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Th. Ludw. Wilh. (Theodor Ludwig Wilhelm) Bischoff.

Entwicklungsgeschichte des hunde-eies online

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Das Verhaltniss des Gefafs- und vegetativen Blattes zum Embryo war im Ganzen
noch wie friiher. Der ganze vordere Theil des Embryo war von ihnen bis zum Eingang
in die \ isceralhbhle oder bis zur Fovea cardiaca abgeschniirt, obgleich er sich sodann mit die-
sem vorderen Ende in sie hereiugedrangt hatte. Auch an dem hinteren Ende war die Ab-
schniirung weiter fortgeschritten, und der hintere oder untere Theil der Visceralhohle dadurch
starker entwickelt. Endlich batten sich auch die Seitenrander des Kbrpers des Embryo,
die Visceralplalten, so von jenen beiden Blattern gelbst, dass sie frei geworden und diese
nun nur noch in der Mitte in der Axe des Kbrpers mit ihm zusammenhingen. Hier an
die "Wirbelsaule befestigt, iingen beide Blatter an, sich einander zu nahern, so dass sie
hier gewissermafsen eine Rinne bildeten, die vorn in den vorderen oder oberen Theil der
Visceralhohle, hinten in den hinteren oder unleren iiberfiihrte (Fig. 38. E.). Diese Rinne
hat v. Baer die Darmrinne genannt, und die sie zunachst begrenzenden Partien des
Gefafs- und vegetativen Blattes die Darmplatten, da sie, wie wir bald sehen werden, zur
Bildung des Darmes verwendet werden.



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Das Centralnerven system des Embryo war noch ungefahr dasselbe geblieben.
Zuvb'rderst also bemerkte man die vordere Him blase, aus welcher zu beiden Seiten die
beiden Augenblasen, bereits vollkommen als solche erkennbar, hervortraten ; doch schien
es, als wenn schon jetzt diese Hirnblase sich in den Seitentheilen iherer vorderen Partie
starker zu entwickeln und dadurch in einen vorderen und hinteren Theil zu scheiden an-
fing. Dieses erfolgt in den nachsten Stadien immer starker. Der vorne immer starker
hervorbrechende Theil wird, wie wir weiter unten sehen werden, zu den Hemispha-
ren. Der hintere Theil, von dem sich der vordere durch starkere Entwicklung immer mehr
trennt, indem er ihn nach und nach iiberwolbt und bedeckt, urnfasst spater die Theile
des dritten Ventrikels, namentlich die Sehhugel. Auf dieses folgte nun die zweite ur-
spriingliche Hirnblase. In ihr war der Kopf stark in einem mehr als rechten "Win-
kel vorniiber oder abwarts gebeugt; sie bildet spater die Vier-Hiigel. Dahinter folgte
die dritte urspriingliche Erweiterung des Medullarrohres, in welcher dasselbe auch
jetzt noch weit offen stand, eine rhombische Figur bildend, die mil ihrem spitzesten nach
hinten gerichteten \Vinkel in das Riickenmark uberging. An dieser Stelie war der Em-
bryo wieder stark in einem mehr als rechten Winkel vorniiber gebeugt, wodurch er
mit dem ganzen vorderen Korperende in die von Gefafs- und vegetativem Blatte gebil-
dete Blasse eingedrangt war. Diese Umbiegungsstelle ist unter dem Namen der
Nackenbeuge oder des Nackenhockers bekannt. Die dem Sinus rhomboidalis der
Vogel entsprechende hintere Erweiterung des Medullarrohres war schon fast ganz ver-
schwunden. Zu beiden Seiten des Riickenmarkes hatte sich die Zahl der Wirbel bedeu-
tend vermehrt.

Die Bildung des Herzens und Gefafssystems war noch ungefa'hr dieselbe wie auf dem
vorigen Stadium. Der Herzkanal hatte sich nur noch starker in sich selbst S-fdrmig zu-
sammengekrummt. Das peripherische Gefafssystem (Fig. 38. B. u. C.) und der Sinus ter-
minalis waren starker ausgebildet; die Gefafse mit rothem Blute gefiillt.

