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Th. Ludw. Wilh. (Theodor Ludwig Wilhelm) Bischoff.

Entwicklungsgeschichte des hunde-eies online

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dasselbe daher nach seinem Entdecker das Purkinje'sche Blase hen genannt. v. Baer
konnte ein solches in dem von ihm entdeckten Saugethiereie nicht fmden, und daher riihrt
seine verfehlte Interpretation sowohl des ganzen Eichens, als seiner einzelner Theile. Er gerieth in
Zweifel, ob nicht das ganze Eichen dem Purkin je'schen Blaschen anderer Eier entspreche.
Indessen kann man nachweisen, dass v. Baer dennoch das Keimblaschen gesehen, obgleich
nicht als solches erkannt hat. In dem Commentare zu seiner Epistola in Heu singer's
Zeitschrift fur organische Physik. Bd. II. S. 138. sagt er namlich: ,,Das Eichen (des Hun-
des) besteht aus einer dunklen, grofskbrnigen , kugelfbrmigen Masse, welche solide scheint,
bei der genauesten Untersuchung indessen eine kleine Hbhlung erkennen lasst." Gerade
so erscheint nun aber das Keimblaschen, wenn es iiberhaupt in dem ungeoffneten Eie
erkennbar ist, und nicht viel genauer beschrieb und bildete Hr. Coste dasselbe ab (Re-
cherches etc. p. 28, Fig. 2. b.), welcher iibrigens allgemein als erster Entdecker desselben
bei dem Kanincheneie betrachtet wird, und sich auch in der That zuerst bestimmt fur
dessen allgemeine Existenz in dem Saugethiereie aussprach. Dennoch ist es gewiss, dass
Hr. \Vbarton Jones dasselbe gleichzeitig und unabhangig, aufserdem aber noch viel
bestimmter und sicherer als Hr. Coste entdeckte und beschrieb, da er dasselbe durch Erbffnen
des Eies isolirt fur sich darstellte. Lond. and Edinb. philos. Mag. 1835. Vol. VII. p. 209.

Dieses Purkinje'sche Blaschen (Fig. 3. a) auch Keimblaschen oder Keimzelle
genannt, fand ich bei dem Hunde ziemlich constant 0,0015 P. Z. = V 50 P. L. grofs. Es
ist wasserhell und ausferst zart, obgleich nicht so verganglich als Hr. Coste dieses friiher
behauptet hat. Ich habe es oft noch 48, 62 und mehr Stunden nach dem Tode des Thieres
aus den Eiern dargestellt. Da der Dotter des Hundes sehr dicht und dunkel ist, so kann
man dasselbe gewb'hnlich nicht bei einfacher mikroskopischer Untersuchung des Eichens
erkennen, sondern man muss entweder einen gelinden Druck auf das Eichen anwenden,
wo es denn oft als ein heller Fleck in dem dunkeln Dotter undeutlich zum Vorscheine
kommt, oder man sprengt das Eichen vorsichtig mittelst des Compressoriums, oder noch
besser b'ffnet man dasselbe unter einer starken Loupe mit einer feinen Nadel. Dann fliefsen
die Dotterkbrnchen in der Pvegel aus der Zona heraus und mit ihnen das Keimblaschen,
wie ich dieses Fig. 3. dargestellt habe, und man kann es nun isolirt fiir sich genau unter-
suchen. Riicksichtlich seiner Lage im Dotter ist zu bemerken, dass es bei unreifen Eiern
mehr im Centrum derselben, bei reifen an der Peripherie liegt. Dasselbe fehlt nie, wenn
es auch nicht immer gelingt, es darzustellen , und muss ich Hrn Coste bestimmt wider-
sprechen, wenn derselbe neuerdings (L'Institut. 1842.) aus dessen bfterem Fehlen des-
sen geringere Wichtigkeit fiir die Entwicklung hat nachweisen wollen. Ueber seine
Bedeutung und Bestimmung werde ich indessen erst weiter unten mich auszusprechen
Gelegenheit fmden.



