zusammen-
hang stehende Umwandlung des peripherischen Theiles des animalen Blades in die serose Hiille,
sowie iiber den Antheil der letzteren an der Bildung des Chorions, Jst in Frankreich ganz unbe-
achtet und unbekannt geblieben, und auch in Deutschland hat man sie, wie Hr. v. Baer sehr
richtig bemerkt, zum grofsen Nachtheil der Lehre von den Eihauten bei den Saugethieren und
dem Menschen, vernachlassigt. Dieses riilirt unstreitig davon her, dass der Vorgang schwie-
rig zu schildern und daher schwer verstandlich zu machen ist. Die Beobachtung klart ihn
sogleich auf; allein diese selbst ist, wo mdglich, noch schwieriger. Das animale Blatt der
Keirnblase, oder auch der sogenannten Keimhaut des Vogeleies, ist so fein und zart, und
die Amnionfalte liegt dem Embryo als ein ganz durchsichtiges Hautchen so dicht an, dass
sehr grofse Aufmerksamkeit dazu gehort, urn sie und ihr Yerhalten zu beobachten. Den-
noch ist es gewiss, dass nur nach diesem und durch dieses Verstandniss die Verhaltnisse,
in denen man in friiher Zeit eben wahrend der Bildung des Amnions und Chorions die
Eier findet, erklarlich werden, und alle Schwierigkeiten sich losen, sobald man mit diesem
Vorgange hinlanglich vertraut ist. Ich hoffe vorziiglich durch meine Abbildungen und
durch die Tafel der Durchschnitte dieses Verstandniss zu erleichtern. In England hat Hr.
Thomson (Edinb. med. and surg. Journal. 1839, Nov. 148, p. 119.) die Bildungsweise
des Amnions nach der Lehre v. Baer's bei Katzen, Kaninchen und Schaafen bestatigt,
und auch Beschreibungen junger Eier und Embryonen vom Menschen gegeben, welche fur
diese dasselbe darthun, insofern er bei diesen die Embryonen mit einem Punkte ihres
Riickens an das Chorion angeheftet fand. Dieses ist aber gerade dann der Fall, wenn sich
die Amnionfalte eben iiber dem Embryo geschlossen, und ihr aufseres Blatt sich als serose
Hiille an die aufsere Eihaut angelegt hat, um mit dieser das Chorion zu bilden.

In Frankreich hat vor Kurzem Hr. Serres aufs Neue die einst von Dollinger und
Oken und dann besonders von Pockels aufgestellte Ansicht vertheidigt, dass der Embryo
sich aufserhalb des Amnions, dieses sich aber unabhangig von jenem entwickle, und der
Embryo sich dann in das Amnion hineinsenke (Ann. des sc. nat. XI. p. 234.). Ich kann zu
diesem Unternehmen nur sagen, dass ich iiberzeugt bin, dass Niemand, der selbst fru'he
Embryonen von Vogeln und Saugethieren, und nicht blofs so leicht bin und meistens patho-
logische abortirte menschliche Ovula untersucht hat, diese Ansicht irgend vertheidigen kann.
Dennoch theile ich die Griinde mit, worauf Hr. Serres seine Ansicht stiitzt, und will sie
kurz beleuchten. Es beruft sich derselbe namlich auf Falle, wo man 1) den Embryo
ohne Amnion, 2) den Embryo auf dem Amnion, 3) das Amnion ohne Embryo gefunden
haben will. Ad 1) Konnte es wirklich Falle geben, wo das Amnion sich nicht entwickelt
hat, oder nach seiner Entwicklung zerstort wurde; sie waren jedenfalls pathologisch. Al-
lein ich halte sie fiir sehr selten. Viel haufiger entstehen solche Angaben dadurch, dass
bei der sehr schnellen Entwicklung des menschlichen Eies in fruhester Zeit, das Amnion
sich, wenn das ganze Ei und der Embryo noch sehr klein sind, oft so dicht an das
Chorion anlegt, ja abnorm selbst mit demselben vereinigt, dass bei der aufserordenlichen
Feinheit dieser Hiillen beide sehr schwer von einander zu trennen und zu erkennen sind.