An diesen Embryonen waren ferner vorn an dem Kopfende drei durch Spalten von
einander getrennte Kiemen oder Visceralbogen in von vorn abnehmender Grbfse hervorge-
brochen. An ihrer inneren Seite gingen drei Aortenbogen vorbei, welche sich weiter nach
hinten unter der \Yirbelsaule zu einem Stamme vereinigten, der sich bald wieder in die
beiden hinteren \Virbelarterien theilte.

XLIX. Am llten September 1843 machte ich eine Beobachtung, welche mehrere
der bisher beschriebenen Stadien in einer continuirlichen Reihe zeigte, und deshalb von
besonderem Interesse ist.

Eine kleine Spitzhundin hatte sich seit Mittwoch, am 23sten August, bis Moritag, am
28sten, alle Tage, dann aber nicht mehr belegen lassen. Am llten September war sie
also 14 Tage seit der letzten Begattung trachtig, und ich schnitt ihr nun Morgens 6 J / 2
Uhr aus dem linken Uterus ein Stuck mit dem in ihm enthaltenen Eie aus. Letzleres bil-
dete schon eine ganz ansehnliche Anschwellung an dem Uterus. Als ich denselben aber
6'ffnete, zerrissen, trotz der grb'fsten Sorgfalt, und obgleich ich unter Wasser praparirte,



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dennoch sammtliche Eihaute, die so zart waren, dass man fast nichts von ihnen wahrnahm.
Ich hatte sehr grofse Miihe, den Embryo, auch dies Mai mit seiner Langenaxe in der
Queraxe des Eies liegend, aufzufmden; doch gliickte es mir, ihn ganz unverletzt mit der
ihn zunachst umgebenden Partie der Eihaute herauszubringen. Auf ein Glasplattchen ge-
bracht, war er gegen 2 P. L. lang. Das Kopfende war schon von den Eihauten abge-
schniirt und, wie es schien, selbst schon von der Amnionfalte bedeckt gewesen, obgleich
diese zerrissen war. Die Primitivrinne war geschlossen und ebenso das Medulla rrohr.
Vorne waren die drei Hirnzellen gebildet und zu beiden Seiten schon gegen 10 Wirbel
angelegt. Das Gefafsblatt hatte sich einige Linien weit rund um den Embryo herum im
Kreise ausgedehnt, und ich erkannte seine Grenzen so genau, wie selten vorher. In ihm
waren die Inseln und Piinnen des peripherischen Gefafsnetzes schon deutlich entwickelt und
die Rinnen enthielten primitive noch nicht gefarbte Blutzellen. Der Herzkanal war auch
schon gebildet, ja schon ziemlich stark gebogen und contrahirte sich noch bis 11 Uhr
rhythmisch in langen Pausen, obgleich der Embryo in kalter Fliissigkeit lag. Durch seine
Contractionen sah ich auch die Blutzellen sich selbst innerhalb des Embryo bewegen. Diese
ausdauernde contractile Thatigkeit war um so Staunen erregender, da der Herzkanal fast
noch aus primaren Zellen bestand, die kaum sich in Fasern auszudehnen anfingen. Es
war mir sehr angenehm, dass Hr. Dr. C. Vogt aus Neuchatel, als Embryologe allgemein
bekannt, bei dieser merkwiirdigen Beobachtung als Zeuge zugegen war. Das vegetative
Blatt der Keimblase, welches an der Bauchflache des Embryo glatt anlag und sich nur
vorn in die sich bildende Visceralhohle mit hineinzog, bestand aus verschmolzenen Zellen,
in denen sich im frischen Zustande keine Kerne erkennen liefsen. Die Membran erschien
unter dem Mikroskope wie aus dunkelen rundlich eckigen Flecken und dazwischen verlau-
fenden hellen Gangen zusammengesetzt. Das Gefafsblatt bestand aus dicbt auf einander
liegenden verschieden grofsen, das Licht wie Fettblaschen stark brechenden Blaschen, in
denen nur selten ein Kern zu erkennen war.

