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Th. Ludw. Wilh. (Theodor Ludwig Wilhelm) Bischoff.

Entwicklungsgeschichte des hunde-eies online

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dem sind solche Fragen fiir jetzt noch ganz unlosbar. So lange das Wie nicht nachge-
wiesen werden kann , ist die Entscheidung fiir das Eine oder Andere eine rein subjective
Ueberzeugung.

Ich muss nun endlich noch die Frage beantworten, welche Krafle das Eindringen des
Saamens in den Eileiter und das Weiterriicken in demselben bedingen. Ich glaube in
dieser Beziehung muss erstens auf die Bewegungen des Uterus und Eileiters Riicksicht
genommen werden. Diese sind an diesen Theilen wahrend der Brunst sehr entwickelt
und schon oft von anderen Beobachtern, sowie auch von mir, gesehen worden. Durch
sie kann der Saamen in die Eileiter eingetrieben und in diesen fortbewegt werden. Da
indessen solche Bewegungen vielleicht nicht iiberall vorkommen, z. B. beim Menschen und
dessen Uterus nicht, so halte ich zweitens eben die Bewegungen der Spermatozoiden fiir
das Hauptagens. Sie streben freilich nicht mit Willkiir und mit einer bestimmten Ten-
denz in den Eileiter hinein. Allein von den Millionen, welche sich in dem Uterus nach
alien Richtungen bin auf das Lebhafteste bewegen, gerathen einige auch auf den rechten
Weg in den Eileiter und in diesem weiter zum Eie. Immer ist ihre Zahl im Eileiter, wie



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auch die Herren P revest uud Dumas bemerkten, gegen die im Uterus gering. Die
grofste Zahl verfehlt den Weg. Dass ihre Bewegungen lebhaft und kraftig genug sind,
einen solchen \Veg einzuschlagen und auch den Eierstock, wenn es nothig, in der gege-
benen Zeit zu erreichen, beweiset eine Beobachtung von Henle in seiner allgem. Anatomic,
S. 954. Er sah, dass Spermatozoiden oft einen Krystall, der zehnmal grofser ist als sie
selbst, mil Leichtigkeit fortstofsen, und berechnete ihre Geschwindigkeit, wenn sie sich
geradeaus bewegen, auf 1 Zoll in 7 l / 2 Minuten. Da haben sie Zeit genug, um die La'nge
des Eileiters zu durchwandern , bis das EJ befruchtet werden muss. Zudem sah ich die
Bewegungen der Spermatozoiden nirgends so lebhaft, als innerhalb der weiblichen Geni-
talien.

Dagegen kann ich auf die Wimperbewegungen des Epitheliums der Schleimhaut des
Eileiters zur Weiterforderung des Saamens nichts geben, da ich die Richtung der Schwin-
gungen der Cilien immer in umgekehrter Richtung vom Eierstocke gegen den Uterus hin
erfolgen sah.

Nachst der Rolle, welche der Saamen bei der Befruchtung spielt, sind nun ferner die
Veranderungen zu untersuchen, welche sich dabei in dem Eierstocke, Graaf'schen Blaschen
und Eie ereignen.

Hier nun ist es zunachst eine la'ngst bekannte Thatsache, dass zur Zeit der Brunst
der Eierslock blutreicher erscheint und eine gewisse Zahl der Graaf'schen Blaschen star-
ker anzuschwellen und sich bedeutend zu vergrb'fsern anfangen, wodurch dieselben ausge-
dehnt und an ihrer freien Seite verdiinnt werden. Diese Veranderung scheint sich bei
Hiindinnen nach und nach in Zeit von 5 8 Tagen zu entwickeln, wahrend welcher Zeit
die Mannchen ihnen schon nachstellen, aber nicht zugelassen werden. Die aufseren Geni-
talien schwellen an und es wird Blut aus denselben ausgesondert, dessen Absonderungs-
quelle die Scheide, der Muttermund und Mutterhals sein muss, da ich diese blutige Abson-
derung auch bei einer Hiindin beobachtete, deren beide Horner des Uterus ich exstirpirt
hatte. Die Hiindinnen sind wahrend dieser Zeit mehrere Tage traurig und kranklich, erst
wenn die blutige Absonderung und die Anschwellung der Genitalien nachlasst, werden sie
wieder munter und lassen nun den Hund zu.

