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Th. Ludw. Wilh. (Theodor Ludwig Wilhelm) Bischoff.

Entwicklungsgeschichte des hunde-eies online

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Auf die richtige Erkenntniss dieses gewiss Jedem ganz einfach und ungezwungen
erscheinenden und mil anderen bekamiten Thatsachen iibereinstimmenden Verhaltnisses bin ich
erst durch Umwege gelangt, obgleich sie gerade mit den beim Menschen gesammelten Er-
fahrungen am meisten ubereinstimmt, und zu ihrer Erklarung am erforderlichsten ist, da
hier selten die ganz normalen Verhaltnisse obwalten, und sich bei der grofseren Breite der
Moglichkeit das Gesetzmafsige derselben der Beobaehtung mehr entzogen hat. -

Unter dem 17ten Juli 1843 theilte ich der Akademie der Wissenschaften zu Paris
durch einen Brief an Hrn. Breschet das Resultat meiner Untersuchungen iiber diesen
Gegensland mit. Ich habe darauf auch alle Beweise fiir diese von mir gemachte Ent-
deckung in einer kleinen Broschiire Ende Februar vorigen Jahres veroffentlicht, und zugleich
die Prioritatsfrage erortert, welche sich zwischen Hrn. Pouchet, Raciborsky und mir
entsponnen hat.

Ich glaube daher hier die ausfiihrlichen Beweise fiir die Lehre, dass die Eier der
Saugethiere unabhangig von der Begattung den Eierstock zur Zeit der Brunst verlassen,
und dieser Austritt in keiner directen Beziehung mit der Begattung steht, iibergehen zu
konnen. Ich will nur die Beobachtungen mittheilen, welche mir dieses gerade auch fiir
den Hund auf das Zuverlassigste bewiesen haben.

Ich habe mich namlich einmal durch Versuche iiberzeugt, dass, auch wenn das Vor-
dringen des mannlichen Saamens bis zum Eierstocke und den Eiern, und die Befruchtung
der letzteren dadurch gehindert wird, dennoch die Graaf'schen Blaschen sich eroffnen, die
Eier austreten und gelbe Korper an den Eierstb'cken sich bilden. Dieses bewiesen mir
zwei Hiindinnen, denen ich die Uteri mit Hinterlassung der Eierstocke und Eileiter ausge-
schnitten hatte, die nichts desto weniger dennoch nach einigen Monaten brunstig wurden,
sich belegen liesfen, und bei welchen ich sodanri acht Tage nachher frisch gebildete und
stark entwickelte Corpora lutea fand.

Am 11 ten Juni 1843 machte ich ferner eine oben schon erwahnte Beobaehtung,
welche die von der Begattung unabhangige Loslosung der Eier von dem Eierstocke da-
durch bewies, dass ich unmittelbar nach der ersten Begattung die Eier doch schon weit
in dem Eileiter fortgeriickt fand. Diese Hiindin war Jung, kraftig und zum ersten Male
brunstig. Sie lag an der Kette und wurde streng bewacht, so dass kein Hund zu ihr
gelangen konnte. So entwickelten sich die Erscheinungen der Brunst vollkommen bei ihr,
und endlich liefs ich sie an dem genannten Tage, Nachmittags 2 Uhr, belegen. Sogleich
nach der Begattung schnitt ich den linken Eierstock, Eileiter und Uterus aus. Ich fand,
wie schon erwahnt, den Saamen bis herauf in die Spitze des Uterus, aber keine Spur des-
selben in dem Eileiter. Dagegen enthielt derselbe zwei Zoll von dem Infundibuluni 5 aus
dem Eierstocke ausgetretene Eier, und der Eierstock zeigte ebenso viele, schon ziemlich



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stark ausgebildete gelbe Korper. Am andern Tage liefs ich, 20 Stunden nachher, die
Hiindin todten, und land nun auf der rechten Seite den Saamen in den Eileiter eingedrun-
gen, auch hier fiinf Eier in demselben, die noch weiter herabgeriickt waren, allein Eier
und Saamen waren noch nicht mil einander in Beriihrung getreten, es fanden sich keine
Spermatozoiden in der Umgebung und auf den Eiern, und diese waren daher auch noch
nicht befruchtet.