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\ 7 Venn man das isolirte Keimblaschen unter einem guten Mikroskope bei starker Ver-
grofserung genau betrachtet, so fmdet man an demselben an einer Stelle seiner innern
Flache eineri kleinen Flecken, ungefahr 0,0004 P. Z = V 200 P. L. = V 91 Millim. grofs.
Dieser Fleck wurde von R. Wagner (Miiller's Archiv. 1835, S. 378.) und Wharton
Jones (1. c.) entdeckt, und Keimfleck oder Keimkern, Macula s. Nucleus germinativus
genannt. Auch er fmdet sich allgemein in dem Keimblaschen aller Thiere; ist aber oft
mehrfach vorbanden, und gerade dann stellt 6'fter jeder deutlich ein Blaschen dar. Ich
babe diese Verhaltnisse in meiner Entwicklungsgeschichte des Kanincbeneies ausfuhrlich
besprochen. Dr. Barry bat die Behauptung aufgestellt (Pbilos. Transact. 1840, p. 546
u. 590.), dass der Keimfleck aucb bei Saugethieren ein Blaschen oder eine Zelle, und
selbst scbon wieder mil Schichten kleinerer Zellen, und diese wieder mit Keimen zu noch
jiingeren Zellen angefiillt sei. C. Vogt, welcher die mehriachen Keimflecke des Keim-
blaschens des Eies von Alytes obstetricans und der Palee bestimmt fiir Zellen erklart, stellt
ebenfalls die Vermuthung auf, dass auch der einfache Keimfleck anderer Thiere vielleicbt
ein Aggregat sehr kleiner Zellen sei (Untersuchungen iiber die Entwicklung der Geburts-
helferkrote. Solothurn 1841, S. 12.). Dieser Ansicht ist neuerdings auch Kolliker beige -
treten, indem er iiberhaupt alle Kerne fur Blaschen erklart (Schleiden's und Nageli's
Zeitschrift 1845, S. 46.). Ein Feind aller nicht auf unzweifelhafte Beobachtungen gegriin-
deten Interpretationen und Verallgemeinerungen, muss ich mich gegen diese Ansicht erkla-
ren. Auch bei einer 1300maligen Vergrofserung eines guten Instrumentes von Ober-
h a user, kann ich an dem Keimflecke des Keimblaschens des Hundeeies wie anderer
Saugethiereier nur eine schwach granulirte Beschaffenheit erkennen, und muss denselben
daher ein Kornchen und nicht ein Blaschen nennen, selbst wenn es sogar richtig ist, dass
Kerne zuweilen Blaschen sind, oder richtiger gesagt, Blaschen zuweilen die Rolle von Kernen
spielen, wovon spater noch die Rede sein wird.

Nach dieser Beschaffenheit des unbefruchteten Eierstockeies des Hundes, welche mit
der des Eies aller anderen Saugethiere wesentlich iibereinstimmt, finde ich nun, dass das-
selbe auch iiberhaupt mit den Eiern aller Thiere an ihrer urspriinglichen Bildungsstatte
aus denselben Theilen zusammengesetzt ist. Alle bestehen aus einem Dotter und einer
diesen umschliefsenden Dotterhaut; in dem Dotter befmdet sich das Keimblaschen mit dem
Keimfleck. Nur seine relative Grofse sowie seine Bildungs- und Einlagerungsstatte in
dem Eierstocke, seine Theca und Stroma, wie sie v. Baer genannt, sind eigenthiimlich.
Wahrend der Dotter der eierlegenden Thiere aufser dem Materiale zur ersten Anlage des
Embryo meistens auch noch das Material zu dessen weiterer Ausbildung und Entwicklung
wahrend des ganzen Fotuslebens enthalt, bildet der Dotter des Saugethiereies nur das
Material zur ersten Ernbryonalanlage. Das zu seiner weitern Entwicklung Nothige wird
wahrend dieser Zeit fortwahrend von der Mutter geliefert. Daher konnte das Saugethier-
eichen so klein sein im Verhaltniss zu der Grofse des sich aus ihm entwickelnden Embryo.
Die Einlagerung und Bildung dieses Eichens in dem Graaf'schen Blaschen und wiederum
dieses in dem Eierstock bezieht sich unzweifelhaft eben auf seine aufserste Kleinheit und



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semen Uebergang in den Eileiter bei seiner Loslosung vom Eierstock. Nur in dem Vehi-
kel einer Fliissigkeit konnte ein so kleiner Korper hinreichenden Schutz und Sicherung
finden.