Die Grofse, welche die Graaf'sche Blaschen erreichen, ist bei verschiedenen Hunden
verschieden, nicht leicht iiber eine starke Erbse. Oft ragen sie dabei ansehnlich iiber die
Oberflache des Eierstockes hervor, zuweilen aber auch nicht, man bemerkt sie nur bei ge-
nauerer Untersuchung , was ich atisdriicklich bemerke, damit man sich nicht durch den
Mangel solcher blasigen Hervorragungen tauschen lasst.

Untersucht man die Graaf'schen Blaschen in der letzten Zeit vor ihrem Aufbruche ge-
nauer, so findet man sie, wie gesagt, an der freien Seite des Eierstockes, sowie den Ueberzug,
den sie von der Tunica propria des Eierstockes erhalten, sehr und zwar zuletzt bis zum
aufsersten an der hervorragendsten Stelle verdiinnt. An ihrem entgegengesetzten Umfange
dagegen, mit welchem sie in das Stroma des Eierstockes eingesenkt sind, verhalten sie sich
ganz anders; man konrite sie hier verdickt nennen. Praparirt man namlich ein solches,



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noch nicht geplatztes Graaf'sches Blaschen vorsichtig aus dem Eierstocke heraus, sokann
man sich iiberzeugen, dass von seinem ganzen hinteren Umfange nach innen in dasselbe
hineinspringende zarte Zottchen und Faltchen sich entwickelt haben. Dieselben bestehen
grofstentheils aus zienilich grofsen, aus dunkeln Moleciilen zusammengesetzten, unregelmafsig
rundlichen zusammengehauften Massen, von denen ich zweifle, dass sie Zellen sind. Hr.
R. Wagner will in ihnen einen hellen Kern gesehen haben, den ich nicht bemerkte.
Spater enthalt der gelbe Korper deutliche kernhaltige, oft auch schon zu Fasern ausgezogene
Zellen und zahlreiche Blutgefafse. Sie sind den Granulationen eines geoffneten Abscesses zu
vergleichen und bilden in ihrer fortschreitenden Entwicklung den sogenannten gelben Kor-
per. Ich sah diese Bildung am 5ten Marz 1842 und am 23sten December 1843 bei
zwei hitzigen Hiindinnen, welche sich noch nicht belegen liefsen, an mehreren sehrange-
schwollenen Graaf'schen Blaschen beider Seiten. Desgleichen bei einer andern am 15ten
September 1839 seit fiinf Stunden zum erstenmale belegten Hiindin; ebenso bei
einer andern am 31. November 1841, 18% Stunden, und bei einer vierten am 22sten
Juni 1838, 20 Stunden nach der ersten Begattung, bei welchen sammtlich die Graaf'schen
Blaschen noch nicht geplatzt waren und noch ihre Eier enthielten. Bei einer fiinften
Hiindin, die seit 24 Stunden belegt war, waren die Eier so eben aus den Graaf'schen
Blaschen ausgetreten, und ich fand eins derselben frei auf dem Eierstocke zwischen den
Fimbrien. Jene W'ucherungen irn Inneren der Graaf'schen Blaschen waren aber auch
hier schon bedeutend ausgebildet.

Ich kann demnach bestimmt versichern,

1) dass die Bildung des gelben Korpers bei dem Hunde schon anfangt, ehe die
Graaf'schen Blaschen geplatzt und die Eier ausgetreten sind.

2) Dass dieselben durch eine von der Innenflache der Graaf'schen Blaschen aus-
gehende Wucherung gebildet werden, und

3) dass diese Entwicklung im Inneren und vom. Grunde der Blaschen nachst der Ab-
sonderung einer grofseren Menge von Fliissigkeit sicher auch mit dazu beitragt, sie aus-
zudehnen und an ihren freien Seiten, wo diese Wucherung sich nicht ausbildet, bis zum
endlichen Aufbrechen zu verdiirmen.

Die in dem Graaf'schen Blaschen enthaltene Fliissigkeit wird zu dieser Zeit dichter,
gallertartiger und scheint auch nach dem erfolgten Aufbruche nicht ganzlich sich zu ent-
leeren, da ich wenigstens mehrere Male nach dem eben vor Kurzem erfolgten Austritte der
EJer, in den von den oben erwahnten \Vucherungen noch nicht ganz erfiillten Blaschen,
eine wasserhelle, dem humor vitreus des Auges an Consistenz fast gleiche Fliissigkeit fand.
Auch dieser Punkt verdient Beachtung, da er erweislich mehrere Beobachter zu dem Irr-
thume verleitet hat, dass die Blaschen noch nicht geoffnet und die von ihnen nicht gekann-
ten Eier noch in denselben enthalten seien.

