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Th. Ludw. Wilh. (Theodor Ludwig Wilhelm) Bischoff.

Entwicklungsgeschichte des hunde-eies online

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sere Weise combiniren kann. Es scheint, dass hier, ehe die Kugeln sich mit Zellmembra-
nen umgeben, die ganze Kugel eine Art Expansion, ein Aufquellen erfahrt, vermoge des-
sen die Dotterkornchen mehr von einander entfernt werden und der helle Kern zum Vor-
scheine kommt. Die bei dem Hunde weit charakteristischeren Dotterkornchen, als bei dem
Kaninchen, machen es hier moglich, die Veranderungen und Schicksale, welche das ur-
spriingliche Material des Eies bei seiner Entwicklung erfahrt, genauer und sicherer zu ver-
folgen, als bei dem Kaninchen. Ich kann hier bestimmt sagen, dass wahrend die Dotter-
kornchen friiher, so lange sie die Kugeln bildeten, sicherlich von keiner Zellmembran umschlos-
sen sind, sie spa'ter, wenn sie mehr von einander entfernt, jene Piinge oder Kreise bilden,
ebenso sicher von einer solchen Zellmembran umhiillt sind. Ich konnte letztere bestimmt
erkennen und sah die Moleciilarbewegung, welche die Kornchen innerhalb der Zelle vor-
nahmen. Es ist daher auch gewiss, dass der helle Kern, oder das Blaschen, welche man
in den friiheren Dotterkugeln bemerkt, spa'ter der Kern dieser Zellen ist, und deshalb
musste ich mich schon oben gegen die Ansicht des Hrn. Dr. Kolliker erklaren, welcher
gefunden, dass diese hellen Centralgebilde der Dotterkugeln bei mehreren Thieren, nament-
lich Eingeweidewtirmern, kernhaltige Zellen sind, welche er als eigentliche Embryonalzellen
bezeichnet, in die sich der ganze Dotter nach und nach umwandelt. Bei dem Hunde
werden die Centralgebilde der Dotterkugeln der letzten Dotlertheilung nach Allem, was ich
dariiber beobachten konnte, unmittelbar die Kerne der ersten eigentlichen Zellen, welche
die Keimblase bilden.

In den Dotterkugeln sind aber jene Centralgebilde unzweifelhaft Blaschen und wir
habeu daher allerdings den Fall, dass Blaschen die Rolle von Zellenkernen spielen. Indes-
sen habe ich schon oben bemerkt, dass ich deswegen doch nicht der Ansicht beitreten
kann, dass alle Kerne Blaschen sind. Denn so wie hier die Beobachtung die Blaschennatur
darthut, so widerspricht sie in anderen Fallen, wie z. B. bei dem Kerne des Keimblaschens.

Wahrend des raschen Wachsens des ganzen Eies und der Keimblase findet sicher
auch eine Bildung neuer Zellen Statt und in gleichem Grade nimmt die Zahl der Dotter-
kornchen in den bereits vorhandenen Zellen ab, bis dass dieselben alle, mit Ausnahme derer
in dem Fruchthofe, verschvvunden sind. Ich ziehe daraus den Schluss, dass sie eben zu

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der neuen Zellenbildung verwendet werden und dass vielleicht jedes Dotterkornchen der
Kern einer neuen Zelle wird, obgleich ich mit Ausnahme des angefuhrten Parallelismus
zwischen der Vermehrung der Zellen und der Vermiriderung der Dotterkornchen, keine
direclen Beobachtungen zur Stiitze dieses Sctilusses habe. Es scheint, dass sodann die ge-
bildelen Zellen sehr bald mit einander verschrnelzen, so dass Augenblicke vorkommen kon-
nen, wo man sehr wenige eigentliche Zellen sieht und nur noch deren Kerne iibrig sind.
Wenigstens erklare ich es mir bis jetzt so, dass wahrend ich zuweilen ganz entschieden
den Zellenbau an der Keimblase, auch freie prim a re Zellen erkennen konnte, ich in ande-
ren Fallen nur noch die Kerne und Spuren der Zellen beobachtete. Es konnte indessen
auch sein, dass hier ein Fall eintritt, dessen auch Henle in seiner Allgem. Anat. S. 188
u. 198 gedacht hat, dass namlich die ganze Cytoblaslemschichte eine einfache Haut bildet,
in welcher die Kerne liegen, ohne dass es je zur Ausbildung isolirter Zellen koramf; sie
verschmelzen gewissermafsen friiher, als sie gebildet sind.