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Ich habe Falle der Art genug gesehen, wo man glaubte, das Amnion fehle, und bei recht
genauer Untersuchung fand es sich doch. Ad 2) 1st es erwiesen und deutlich, dass das
Ei von Pock els, auf welches sich Serres bemft, ein pathologisches war. Die Aussage
Burdach's, dass auch er Falle der Art gesehen und von Weber, Breschet und Vel-
peau solche erfahren habe, ist sicher zu unbestimmt, um darauf einen Beweis zu bauen,
besonders da Burdach sonst riicksichtlich der Bildung des Amnions der Ansicht v. Baer's
folgt. In Serres' eigenem Falle soil der Embryo kein Amnion gehabt und statt dessen
an seinem Nabelstrange ein abgeplattetes, an das Chorion angeheftetes Blaschen gesessen
haben, welches Serres ohne \Veiteres fiir das Amnion erklart. Vielmehr konnte man,
der Beschreibung nach, dasselbe fiir die Allaniois halten, wie sie besonders die beiden
neueren Falle von R. Wagner und J. Miiller zeigen. Die anderen von Serres er-
wahnten Falle besitzen noch weniger Beweiskraft. Es ware aber auch moglich, dass man
in Jhnen die Zeit vor sich hatte, wo der Embryo sich noch von der Keimblase abschniirte
und die Keimblase mit dem Amnion verwechselt wurde, obgleich mir dieses nicht sehr
wahrscheinlich ist, da diese kostbaren Eichen noch sehr zart und klein gewesen sein muss-
ten. Ad 3) Konnte es ebenfalls sein, dass eine Verwechselung mit der Keimblase ge-
schehen, und man ein Ei vor sich gehabt hatte, aus Chorion und Keimblase bestehend, ehe
auf letzterer der Embryo erscheint. Allein Falle der Art sind nicht gemeint, die Eier
waren alle grofser. Unzweifelhaft waren es aber solche, gar nicht seltene, wo der Embryo
abgestorben war und sich aufgelost hatte. Ich stehe daher nicht an, alle Beobachtungen,
welche man zur Stiitze fiir jene Theorie beigebracht hat, entweder fiir pathologisch oder
fur falsch interpretirt und beobachtet zu halten. Dazu berechtigt das, was wir iiber Ent-
stehung des Amnions durch directe Beobachtung wissen.

Sehr zu verwundern ist es, dass Hr. Prof. Mayer in Bonn, welcher doch die Arbei-
ten v. Baer's, sowie auch meine Nachweisung der Bildung des Amnions bei dem Kanin-
chen kennen muss, vor Kurzem in einem Schreiben an Hrn. Serres (Comples rendus.
T. XVII. p. 179. L'Experience. 1843.) der Ansicht des Hrn. Serres aufs Neue beigetre-
ten ist. Die von ihm citirte Beobachtung und Abbildung des Eies einer Katze in den Actis
nat. curiosor. zeigt ganz deutlich, dass er ein Ei vor sich hatte, in welchem der Embryo
sich mit dem Kopfe in die Nabelblase eingesenkt hatte. Das Amnion, welches hochst fein
und zart, dem Embryo ganz dicht anliegt, hat er iibersehen; die Allantois halt er fiir die
Nabelblase! -

Dagegen hat Hr. Coste neuerdings, wie ich aus den Comptes rendus. 1843. T. XVI.
u. XVII. ersehen habe, v. Baer's Theorie narh meinen Beobachtungen beim Kaninchen
auch fiir die Saugethiere angenommen, und somit seine friihere Lehre zuriickgenommen,
welche auf theoretischen Missverstandnissen beruhte, und mit der Beobachtung nicht zu ver-
einigen war.

Ich kehre nun zu der Beschreibung der oben erwahnten Eier und Embryonen vom
12ten Marz 1838 zuriick, welche ich verlassen, um die Bildung des Amnions und Cho-
rions im Zusammenhange darzustellen.



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Unter der Zotten tragenden Eihaut dieser Eier (d. i. also unter dem aus Vereinigung
von seroser Hiille und aufserer Eihaut entstandenen Chorion) kam nun eine zweite Eihiille
zum Vorschein, namlich das vegetative Blatt der Keimblase, mit welchem das inzwischen
sich weiter entwickelt habende Gefafsblatt geriau verbunden war. Beide standen mit dem
Embryo in genauer Verbindung, zu dessen Beschreibung ich nun iibergehe.