Man konnte hier nun vielleicht noch geneigt sein, anzunehmen, dass die Begattung
dennoch den Austritt der Eier eberi in dem Momente selbst, wo sie stattfand, bedingt habe.
Allein aufserdem, dass dieses eine durch nichts begriindete Annahme sein wiirde, haben
mir zahlreiche Beobachtuugen bewiesen, dass die Begattung iiberhaupt diesen Einfluss nicht
aufsert. Denn ich fand haufig bei Hiindinnen, die sich ein und mehrere Male begattet
batten, die Graaf schen Blaschen noch geschlossen, und die Eier in ihnen enthalten. Die
Begattung selbst hat also auf den Austritt der Eier keinen Einfluss. Aufserdem aber war
dieses in dem in Pvede stehenden Falle schon deshalb mehr als unwahrscheinlich , da die
Eier schon zwei Zoll weit in dem Eileiter fortgeriickt waren, was in der kurzen Zeit der
Begattung wohl als unmoglich anerkannt werden muss.

Allein ich habe noch vollstandigere Beweise fur die Unabhangigkeit des Austrittes der
Eier aus dem Eierstocke dadurch erlangt, dass ich bei einer briinstigen Hiindin die Begat-
tung gar nicht zuliefs, und dennoch, die Graaf'schen Blaschen erb'ffnet, gelbe Korper ge-
bildet und die Eier im Eileiter fand.

Eine grofse Hiindin, die schon langere Zeit in meinem Besitze war, zeigte am 18ten
und 19ten December 1843 zuerst die Zeichen der Brunst. Die Vulva war sehr geschwol-
len und die Hunde verfolgten sie. Am 2lsten schien es, als wenn sie einem derselben
stillhalten wolle, allein ich gestattete die Begattung nicht und liefs die Thiere wieder tren-
nen. Am 23sten Morgens nun schnitt ich dieser Hiindin den linken Eierstock und Eileiter
aus. Allein die Graaf'schen Blachen waren noch nicht geoffnet. Vier derselben waren
stark angeschwollen , enthielten aber noch die Eichen , an welchen selbst die Zellen des
Discus noch nicht spindelformig geworden waren. Ich wartete daher noch fiinf Tage
und liefs nun die Hiindin todten. Jetzt fanden sich an dem rechten Eierstocke vier
Graaf'sche Blaschen eroffnet und die gelben Korper schon stark entwickelt. Die vier
Eier fand ich 3 P. Z. =8 Centimeter von dem Ostium abdominale in dem Eileiter, in
einer ahnlichen Beschaffenheit, wie sie an dieser Stelle immer zu sein pflegen, wovon wei-
ter unten die Rede sein wird.

Ich glaube nicht, dass es moglich ist, vollstandiger als durch diese bei einem und dem-
selben Thiere angestellte doppelte Beobachtung den ganzen Vorgang der Reifung und des
Austrittes der Eier wahrend der Brunst unabhangig von der Begattung nachzuweisen.

Endlich mache ich hier nochmals auf die oben schon mitgetheilte Beobachtung auf-
merksam, wo bei einer Hiindin auf der einen Seite die Eier gereift aus dem Eierstock aus-
getreten und befruchtet worden waren, auf der andern Seite aber war kein Ei gereift, keins
ausgetreten, und dennoch war der Saamen bis auf den Eierstock gelangt. Dieser Fall



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zeigt also a'uch von Seiten des Saamens, dass es sein Einfluss nicht isl, welcher die Eier
reifen und austreten macht, und ich erachte es daher fiir erwiesen, dass dieser Austritt
von der Begattung unabhangig, nur von der Pieife der Eier und von den damit verbunde-
nen Veranderungen im Eierstocke wahrend der Brunst abhangig ist.