Was die so auffallende und schone regelma'fsige Stellung der Dolterkornchen in den
ersten sich bildenderi Zellen in concentrischen Kreisen urn den hellen Kern herum betrifft,
die dem Hundeeie auf diesen Stadien ein so eigenthiimliches, wahrhaft brillantes, auch von
v. Baer bemerktes Ansehen giebt, so vermuthet Henle in seiner Allgemeine Anatomic
S! 161, dass dieselbe dadurch herbeigefiihrt werde, dass die Dotterkornchen im Inneren
nach und nach verschwanden, wahrend die an der Peripherie iibrig blieben. DerAnschein
von Ringen miisse unter dem Mikroskope entstehen, wenn Kornchen gleichmafsig iiber
eine Kugelflache ausgebreitet sind, weil jedes Mai nur eine durch die Kugel gelegte Ebenc
sich im Focus befmde. Dieses hatte nun allerdings sehr gut der Fall sein konnen; allein
wiederholte sehr genaue Beachtung dieses Punktes hat mich iiberzeugt, dass es sich den-
noch nicht so verhalt. Veranderung in der Stellung des Mikroskopes wiirde die von Henle
vermuthete Anordnung der Dotterkornchen sogleich haben erkennen lassen. Allein es
zeigte sich dabei gerade ganz bestimmt, dass besonders, wenn die Zahl der Kornchen in
jeder Zelle schon abgenommen, dieselben genau nur in einer Ebene liegen. Ich glaube
dieses nur mit einer schon vorhandenen Abplattung der Zelle in Verbindung bringen zu
konnen.

Die Zellenproduction in der wachsenden Keimblase ist ein Punkt meiner ganz beson-
dern Aufmerksamkeit gewesen. Es wird schwerlich einen Ort geben, wo man diesen wich-
tigsten organischen Vorgang so einfach und iibersichtlich beobachten zu konnen erwarten
diirfte. Dennoch bin ich hierin nicht gliicklich gewesen. Ich habe Zellen auf alien Sta-
dien ihrer Bildung gesehen. Noch ganz kleine, die eben den Kern umgaben, und in alien
GrbTsen; mit ganz wasserhellen und mit moleciilarem Inhalt, endlich sehr selten Zellen
mit zwei Kernen, nie eine Zelle in einer andern eingeschlossen. Entweder ist daher diese
Art der Zellenbildung und Vermehrung sehr selten, oder es miisste mich ein besonderes
Missgeschick verfolgt haben. Zur Entscheidung solcher Fragen gehort allerdings eine sehr
grofse Vervielfaltigung der Beobachtungen. Mogen meine A'Warbeiten Anderen solche Er-
leichterung gew'ahren, dass sie auf diesen Punkt ihre Aufmerksamkeit noch mehr concen-



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triren konnen. Die Frage nach der Zellenbildung ist sicher eine der wichtigsten; es raochte
keinen Ort geben , wo man sie vor Tauschungen gesicherter beantworten kann, als gerade
bei dem Saugethiereie.

Was den Fruchthof betrifft, so glaube ich, dass er seinen Ursprung aus einigen von
der Theilung des Dotters iibrig bleibenden Kugeln nimrnt, welche sich nach und nach in
Zellen umwandeln, vermehren, und dass er durch vorzugsweise hier erfolgenden Massenan-
satz, der anfangs in Elementarkbrnchen oder Moleciilen auftritt, wachst und sich ausdehnt.
Allein auch hier will ich die mir gebliebenen Zweifel nicht verdecken. Es wird gewiss
bei Jedem die Frage entstehen, ob die Anlage zu diesem Fruchthofe, dem wesentlichsten
Theile des Eies, nicht schon von Anfang an ira Dotter vorhanden sein mb'ge. Ich habe
dariiber nichts beobachten konnen; nur macht es mich unsicher, dass ich unier den oben
mitgetheilten Beobachtungen zwei Mai zwischen den Dotterkugeln ein Haufchen kleiner
blasser Zellen sah, deren Ursprung und Bedeutung ich nicht kenne. Nur wer die Schwie-
rigkeiten dieser Beobachtungen kennt, wird es begreiflich finden, wie ich nach Untersuchung
von mehr als hundert Eiern, doch noch iiber einen solchen Punkt zweifelhaft sein kann.
Auch fur ihn wiinsche ich mir gliicklichere, aber auch vorsichtige Nachfolger.