Die Oeffnung namlich, durch welche die Eier aus dem Graaf'schen Blaschen austre-
ten, ist aufserordentlich klein, und es ist daher nicht zu verwundern, dass dieselbe von
friiheren Beobachtern iibersehen wurde, welche nun, weil sie zugleich das Eichen nicht in



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clem Eileiter fanden, die Graaf'schen Blaschen noch fur uneroffnet hielten, ein Irrthum,
in welchen alle friiheren Beobachter, selbst v. Baer nicht ausgenommen, verfallen sind,
wie ich noch weiterhin genauer nachweisen werde.

Endlich ist zu bemerken, dass zwar in der Piegel die Zahl der starker anschwellenden
Graaf'schen Blaschen der Zahl der spater vorhandenen Eier entspricht. Indessen ist es
sehr beachtenswerth und sicher ausgemacht, dass dieses nicht inimer der Fall ist. Es
konnen namlich erstens mehr Eier vorhanden sein, indem einer der Follikel zwei Eier
enthalt, ein Fall, welchen ich bei einer Hiindin, 18V 2 Stunden nach der ersten Begattung,
am 31. November 1841 wirklich beobachtete. Hier zeigte der icchte Eierstock vier stark
angeschwollene Blaschen, und in einem derselben fand ich zwei Eier mit alien Zeichen der
Reife und Vorbereitung fiir den diesmaligen Austritt, die um so gewisser aus demselben
Graaf'schen Blaschen herriihrten, da sie in einer und derselben Membrana granulosa dicht
neben einander eingebettet waren Allein es kommt auch nicht so selten vor, dass eins
der angeschwollenen Blaschen sich dieses Mai nicht eroffnet und sich wieder zuriickbildet.
Dieses kann ich deshalb ganz gewiss aussageu, weil es sicher ist, dass alle Eichen, welche
bei der jedesmaligen Befruchtung austreten sollen, immer zugleich oder wenigstens in ganz
kurzen Zwischenzeiten austreten. Dieses widerspricht friiheren Annahmen von Prevost
und Dumas, sowie auch v. Baer's sehr, welche glaubten, dass zwischen dem Austritte
der einzelnen Eier Zwischenzeiten von mehreren Tagen verstreichen konnten. Allein ich
habe sowohl bei Kaninchen als bei Hunden, und ebenso Dr. Barry bei ersteren, die
Eier im Eileiter immer ganz dicht bei einander und auf fast gleichen Stufen der Ent-
wicklung gefunden, und schliefse daraus auf einen gleichzeitigen Austritt aus dem Eierstocke.
Mehrere Male fand ich aber, wenn die Eier schon weit in dem Eileiter nach abwarts oder
selbst in den Uterus gelangt waren, ein oder das andere Graaf'sche Blaschen an einem
Eierstocke noch angeschwollen, von welchem ich daher iiberzeugt bin, dass es dieses Mai
nicht geplatzt sein, sondern sich wieder zuriickgebildet haben wurde. Dieser Umstand ist
ebenfalls von Wichtigkeit, weil auch er zu Irrthiimern veranlassen kann und Irrthumer
friiherer Beobachter erklart, von welchen spater die Bede sein wird. Endlich geschieht es
auch nicht so gar selten, das eins oder das andere Ei abortirt, wovon ich mich gerade
bei Hiindinnen auch mehrere Male zu iiberzeugen Gelegenheit hatte. Natiirlich findet man
auch dann weniger Eier, als gelbe Korper im Eierstocke.