Da wir nun bis jetzt kein Mittel besitzen, uns so lange, als das Thier lebt, davon zu
unterrichten, ob diese Veranderungen und Reifung schon eingetreten sind oder nicht, so ist
es auch nicht mb'glich, die Zeit, zu welcher die Eier aus dem Eierstocke austreten, genau
zu bestimmen. Es lasst sich nur sagen, dass in Beziehung auf die Begattung keine feste
Regel stattfmdet. Es scheint indessen, dass, wenn die Thiere sich in ihren natiirlichen
Verhaltnissen befmden, die Begattung noch vor dem Austritte der Eier aus dem Eierstocke
erfolgt, denn ich babe, wie schon erwahnt, bfters selbst nach mehrrnals vollzogener Begat-
tung die Graaf'schen Blaschen noch geschlossen und die Eier in ihnen enthalten gefun-
den. So am 5ten Marz 1839 bei einer Hiindin, 4 5 Stunden nach der Begattung,
wahrend der Saamen sich in dem ganzen Uterus, nicht aber in den Eileitern befand. Am
Slsten November 1841 waren bei einer andern Hiindin die Graaf'schen Blaschen 18y 2
Stunden nach der Begattung auch noch geschlossen, der Saameri aber schon gegen 3y 2
Linien in den Eileiter eingedrungen. Am 22slen Juni 1838 waren 19y 2 Stunden nach der
Begattung die Graaf'schen Blaschen auch noch geschlossen und der Saamen durch die
ganzen Eileiter hindurch bis auf die Eierstocke vorgeriickt.

Hindern dagegen zufallige oder absichtlich herbeigefiihrte Verhaltnisse die Begattung,
so treten die Eier auch vor derselben aus, wie in dem vorhin erwahnten Falle am 11 ten
Juni 1843, der sich in meinen friiheren Versuchen wahrscheinlich noch b'fter ereignet hat,
ohne dass ich dariiber in's Klare kam. Denn ich hielt die Hundinnen ofters lange Zeit
eingesperrt, und ich habe mir mehrere Male in meinen Papieren bemerkt, dass ich die
Eier schon im Eileiter, aber auf ihnen und um sie herum keine Spermatozoiden, sondern
letztere nur im Anfange des Eileiters bemerkte. Ich glaubte dann, ich hatte sie nur iiber-
sehen, oder sie batten sich bereits aufgelost. Hbchst wahrscheinlich waren dieses aber
auch Falle, in welchen die Eier vor der Begattung den Eierstock verlassen, und der Saa-
men noch nicht Zeit gehabt hatte, bis zu ihnen vorzudringen.

Hiernach muss nun die Frage beantwortet werden, wann nach der Begattung und wo
die Eier befruchtet werden.

Man hatte in der neueren Zeit, namentlich in Folge der schonen Versuche von Pre-
vost und Dumas, sich ziemlich allgemein der Ansicht angeschlossen, dass die Eier sich
in Folge der Begattung vom Eierstocke Ibsten, in die Eileiter eintraten und der Saamen
entweder hier, oder selbst erst im Uterus mit ihnen in Beriihrung kame, daher bier auch
erst die Befruchtung erfolge. Ueber die Zeit, wie lange nach der Begattung dieses erfolge,
hatte man nur Vermuthungen, die sich noch dazu widersprachen, aufgestellt.

Dieser Ansicht hat sich neuerdings auch Hr. Pouchet angeschlossen. Theorie
positive de la Fecondation des Mammiferes, Paris 1842. Er sagt in seiner Loi IV.
fondamentale : Des obstacles physiques s'opposent, a ce que chez les Mammiferes



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le fluide seminal puisse etre mis en contact avec les ovules encore contenus dans les
vesicules de Graaf, und folgerichtig behauptet er deshalb auch in seiner Loi X. fon-
damentale: Assurement il n'existe point de grossesses ovariques proprement dites. Seine
Loi I. accessoire heifst deshalb auch : La fecondation chez les Mammiferes s'opere nor-
malement dans l'uterus und in der Loi II. accessoire sucht er zu beweisen, dass les gros-
sesses abdominales et tubaires n'indiquent pas que la fecondation s'opere normalement dans
l'ovaire.