Ueber die histogenetische Bedeutung des Eies habe ich mich, gestutzt aul neue Beob-
achtungen u'ber seine Entwicklung, ausfuhrlich in meiner Entwicklungsgeschichte des Kanin-
cbeneies S. 16. ausgesprochen. Ich kann nicht rail Hrn. Schwann (Mikroskopische Unter-
suchungen iiber die Uebereinstiramung in der Structur und dem ^Vacbsthume der Thiere
und Pflanzen. Berlin 1839, p 46 u. 258.) das Ei fur eine primare Zelle und das Keimblas-
chen fur deren Kern halten. Sondern das Keimblaschen ist in der That eine primare Zelle,
sein Fleck deren Kern und der zuerst gebildete Theil des Eies. Der Dolter und die Dot-
terhaut sind secundare spatere Bildungen, welche sich um diese Zelle entwickeln und abla-
gern. Hierin stimme ich auch mil den Herren Valentin und Henle iiberein.



Zweites Kapitel.



Ueber die Befruchtung und Lostrennung des Hunde-Eies

Eierstock.



Jis 1st bekannt, dass bis vor Kurzem iiber die wichtigsten Fragen in Betreff der
Befruchtung bei Saugethieren noch die grofsten Zweifel herrschten. Man wusste nicht, ob
die Bildung und Losung der Eier von der Begattung abhangig seien oder nicht, ob der
mannliche Saamen dabei irgend eine raaterielle, und welche Rolle spiele, ob derselbe bis
zum Eierstock vordringe und das Ei hier befruchte, oder ob beide sich erst in dem Uterus
oder Eileiter begegneten, ob die Befruchtung im Augenblicke der Begattung oder erst
spater erfolge, welche Veranderungen dabei vielleicht das Ei erfahre, - alle diese Fragen
wurden fiir und gegen beantwortet, da es an sicheren Thatsachen zu ihrer sichern Beant-
wortung fehlte. Die Analogic bei den eierlegenden Thieren und naraentlich bei aufserlicher
Befruchtung, die Versuche von Spallanzani, Prevost und Dumas mil kiinstlicher Be-
fruchtung, die Versuche von Nuck, Haighton, Grafsmeyer und Blundel mit Unter-
bindung der Eileiter, des Uterus und der Scheide, die mikroskopischen Beobachtungen von
Leuwenhoek, Haller, Prevost und Dumas iiber den Saamen in den weiblichen
Genitalien nach der Begattung, waren zwar wichtige Beitrage zu einer richtigen Beantwor-
tung derselben, allein theils wurden dieselben nicht gehorig beachtet und verstanden, theils
liefsen sie dem Zweifel immer noch zu viel Spielraum iiber. Gerade die genauesten dieser
Untersuchungen. die Versuche von Haighton und die von Prevost und Dumas, waren
geeignet, beiderlei Meinungen zuzulassen, so sehr sich auch der vorurtheilsfreie Beurtheiler
durch sie gegen alle mystischen Voraussetzungen gestimmt finden musste. Es war in der
That unmoglich, iiber alle hier einschlagenden Fragen in's Reine zu kommen, so lange
man das Eichen im Eierstocke selbst nicht kannte; und, seit man es kennt, hat Niemand
demselben eine hinreichend sorglaltige und gliickliche Aufmerksamkeit gewidmet.

Ich glaube fiir Jeden, welcher nicht absichtlich lieber im Dunkeln bleiben, als hell
sehen will (und deren giebt es leider auch unter den Naturforschern), in meinen friiheren
Schriften und in dem Folgenden alles Material zur entscheidenden Beantwortung dieser



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Fragen gegeben zu haben und geben zu konnen, bis zu der Grenze, an welcher unser
durch Beobachtung und Erfahrung geleitetes Streben iiberhaupt aufhort, und die unseren
Sinnen nieht mehr zuganglichen Wirkungen beginnen.

Ich babe mich zuerst bemiiht, in Beziebung auf den mannlichen Saamen und seine
Rolle von dem ersten Momente der Begattuug an in's Reine zu kommen. Wir sind hierzu
jetzt, wo wir die Eigenschaften und Bescbaffenheit desselben durch die Arbeiten ausge-
zeichneler Manner, wie Prevost und Dumas, R Wagner, Lallemand, Kblliker
und Andere, kennen, vollkommen vorbereitet, und die in demselben beweglichen Elemente,
die sogenannten Saamenthierchen oder Spermatozoen, geben bei guten Instrumental und
zureichender Vorsicht ein vollig sicheres Mittel an die Hand, denselben an alien Orten
seines Vorkommens mit Leichtigkeit nacbzuweisen. Icb will nur nocb zum Voraus bemer-
ken, dass ich dieselben nicht fur Tbiere, sondern nur fur bewegliche Elemente, gleich den
schwingenden Cilien an der Oberflache so vieler Thiere und Organe zu halten vermag,
und fiir sie die Benennung Sperm atozoiden, welche Hr. Duvernoy (Dictionnaire univ.
d'hist. nat. T. I. p. 526. Note.) vorgescblagen hat, am passendsten finde.