Auch dem Eichen habe ich endlich in dieser Zeit die grofste Aufrnerksamkeit ge-
widrnet und folgende zum Theil charakteristiche Eigenschaften seiner vollkommenen Reife
an demselben beobachtet. Zunachst iiberzeugt man sich leicht, sowohl durch Vergleichung,
als auch durch Messungen, dass die reifsten Eier immer die grb'fsten sind; ich fand
z. B. bei jener schon genannten Hiindin, i& l / 2 Stunden nach der Begattung, die Durchmesser
eines Eies im Discus 0,0083 P. Z., in der Zona 0,0070; die Dicke der Zona 0,0007
0,0008 P. Z. Sodann ist es sogleich auffallend, dass der Dotter solcher ganz reifer Eier
am dichtesten Jst, und dieselben daher bei durchfallendem Lichte bei Hunden ganz dun-
kel, fast schwarz aussehen; auch giebt sich dieses daran zu erkennen, dass, wenn man ein



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solches Ei in einem Tropfen Wasser mit einer Nadel 6'ffnet, die Dotterkb'rner sich nicht
so leicht in dem Wasser verbreiten und aus einander fliefsen, sondern mehr an einander
haften, als dieses bei nicht ganz reifen Eiern der Fall ist. Sehr bemerkenswerth ist ferner
eine Veranderung, welche die Zellen des Discus proligerus um das Ei herum zu dieser
Zeit erfahren. Sie erschienen dann namlich nicht mehr rund, sondern keulenformig, nach
einer Seite hin in eine feine Faser ausgezogen, mit deren Spitze sie auf der Zona pellucida
aufsitzen (Fig. 4.). Auch haben sie eine mehr gallertartige Beschaffenheit , und in dem
stumpfen Ende zeichnet sich jetzt der Kern mit Kernkbrperchen meist sehr scharf aus.
Das ganze Ei erhalt dadurch ein sehr eigenthiimliches, charakteristisches, strahliges Ansehen,
welches ich nie anders als bei ganz reifen zum Austritt bestimmten Eiern gesehen habe.
Es bezeichnet diese Veranderung der Zellen des Discus einen Fortschritt in ihrer Entwick-
lung zu Fasern, wie solche von Schwann und Anderen auch in vielen anderen Fallen
nachgewiesen worden ist, und es scheint mir derselbe eine Theilnahme der Zellen um
das Ei herum an den Veranderungen zu sein, welche die iibrigen Zellen in der Membrana
granulosa zur Bildung des gelben Kbrpers eingehen. Dieser Fortschritt ist iibrigens, wie
wir spa'ter sehen werden, nur ein voriibergehender.

An der Zona pellucida habe Jch an Eiern dieses Stadiums keine Veranderungen wei-
ter bemerken kbnnen, als dass sie jetzt iiberhaupt den starksten Durchmesser hat. Nie
habe ich auch bei Hunden eine Oeffnung oder Spalte in derselben bemerken konnen, wie
Dr. Barry dieses beim Kaninchenei gesehen haben will. Ich halte auch hier eine solche
Beobachtung, wegen der das Ei dicht besetzenden Zellen des Discus, fur unmbglich, und
nach deren Entfernung durch Maceration oder mittelst einer Nadel fur durchaus unsicher;
bei der elastischen Beschaffenheit der Zona aber auch fur sehr unwahrscheinlich , da sich
das Ei sogleich ganz bffnen wiirde.

So genau als mb'glich suchte Jch mich an Eiern dieses Stadiums immer von dem
Verhalten des Keimblaschens in dem Dotter zu iiberzeugen. Was ich hier beobachtete, Jst
Folgendes. Bei einer briinstigen Hiindin, die sich aber noch nicht belegen lassen, fand
ich am 5ten Marz 1842 in den alle Zeichen der Reife an sich tragenden Eichen mehrerer
angeschwollener Graaf'scher Blaschen das Keimblaschen noch unverandert Bei einem
derselben war es mir unmoglich, trotz aller Aufmerksamkeit, den Keimfleck in dem
Blaschen zu erkennen. Bei einer andern briinstigen Hiindin, die ebenfalls noch nicht
belegt worden, fand ich am 23. December 1843 das Keimblaschen ebenfalls noch
vorhanden Bei einer seit 5 Stunden zum ersten Male belegten Hiindin suchte ich
am 15ten September 1839 in vier ganz reifen Eiern aus vier angeschwollenen
Graaf'schen Blaschen vergebens nach einem Keimblaschen. Bei einer Hiindin,
die sich vor 18y 2 Stutiden zum ersten Male hatte belegen lassen, zeigten sich an
dem rechten Eierstocke vier, an dem linken zwei sehr stark angeschwollene Graaf'sche
Blaschen. In alien fand ich das vollkommen entwickelte Eichen, ja in einem der rechten
Seite deren zwei. Bei den meisten derselben bemerkte ich, dass die Dotterkbrnchen an
einer Stelle von der inneren Fla'che der Zona etwas zuriickgewichen waren, und nachdem