Nichts ist gewisser, als dass diese so absolul ausgesprochene Ansicht falsch ist. Nach-
dem schon die Herren Prevost und Dumas Spermatozoiden in den Eileitern gesehen,
und daher die Befruchtung der Eier in den Eileitern schon erwiesen war, habe ich die
Spermatozoiden nicht nur sehr ha'ufig an den verschiedensten Stellen in den Eileitern, son-
dern, wie erwahnt, auch auf das Zuverla'ssigste mehrere Male zwischen den Fimbrien und
auf dem Eierstocke bei Hunden und Kaninchen beobachtet, wie ich dieses schon in meinen
beiden oft genannten Schriften mitgetheilt habe. Dieselbe Beobachtung ist auch darauf
von Dr. Barry und R. \Vagner gemacht worden. Ich habe ferner die Eier der Kanin-
chen im Eileiter immer mit Spermatozoiden bedeckt gesehen, und ebenso sah ich dieselben
viele Male auch auf den Eiern des Hundes, besonders im unteren Ende der Eileiter, wie
ich dieses im nachsten Kapitel noch genauer angeben, und auch die Abbildungen geben
werde. Viele meiner Zuhorer und andere Personen sind Zeugen solcher Beobachtungen
gewesen. Wenn daher Hr. Pouchet neuerdings behauptet, dass der Saamen nie bis auf
den Eierstock gelange, nur ein ganz kleines Stiickchen in den Eileiter eindringe, ja ofter
gar nicht, und z. B. bei dem Kaninchen, dessen Eileiter 160 210 Millini. lang sei, nie
hoher als 5 20 Millim., ja haufig gar nicht im Eileiter gefunden werde (Comptes rendus.
1844, April, Nro. 14, p. 591.), so kann ich nur behaupten, dass Hr. Pouchet bis jetzt
noch nicht die gehorige Uebung in Untersuchungen dieser Art besitzt, die sich freilich
nicht in Zeit von einigen Wochen erlangen la'sst.

Alle theoretischen Einwendungen werden durch diese directen Beobachtungen hinlang-
lich widerlegt, Ich habe aber auch gezeigt, wie gar keine Hindernisse fur das Vordringen
der Spermatozoiden in und durch den Eileiter hindurch vorhanden sind, sondern ihre eige-
nen Bewegungen und die der Eileiter hierzu vollkommen hinreichend sind. Auch die auf-
gesuchten Schwierigkeiten fiir die Befruchtung eines Eichens, selbst noch in dem Eierstocke,
sind nicht vorhanden. Ich habe meine Ueberzeugung ausgesprochen, dass der aufge-
loste Theil des Saamens das Befruchtende ist, so wie es genugsam bekannt ist, dass
zur Befruchtung die kleinste Menge Saamen schon hinreichend ist. Es steht daher
nichts im Wege, dass der Saamen auch durch die Hiillen des Eierstorkes und der
Graaf'schen Blaschen bis auf das hier befmdliche Eichen eindringen konne, besonders
wenn man nicht vergisst, dass alle diese Hiillen in diesem Augenblicke, wo das
Eichen auszutreten im Begriff ist, bis auf ein Minimum verdiinnt sind.

Es ist daher gewiss, dass die Eier schon im Eierstocke befruchtet werden kb'nnen,
womit indessen die Moglichkeit ihrer Entwicklung im Eierslocke oder die Eierstock-



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schwangerschaften noch durchaus nicht erwiesen sind, welche ich vielmehr selbst als auf
unrichtigen urid ungenauen Beobachtungen ruhend betrachte.

Ich bin auch jetzt weit entfernt, zu behaupten, dass die Befruchtung der Eier immer
im Eierstock erfolge. Vielmehr glaube ich jetzt, wo ich weifs, dass die Eier selbst ohne
Begattung und unabhangig von dem Einflusse des Saamens austreten kb'nnen, dass dieses
nur sehr selten geschehen mag, indem die Eier in der Regel eher austreten werderi, als
der Saamen Zeit hat, durch die Eileiter hindurch bis zum Eierstocke zu gelangen. Eier
und Saamen werden sich daher in der That gewohnlich im Eileiter begeg-
nen, und hier die Befruchtung erfolgen.