Obgleich ich es immer fur wichtig hieli, zu ermitteln, bis wohin der Saamen sogleich
bei der Begattuiig gelangt, so bin ich doch erst spat dazu gekommen, fur diese Frage ein
Thier zu erbalten und zu opfern. Leuwenhoek untersuchte ein Kaninchen sogleich nach
dem dreimal vollzogenen Coitus. Er fand die Sperm atozoiden in den Anfang des Uterus
eingedrungen, nicht aber bis in die Spitze desselben (Opp. omn. I. p. K66.). Ha Her und
Kuhlemann (Observations circa negotium generationis. Lips. 1754, p. 17.) untersuchten
Schaafe zuerst 3 / 4 Stunden nach der Begattung und wollen den Saamen nur in der Scheide,
nicht aber im Uterus gesehen haben, obgleicb leider nicht angegeben wird, ob sie sich
des Mikroskopes zur Auffindung desselben bedient haben. H a us m ami (1. c. p. 49.)
untersuchte eine Stute 2 Minuten nach der Bedeckung und land den Saamen nahe am
Muttermunde und in der Scheide. Dieselbe Stute war aber auch schon mehrere Tage
vorher bedeckt worden. Bei einer Hiindin, die wahrend der Begattung getodtet wurde,
fand er den Saamen in der ganzen Gebarmutter und in der Scheide. Bei einer andern
Hiindin, 12 Minuten nach der vollendeten Begattung, fand er nirgends Saamen, weil er
sich nicht des Mikroskopes bediente. Er meint, er sei schon resorbirt gewesen!!! (p. 78.).
Bei einem Schweine fand derselbe, 35 Minuten nach der Begattung, den Saamen in dem
Uterus (p. 87.). Bei einem Schaafe, wo das Mikroskop angewendet wurde, fand er, l l / 2
Stunden nach der Begattung, keinen Saamen in dem Kb'rper der Gebarmutter, wohl aber
in dem untern Ende des Mutterhalses und in der Scheide (p. 94.). Bei einem andern
Schaafe, welches sogleich nach der Begattung getodtet wurde, fand er nirgends Spermato-
zoiden. Er meint, sie seien wahrscheinlich schon abgestorben gewesen, da sie vermuthlich
von ebenso weichlicher Natur seien als die Schaafe selbst!!! (p. 50.)

Am llten Juni 1843, Mittags ! 3 / 4 Uhr, liefs sich eine Hiindin zum erstenmale be-
legen, welche seit mehreren Wochen in m einem Besitze war, und unter Aufsicht an der
Kette gelegen hatte. Unmittelbar nach der Begattung schnitt ich derselben den linken



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Eierstock, Eileiter und Uterus aus. Der ganze Uterus, bis herauf in die hocbste Spitze,
enthielt Saamen und Spermatozoiden, die sich mil der grofsten Lebhaftigkeit bewegten. In
dem Eileiter war dagen auch bei der genauesten Durchsuchung keine Spur derselben zu
fmden. Dagegen enthielt dieser bereits die aus dem Eierstock ausgetretenen und gegen zwei
Zoll in ihm nach abwarts geriickten fiinf Eier. Ein, zwei und drei Tage nacli dem ersten
Coitus untersuchte Leuwenhoek die Genitalien von Hiindinnen und Kaninchen und
fand die Spermatozoiden bis in die Spitze des Uterus vorgedrungen. Die Eileiter unter-
suchte er nicht, denn es ist zu bemerken, dass er oft den Uterus Tuba nennt. Opp. omn. I.
p. 152, 158, 169 etc.