Fur eins der wesentlichsten Resultate meiner Beobachtungen halte ich die Nachwei-
sung der beiden Blatter der Keimblase. Die Entwicklung des inneren oder vegetativen
Blattes erfolgt spater, als die des animalen, welches das urimittelbare Product der Meta-
morphose des Dotters ist. Das vegetative ist eine vom Fruchthofe peripherisch sich weiter
ausbreitende Zellenbildung und Ablagerung an der Innenflache des animalen Blattes. Ich
hebe es nochmals hervor, dass ihre Annahme nicht Folge einer Theorie oder Hypothese,
sondern Thatsache der Beobachtung ist, welche auch Anderen zu demonstriren ich mich
anheischig mache. Daher fiihle ich mich auch ganz unberiihrt von einem theoretischen Con-
flicte, in welchen mich neuerdings Hr. Dr. Pieichert hineinzuziehen sich bemiiht hat, indem
er eine von ihm aufgestellte und zwar sogar ideale Entwicklungstheorie der von mir be-
folgten und von Hrn. v. Baer entlehnten gegeniiberstellt. Soweit Hrn. Dr. Reichert's
Theorie auf Beobachtungen basirt, welche er beim Frosche, aber auch bei dem Vogel
angestellt haben will (Das Entwicklungsleben im Wirbelthierreiche. Berlin 1844.) und ebenso
fur die Saugethiere anzunehmen scheint, und so weit mir dieselbe so verstandlich gewor-
den, dass ich sie fur Andere verstandlich wiedergeben kann, beruht sie wesentlich auf fol-
genden Angaben:

Das Erste, was sich nach Hrn. Dr. Reichert als Entwicklungsproduct des Eies bildet,
ist bei den eierlegenden Thieren eine den Dotter bald ganz umhiillende, oberflachliche
Schichte von polyedrisch sich an einander anlegenden Zellen, die durchaus in kein Gebilde
des zukiinftigen Embryo wesentlich mil eingeht, sondern denselben nur zum Schutze und
zur Stiitze dient, die er die Umhiillungshaut genannt hat. An diese lagern sich, sodann
von innen her die den Embryo kiinftig darstellenden Gebilde schichtweise an, welchen er
verschiedene Bezeichnungen gegeben hat, auf die es hier nicht nb'thig ist, einzugehen. Wie
aus dem Berichte der Kb'niglichen Akademie der Wissenschaften zu Berlin vom Monate

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.lull 1842, S. 220, und aus der neuesten Schrift des Hrn. Dr. Reichert hervorgeht,
scheint er fur die Saugethiere einen gleichen Yorgang zu postuliren. Die Schichte von
Zellen, welche sich aus den Dotterkugeln bildet, und die ich Keimhaut genannt habe, nennt
er auch hier die Umhiillungshaut. Der Fruchthof oder Embryonalfleck entsteht als ein
Haufen von Zellen unter der Umhiillungshaut und breitet sich allmalig unter Bildung
neuer Zellen an der ganzen inneren Flache dieser Umhiillungshaut aus. In dieser Schichte,
nicht in der Umhiillungshaut, entstehen die ersten Anlagen des Embryo innerhalb des
Fruchthofes.