Es fragt sich aber, ob dieses auch noch im Uterus geschehen kann, ob, wenn die
Begattung auch erst dann erfolgt, wenn die Eier schon durch den ganzen Eileiter himlurch-
gegangen sind, sie dann doch noch im Uterus befruchtet werden konnen? Ich glaube die-
ses verneinen zu miissen; denn es ist gewiss, dass wenigstens bei Kaninchen und Hunden
die ersten Erscheinungen der Entwicklung der Eier, welche doch dereri Befruchtung vor-
aussetzen, schon im Eileiter stattfinden. Es beginnt, wie wir sehen werden, schon im Ei-
leiter die Theilung des Dotters, und wenn diese auch, wie friihere Beobachtungen an Fro-
schen, und meine eigenen bei Schweinen, zeigen, ohne Befruchtung beginnen kann,
so setzt sie sich doch nie so weit und so regelmafsig fort, wie dieses nach erfolgter Be-
fruchtung und immer im Eileiter der Fall ist. Ich habe bei alien Thieren, Kaninchen,
Hunden und Schweinen auf das Entschiedenste gefunden, dass die Begattungslust immer
ganzlich erloschen ist, wenn die Eier in dem Uterus anlangen. Man kann sicher darauf
rechnen, dass, wenn eine Hiindin aufhort, sich belegen zu lassen, die Eier jetzt im unter-
sten Ende des Eileiters oder oben im Uterus sind. Bei zwei Schweinen, bei welchen ich
die Eier in der Spitze des Uterus ohne vorausgegangene Begattung fand, waren alle Erschei-
nungen der Brunst selbst ganz vorubergegangen. (Vgl. Ann. des sc. nat. T. II. p. 134. 1844.)

Aus Allem diesem ziehe ich folgendes Resultat: Die Befruchtung ha'ngt vor
Allem von der Reife der Eier ab; wo aber diese reifen Eier befruchtet wer-
den, von der Zeit der Begattung. Es kann diese erfolgen, wenn sich die Eier
noch in dem Eierstocke befinden, geschieht aber wahrscheinlieh ge-
wohnlich erst, nachdem sie bereits in den Eileiter eingetreten sind.
In dem Uterus sind dagegen die Eier schwerlich mehr befruchtungs-
f a h J g.

Endlich wiederhole ich hier auch fur den Hund meine friihere Angabe, dass alle
Eier, welche dieses Mai befruchtet werden sollen, zugleich oder doch in sehr kurzen Zwi-
schenzeiten den Eierstock verlassen. Ich habe immer alle Eier dicht bei einander im Eileiter
gefunden. Sind dieselben daher schon weiter in demselben vorgeriickt oder gar im Uterus,
und man fmdet alsdann doch noch ein oder mehrere angeschwollene Graaf'sche Bla's-
chen am Eierstocke, so sind diese dennoch nicht fur die diesmalige Befruchtung bestimmt,
sondern wiirden sich wieder zuriickgebildet haben. Man hat auch dieses Verhaltniss friiher
verkannt, und fehlerhafte Schliisse aus demselben gezogen.



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Aus dem Mitgetheilten folgt zuletzt mit vollkommener Sicherheit, dass auch bei dem
Hunde, wie bei dem Kaninchen, die Befruchtung nicht mit dem Augenblicke der Begattung
zusammenfa'llt, sondern zwischen beiden eine langere oder kiirzere Zeit verstreicht, die bei
Thieren verschiedener Art, und auch wohl einigermafsen bei verschiedenen Individuen, ver-
schieden ist. Auch von dieser Seite verschwindet das Mystische der Befruchtung, welches
in dem subjectiven Gefiihle bei der Begattung einen Anhalt fand. Durch die Begat-
tung werden die beiderlei Zeugungsmaterien nur in die Verhaltnisse gebracht, in welchen
eine Einwirkung beider auf einander moglich wird. Beide gehen diesem Ziele unabhangig
von einander entgegen, und erreichen dasselbe unter den gewohnlichen Bedingungen inner-
halb einer bestimmten Zeit, welche der Saamen zu seinem Vordringen in den Eileiter und
der Begegnung mit dem Ei bedarf. Diese Bedingungen sind hochst wahrscheinlich mehr
physikalischer als vitaler Natur, und beide Zeugungsmaterien verfolgen auch dann noch
unabhangig von einander jede ihren Weg, wenn sie einander nicht erreichen konnen, ge-
rade so wie wenn hierzu die Moglichkeit gegeben ist. Die Mystik der Zeugung zieht sich
in weit entlegenere Gebiete zuriick, als von den mehr zufalligen Gefiihlen bei der Begat-
tung beherrscht werden. Davon hatte schon eine vergleichende Beriicksichtigung der Zeu-
gung und der Befruchtungserscheinungen, sowie die Erfolge kiinstlicher Befruchtung bei
Insecten, Fischen, Froschen und selbst Saugethieren abhnlten konnen. Ich halte letztere
iiberall fiir moglich, wenn es dabei nur sonst gelingt, die Integritat beider Zeugungsma-
terien fiir sich zu erhalten.