Abends 6y 2 Uhr, also nach 12 Stunden, schnitt ich dieser Hiindin ein zweites Stuck
des linkeri Uterus mit einem Eie aus, welches bereits eine ansehnlich starkere Anschwellung
bildete. Ich konnte es erst am andern Morgen untersuchen, und unterstiitzt durch die
beginnende Maceration und den Nachlass der Turgescenz, gelang es mir, dieses Ei unver-
letzt mit der aufseren Eihaut herauszubringen. Der Embryo lag an der Mesenterialseite
des Uterus, schief mit seiner Langenaxe in der Queraxe des Uterus, war schon ein wenig
vorniiber gebogen und gegen 2 3 / 4 P. L. lang. Die aufsere Eihaut war, wie ich unter dem
Mikroskope ganz bestimmt an ihrer eigenthumlichen Beschaffenheit erkannte, noch immer
die Zona pellucida ; ich konnte sie von den anderen Eihauten trennen , bemerkte aber
auf ihr keine Spur von Zotten, die ich erwartet hatte. Die iibrigen Eihaute waren
aus Zellen zusammengesetzt, in denen jetzt, riach langerem Liegen im Wasser, auch
die Kerne mit Kernkorperchen deutlich zu erkennen waren. Leider verungliickte mir
das Ei, als ich eben den Embryo genauer untersuchen wollte, doch erkannte ich
noch, dass das Herz ein noch wenig gebogener Kanal war, der, sowie auch die

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Gefafse noch keine rothen Blutzellen enthielt. Das Amnion schien noch nicht geschlos-
sen zu sein.

Ich hatte an diesem Morgen, um 6 ! / 2 Uhr, also abermals nach 12 Stunden ein drit-
les Stiick Uterus rait einem Eie aus der rechten Seite ausgeschnitten, welches ich nun so-
gleich ebenfalls untersuchte. Das Ei war abermals deutlich gewachsen; allein es gelang
mir nicht, es unverletzt aus dem Uterus herauszubringen. Es zerriss, als ich diesen an
seiner Mesenterialseite 6'ffnete. Da der Embryo aber an der entgegengesetzten Seite lag,
so gliickte es mir, ihn mit den ihn umgebenden Eihauten bis an seinen Riicken hin zu losen,
wo er mit dem Uterus verwachsen zu sein schien, und sich nur unter Zerreifsung trennen
liefs. Da der Embryo bereits ganz in sein Amnion eingeschlossen war, welches letztere
eben iiber seinem Riicken an den Uterus an einem Punkte wie festgewachsen schien, so
war hier das Stadium vorhanden, wo die Zona sich mit dem peripherischen Theile des
animalen Blattes nach Bildung des Amnions an den Uterus dicht angelegt hat, jener Theil
des animalen Blattes aber noch mit dem Amnion in Verbindung steht. Der Embryo

war gestreckt 3 P. L. lang, in seiner natiirlichen Lage aber schon sehr stark mit seinem
Kopfende vorniiber und in die vom vegetativen und Gefafsblatt gebildete Blase hineinge-
drangt. Von den Hirnblasen hatte sich die vorderste schon in Vorder- und Zwischenhirn
zu scheiden angefangen. Das Auge war schon stark von letzterem abgeschniirt, allein noch
eine hohle mit der Hirnhohle in Verbindung stehende Blase. Daher zeigte es, von vorn
angesehen, einen sehr hellen Mittelpunkt. Dieser ist aber nicht etwa die Linse, von der
noch keine Spur vorhanden war, sondern wird nur durch das Durchscheinen der Hirn-
hb'hle hervorgebracht. Auch das Ohrblaschen war vorhanden, allein kein Zusammenhang
desselben mit dem Hinterhirn zu entdecken. Der Herzkanal war stark S-formig gebogen;
das Gefafsblatt hatte sich fast iiber das ganze vegetative Blatt ausgedehnt. Die Gefafse
enthielten rothes Blut, aber noch deutliche Zellen mit einem Kerne. Der vordere Theil der
Visceralhohle war in dem vorniiber nach unten gebogenen vorderen Theile des Embryo
schon stark entwickelt, auch waren schon zwei Visceralbogen hervorgebrochen. Auch das
hintere Ende des Embryo war bereits etwas von der Keimblase abgeschniirt; vom Darmrohre
aber, von der Allantois oder den Wolff'schen Korpern war noch keine Spur vorhanden.