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ich mehrere mit einer feinen Nadel von den Zellen ihres Discus proligerus gereinigt und
unter das Compressorium gebracht hatte, bemerkte ich hier an dieser Stelle bei ganz gelin-
dera Drucke ganz deutlich ein aus der dunkeln Dottermasse an einem Segmente hervor-
ragendes belles Blaschen, dem Keimblaschen durchaus ahnlich (Fig. 5.). Bei verstarktem
Drucke platzte die Zona, der Dotter trat langsam aus und mit ihm jenes Blaschen (Fig. 6.),
welches sich nun ganz deutlich als das Keimblaschen auswies Es mafs in einem Eie
0,0015 P. Z., war vollkommen durchsichtig, wasserhell und enthielt in seinem Inneren nur
den Keimfleck 0,00043 P. Z. grofs. Derselbe war nicht ganz rund, sah wie ein abge-
plattetes Blaschen aus, und zeigte bei einer bestimmten Stellung des Mikroskopes in seiner
Mitte einen hellen Ring. Eine weitere Zusammensetzung desselben konnte ich aber, auch
bei 530facher Vergrofserung, nicht entdecken. Aufserdem bemerkte ich noch an dem Keim-
blaschen zwei unregelmafsige , kleine, ganz blasse Fleckchen, von welchen ich aber nicht
ermitteln konnte, ob sie im Inneren des Keimblaschens oder nur aufserlich und zutallig
sich an demselben befanden.

Auch bei der Hiindin, bei welcher ich 20 Stunden nach der Begattung, am 22sten
Juni 1838, die Spermatozoiden auf dem Eierstocke fand, erkannte ich bei mehreren der
sechs aus ansgeschwollenen Graaf schen Blaschen entnommenen Eier beim Drucke das Keim-
blaschen an einer Seite in dem Dotter eingebettet, auch trat es beim Zerplatzen des Eies
mit dem Dotter aus; damals aber habe ich keinen Keimfleck mehr in ihm gesehen.

Nach diesen Beobachtungen seheint es daher, dass das Keimblaschen sich meistens
noch bis zum Austritte der Eier aus dem Eierstocke in den Eiern fmdet, zuweilen indessen
auch schon verschwunden ist, wenn man nicht annehmen will, dass in denjenigen Fallen,
wo ich es nicht mehr gefunden , nur die Beobachtung desselben missgliickte. Dieses ist
zwar bei einem so zarten Gegenstande leicht moglich, mir aber, ich darf es bei der erlang-
ten Fertigkeit und vielen Uebung sagen, kaum wahrscheinlich. Die Beschaffenheit des
Keimblaschens und Keimfleckes bleibt ferner, so lange es besteht, unverandert, und ich
muss daher auch fur den Hund den Angaben des Dr. Barry widersprechen, welcher das-
selbe zu dieser Zeit vergrofsert und mit Zellen zweiter, dritter etc. Ordnung angefullt ge-
sehen haben will. Im Gegentheil konnte es aus zwei der angefiihrten Beobachtungen
wahrscheinlich werden, dass der Keimfleck vor dem Keimblaschen verschwindet. Dagegen
ist es gewiss, dass das Keimblaschen zu dieser Zeit ganz an die Oberflache des Dotters
an die innere Peripherie der Zona pellucida riickt, und daher wenigstens leicht speciell die
\Virkung des eindringenden Saamens erfahren kann.

Es bleibt nun endlich noch zu bestimmen iibrig, zu welcher Zeit und in welcher Be-
ziehung zu der Begattung die Eier den Eierstock bei der Hiindin verlassen, und wann
und wo die Befruchtung erfolgt. Die Angaben der Herren Prevost und Dumas in die-
ser Hinsicht erscheinen sehr unsicher. Unter den Conclusions ihres Memoir sagen sie
freilich (1. c. p. 134) : ,,Dans le chien il faut deux jours au moins pour que tous les oeufs
d'une portee se detachent des ovaires." In der Abhandlung selbst aber (p. 122.) geben
sie erst den sechsten und siebenten Tag an, an welchem die Blaschen des Eierstockes all-