Drittes Kapitel.



Von den Veranderungen des Hunde-Eies im Eileiter.



Das Ei des Hundes ist bisher meiner Ueberzeugung nach nur von einem einzigen
Beobachter in dem Eileiter gesehen worden, so wie dieses Stadium der Entwicklung der
Saugethiereier bis zu meinen und Dr. Barry's neuesten Untersuchungen so gut wie unbe-
kannt war; in welcher Beziehung ich auf meine Entwicklungsgeschichte der Saugethiere und
des Menschen verweise.

Die Herren Prevost und Dumas sagen in ihrem ofters erw'ahnlen Memoire p. 123,
es sei ihnen gegliickt, einmal bei einer Hiindin, acht Tage nach der Begattung, die
Eier in den Hornern des Uterus und zugleich eins nur einige Linien von dem Pa-
vilion in den Trompeten zu linden. Bei aller Achtung, welche ich vor der Arbeit dieser
ausgezeichneten Beobachter besitze, kann ich dennoch nicht umhin, diese Beobachtung in
Zweifel zu ziehen, und eine Tauschung in Betreff des in dem Eileiter befmdliehen Eies zu
vermuthen. Sie beschreiben die in dem Uterus befmdliehen Eier als l J / 3 2 Millim. im
Durchmesser haltende kleine durchsichtige Blaschen, so wie sie auch in der That zu einer
gewissen Zeit im Uterus erscheinen; das noch im Eileiter befmdliche Blaschen wird nicht
besonders beschrieben, scheint also diesen gleich gewesen zu sein. Allein die wirklichen
noch im Eileiter und gar im Anfange desselben befmdliehen Eier sind von diesen im
Uterus sehr bedeutend verschieden, und gleichen dagegen den Eierstockeiern so vollkommen,
dass ein solcher Unterschied so genauen Beobachtern nicht nur viel zu sehr aufgefallen
sein, sondern sie hochst wahrscheinlich auch bestimmter auf die Entdeckung der Eierstock-
eier gefuhrt haben wiirde. Sodann wiirde ein gleichzeitiges Vorkommen von Eiern im
Uterus und im Anfange der Eileiter in so verschiedener Beschaffenheit einen so verschie-
denen Entwicklungsgang der einzelnen Eier bezeichnen, wie ich ihn nie unter beinah hun-
dert Beobachtungen gefunden habe; einen Unterschied, der wenigstens acht Tage betragt.
Wenn ferner die genannten Beobachter p. 126 sagen: Les ovules, que Ton rencontre
dans les trompes, douze jours apres la copulation etc. so steht hier offenbar trompes



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statt " comes , wie aus der ganzen Sache hervorgeht; und ich muss somit behaupten, dass
die Herren Prevost und Dumas keine Eier im Eileiter gesehen haben.

Dagegen hat dieselben Hr. v. Baer, und gerade bei dem Hunde, unzweifelhaft in
zwei Beobachtungen im Eileiter aufgefunden, und ihre Beschaffenheit ganz genau angege-
ben, vorziiglich in seiner Epistola p. 11, wo seine Worte lauten: Canem emi in quo
corpora lutea valde hianlia, nullum ovum in utero, in tubis vero corpuscula albo-flave-
scentia inveni punctiformia. Ilia nunc fusius describam. Medium tenet globulus sub micro-
scopio penitus opacus, superficie non laevi et aequali sed granulosa; totus enim globulus e
granulis constat dense stipatis, membrana cingente vix conspicua. Globulum circumdat, iri-
terjacente spatio pellucido arcto, peripheria quaedam, stratu tenui granulorum minimorum

obtecta Mira est ovorum nostrorum parvitas. Quae sub microscopic metitus sum,

V 15 Lineae partem tantum diametro explebant. etc." Die hierzu Fig. Ill* bei SOmaliger
Vergrofserung gegeberie Abbildung eines solchen Eichens la'sst kaum daran zweifeln, dass
der Dotter in mehrere Theile zerlegt war. Er giebt ferner in seiner Entwicklungsgeschichte
II. p. 183 an, dass der Discus proligerus des Eichens sich wahrend dessen Durchgangs
durch den Eileiter auflockere und verschwinde, und das Ei sich dabei etwas vergro-
fsere.