Am Abend desselben Tages, 6 l / 2 Uhr, wurde endlich das vierte und, wie es schien,
letzte Ei mit dem entsprechenden Stiicke des Uterus ausgeschnitten , welches abermals an-
sehnlich grofser geworden war. Ich musste seine Untersuchung auf den folgenden Tag
versparen. Allein es gelang doch nicht, es ganz unverletzt aus dem Uterus herauszu-
bringen, sondern die deutlich mit Zotten besetzte aufsere Eihaut blieb theilweise an
dem Uterus, theilweise auf der von Gefafs- und vegetativem Blatte gebildeten Blase
sitzen, welche letztere indessen unversehrt und geschlossen blieb. Ich untersuchte zuerst
die Zotten, die friihesten, welche ich nach dem friiher beschriebenen ersten Erscheinen der-
selben auf der Zona gesehen hatte. Sie bildeten uriregelmafsige conische Zapfen, die aus
dicht gedrangten und verschieden grofsen hellen Blaschen, den Fettblaschen sehr ahnlich,
bestanden, in welchen ich keinen Kern erkennen konnte (Fig. 38. H. u. I.). Wenn sie, auf



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einem Glasplattchen liegend, unter dem Mikroskope betrachtet wurden, so markirten sie
sich immer mil dunkelem doppelten Hande und hellerer Mitte, so wie friiher die ersten
Anfange auf der Zona. Um die beiden Pole des Eies herum zogen sich bereits ein Paar
schmale, schmutzig rothgriine Zonen, die spater dem Hundeei ein so ausgezeichnetes An-
sehen geben. Die rothgriine Masse derselben bestand aus unregelmafsig braunrothen
Kornchen (veranderten Blutzellen?). Das Amnion war ganz geschlossen und von der sero-
sen Hiille abgetrennt. Der Embryo war stark gekriimmt und mil seinem vorderen Ende
in die von Gefafs- und vegetativem Blatte gebildete Blase eingedrangt. Ausgestreckt war
er 4 P. L. lang. Das Centralnervensystem und die Kreislaufsorgane waren verhaltniss-
mafsig weiter fortgeschritten. Ebenso war der vordere Theil der Visceralhb'hle noch mehr
ausgebildet, allein der Darmkanal als solcher noch ebenso wenig wie die Allantois oder
Wolff schen Korper entwickelt. Dagegen waren jetzt drei Visceralbogen hervorgebrochen.
Besonders genau beschaftigte ich mich mit dem Bau der sich eben entwickelnden Placenta,
woriiber ich indessen weiter unten berichten werde.

Die Hiindin, von welcher Jch diese vier Eier in 36 Stunden entnahm, genas nach
dieser Operation sehr bald vollkommen. Allein nach fiinf Wochen, wahrend welcher Zeit
man ihr nichts angemerkt hatte, erkrankte sie und crepirte, wie die Section zeigte, an einer
sehr heftigen Peritonitis.

L. Am 18ten November 1842, Morgens 8 Uhr, schnitt ich einer Hiindin, welche
seit 14 Thgen belegt sein sollte, ein Stuck des linken Uterus mit einem Eie aus. Sie war
aber sicher schon la'nger trachtig; denn die Eier bildeten schon ansehnliche Anschwellun-
gen an dem Uterus, und das Ei und der Embryo waren fast genau auf demselben Sta-
dium, wie die zuletzt beschriebenen. Am hinteren Ende des Embryo war es indessen vorzugs-
weise zu bemerken, dass er schon etwas weiter entwickelt war. Bei genauerer Untersuchung
desselben zeigte es sich namlich, dass dieses hintere Korperende sich nicht nur vom Gefa'fs-
und vegetativen Blatte bereits mehr isolirt halte, sondern dass die letzteren sich auch hier
schon so vereinigt hatten, dass sie ein in dem hinteren Ende des Embryo blind endigendes
kurzes Rohr bildeten (Fig. 39.). Dieses Kohr ist das Endstiick des Darmes, der End-
da rm, und es entsteht dadurch, dass sich Gefafs- und vegetatives Blatt, welche an der
Wirbelsaule angeheftet sind, von beiden Seiten gegen einander neigen, und erst, wie auf
dem vorigen Stadium, eine Rinne, dann durch Vereinigung der Rander dieser Rinne ein
Rohr bilden. Die Vereinigung erfolgt von vorn und von hinten gegen die Mitte fortschrei-
tend. Die vordere Vereinigung und die dadurch bewirkte Bildung des Anfangstheiles des
Darmes, die hochst wahrscheinlich auch bei diesen Embryonen schon erfolgt war, gelang
es mir nicht, zu Gesicht zu bekommen, da dieser Theil von dem Herzen und der unteren
Wand der Visceralhohle zu sehr bedeckt wird, eine Preparation aber bei einem so zarten
und kleinen Embryo noch nicht ausfuhrbar war. Das hintere Ende des gebildeten
Darmes aber war leichter zu beobachten.