Im Ganzen war derselbe noch gerade gestreckt, nicht gekriimmt, und nur sein vorde-
res Kopfende noch etwas starker im rechten Winkel vorniiber gebogen, als dieses schon
bei dem zuletzt beschriebenen Embryo der Fall war. In der Mitlellinie seines Riickens
zeichneten sich leicht das Centralnervensystem, das Riickenmark und die drei vorderen bla-
sigen Erweiterungen des Gehirns aus. An der vordersten Erweiterung waren die beiden
seitlichen Ausbuchtungen , die Augenblasen, nun schon viel starker abgeschniirt. Aber
auch weiter nach hinten, neben der dritten Erweiterung war jeder Seits ein heller
kleiner Kreis, gebildet von einem Blaschen, zum Vorscheine gekommen, das Ohrblas-
chen oder das zukiinftige Labyrinth. Man lehrt gewb'hnlich, dass auch dies eine
seitliche Ausbuchtung aus der hintersten Gehirnblase sei, wie das Auge aus der vor-
dersten. Ich muss gestehen, dass ich mich davon bei Saugethierembryonen , bei welchen
ich doch die Entwicklung der Augen auf diese Weise sehr vollstandig beobachtet habe,
nicht iiberzeugen konnte. Die Ohrblaschen scheinen sich mir ganz unabhangig von der
Medullarrohre zu bilden, und erst sp'ater allerdings mit der hintersten Hirnzelle in Verbin-
dung zu treten, sowie dieses meine Abbildungen spaterer Embryonen zeigen werden. Ent-
weder muss daher der Zusammenhang der Ohrblaschen mit der Medullarrohre in friiher
Zeit schwer zu sehen sein, z. B. sehr aus der Tiefe hervorkommen, oder das Ohrblaschen
entwickelt sich selbststandig und auf andere Weise wie das Auge.

Zu beiden Seiten des Ruckenmarkes war schon eine grofse Zahl von Wirbelanlagen
zu bemerken. Der Kbrper des Embryo hatte unterdessen fortgefahren , sich von der
Keimblase, d. h. ihrem vegetativen und Gefafsblatte, zu sondern und abzuscheiden. Das
vordere Drittel war schon ganz frei, der vordere Eingang in die Visceralhbhle daher wei-
ter nach hinten vorgeriickt, indem sich, wie ich schon oben darlegte, die aufseren Rander
der Embryonalanlage, die Visceralplatten, von vorne nach hinten fortschreitend, an einander
legen. Der vordere Theil der Visceralhohle war daher auch schon ansehnlicher entwickelt.
An dem hinteren oder dem Schwanzende hatte derselbe Process begonnen, d. h. indem sich
auch hier die aufseren Rander des Embryonalkbrpers, die Visceralplatten, von hinten nach
vorne vorschreitend gegen einander neigen und vereinigen, hatte sich auch dieses hintere
Ende von den Eihauten abgeschniirt, und zugleich eine Hohle, den hinteren oder unteren
Theil der Visceralhohle, in sich entwickelt. Den Eingang in diese nannte C. F. Wolff
Foveola inferior, v. Baer den unteren Eingang in die Visceralhohle. In der Mitte stand
der Leib des Embryo noch weit offen, die Rander seines Kb'rpers hatten sich aber doch
auch hier schon etwas nach unten und innen gewb'lbt, und der ganze Korper war daher
von der Bauchseite etwas concav ausgehb'hlt. Man hat daher die Gestalt des Kbrpers des
Embryo auf diesem Stadium auch wohl mit einem Pantoffel verglichen, was nicht unpas-

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send ist. Das vegetative Blatt kleidet auf diesem Stadium die ganze innere Flache des
Embryonalkorpers, ihm dicht anliegend und ihn zum Theil mil bildend, aus; zieht sich da-
her auch in den vorderen und hinteren Theil der Visceralhb'hle mit hinein, und ich kann
hier sogleich bemerken , dass es hier das obere und untere Ende des Darmrohres zu bil-
den anfangt.

Vorn, gleich unter dem vorniiber gebogenen Kopfende des Embryo, bemerkte man
auf beiden Seiten zwei kleine vorstehende Zapfen, von denen die beiden vorderen die gro-
fseren waren, und sich von beiden Seiten gegen einander neigend, in der Mitte unter dem
iibergebogenen Kopfende beriihrten. Dieses sind die ersten sogenannten Kiemen - oder
Visceral- oder Schlundbogen, und die zwischen ihnen befmdlichen Spalten die Kie-
men- oder Visceral- oder Schlundspalten