Die Herren Prevost und Dumas untersuchten Hiindinnen zuerst 24 Stunden nach
der Begattung (1. c. p. 119.). Sie fanden den Saamen in grofser Menge in dem Uterus,
nicht aber in der Scheide, den Eileitern und der den Eierstock umspiilenden und in dem
Sacke des Peritonaums, welcher denselben umgiebt, enthaltenen Fliissigkeit. Ebenso ver-
hielt es sich nach zwei Tagen. Nach dreien und vieren sahen sie eine geringe Zahl von
Spermatozoiden auch in den Eileitern, indessen auch jetzt und spater niemals in der ge-
nannten Fliissigkeit Sie sind daher auch der Ansicht, und sprechen sie enschieden aus
(1. c. p. 134.), dass der Saamen nie bis zum Eierstocke gelangt, und die Befruchtung
daher auch nie hier, sondern erst in den Eileitern oder den Hornern des Uterus erfolgt.
In neuerer Zeit fand dagegen R. Wagner bei einer Hiindin, 48 Stunden nach der Be-
gattung, in dem Uterus, den Eileitern und zwischen deren Fimbrien, also auf dem Eier-
stocke, Spermatozoiden in grofser Menge (Lehrbuch der Physiologic S. 48.). Die Eier sollen
in diesem Falle noch nicht ausgetreten gewesen sein.

Am 15ten September 1839 untersuchte ich eine Hiindin 4 5 Stunden nach der
ersten Begattung. Beide Homer des Uterus waren herauf bis in die Spitzen mit Sperma-
tozoiden angefiillt; allein die Eileiter enthielten keine Spur derselben. Die Eier waren
noch nicht ausgetreten.

Am 2. Mai 1840 untersuchte ich eine andere Hiindin, I8y 2 Stunden nach der ersteii
Begattung. Der Uterus und die Scheide enthielten sehr viele Spermatozoiden; desgleichen
auch die Eileiter, aber etwa nur bis 3 Linien weit von dem Ost. uterinum. Die Eier
waren schon ausgetreten und 2 l / 2 " weit in den Eileiter herabgeriickt.

Genau ebenso verhielt es sich bei einer andern Hiindin, die ich am 31sten November
1841, ebenfalls 18V 2 Stunden nach der ersten Begattung, untersuchte; bei ihr waren aber
die Graaf'schen Blaschen des Eierstockes noch geschlossen.

Am 22sten Juni 1838 untersuchte ich, Mittags urn 2V 2 Uhr, eine zum erstenmale
hitzige Hiindin, welche sich Abends vorher, urn 7 Uhr, zum erstenmale und desselben
Tages, um 2 Uhr, zum zweitenmale hatte belegen lassen, also 19V 2 Stunden nach der er-
sten Begattung. Ich fand bei ihr in der Scheide, im Uterus, in den Eileitern, endlich
in der den Eierstock umspiilenden Fliissigkeit zahlreiche und sich lebhaft bewe-
gende Spermatozoiden. Die angeschwollenen Graaf'schen Blaschen enthielten noch die
Eier.



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Die Hiindin, deren linken Uterus ich am llten Juni 1843 unmittelbar nach dem
Coitus untersucht hatte, liefs ich des andern Tages 10 Uhr, also 20 Stunden nach dem
Coitus tb'dten. Ich fand auf der rechten Seite im Uterus, und bis gegen 3"' vom Ost.
uterinum auch im Eileiter lebhaft sich bewegende Spermatozoiden. Die Eier waren unter-
dessen auf dieser Seite bis iiber die Mitte in dem Eileiter nach abwarts geriickt.

Am 3ten Januar 1840 untersuchte ich eine Hiindin, welche seit 24 Stunden zum
erstenmale belegt war. Ich fand bei ihr in der den EJerstock umspiilenden Fliissigkeit einen
Spermatozoiden, welcher sich nicht mehr bewegte. Die Eier waren so eben ausgetreten
und eins noch auf dem Eierstocke. Am Isten April 1839 fand ich bei einer Hiindin,
von welcher ich die Zeit der ersten Begattung nicht kannte, wo die Eier auch schou ausge-
treten und iiber die Mitte des Eileiters hinausgeriickt waren, in der in der Peritonaaltasche
des Eierstockes enthaltenen Fliissigkeit einen sich nicht mehr bewegenden Spermatozoiden.

Am 6ten Marz 1842 untersuchte ich eine Hiindin, deren erste Begattungszeit ich
nicht kannte. Auf der linken Seite fanden sich drei Eier ausgetreten und iiber die Mitte
des Eileiters hinaus; ich achtete aber auf dieser Seite nicht auf die Spermatozoiden. Auf
der rechten Seite war der Eierstock ganz klein, kein Ei war ausgetreten, kein gelber Kor-
per entwickelt, aber sowohl der Uterus als Eileiter und endlich die Tasche des Eierstockes
enthielten zahlreiche Spermatozoiden.