Die Bildung des Darmes aus dem vegetativen und Gefa'fsblattc der Keimhaut des Vo-
geleies hat bekanntlich zuerst C. F. Wolff entdeckt und beschrieben (De formatione in-

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testinorum. Nov. Act. Petropol. Tom. XII. et XIII.). Sie wurde von mehreren deutschen
Beobachtern spater bestatigt und noch genauer ermittelt, namentlich von v. Baer. Es
ergab sich, dass die Bildung des Darmes auch bei den Saugethieren ebenso erfolgt, und
ich habe dies auf das Vollkommenste bestatigt gefunden. Ich erlaube mir auch in dieser
Beziehung auf meine Entwicklungsgeschichte der Saugethiere und des Menschen S. 293. zu
verweisen, und bemerke hier nur einstweilen, dass, wie sich auch noch weiter beim Hunde
zeigen wird, durch die Bildung des Darmes im Embryo, die vom Gefa'fs- und vegetativen
Blatte der Keimblase gebildete Blase sich in die sogenannte Nabelblase umwandelt. Man
driickt dieses gewohnlich so aus: Dass sich der Darm aus der Nabelblase bilde. Allein
es verhalt sich vielmehr umgekehrt; die Bildung des Darmes bedingt die Umwandlung der
friiheren, vom Gefa'fs- und vegetativen Blatte gebildeten Blase in die Nabelblase. Auf dem
hier betrachteten Stadium hatle dieser Process eben angefangen. Das Endstiick und hochst
wahrscheinlich auch das Anfangsstiick des Darmes waren eben gebildet, wahrend die ganze
Mitte noch eine nach der Bauchseite offene Rinne darsfellte, deren Bander eben in die Na-
belblase iibergingen.

An dem hinteren Ende des Embryo hatten sich aber noch weitere Gebilde zu ent-
wickeln angefangen. Zunachst hatte sich dieses hintere Ende in eine rundliche Spitze aus-
zuziehen begonnen, die Schwanzspitze. Dann aber bemerkte ich hier an diesem Ende
unten zwei schwache hiigelige Hervorragungen (Fig. 39. A.), von welchen ich die Ue-
berzeugung habe, dass sie der erste Anfang der unter dem Namen der Allantois bekann-
ten Eiblase waren. Hierfur spricht das nachste Stadium, wo diese Hu'gel sich schon deut-
lich zu dieser Blase zu gestalten angefangen hatten. Ich glaube, dass Niemand bisher bei
Saugethieren die Bildung dieser Blase so fru'h gesehen hat, als ich. Hr. Coste z. B. hat
sie nur spater gesehen, und Embryogenie p. 411 sagt er: "La genese de cette vesicule chez
le chien est encore a faire. Ueber ihre Entwicklungsweise sind iiberhaupt die Beobachter
nicht einig. v. Baer, Piathke, Valentin u. A. halten sie fur eine von Anfang an hohle
Ausstiilpung aus dem Endstiicke des Darmes. Hr. Coste halt sie fiir eine unmittelbare
Entwicklung der Keimblase, an deren Bildung die Lagen dieser Keimblase alle Theil neh-
nehmen (Embryogenie p. 114 u. 135), und hat diese seine Ansicht durch schematische
Abbildungen versinnlicht, glaubt also auch, dass sie von Anfang an hohl sei. Hr. Dr.
Rei chert hat iiber ihre erste Bildung beim Hiihnchen eine ganz andere Lehre aufgestellt
(Entwicklungsleben S. 186.). Nach ihm ist der erste Keim zur Allantois d op pelt, und
sie entsteht anfangs als zwei von dem hinteren Korperende des Embryo sich entwickelnde
solide Zellenmassen, die mit dem Ausfiihrungsgange der Wolff'schen Kb'rper in Verbin-
dung stehen.