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malig verschwunden seien. Chez une chienne ouverte apres six jours, ils ont vu deux
corps jaunes sur 1'ovaire droit, un seul sur le cote gauche, et cinq vesicules de sept ou huit
millimetres de diametre, qui semblaient sur le point de s'echapper de ces organes. Selbst
noch am achten Tage, wo sie die Eier bereits im Uterus und, wie sie giauben, auch im
Eileiter fanden, nehmen sie an, dass noch zwei grofsere Blaschen des Eierstockes se seraient
probablement ouvertes de leur tour (1. c. p. 123.). Auch Hr. v. Baer driickt sich in
semen verschiedenen Abhandlungen nur sehr unbestimmt u'ber die Zeit des Austrittes der
Eier aus dem Eierstocke aus. In seiner Entwicklungsgeschichte II. S. 182 sagt er, dieses
geschehe bei Hunden erst nach mehreren Tagen, und fiigt in einer Note hinzu, er habe
einmal bei einem Hunde acht Tage nach der Befruchtung eine Kapsel noch nicht gebffnet
gefunden, aber doch im Reifen begriffen. Hr. Coste iblgt in seinen Angaben (Embryo-
genie eomparee p. 399.) nur den Herren Prevost und Dumas. R. Wagner will
bei einer Hiindin, 48 Stunden nach einer fruchtbaren Begattung, die zwei Graaf'schen
Blaschen der rechten Seite sehr angeschwollen und eins geplatzt gesehen haben, auf der
linken Seite waren zwei sehr angeschwollen (Lehrbuch der Physiologie S. 44.). Von dern
Verhalten der Eichen ist leider nicht die Rede. Hausmann (1. c. S. 7l.) hat zwei
Htindinnen, 48 und 60 Stunden nach der Begattung, untersucht. Seine Mittheilungen sind
aber durchaus unsicher und unbrauchbar, da er die Bedeutung des Eierstockeies ganzlich
verkannte, und deshalb die ganze Untersuchung fehlerhaft anstellte.

So liefern also diese bisherigen Beobachtungen durchaus nichts Zuverlassiges. Dieses
ist aber auch gar nicht zu verwundern, wenn und so lange man die Eichen nicht selbst
ganz genau kennt und beriicksichtigt , sondern allein nach dem Ansehen der Graaf'-
schen Blaschen urtheilt. Denn da, wie schon erwahnt, die Masse des sogenannten gelben
Korpers sich schon in dem Graaf'schen Blaschen entwickelt, ehe dasselbe sich eroffnet;
da ferner die Oeffnung, zu welcher das Eichen austritt, aufserordentlich klein ist und sich
meistens sehr schnell und so vollkommen schliefst, dass man keine Spur von derselben wahr-
nehmen kann ; da endlich auch der gelbe Kb'rper nach Austritt des Eies immer anfangs noch
eine mil einer wasserhellen gallertartigen Fliissigkeit erfiillte Hohle enthalt: so erschweren
es diese Umstande sehr, nach der blofsen Beschaffenheit des Eierstockes ein Urtheil zu
fallen, ob die Eier ausgetreten sind oder nicht, und ist hierzu schon eine 6'ftere Erfahrung
nothig. Dagegen kann und wird das Eichen sehr leicht den erforderlichen Aufschluss geben,
je nachdem raan dasselbe noch in dem angeschwollenen Graaf'schen Blaschen oder in dem
Eileiter fmdet. In ersterer Beziehung hat man sich nur noch davor zu hiiten, dass man nicht
irrthiimlich ein Eichen aus einem benachbarten kleinen Follikel fiir ein aus dem eigentlich
untersuchten herriihrendes halt; wie dieses z. B. Hausmann b'fter begegnet zu sein
scheint.

Ich muss nun auch selbst gestehen, dass ich bis vor Kurzem in meinen eigenen Un-
tersuchungen u'ber die in Rede stehende Frage von einem falschen Gesichtspunkte ausgegan-
gen, und darin leider durch meine friiheren Erfahrungen zufalliger Weise so bestarkt
worden war, dass ich erst spat auf das richtige Verhaltniss aufmerksam wurde.