Noch in sehr vielen anderen Fallen sah ich die Spermatozoiden, meist noch lebhaft
sich bewegend, in den Eileitern, in spateren Zeiten nach der Begattung, wo die Eier noch
im Eileiter waren, wo ich aber entweder die Zeit der ersten Begattung nicht zuverlassig
genau kannte, oder leider nicht genau darauf geachtet habe, bis zu welcher Stelle ich den
Saamen vorgedrungen fand, eben weil die Eier schon ausgetreten waren.

Regelmafsig habe ich aber immer auf den Eiern, welche schon bis in das untere
Drittheil des Eileiters herabgetreten waren, die zuweilen sich noch lebhaft bewegenden,
zuweilen auch schon unbeweglichen Spermatozoiden gesehen. Dasselbe war der Fall mit
Eiern, die eben in den Uterus eingetreten waren, obgleich dann sehr bald die Spermato-
zoiden verschwinden , sowie sich auch nie eine Hiindin mehr belegen lasst, wenn die
Eier am Ende des Eileiters angelangt sind. -

Aus diesen zahlreichen Erfahrungen ziehe ich vorerst folgende Schliisse:

1. Der Saamen dringt bei Hunden schon gleich bei der ersten Begattung
durch den Muttermund in den Uterus, bis herauf in die aufsersten Spitzen seiner
Homer.

2. Der Saamen dringt in den darauf folgenden Stunden auch in den Eileiter ein,
und kann bis auf den Eierstock gelangen.

3. Der Saamen gelangt jedenfalls mit den Eiern in eine materielle Beriihrung, und
die Befruchtung wird vermittelt durch eine materielle Wechselwirkung zwischen Saamen
und Ei.

4. Die Befruchtung erfolgt keinenfalls im Momente der Begattung, sondern erst
spater. Wann? werde Jch weiter unten beriihren.



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Ich habe in meinen beiden mehrmals schon genannten Schriften mitgetheilt, dass ich
auch bei Kaninchen den Saamen durch Uterus und Eileiter bis auf den Eierstock verfolgt,
und ebenso die Eier im Eileiter immer mit Spermatozoiden bedeckt fand. Dort habe ich
auch mitgetheilt, dass Dr. Barry erstere Beobachtung auch gemacht. Ich darf aber die
Prioritat derselben fur mich in Anspruch nehmen, da ich schon im Juni 1838 die Sper-
matozoiden auf dem Eierstocke sah, und diese Entdeckung im Herbste 1838 bei der Ver-
sammlung deutscher Naturforscher in Freiburg b'ffentlich bekannt machte, wie der Bericht
iiber jene Versammlung bezeugt.

Ich habe ferner in den genannten Schriften auch meine Ansicht iiber die Rolle,
welche der Saamen und die Spermatozoiden bei der Befruchtung spielen, ausfiihrlich aus-
gesprochen. Ich will davon hier nur so viel erwahnen, dass ich nach meinen sorgfaltig-
sten Beobachtungen dieses Punktes die Ansicht der Herren Prevost und Dumas, sowie
Lallemand und Barry, riicht theilen kann, dass der Spermatozoide in das Ei gelangt,
und, wie Erstere glauben, die Grundlage zu dem Embryo oder dessen Centralnervensystem
sei. Ich habe nie eine Oeffnung oder Spalte an der Zona pellucida bemerkt, durch seiche
ein Spermatozoide eindringen kb'nnte. Ich habe nie im Innereu eines Eies einen solchen
auffmden kbnnen, obgleich dieses gerade bei dem kleinen Saugethiereie und seiner geringen
Dottermasse wegen am leichtesten mbglich sein wu'rde, namentlich wenn man das Ei sorg-
faltig unter dem Mikroskope mit dem Compressorium zerpresst. Dagegen werde ieh weiter
unten im Stande sein, genau anzugeben, auf welche Weise sich das Centralnervensystem
bildet, wobei von einem Spermatozoiden keine Rede sein kann. Dr. Barry (Procedings
of the Royal Society. Dec. 8. 1842. und Philos. Mag. 1843, May, 415.) hat in der neuesten
Zeit zwei Beobachtungen mitgetheilt, als deren Zeugen er Hr. Owen und andere Naturfor-
scher nennt, in welchen er bei Kaninchen in den Eiern im Eileiter Spermatozoiden gesehen
haben will. Ich bin so ku'hn, dieses fur eine Tauschung zu erklaren. Ich habe in meiner
Entwicklungsgeschichte des Kaninchens angegeben und abgebildet, dass das Ei des Kaninchens
im Eileiter immer mit Spermatozoiden bedeckt ist. Ich habe sie oft noch sich lebhaft bewegend
gesehen und vielen meiner Zuhbrer gezeigt. Es verhalt sich, wie ich oben angegeben, bei
den Hunden im unteren Drittheil des Eileiters ebenso. Ich bin nun iiberzeugt, dass Herr
Barry die auf dem Ei befmdlichen Spermatozoiden fur darin befindlich gehalten hat.
Uebrigens habe ich S. 32 der genannten Schrift gesagt, dass ich ebenfalls die Sauge-
thiereier im Eileiter fur die geeignetesten Objecte zur Entscheidung der Frage halte, und
zweimal beim Zerquetschen der Eier Spermatozoiden im Inneren zu sehen glaubte. Allein
ich habe zugleich auch diese Beobachtung fur Tauschung erklart.