Es ist mir nicht moglich, hier auf die in Deutschland entstandene und ausgebildete
Lehre von diesen Kiemen- oder Visceralbogen der Embryonen einzugehen, und ich begniige
mich, in dieser Hinsicht auf meine Entwicklungsgeschichte der Saugethiere und des Men-
schen hinzuweisen, S. 400. Ich will nur bemerken, dass man in Frankreich diese Lehre
entweder nicht beachtet, oder falsch verstanden hat. Wenn namlich gleich der beriihmte
J. Fr. Meek el einst die Ansicht aussprach, dass vielleicht die Embryonen hoherer Thiere
und des Menschen in friiher Zeit, wo sie niederen Thieren ahnlich gebildet seien, auch
vielleicht statt durch Lungen durch Kiemen athmeten; wenn gleich Rathke, als er spater
die betreffenden Bildungen bei Saugethier- und Vogelembryonen entdeckte, sie wegen ih-
rer vollkommen gleichen Lage und Beziehung zu dem Gefafssysteme wie die Kiemenbogen
bei den Fischen, auch hier Kiemenbogen nannte: so ist es doch, seit man dieselben wirk-
lich entdeckt hat, in Deutschland Niemand eingefallen, diese Gebilde fiir die Alhemorgane
der Embryonen zu halten. Sie tragen nie wirkliche Kiemen, obgleich sie, wie gesagt, die
vollkommen analogen Bildungen der Kiemenbogen der Fische sind. Vielmehr haben die
sehr sorgfaltigen Beobachtungen, welche Rathke, Huschke, v. Baer, J. Miiller, Va-
lentin, Re i chert u. A. iiber diese Gebilde anstellten, auf das Sicherste dargethan, dass
sie mit der Bildung der Gesichts- und Kieferknochen , sowie der Gehorknochelchen , des
aufseren Gehorgangs und der Eustachischen Rohre in nachster Beziehung stehen und, kurz
gesagt, diejenigen Gebilde sind, welche die zu dem Kopfe gehongen Eingeweide oder Vi-
sceralhohle, namlich Mund und Schlund, auf gleiche Weise einschliefsen, wie die Rippen
die Eingeweidehohle der Brust und die Bauchmuskeln die des Bauches, weshnlb man sie
auch Kopfrippen genannt hat. Es beruht daher auch ganzlich auf einem Missverstandnisse,
wenn Hr. Serres neuerlichst gegen die Bedeutung und Function dieser sogenannten Kie-
menbogen als Athemorgane des Fotus zu Felde gezogen ist.

Diese Visceralbogen sind urspriinghch auf dem Stadium, auf welchem wir sie hier
entstehen sehen, Streifen sich verdickender Substanz in den Visceralplatten, welche von
dem der Gehirnkapsel der Embryonalanlage entsprechenden Theile ausgehen und hinter
derselben nach unten convergiren. In gleichem Maafse, wie sich in ihnen die Visceralplatten
verdicken, in gleichem Maafse schwindet die zwischen dem vordersten Bogen und der Ge-



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hirnkapsel, und zwischen den einzelnen Bogen liegende Substanz, so dass hier bis in die
Visceralhohle durchdringende Spalten entstehen. Die vorderste dieser Spalten zwischen dem
vorderen Bogen und der Gehirnkapsel bildet den vorderen Eingang in die Visceralhohle
und wird spater, wenn sich alle Theiie urn sie herum ausbilden, zum Munde und zur
Mundhohle. Die iibrigen heifsen Visceralspalten und verwandeln sich zum Theil in blei-
bende Gebilde, zum Theil werden sie wieder durch Substanz ausgefiillt.

Auf dem hier besprochenen Stadium waren nun schon zwei dieser Visceralbogen ent-
wickelt, so dass wir sie also sehr friih, schon bei einem Embryo, der etwa 24 Stunden
alt ist, und sehr schnell hervorbrechen sehen.