Ich kann iiber diese Angaben, was das Frosch- und Vogelei betrifft, keine Entschei-
dung geben, da ich ersteres auf's Neue zu untersuchen noch keine Zeit und Gelegenheit
linden konnte, bei dem Vogeleie aber mir es unmoglich wurde und unmoglich scheint,
durch directe Beobachtung iiber das angegebene Verhaltniss Auskunft zu erhalten. Dafiir
ist aber gerade das kleine durchsichtige Saugethierei ganz besonders geeignet, sich durch
directe Beobachtungen von den obwaltenden Verhaltnissen zu unterrichten. Es miisste und
wiirde hier leicht sein, sich davon zu iiberzeugen, ob der Fruchthof eine unter der von
mir Keimblase genannten Zellenlage auftretende Bildung ist, also von derselben bedeckt
wird, oder ob derselbe in der Ebene derselben liegend, nur der Centraltheil derselben ist.
Nun aber kann man sich leicht iiberzeugen, dass der Fruchthof weder jetzt noch spater
von einer solchen Lage polyedrischer Zellen bedeckt ist, sondern dass dieselben unmittelbar
in seine Peripherie iibergehen, und die Elemenie des Fruchthofes (Zellen, Zellenkerne und
Elementarkornchen) nach Entfernung der Zona oder aufseren Eihaut ganz unbedeckt zu
Tage liegen. Ein einigermafsen im Gebrauche des Mikroskopes geiibter Beobachter, wird
sich leicht durch verschiedene Stellung des Mikroskopes von der Richtigkeit dieser Angabe
iiberzeugen kb'nnen. Wegeu dieses Punktes habe ich in einer der obigen Beobachtungen
auch vorziiglich auf jene Erscheinung aufmerksam gemacht, wo sich wegen der Einwirkung
einer heterogenen Fliissigkeit auf das verschieden dichte Material des Fruchthofes und der
sich in seiner Peripherie ansetzenden Keimblase der Fruchthof in seinem animalen Blatte
abloste. Ein solches Ereigniss ware bei einer Einrichtung nach Reichert's Angabe gar
nicht oder erst nach Zerstorung seiner Umhiillungshaut moglich gewesen.

Da sich nun auf diesen Ausgangspunkt die ganze Theorie des Hrn. Dr. Reichert
stiitzt und ich denselben zum wenigsten bei den Saugethieren als durchaus irrig erkannt
habe, so ist es auch tinnothig, weiter irgend auf diese Theorie einzugehen, wie zwingen-
sollende Raisonnements dafiir Hr. Dr. Reichert auch anfiihren mag. Ich kenne kein
anderes Kriterium fiir irgend eine Theorie, als das der aufnierksamen, niichternen und den-
kenden Beobachtung, und wo diese widerspricht, ist fiir rnich auch der Theorie das Ur-
theil gesprochen. - Noch will ich indessen bemerken, dass mir bei Thieren, deren Embryo
kein Amnion besitzt, wie eben Frosch e und Fische, eine Einrichlung, wie Dr. Reichert
sie schildert, aus allgemeinen Griinden noch wahrscheinlicher ist. Das animale Blatt der
Keimhaut der Saugethiere wird, indem es das Amnion bildet, zu einer solchen Umhiillungs-
haut, wie wir spa'ler noch sehen werden.



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Dass Hr. v. Baer auch an der Keimblase der Saugethiereier zwei Blatter anniramt,
habe ich bereits oben erwahnt, zugleich aber auch, dass man leider vermisst, ob diese
Annahme ein Schluss der Analogic oder Resultat der Beobachtung 1st. Es bleibt mir
daher nur iibrig, auch noch zu erwahnen, dass auch Hr. Coste, zwar nicht in seiner
Ovologie du chien, aber in seiner allgemeinen Exposition der Entwicklung des Saugethier-
eies, Embryogenie cornparee. p. 113. und in seiner Ovologie du lapin. p. 460. an der vesi-
cule blastodermique zwei und drei Lagen unterscheidet, auch auf diese Unterscheidung
1. c. p. 119. eine Theorie de Penveloppe exterieure et de la formation du canal intestinal,
griindet. In der That werden wir sehen, dass zu den zwei bis jetzt von mir unterschie-
denen Blattern der Keimblase, spater noch ein drittes, das Gefafsblatt, hinzukommt. Auch
will ich nicht in Abrede stellen, dass Hr. Coste vorziiglich, wie er selbst sagt, spater zwei
Blatter an der Nabelblase unterschieden hat. Allein ich muss bemerklich machen, dass die
von mir unterschiedenen und nachgewiesenen Blatter sich ganz anders verhalten, als Herr
Coste es von den seinigen angiebt, wie sich spater noch genauer herausstellen wird. Ich
griinde auf ihre Unterscheidung keine Theorie, sondern werde nur die Thatsachen der
Beobachtung iiber ihr Verhalten angeben.