Ich habe bei 19 Hiindinnen iiber 100 Eier in den Eileitern auf jedem Stadium ihres
Aufenthaltes daselbst untersucht. Die Eier des Hundes sind daselbst verhaltnissmafsig
leicht aufzufmden. wie auch schon v. Baer bemerkt hat. Da sie namlich einen sehr dich-
ten Dotter besilzen, und iiberdem bis an das Ende des Eileiters immer noch wenigstens
von Ueberresten des Discus proligerus umgeben sind, so erscheinen sie als kleine auch
dem unbewaffneten Auge erkennbare weifse Piinktchen, die man, wenn man sie einmal
kennt, leicht zwischen den Fallen der Schleimhaut des Eileiters auffmden kann. Indessen
1st immer grofse Sorglalt und Aufmerksamkeit erforderlich. Ich praparire den Eileiter
vorsichtig mit Scheere und Messer aus seinem Bauchfelliiberzuge heraus, so dass alle Win-
dungen ausgeglichen sind. Dann befestige ich ihn mit Nadeln auf einer rothen oder
schwarzen Wachstafel; schneide ihn hierauf mit einer feinen Scheere vorsichtig auf, und
durchsuche nun bei giinstiger Beleuchtung alle Fallen des Eileiters, wobei es mir bis jetzl
noch immer gegliickt isl, alle zu erwartenden Eier aufzufmden. Ich hole sodann die Eier
vorsichtig mit einer Staarnadel aus dem Eileiter heraus und bringe sie zu einer schnellen
ersten Betrachtung nur mit etwas Schleim des Eileiters auf ein Glasplattchen und unter das
Mikroskop Dann ist aber ein Zusatz erforderlich, zu welchem ich Serum, Humor aqueus,
Eiweifs mit Wasser und elwas Kochsalz versetzt, am besten fand. Wasser verandert das
Ansehen und die Beschaffenheit der Eier schnell und sehr, so dass man schon deswe-
gen nicht unter Wasser arbeiten darf, was aber auch aufserdem nicht zweckmafsig sein
vviirde.

Ich will nun in dem Folgenden zuerst diejonigen Beobachtungen und dasjenige von
ihnen vorzugsweise mittheilen, durch welches besonders zu beachtende Punkte und Verhalt-
nisse erlautert werden.



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I. Am 3ten Januar 1840 untersuchte ich eine Hiindin, welche seit 24 Stunden zum
ersten Male belegt war. Es fanderi sich auf der einen Seite zwei, auf der andern drei
Graaf'sche Blaschen geoffnet. Vier der ausgetretenen Eier waren bereits in den Eileiter
eingetreten und in demselben schon iiber 1 Zoll weit fortgeriickt, das fiinfte fand ich
durch einen gliicklichen Zufall auf dem Eierstocke zwischen den Fimbrien des Eileiters.
In der in der Tasche des Peritoneums um den Eierstock befindlichen Fliissigkeit konnte
ich nur einen einzigen sich nicht mehr bewegenden Spermatozoiden auffmden, welchen ich
Hrn. Tiedemann zeigte. An den Follikeln, aus welchen die Eier ausgetreten waren, war
die kleine Oeffnung ganz deutlich zu erkennen; auch enthielten dieselben noch eine klare
fadenziehende Fliissigkeit, obgleich die den gelben Korper bildenden Granulationen in dem
Hintergrunde schon stark entwickelt waren. Das noch auf dem Eierstocke befindliche Ei
hatte durchaus das Ansehen eines ganz reifen, noch in dem Eierstocke eingeschlossenen
Eies (wie Fig. 4.) und namentlich waren die Zellen des Discus auch an ihm in kleine Cy-
linderchen ausgezogen, die mit ihren Spitzen auf der Zona aufsafsen. Auch die vier in
den Eileitern befindlichen Eier glichen noch vollkommen den Eierstockeiern , waren na-
mentlich noch von dem Discus umgeben, nur war merkwiirdiger Weise jene Veranderung
der Zellen in Cylinderchen bei alien vieren wieder verloren gegangen, und die Zellen hatten
wieder ihr rundes Ansehen, nur dass sie unregelmafsiger begrenzt zu sein schienen
(Fig. 7.). Der Dotter war in alien Eiern sehr dicht und dunkel, nicht bei alien ganz rund,


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