Endlich, waren bei diesen Embryonen Herz und Gefafssystem so weit entwickelt, dass
nun der erste Kreislauf des Blutes vollstandig ausgebildet war. Das Herz war noch immer
ein stark S-formig gebogener Kanal. Nacb vorn ging er in zwei Bogen iiber, welche sich
auf jeder Seite wieder in zwei an den Visceralbogen vorbeilaufende Aeste spalteten. Diese
traten, im Bogen an den genannten Visceralbogen vorbeigehend, von beiden Seiten vor der
Wirbelsaule zu einem Stamnie zusammen. Jene Gefafsbogen sind die sogenannten Aorlen-
bogen, der Stamm ist die absteigende Aorta. Diese theilte sich sogleich wieder in zwei
Aeste, welche nun zu beiden Seiten der Wirbelsaule langs der ganzen Lange des Embryo
nach abwarts verliefen. v. Baer nannte diese die unteren Wirbelarterien. Sie schickten
in gleichen Abstanden seitliche Aeste ab, welche aus dem Korper des Embryo hinaus in
die Ebene der Keimblase iibertraten und hier in ein Capillarnetz iibergingen. Diese Aeste
heifsen die Nabelblasenarterien. Aus diesem Capillarnetz sammelte sich das Blut in einem
netzformigen Ringgefafse, welches, im Kreise die beiden Pole des Eies umfassend, dem Embryo
gerade gegeniiber sich der Lange nach an dem Eie hinzog, so dass, wenn man sich das
Ei hier aufgeschnitten und auseinandergelegt denkt, dasselbe einen Kreis um den ganzen
Embryo bilden wiirde. Man hat dieses Gefafs den Sinus oder die Vena terminalis ge-
nannt. Aus ihr und dem Capillarnetze entstehen zwei starkere von vorn und zwei viel
schwachere von hinten gegen den Embryo hintretende Gefafse, die sich auf beiden Seiten
in einen Stamm vereinigen, welcher die Nabelblasen vene heifst. Diese gehen gerade
an der Stelle, bis zu welcher sich der Embryo von der Keimblase mil seinem Kopfe ab-
geschniirt hat, in den Herzkanal iiber und bilden dessen beide unteren Schenkel Das
Blut wird durch die Contractionen des Herzkanales in die Aortenbogen, die absteigende
Aorta, die hinteren Wirbelarterien und durch die Nabelblasenarierien in die Keimblase
heriibergetrieben. Hier geht es theils in die Vena terminalis und mittelbar durch diese,
theils direct durch ein Capillarnetz, in die Nabeiblasenvenen iiber, welche es wieder in das
Herz fiihren

Das peripherische Gefafsnetz ist zu dieser Zeit ganz deutlich in einer eigenen hau-
tigen Lage oder in einem besonderen Blatte, dem Gefafsblatte, ausgebreitet. Dieses
hat seine Lage zwischen dem animalen, jetzt als serose Hiille abgehobenen und mit der
aufseren Eihaut vereinigten, und dem vegetativen Blatte. Es ist und bleibt mit letzterem
immer innig vereinigt, kann aber von demselben getrennt und fur sich dargestellt werden.



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Es war mir bis jetzt nicht mb'glich, seine allmalige Bildung sowie auch die der Gefafse
in ihm genauer zu verfolgen. Doch ist es mir, wie ich oben schon bemerkte, wahrschein-
lich, dass die daselbst bescbriebenen und angegebenen sternfdrmigen Zellen die ersten An-
fange dieses Gefafsblattes und der Gefafse sind. Es entwickelt sich unzweifelhafl aus einer
eigenen Zellenlage zwiscben animalem und vegetativem Blatte, und die Gefafse scbeinen
aus jenen sternfdrmigen Zellen zu entstehen, indem deren Auslaufer auf einander stofsen
und zu einem Systeme von Kanalchen verschmelzen , wie dieses Schwann fur die Ent-
wicklung der Capillargefiifse ermittelt und dargestellt bat (Mikroskop. Unters. S. 182.).
Docb ist es sebr schwer, diese Zellenlage, so lange sie zwischen dem animalen und vegeta-
tiven Blatte liegt, zu erkennen, und fiir sich in ibrer Entwicklung zu verfolgen. Erst
wenn das animale Blatt sich abgehoben und das Blut in den Kanalchen eine rb'thlicbe
Farbe angenommen hat, kann man dieselben bestimmter erkennen, und dann auch die Zel-
lenlage als ein besonderes Blatt unterscheiden. Ob dieses auch innerhalb des Embryo
moglich ist, will ich nicht entscheiden. Doch ist es gewiss, dass sich auch in ihm das
Herz und die Gefafse in derselben Ausbreitung zwischen animalem und vegetativem Blatte
entwickeln, und wenn sich spater der Darmkanal gebildet hat, unterscheidet man an die-
sem zwei Lagen, deren aufsere dem Gefafs-, die innere dem vegetaliven Blatte anzugeho'ren
scheint. Fiir das Genauere in dieser Beziehung erlaubc ich mir abermals auf meine Ent-
wicklungsgeschichte der Saugethiere und des Menschen zu verweisen.