Das Ei des Hundes erha'lt nach meinen vorstehenden Beobachtungen weder im Eileiter,
noch im Uterus Eiweifs umgebildet. Diese ganz zuverlassige Thatsache unterscheidet das
Ei dieses Thieres sehr bemerkenswerth von dem Eie des Kaninchens, welches, wie ich ge-
zeigt habe, eine sehr bedeutende Schichte Eiweifs im Eileiter erhalt und auch noch im
Anfange des Uterus besitzt. Dasselbe verschwindet alsdann indessen auch bei dem Kanin-
chen bald, indem es sich mil der Zona vereinigt und mit ihr die aufsere Eihaut darstellt,
welche bei dem Hundeeie diese Zona allein bildet. Es ist daher auf diese Bildung von
Eiweifs kein grofses Gewicht zu legen; und hat dasselbe gar keinen wesentlichen Einfluss
auf die Gestaltung des EJes und seiner Hiillen. Um so unbedeutender ist es daher, dass
Hr. Dr. Reichert in seiner letzten Schrift mir einen grofsen Vorwurf daraus gemacht
hat, dass ich gesagt habe, das Eiweifs verbinde sich mit der Zona zur Bildung der ein-
faclien aufseren Eihaut, anstatt dass ich hatte sagen sollen, es diene als Nahrungssubstanz.
Ich denke, Jeder wird die Aufnahme und Verbindung einer Substanz mit einem Organe
oder Orgauismus fur gleichbedeutend mit einer Ernahrung durch dieselbe halten. Indes-
sen hat mir Hr. Dr. Reichert auch noch den Ausdruck verwachsen untergeschoben-
welcher indessen ganz auf seine Koslen fallt, da ich mich desselben nirgends bedient habe.
Von der Schleimhaut des Uterus wird in dieser Periode auch kein anderes Gebilde gelie'
fert, welches bestimmt ware, dem Eie einen Ueberzug zu ertheilen, z. B. eine sogenannte
Decidua, woriiber bei dem nachsten Stadium noch etwas Naheres anzugeben sein wird. -

Auf der Zona oder der auferen Eihaut entstehen die Zotten, als ein Ansatz organi-
scher Elemente in eigenthiimlicher Form. v. Baer hat geglaubt, diese Zottenbildung
schon bei Eiern von l / 5 - ] / 2 P. L. im Durchmesser beobachtet zu haben. Obgleich die
Grofse des Eichens kein absoluter Mafsstab fur das Stadium seiner Entwicklung ist, so
muss ich doch bemerken, dass ich nie bei so kleinen Eiern den Anfang von Zottenbildung



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gesehen habe. Die meinigen waren bereits 1V 2 2 P. L. grofs. Der ganze Vorgang die-
ser Zottenbildung aber erscheint als ein eigenthiimlicher, fiir welchen auch ich keine Ana-
logic anzugeben vermag. So lange aber bei der Angabe iiber denselben kein factischer
Irrthum nachgewiesen wird, so lange wird Hr. Reichert deshalb vergeblich dagegen de-
monstriren. Ich theile mil, was ich bei moglichst sorgfaltiger und keineswegs gedankenloser
und unbewusster Beobachtung bemerken konnte. \ 7 V r eichen diese Angaben von sonst bekannten
Vorgangen uud Vorstellungen ab, so erweckt dieses allerdings nicht jenes befriedigende Gefiihl
vo nSicherheit und Einheit, nach welchem man strebt. Allein es charakterisirt in meinen
Augen einen Naturforscher hinlanglich, wenn er sich erlaubt, solche Beobachtungen, statt
durch sorgfaltig angestellte andere Beobachtungen, nur nach ,,allgemein anerkannten anatomisch
physiologischen Principen verwerfen zu wollen, wie Hr. Dr. Pvei chert. Wiirden die
ersten Anfange der Zotten in der Form von Zellen und Zellenkernen erscheineri, so wiirde
Hr. Dr. Reichert wahrscheinlich nichts dagegen haben. Da sie dieses nicht thun, so muss
die Beobachtung falsch sein!!? Zum Gliick oder zum Ungliick sind die allgemein aner-
kannten anatomisch physiologischen Principe" noch so sparsam an Zahl, besonders bei der
Frage nach den Elementar- Vorgangen organischer Bildungen, dass die Mehrzahl besonne-
ner Naturforscher wohl noch nicht geneigt sein wird, mit Hrn. Dr. Reichert apodictische
Veto's einzulegen,wo gegen dieselben scheinbar verstofsen wird.