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Es hatte sich namlich stillschweigend auch bei mir von Anfang an die Ueberzeugung
festgesetzt, welche bisher die allgemein herrschende war, dass bei Saugethieren die Eier
nur in Folge eines fruchtbaren Coitus aus dem Eierstocke austreten. Nun hatte es sich
getroffen, dass in meinen friiheren Beobachtungen ich auch immer noch innerhalb gewisser
Zeiten nach der Begattung, die Graaf'schen Blaschen in dem Eierstocke geschlossen und
die Eier nicht ausgetreten gefunden hatte. Dieses war selbst in der schon oben erwahn-
ten Beobachtung und auch bei Kaninchen bis zu dem Augenblicke der Fall gewesen, bis
der Saamen auf dem Eierstocke angelangt war. Daraus war denn bei mir jene Ueberzeu-
gung entstanden, dass immer erst einige Zeit nach dem ersten Coitus die Eier aus dem
Eierstocke austreten, und zwar nach der Zeit, welche der Saamen gebraucht, um bis an
den Eierstock zu gelangen. So halte ich denn in meinen friiheren Schriften die Lehre
anfgestellt, dass bei dem Kaninchen 9 10 Stunden, bei dem Hunde 20 24 Stunden
nach der ersten Begattung die Eier aus dem Eierstocke austreten.

Diese Angabo ist nun zwar vollkommen richtig und wahr, und beruht auf Thatsachen
der Beobachtung und Erfahrung, stellt aber die Sache doch nicht aus dem richtigen Ge-
sichtspunkte dar.

Es hatte sich schon der Analogic nach vermuthen lassen, dass auch bei den Sauge-
thieren die Pieifung und der Auslritt der Eier aus dem Eierstocke nicht von der Begatlung
abhangig ist. Ueberall in der Thierwelt sehen wir, dass die Eier bei dem ^Weibchen rei-
fen und sich ablosen, ganz unabhangig meist von dem Mannchen, welches dieselben oft
erst hinterdrein befruchtet. Oft sehen wir freilich, dass die Begattung und Befruchtung
erfolgt, ehe die Eier aus dem Weibchen ausgetreten sind; oft kann man selbst vielleicht
behaupten, die Begattung giebt die Veranlassung zur Reife und Ablosung der Eier, obgleich
dieses wohl nur selten der Fall sein wird. Aber Beides steht nirgends in einem noth-
wendigen Causalnexus. Nur die Entwicklungsfahigkeit des Eies ist ganz genau an die
Einwirkung des Saamens gebunden, diese muss auch fast uberall innerhalb gewisser Zeiten
erfolgen; allein die Reifung und Ablosung des Eies steht in keiner soldier Abhangigkeit
von der mannlichen Einwirkung, sie h;ingen allein von der Entwicklung des weiblichen Jn-
dividuums ab.

Genau ebenso ist nun auch das Verhaltniss bei den Saugethieren und unzweifelhaft
auch bei dem Menschen. Die Reifung und Ablosung des Eies von dem Eierstock ist ganz un-
abhangig von dem mannlichen Individuum allein an die Entwicklung des weiblichen Organismus,
und die periodisch wiederkehrende erhb'hte Thatigkeit des Eierstockes gebunden. Zu dieser Zeit
tritt nun auch der Begattungstrieb lebhafter hervor, und in den gewohnlichen naturgemafseri
Verhaltnissen erfolgt die Begattung innerhalb der Zeit, in welcher das Ei reif und entwick-
lungsfahig ist. Nach den vorliegenden Erfahrungen geschieht dieses ferner, wie es scheint, in
der Regel dann, wenn das Ei reif und entwicklungsfahig, aber noch in dem Eierstocke ein-
geschlossen ist. Der Saamen hat Zeit, durch den Uterus und Eileiter bis auf den Eier-
stock zu gelangen und hier das Ei zu befruchten. Allein dieses ist nicht nothwendig
so. Es ist auch moglich, dass die Begattung sich verzogert, oder selbst ganz unterbleibt.

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Dann tritt das Ei dennoch jedenfalls aus dem Eierstocke aus. Es bleibt noch eine Zeit-
lang befruchtungs- mid entwicklungsfahig, innerhalb welcher Zeit der Saamen es befruchten
wird, wo er das Ei auch trifft. Geht aber auch diese Zeit voriiber, oder ist der Zutritt des
Saamens ganz gehindert, so geht das Ei zu Grunde und lost sich auf.


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