Ich bin in meinen beiden friiheren Schriften dieser letzten Angabe nur insofern bei-
getreten, als ich ebenfalls die Allantois anfangs nicht hohl, sondern aus einer Zellenmasse
bestehend fand, die sich freilich sehr schnell zu einer Blase entwickelt. Dagegen konnte
ich weder den doppellen Ursprung, noch die anfangliche Verbindung mit den Wolff-
schen Korpern bestatigen, und leugnete letztere geradezu, weil ich den Anfang der Allan-



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tois vor dem Anfang der Wolff'chen Korper gesehen zu haben glaubte (Entwicklungs-
geschichle des Kanincheneies S. 127.). Beides muss ich nach diesen spateren Untersuchun-
gen wenigstens fiir den Hund widerrufen. Ich glaube mich sowohl auf diesem als auf
dem nachsten Stadium iiberzeugt zu haben, dass die erste Anlage fiir die Allantois wirk-
lich doppelt ist. Ferner waren hier, wo die Allantois zuerst hervorkam, auch die
Wolffschen Korper schon vorhanden. Ohne weitere Preparation war freilich nichts von
ihnen zu sehen. Nachdem ich aber den Embryo in der Mitte seines Kbrpers quer durch-
geschnitten hatte, und nun unter der Loupe das Gefafs- und vegetative Blatt von ihrer
Anheftung an der Wirbelsaule trennte und nach dem Schwanzende zuriickschlug, erkannte ich
an diesen Blattern angeheftet zwei sich von beiden Seiten von den Wirbelplattchen ablosende
schmale Streifen, in welchen bei hinl;inglicher Vergrbfserung und durchfallendem Lichte
die zarten Schlauche der \Volffschen Korper auf das Deutlichste zu erkennen waren (Fig.
39. B.). Zwischen ihnen befand sich eine Vertiefung, welche dem runden Riickenmarke
entsprach. Wie sie sich zu den beiden eben hervorbrechenden Hiigeln der Allan-
tois verhielten, konnte ich nicht herausbringen. Da sie nun aber gleichzeitig mit die-
sen vorhanden sind, so ist es mb'glich, dass sie oder ihr Ausfiihrungsgang schon von An-
fang an mit der Allantois in Verbindung stehen, und ich widerrufe daher meinen friiheren
Widerspruch fiir den Hund. Ueberhaupt ist mir das Verhaltniss der Allantois auch jetzt
noch nicht klar. Nur so viel ist gewiss, sie oder ihre ersten Rudimente sind anfangs
keine hohle Ausstiilpung aus dem Darme, noch aus der Keimblase unmittelbar, wie Hr.
Coste sagt. Sie steht ferner sogleich mit der Kbrperwand in Verbindung, wird dann
erst hohl, und dabei entwickelt sich auch ihre offene Verbindung mit dem Darme.

Riicksichtlich der Wolff'chen Korper verweise ich wiederum auf meine Entwick-
lungsgeschichte der Saugethiere und des Menschen S. 340. Wir sehen nur hier, sie ent-
stehen sehr friih als ein Paar Streifen Blastem zu beiden Seiten unter der Wirbelsaule
langs dem ganzen hinteren Endes des Embryo bis zum Herzen. In diesern Blastem mar-
kiren sich sehr friih kleine blinde Schlauche, die mit einem an der aufseren Seite ver-
laufenden Kanale als Ausfiihrungsgang in Verbindung stehen, welcher letztere spater deut-
lich in die hohle Allantois miindet. Ihr Blastem bleibt, wenn man das vegetative und
Gefafsblatt von der Wirbelsaule trennt, an letzterem sitzen. Es scheint daher, dass es von
diesem, dem Gefafsblatte, ausgeht.

An demselben Tage, Abends 8 Uhr, also nach 12 Stunden, schnitt ich derselben
Hiindin ein zweites Stiick Uterus mit einem Eie aus. Der Embryo war weiter entwickelf
und befand sich auf dem Stadium, welches v. Baer in seiner Epistola p. 2. so vortrefflich
geschildert und gut abgebildet hat. Sein oberer Korpertheil war noch starker vorniiber
gebeugt, und in die vom Gefafs- und vegetativen Blatte gebildete Blase (Nabelblase) ein-
gedrangt, als bei den friiheren Embryonen. Das hintere Kb'rperende fmg an, sich etwas
nach links um seine Axe zu drehen. Aus ihm trat die freilich noch sehr kleine, aber
doch schon als Blase entwickelte Allantois hervor (Fig. 40. A.). Sie stand jetzt offen-
bar mit dem Darme und dessen Hohle in Zusammenhang, zugleich aber auch mit