Was die Zeitverhaltnisse dieses ersten Entwicklungsstadiums der Eier im Uterus be-
trifft, so lasst sich dariiber schon deshalb nichts Bestimmtes erwarten und aussagen, weil
die Eier schon zu verschiedenen Zeiten in den Uterus eintreten. Sodann schreitet auch
hb'chst wahrscheinlich noch in diesem Stadium die Entwicklung bei verschiedenen Indivi-
duen verschieden schnell fort; im Anfange besonders langsam, spater schneller, indem in
der letzten Zeit die Eier in 24 Stunden urn das Dreifache ihres Durchmessers wachsen
konnen. Sowie ich aber oben festsetzen konnte, dass man unter den gewohnlichen Ver-
haltnissen die Eier nicht vor dem achten, neunten Tage nach der ersten Begattung im
Uterus erwarten konne, so glaube ich ebenso sagen zu konnen, dass man nicht leicht vor
dem einundzwanzigsten Tage nach der ersten und dem zwolften bis vierzehnten Tage nach
der letzten Begattung die erste Spur des Embryo fmden wird. Die zuletzt beschriebenen
Stadien, wo das Ei schon an einer leichten Anschwellung des Uterus erkennbar und die
Zona schon mit der Uterinschleimhaut innig vereint ist, habe ich 11, 13, 14 und 15 Tage
nach der letzten Begattung, die man gewohnlich leichter ermitteln kann, als die erste, ge-
funden. Wenn daher die Herren Prevost und Dumas sagen, sie haben die erste Spur
des Embryo am zwolften Tage gesehen, so muss ich annehmen, dass sie gerade von der
allerletzten Begattung an gerechnet haben. Mit der Zeitrechnung des Hrn. v. Baer (Com-
mentar etc. S. 181 und folgende) stimmt dagegen die meinige am meisten iiberein.

Die das Ei in dem Uterus fortbewegenden Krafte sind hochst wahrscheinlich nur die
Contractionen des Uterus, wenigstens habe ich von einem Flimmer- Epithelium der Schleim-
haut desselben und einer Wirkung eines solchen auf die Eier nie etwas bemerken
konnen. Dass durch diese Contractionen des Uterus die Eier von einer Seite dessel-



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ben auf die andere hiniibergefiihrt werden konnen, halte ich fur eine sehr bemerkenswer-
the, aber sicher ausgemachte Thatsache. Denn wenn man gleich vielleicht sagen konnte,
dass die Zahl der gelben Korper in den Eierstocken kein sicheres Urtheil begriindeten,
weil sowohl EJer abortiren, als auch mehrere in einem Graaf'schen Blaschen enthalten
sein konnten , so halte ich es doch fur sehr unwahrscheinlich , dass sich dieses gerade in
der Weise combiniren sollte, dass, was auf der einen Seite abortirt ware, gerade durch
Ueberzahl auf der andern Seite ersetzt worden ware. Vielmehr hangt dieses Ueberwandern
wohl iiberhaupt rait dem unbekannten Gesetze zusammen, welches die Vertheilung der
Eier in dem Uterus auch auf derselben Seite bestimmt, so dass sie Rauni zu ihrer spateren
Entwicklung haben.



Fiinftes Kapitel.



Das Ei des Hundes von der Zeit des Auftretens der ersten Spur des
Embryo bis zur Entwicklung aller wesentlichen Eitheile und Organe.