Ich muss mich ferner auch gegen die besonders bei den Saugethieren verfuhrerische
Ansicht erklaren, dass der Spermatozoide der Trager des Saamens, und dieses seine we-
sentliche Bestimmung sei. Allerdings glaube auch ich, dass durch seine Bewegungen
hauptsachlich der Saamen in den Eileiter, zum Eierstocke, zum Eie gelangt. Allein es ist
unmb'glich, dieses fiir die wesentliche Bestimmung des Spermatozoiden zu halten, wenn man
die vielen Formen aufserlieher Befruchfung beachtet, in welchen diese Trager des Saamens

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gam unnothig waren. Ich habe mich daher der Ansicht von Valisneri, Bory St. Vin-
cent, Valentin u. A. angeschlossen, welche den Zweck der Spermatozoiden darin erblicken,
durch ihre Bewegungen die leicht veranderliche Mischung des Saamens zu erhalten; da-
her nur der Saamen fruchtbar ist, in welchem sie, und zwar sich bewegend, vorhanden
sind.

Die Wirkung des Saamens auf das Ei halte ich dann zun'achst fur eine chemische.
Dass der aufgelb'ste Theil des Saamens mil Leichtigkeit durch die 1 / LOO IU dicke Zona in das
Innere des Eies eindringen kann, begreift Jeder, der die Permeabilitat thierischer Membra-
nen fur Fliissigkeiten und die ihnen aufgelosten Materien nur einigermafsen kennt. Wir
werden nun ferner sehen, das Keimblaschen im Eie lost sich bei und nach der Loslosung
des Eies vom Eierstocke auf und vermischt also seinen Inhalt mit dem Dotter. Es ist
moglich, dass auf diesen Bestandtheil auch zunachst der Saamen wirkt. Wir werden fer-
ner sehen, die ersten Erscheinungen der wirklich stattfmdenden Entwicklung des Eies sind
Bildung von Zellen, der Elementarform aller organischen Gewebe. Die Vermischung des
Saamens mit dem Inhalte des Keimblaschens giebt moglicher Weise die Bedingung zur
Zellenbildung ab. So weit, glaube ich, darf der Naturforscher fiir jetzt in das Geheimniss
der Befruchtung und der Rolle des Saamens dabei eindringen. Die Zeugung wird dadurch
zu keinem Acte chemischer Mischung gemacht. Wir konnten diese kiinstlich nachmachen.
Es werden dennoch keine Zellen entstehen und sich aus diesen kein Organismus auf-
bauen! Hr. Lallemand ist der Meinung, es sei unmoglich, dass die Saamen -Flu s-
sigkeit das befruchtende Princip enthalten konne, da eine Fliissigkeit nie eine Form be-
stimmen und iibertragen konne, wie wir einen solchen Einfluss bei der Zeugung dennoch
bestimmt von dem Vater ausgehen sahen. Darum halt er den Spermatozoiden fiir das
Befruchtende. Ich mb'chte indessen umgekehrt sagen, alles Feste geht aus dem Fliissigen
hervor, und in diesem miissen auch schon die Ursachen der Form des Festen liegen. Zu-


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