XLVII. u. XL VIII. Am 25sten Juli 1838 und am 7ten Juni 1841 untersuchte ich
zwei Hiindinnen, deren Eier auf ganz gleichem Stadium sich befandcn. Die erste dersel-
ben war, wie ich ziemlich sicher wusste, am 29sten Juni zum ersten und ganz bestimmt
am 2ten Juli zum letzten Male belegt worden; die Eier waren daher 27 Tage alt. Die
zweite Hiindin war ganz bestimmt am 13ten Juni zum ersten und am 20sten zum letzten
Male belegt worden. Am 3ten Juli, also 20 Tage nach der ersten und 13 nach der letz-
ten Begattung, offnete ich ihr den Unterleib. Allein man konnte noch keine Anschwellun-
gen an dem Uterus bemerken und so nahte ich die Wunde wieder zu. Erst am 7ten
Juli, ISachmittags 6 Uhr, konnte ich sie wieder vornehmen und fand jetzt die Anschwel-
lungen des Uterus bereits so grofs, dass ich die Hiindin to'dten liefs. Diese Eier waren
also 25 Tage alt, die Zeiten daher bei beiden Hiindinnen ziemlich iibereinstimmend. Bei
der ersten Hiindin zeigte jedes Horn des Uterus drei Anschwellungen. Auf jeder Seite
enthielt aber ein Ei keine Spur eines Embryo. Vorziiglich bemerkenswerth war es aber,
dass der linke Eierstock nur ein, der rechte vier Corpora lutea zeigte. Es musste also
abermals eine Wanderung der Eier von einer Seite auf die andere stattge-
funden haben und aufserdem ein Zwillingsei vorhanden gewesen sein, genau
so wie in Nro. XLI., XLII. und XLIV.

Die Eier waren ziemlich leicht aus dem Uterus ohne Zerreifsung zu ldsen$ nur gerade
iiber dem Riicken des Embryo erschienen sie wie an dem Uterus angewachsen und die
Losung erfolgte nur unter einer geringen Zerreifsung. Sie waren citronenfdrmig gestaltet
und 8 P. L. lang, 5 P. L. breit (Fig. 38- A.). Aeufserlich waren sie ganz mil Zotten



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bedeckt, welche nur gerade iiber dem Riicken des Embryo und an den beiden Polen des
Eies fehlten. Bei Entfernung der aufseren Eihaut, des Chorions, zeigte es sich, dass das-
selbe in einem Punkte iiber dem Riicken des Embryo mit dem diesen ganz dicht iiber-
ziehenden Amnion in fester Verbindung sland (Fig. 38. B.). Nach dem oben Milgetheilten
geht diese Verbindung aus der vblligen Schliefsung der Amnionfalte und der Abhebung
der serb'sen Hiille und Vereinigung der letzteren mit der aufseren Eihaut hervor. Eben des-
halb adharirte an dieser Stelle auch noch das ganze Ei an dem Uterus und liefs sich
nicht ohne Zerreifsung Ibsen, da hier die Vereinigung der serosen Hiille mit der aufseren
Eihaut noch nicht so weit gediehen war, dass letztere dadurch verstarkt, sich hatte von
dem Uterus losen lassen.

Sodann war es zunachst auffallend, dass der Embryo nicht mehr gerade gestreckt in
der Ebene der aus Gefafs- und vcgetativem Blatte bestehenden zweiten Eiblase lag, son-
dern sich in seinem Kopfende sehr stark vorniiber gebeugt und mit demselben in die
Eiblase hinein gedrangt hatte. Dieser Process erfolgt in der nachsten Zeit immer starker,
und es hat mir viele Miihe gemacht, mich von dem wirklichen Verhaltnisse zu iiberzeugen
obgleich Vorganger, z B. v. Baer, dasselbe schon ganz richtig erkannt batten. Der von
dem Embryo mit seinem Kopfe in die Blase hineingedrangte Theil derselben, ist so voll-
kommen durchsichtig, so fein und so innig mit dem den Kopf gleichfalls iiberziehenden
Amnion vereinigt, dass es unmbglich ist, ihn fiir sich darzustellen und zu erkennen. Oeff-
net man die Blase und betrachtet das Verhaltniss von innen (Fig. 38. D.), so glaubt man
den Kopf ganz nackt in die Blase hineinragen zu sehen. Schon mit Miihe iiberzeugt man
sich, dass er noch von dem Amnion tiberzogen ist, und unmoglich war es mir zu erken-
nen, dass dieser Ueberzug doppelt ist und von der Eiblase und dem Amnion gebildet wird.
Allein in spateren Zeiten, werin der Embryo sich wieder zuriickzieht, wird das Verhaltniss
ganz klar, und man iiberzeugt sich, wie wir sehen werden, bestimmt, dass sein Kopf noch
jenen Ueberzug hatte.


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