iLs war eins der wichtigsten Resultate der Untersuchungen der Herren Prevost und
Dumas, dass sie zuerst darthaten, dass die ersten Rudimente des Embryo der Saugethiere
in durchaus ahnlicher Weise wie die des Vogelembryo erscheinen, wie unvollkommen auch
ihre Angaben und Abbildungen dieser ersten Spuren sein mogen. Ihre Beschreibung der
Eier des Hundes von diesem Stadium ist folgende, p. 128: L'Embryon se reconnait done
aisement sur les ovules de douze jours; mais sa forme et ses dimensions variant Ceux qui
nous paraitroient les moins avances ne sont plus ovales, et possedent au contraire exactement
la forme d'une poire qu'on supposerait tres reguliere. A la premiere inspection on peut y
reconnaitre trois parties. La tete de la poire est cotonneuse, marquee de petites taches
plus opaques que la membrane, parfaitement arrondie, et limitee par un bord frange cir-
culaire et deprime legerement. La queue est lisse, sillonee de quelques plis tres faibles et
profondement sinueuse au point ou elle se reunit avec le corps de la poire. Celui-ci forme
une espece de bande ou de zone circulaire plissee longitudinalement avec une sorte de
regularite. Mais elle est surtout remarquable a cause d'une depression subcordiforme , qui
s'observe a la partie superieure. C'est le siege du developpement de 1'Embryon et celui
peut deja s'y reconnaitre. On voit en effet une ligne plus noire ou plus epaisse partir
du centre de 1'ecusson et aboutir a sa pointe. En suivant les progres du developpement,
nous verrons, que celle ligne est la moelle epiniere ou son rudiment; c'est done par elle
que commence 1'evolution du nouvel animal!

Si Ton examine des oeufs plus avances . . . . , 1'ovule est devenu lisse dans toute sa
surface, sauf Tendroit ou se trouve le foetus. La ligne primitive est plus longue; elle s'est
entournee d'un bourrelet saillant parallel a sa direction, et Ton observe dans la partie
elargie de 1'ecusson une espece d'arc de cercle releve en bosse. L'ecusson lui-meme n'est
plus subcordiforme; il est devenu ovale-lanceole.



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Plustard, Fecusson a pres 1'apparence d'une lyre, le croissant s'est prolonge, et dessine
a 1'interieure de celle-ci une ligne qui lui est entierement parallele, et le bourrelet qui
environne le rudiment nerveux commence a perdre sur ses bords sa direction droite.

Sie suchen sodann noch durch Beobachtungen bei dem Kaninchen zu beweisen, dass
diese ligne primitive est bien reellement le rudiment de la moelle epiniere. Aufserdem
wollen sie die Eier selbst noch zu dieser Zeit completement libres in dem Uterus gefunden
haben, wahrend sie die Yeranderungen des letzteren selbst an der Stelle, wo die Eier sich
behnden, ganz richtig beschreiben.

Hr. v. Baer war in seinen in der Epistola und dem Commentare dazu niedergelegten
Untersuchungen nicht so gliicklich, die Eier des Hundes auf dem Stadium der ersten Er-
scheinung des Embryo zu beobachten. Er konnte an Eiern vom zwanzigsten Tage nach
der ersten und siebenzehnten nach der letzten Paarung, nur eins so weit herausbringen,
dass er jenen Primitivstreifen eben erkannte. Der dann zunachst von ihm meisterhaft un-
tersuchte und beschriebene Embryo war schon ansehnlich weiter, und ich werde seiner
spater Erwahnung thun. Denrioch sprach er schon damals seine Ueberzeugung aus, dass
sich der Embryo der Saugethiere genau ebenso entwickle, wie der der Vogel. In seiner
Entwicklungsgeschichte, Bd. II. S. 189. schildert er aber nach fortgesetzten Beobachtungen
diese erste Entwicklung, sowie ich dieses schon oben mitgetheilt habe. S. 28. sagt er
dann, dass die weitere Entwicklung des Primitivstreifens ebenfalls gerade ganz wie beim
Vogel fortschreite. Ich werde daher das, was er hieriiber S. 69. desselben Bandes sagt,
hier kurz arifiihreri. Hier giebt er an, dass sich zuerst in der sogenannten Keimhaut eine
hellere Mittc (Area pellucida) von einer dunkeleren Peripherie (Area opaca) scheide. Der
durchsichtige Theil scheidet sich aber nochmals in eine Mitte und eine Peripherie. Die
Mitte erhebt sich in Form eines langlichen Schildes und dieses ist der zukiinftige Em-
bryo. Er ist, wenn auch schildfdrmig, doch, gleich anfangs langlich, und seine Langenaxe
macht einen rechten Winkel mit der Langenaxe des Eies. Das Erste, was in ihm erkenn-
bar wird, ist ein in der Axe des Schildes sich erhebender Wulst, der Primitivstreifen (Nota


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