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den unteren Korperwandungen. Sie trug offenbar noch die Spuren der Verschmel-
zung aus zwei Halften an sich, indem sowohl ihr hochster freier Rand in der Mitte etwas
concav eingebogen war, als auch an ihrer hinteren \Vand, wenn man die Blase gegen den
Kopf beugte, eine rhombische, in ihre und die Darmhohle fiihrende Spalte bemerklich war,
welche ich ebenfalls als Ueberrest der friiheren Trennung beider Halften betrachte. Dass
diese Oeffnung nicht der After war, beweiset ihr Verschwinden auf dem nachsten Stadium.
Wurde die Allantois umgekehrt nach hinten zuriickgeschlagen (Fig. 40. B.), so sah man
ganz deutlich, wie die zu beiden Seiten langs der Darmrinne und dem Darme herablau-
fenden hinteren Wirbelarterien sich mil ihren Endzweigen, den zukiinftigen Nabelarterien,
auf der Allantois verzweigten, und durch ein Netz von Capillargefafsen in ein Paar Venen
iibergingen, welche langs den beiden Seitenrandern des Korpers des Embryo, also in
den Visceralrandern, nach vorn verliefen. Piathke hat diese Venen die Cardi naive
nen genannt, und sie fiihren anfangs alles Blut der unteren Korperhalfte in das Herz zu-
riick (S. meine Enlwicklungsgeschichte der Saugethiere und des Menschen S. 263.). Die
Wolff schen Korper waren wie am Morgen gebildet.

Die Schliefsung der Darmrinne war von hinten nach vorn etwas weiter fortgeschritten,
doch stand sie in der Mitte noch weit offen. Das vordere Korperende verhielt sich noch
ziemlich wie friiher. Das Herz war stark S-formig zusammengekriimmt und einzelne
Stellen des Kanals fingen an, sich starker zur Bildung der Kammern und Herzohren zu
erweitern. Drei Aortenbogen traten auf jeder Seite aus dem Aortenstamme langs der drei
Visceralbogen vorbei. Der vorderste der letzteren hatte an seiner Wurzel, wo er von den
Seitentheilen der Schadelkapsel entsprang, einen langs dem vorderen unteren freien Rande
der Schadelkapsel hingehenden Fortsatz hervorzutreiben angefangen, aus welchem die Ober-
kiefer, Jochbeine, Gaumenbeine und Fliigelfortsatze entstehen. Him, Auge und Ohr werde
ich auf dem nachsten Stadium genauer beschreiben.

Am andern Morgen namlich, urn 8 Uhr, also abermals nach 12 Stunden, liefs ich
diese Hiindin todten. Es fanden sich noch fiinf Eier. Bei zweien derselben war der
Embryo pathologisch verandert durch W^asseransammlung. Die drei anderen waren nor-
mal und der Embryo abermals einen Schritt weiter gebildet.

Die Eier (Fig. 41. A.) liefsen sich nach einiger Zeit ziemlich leicht unverletzt aus dem
Uterus herausschalen. Sie waren citronenformig gestaltet, 9 P. L. lang P. L. breit
Ihre aufsere Hiille bildete das Chorion, ganz mit Zotten besetat, mil Ausnahme der
beiden Pole des Eies, welche wie durch einen Ring von dem iibrigen Eie abgeschniirt
waren. Nachdem das Chorion vorsichtig iiber dem Embryo entfemt war, an dessen
Rucken es nicht mehr befestigt war, kam derselbe, jetzt halb auf, halb in der vom
Gefafs- und vegetativen Blatte gebildeten Blase (Nabelblase) liegend, zum Vorschein. Sein
vorderer Korpertheil war stark vorniiber gekrtimmt und in die Nabelblase hineingedrangt
Der hintere lag mehr auf der Nabelblase, den Rucken wie immer nach oben, das hintere
Korperende stark nach rechts urn seine Langenaxe spiralformig gedreht. Aus demselben
kam die kleine runde Allantois hervor und hatte sich bereits an das Chorion angelegt.



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Ungefahr in der Mitte des Korpers des Embryo (Fig. 41. B.), an der Stelle, bis zu welcher
er sich in die Nabelblase eingedrangt hatte, waren die beiden vorderen Extremitaten als ein


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